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23.06.2011

Alter muss nicht nur Defizit bedeuten

Im guten Fall kann es auch eine Befreiung bedeuten, von Zwängen und Vorgaben, die zu erfüllen waren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

zwei Tage, nachdem die Juniausgabe in Druck gegangen war, musste Shetlandpony Pinggi, das in unserem Ranking der ältesten Pferde Österreichs mit 44 Jahren unangefochten die Spitzenposition eingenommen hatte, wegen einer schweren Kolik eingeschläfert werden. Bis zum letzten Tag seines langen Lebens war er munter und vergnügt, er nahm noch Abschied von all seinen Lieblingsplätzen im Reitstall Gnadenwald, bevor er im Kreis seiner Menschen einschlafen durfte.

Mit 39 Jahren erst hatte Theres Rantner-Payer den Senior, der sie in ihrer Kindheit und Jugend begleitet hatte, aus ihrer Schweizer Heimat zu sich nach Tirol geholt. Durchaus mit gemischten Gefühlen: Wo sollte man das alte Pony und seine auch nicht gerade jugendliche Freundin unterbringen, wie würde es sich in den Alltag eines professionellen Reitbetriebs eingliedern? Wie sich herausstellen sollte, waren ihre Sorgen unbegründet: Pinggi entwickelte sich zum beliebten Mittelpunkt des Stalls und war eine „Bereicherung wie kein anderes Pferd je zuvor“. Dabei tat er nichts anderes, als einfach Pinggi zu sein, eigensinnig, schrullig und überaus liebenswert.

Vielfach werden alte Pferde aus ihren Heimatställen entfernt, auf Gnadenhöfe ausgelagert oder überhaupt auf die „ewigen Weiden“ geschickt, da man sich einen unnützen Fresser, noch dazu einen, der vielleicht auch noch gehäuft den Tierarzt braucht, nicht leisten kann oder will. Klingt grausam, verhält sich aber genau so. Da berührt es umso mehr, wenn jemand, der von Berufs wegen mit vielen Pferden zu tun hatte und hat, erzählt, ein steinaltes Pony als große Bereicherung erlebt zu haben.

Alter muss nicht immer nur Defi zit bedeuten. Wir sind es gewöhnt, das Alter von Menschen und Pferden als Mangel zu betrachten, als „nicht mehr“ und „nie wieder“. Natürlich bedeutet altern, dass man gesundheitliche Einschränkungen hinnehmen muss, dass nicht mehr alles so funktioniert wie einst. Im guten Fall kann es aber auch eine Befreiung bedeuten, von Zwängen und Vorgaben, die zu erfüllen waren. Was wir von Pinggi lernen können: Wer sich mit dem Altern – dem eigenen und dem seiner Nächsten – versöhnt, kann es durchaus als Bereicherung erfahren.

Herzlichst,

Eva Morawetz
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