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02.08.2016

Anlehnung: Fehler vermeiden, Leichtigkeit erreichen

Sie gehört zu den am häufigsten unterschätzten und fehlinterpretierten Anforderungen der Reiterei überhaupt: die Anlehnung. Was eine gute Anlehnung ausmacht, wie sie zu erreichen ist und wie man Fehler vermeidet oder korrigiert erklärt Dr. Britta Schöffmann.

Die korrekte Anlehnung ist ein Grundpfeiler der Pferdeausbildung – mit dem Takt und der Losgelassenheit ist sie die Basis des richtigen Reitens. © www.slawik.com
Die korrekte Anlehnung ist ein Grundpfeiler der Pferdeausbildung – mit dem Takt und der Losgelassenheit ist sie die Basis des richtigen Reitens.
© www.slawik.com
Anlehnen möchte sich sicher jede von uns einmal. Sei es nach langem Stehen an eine massive Wand oder in schweren Zeiten an einer starken Schulter. Einfach mal irgendwo abstützen und ausruhen. Und genau das ist Anlehnung im reiterlichen Sinne nicht! Sie ist in der Ausbildungsskala – nach Takt und Losgelassenheit – die dritte Säule der Grundausbildung eines Pferdes und wird als „weiche, elastische, stete Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ definiert.

Die Anlehnung eines Pferdes soll wie ein zarter Lufthauch sein – gerade soweit ausgeprägt, dass sich damit etwas bewegen lässt (nämlich der Rahmen des Pferdes und sein Ausdruck), auf der anderen Seite aber auch so fein, dass kein Druck entsteht, weder von der Reiterhand aufs Pferdemaul noch vom Pferdekopf auf die Zügel. Die Anlehnung soll im eigentlichen Sprachsinn eher Orientierung oder Ausrichtung sein als Stütze. Die englische Übersetzung trifft es nachvollziehbarer: accepting the bridle, die Trense akzeptieren.

Forderung mit Sinn

Die Forderung nach Anlehnung ist kein Hirngespinst verstaubter Reitlehrer, sondern ist aus biomechanischer und sportphysiologischer Sicht sinnvoll. Denn ohne die Akzeptanz der Trense – egal, welcher Art sie ist – lässt sich das Pferd nicht in einen bestimmten Rahmen bringen. Den aber benötigt es, um möglichst verschleißfrei die zunächst ungewohnte Aufgabe als Tragtier bewältigen zu können.

Der Rücken eines noch ungerittenen jungen Pferdes muss zunächst an das Reitergewicht gewöhnt werden. Am leichtesten fällt es dem Rücken, wenn er – ähnlich einer Brückenkonstruktion – so gut wie möglich stabilisiert wird. Das gelingt durch eine leichte Aufwölbung. Um diese zu erreichen, muss sich die Hinterhand der Vorhand ein wenig nähern, was nur über eine mehr oder weniger ausgeprägte Verkürzung des Rahmens geht. Fehlt hier eine sichere Anlehnung, wird der vordere Teil des Rahmens und damit die ganze Brückenkonstruktion instabil – das gleiche gilt für Probleme im Bereich der Hinterhand: Je schlechter sie nach vorn beziehungsweise je stärker sie nach hinten heraus arbeitet, desto mehr hängt der Pferderücken/ die Brücke durch, das Reitergewicht wird nicht mehr leicht nach oben abgefedert, sondern wirkt schwer Richtung Boden.

Wenn man sich diese Zusammenhänge bildlich vorstellt, wird auch klar, warum vor allem besonders lange Pferde häufiger Anlehnungsschwierigkeiten haben. Überhaupt kann das Gebäude eines Pferdes bereits erste Anhaltspunkte bezüglich zukünftiger Anlehnungsprobleme geben. Eine ungünstige Halsform, eine extrem kurze Maulspalte, ein Senkrücken, eine überbaute Kruppe oder eine von Natur aus nach hinten hinaus gewinkelte Hinterhand sowie ein überschäumendes Temperament – all dies kann sich negativ auf die Anlehnung auswirken beziehungsweise das Erreichen einer sicheren Anlehnung zumindest erschweren.

Dehnungsbereitschaft

Bevor es überhaupt zu einer guten und sicheren Anlehnung kommt, muss sich der Reiter darüber im Klaren sein, dass diese nicht angeboren ist, sondern das Ergebnis korrekten Reitens. Ein junges Pferd kann noch nicht der Forderung nach einer sicheren Anlehnung nachkommen, es zeigt im Allgemeinen etwas, was in der Ausbildung als „Dehnungsbereitschaft“ beschrieben wird. Diese Bereitschaft, sich in der Vorwärtsbewegung vom Widerrist aus bei sich öffnendem Hals-Ganaschen-Winkel nach vorwärts-abwärts zu dehnen, ist letztlich die Vorstufe zur gelungenen Anlehnung. Bis auf ganz wenige Ausnahmen zeigen alle freilaufenden Pferde, spätestens wenn sie sich loslassen und locker ihre Runden drehen, diese Dehnungsbereitschaft, die mentale und muskuläre Entspannung signalisiert.

Gestört wird diese erst, wenn der Reiter zum ersten Mal in den Sattel steigt, da sich das junge Pferd dann zunächst meist verspannt, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Je stabiler der Youngster bereits ist und je geschickter und erfahrener der Reiter, desto eher stellen sich Gleichgewicht und Dehnungsbereitschaft wieder ein. Diese gilt es bis in die höchsten Klassen hinauf zu erhalten und zu fördern, denn sie ist die Basis der korrekten Anlehnung.

Dabei hat Dehnungsbereitschaft, wie oft fälschlich verwechselt, nichts damit zu tun, dass sich das Pferd einfach nach vorn oder nach unten lang macht, mit seinen Hinterbeinen dabei aber „im Nachbarort“ bleibt. Eine korrekte Vorwärts-abwärts-Dehnung entsteht nur aus aktiv nach vorn arbeitenden Hinterbeinen, durch die das Becken des Pferdes leicht gekippt und gleichzeitig der Rücken bei vorwärts-abwärts gedehntem Hals aufgewölbt wird.

Gelingt es dem Reiter im Laufe jahrelanger Arbeit, die natürliche Dehnungsbereitschaft seines Pferdes während der Ausbildung zu erhalten, seinen Rahmen nach und nach bis hin zur Versammlung zu verkürzen und dabei die Anlehnung selbst in den höchsten Schwierigkeitsgraden leicht und fein wirken zu lassen, dann ist ein Kunstwerk gelungen.

Ein solches Kunstwerk in Perfektion ist jedoch die Ausnahme, vor allem dann, wenn nicht nur einzelne klassische Lektionen nach den Vorbildern alter Kupferstiche filigran in den Sand zelebriert werden, sondern bewegungsstarke Athleten im steten Wechsel zwischen schwungvollem Vorwärts und getragener Versammlung agieren sollen.
Bei jungen Pferden ist die Dehnungshaltung der erste Schritt zur richtigen Anlehnung. Doch auch weit ausgebildete Pferde müssen sich jederzeit, ohne die Anlehnung zu verlieren, vorwärts-abwärts dehnen. © www.slawik.com
Bei jungen Pferden ist die Dehnungshaltung der erste Schritt zur richtigen Anlehnung. Doch auch weit ausgebildete Pferde müssen sich jederzeit, ohne die Anlehnung zu verlieren, vorwärts-abwärts dehnen – nach schwierigen und versammelten Lektionen ein gutes Zeichen für eine korrekte Ausbildung.
© www.slawik.com

Der Weg zur Anlehnung

Ein Pferd in eine gleichmäßige Anlehnung zu arbeiten, ist nicht ganz einfach und erfordert bereits eine möglichst korrekte Hilfengebung, also ein gutes Zusammenspiel von Hand, Kreuz und Schenkel. Durch die Kombination von treibenden und durchhaltenden Hilfen soll das Pferd dazu veranlasst werden, im Genick nachzugeben, sich am Gebiss abzustoßen und in eine Beizäumung zu kommen, was dann allgemein als „am Zügel gehen“ bezeichnet wird. Dabei soll die Stirnlinie eine Handbreit vor oder an der Senkrechten sein.

Das „Abstoßen“ meint in diesem Zusammenhang eigentlich nicht anderes, als dass das Pferd auf den leichten Widerstand hin, den es über das Gebiss im Maul spürt, seine Kiefergelenke bewegt und einmal kaut. Auf dieses Kauen muss der Reiter umgehend mit einem weicher Werden der Hände reagieren und so das Pferd zu weiterem Kauen animieren. Die Kombination von Treiben, Durchhalten und Nachgeben läuft letztlich im Hintergrund immer ab, um eine gleichmäßig leichte Anlehnung aufrechtzuerhalten.

Junge Pferde brauchen in der Regel eine gewisse Zeit, bis sie auf diese Hilfenfolge entsprechend reagieren, da sie die einzelnen Hilfen erst noch verstehen und verinnerlichen müssen.

Als Reiter kann man sich das Zusammenspiel der Hilfen wie Zahnräder einer Uhr vorstellen: Anfangs (beim jungen Pferd) sind die Zähne der Zahnräder noch recht groß und das Ineinandergreifen geht eher grobmotorisch vonstatten, später (beim gut ausgebildeten Pferd) greifen kleinste Zacken feinster Zahnräder exakt ineinander, wie bei einem Präzisionschronometer. Ähnlich werden auch die Hilfen nacheinander gegeben, allerdings in so schneller Folge, dass sie wie eine Gesamtheit wirken. Mancher Reiter verwechselt die Hilfen-Kombination allerdings mit „hinten stechen und vorne festhalten“. Die Folge ist ein verspanntes Pferd und eine fehlerhafte Anlehnung.

Freund und Feind der Anlehnung

Apropos Verspannung: sie ist ein großer Feind der Anlehnung, denn Verspannungen erschweren das Erreichen einer guten Anlehnung. Ein Pferd, das aufgeregt den Kopf nach oben reckt, um sich einen Überblick über mögliche Gefahren zu verschaffen, oder eines, das am liebsten die Flucht ergreifen würde, lässt sich eben nicht mit feiner Verbindung dirigieren. Deshalb ist die Losgelassenheit auch der beste und unabdingbare Begleiter der Anlehnung. Gemeinsam mit dem Takt bildet die Losgelassenheit das Grundgerüst für die Ausbildung eines Pferdes. Im Konstrukt der Ausbildungsskala steht der Takt an erster, die Losgelassenheit an zweiter und die Anlehnung an dritter Stelle, wobei diese drei Punkte nicht streng nacheinander folgen, sondern direkt ineinandergreifen.

Ein Pferd, das wie ein „Trinker der Lüfte“ mit durchgedrücktem Unterhals weit über dem Zügel geht kann letztlich keinen sauberen Takt in den Grundgangarten finden. Umgekehrt kann eine fehlerhafte Anlehnung auch ursächlich für das Entstehen von Taktproblemen sein.

Die für manchen Streit sorgende Diskussion, welcher der drei Skala-Punkte eigentlich vornan stehen sollte, ist eigentlich müßig. Es kommt immer auf das Pferd und seine individuellen Stärken und Schwächen an, ob die Reiterin sich mehr um das Erreichen von Losgelassenheit kümmern muss, ob sie zunächst mehr an der Taktsicherung arbeitet oder aber die Anlehnung verbessert, um Taktsicherheit zu ermöglichen.

Anlehnungsfehler

Alles, was nicht der Forderung nach „weicher und steter Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ entspricht, gilt als falsche Anlehnung. Und Fehlermöglichkeiten gibt es jede Menge: über dem Zügel, hinter dem Zügel, gegen die Hand, fest im Genick, lose Anlehnung, wechselnde Anlehnung, stramme Anlehnung, offenes Maul, Zähneknirschen, im Genick verworfen, Zungenfehler – eine schier endlose Liste.

Wie eingangs schon erwähnt, können Gebäudemängel und psychische oder physische Verspannungen solche Probleme verursachen oder zumindest begünstigen. Auch medizinische Befunde können Auslöser für Anlehnungsfehler sein. Einer der häufigsten Gründe für mangelhafte Anlehnung ist jedoch – und damit müssen alle Reiter leben – fehlerhafte reiterliche Einwirkung. Das kann eine harte Reiterhand sein, eine ungeschickte Zügelführung, ein zu eng verschnallter Nasenriemen, Schwierigkeiten beim Zusammenspiel zwischen Hand-Kreuz-Schenkel, falsches Timing, ein schiefer und/oder unausbalancierter Sitz oder einfach mangelndes Gefühl und Know-how.

All dies kann das Vertrauen des Pferdes in die Reiterhand stören und eine sichere Anlehnung im Sinne einer weichen Verbindung verhindern. Mancher Reiter merkt aufkommende Probleme erst gar nicht, ein anderer interpretiert sie als überflüssige Widersetzlichkeit des Pferdes, statt sie als Spiegel der eigen (fehlerhaften) Reiterei zu erkennen und dementsprechend mit der Kritik lieber bei sich als beim Pferd anzusetzen.

Schon geringste Sitzfehler wie unruhige Hände (vielleicht resultierend aus einer zu geraden, steifen Armhaltung) stören die Anlehnung. Wie soll ein Pferd auch Vertrauen in die Reiterhand bekommen, wenn die wackelnde Hand das Gebiss im empfindlichen Pferdemaul unaufhörlich hin und her rucken lässt? Oder wie soll es sich sanft an die Reiterhand herandehnen, wenn diese die Geschmeidigkeit einer Betonsäule hat?

Auch wenn der Gebrauch von Hilfszügeln immer wieder kontrovers diskutiert wird, sollten unerfahrene und noch unsicher sitzende Reiter lieber vorübergehend einen Hilfszügel (Ausbinder, Dreieckszügel) nutzen, statt ihr Pferd durch eine falsch einwirkende Hand immer wieder zu irritieren und womöglich sein Vertrauen in die Reiterhand nachhaltig zu zerstören.

Erst wenn der Reiter zügelunabhängig auf dem Pferd sitzen und einwirken kann, sollten die Hilfszügel entfernt werden. Am besten wäre es natürlich, wenn der Reiter so lange an der Longe ohne Zügel reiten würde, bis sich der Sitz gefestigt hat – eine Forderung, die in der Realität vermutlich nicht umsetzbar ist, da auch Anfänger möglichst schnell „frei reiten“ möchten und die Reitschulen diesem Wunsch schon aus betriebswirtschaftlicher Sicht Rechnung tragen müssen.

Fehler erfühlen

Um einen Fehler zu erkennen, muss man allerdings zunächst einmal wissen, wie sich richtige Anlehnung anfühlt. Hier liegt für viele Reiter die Krux, denn die wenigsten haben die Möglichkeit, einmal auf einem sehr gut und fein ausgebildeten Pferd reiten zu dürfen. Die Forderungen des Ausbilders nach „die Anlehnung muss leichter sein“ oder „mehr Anlehnung herstellen“ bleiben somit häufig leere Floskeln oder werden oft völlig missverstanden. Leichte Anlehnung hat nichts mit Wegschmeißen der Zügel zu tun, auch wenn mancher Reiter, dessen Pferd vollkommen auseinandergefallen ist oder mit aufgerolltem Hals hinterm Reiterbein bleibt, strahlend ruft: „Er ist jetzt ganz leicht in der Hand!“ Und „mehr Anlehnung“ heißt auch nicht mehr Gewicht in der Hand.

Eine richtige Anlehnung liegt vielmehr dann vor, wenn der Reiter bei locker geschlossener Faust und am Zügel stehendem Pferd einen leichten Druck auf seinen Ringfingern verspürt, der – je nach Hilfengebung und Anforderung – mal stärker, mal schwächer, aber immer latent da ist.

Häufig hört man, dass der Reiter bei korrekter Anlehnung lediglich das Gewicht der Zügel und des Gebisses spüren sollte. Das jedoch ist zugegebenermaßen mehr Wunsch als Wahrheit. So fein und genau kann Anlehnung letztlich nur bei einem ausgezeichneten Reiter auf einem perfekt gerittenen Pferd sein, das ein optimales Gebäude und Interieur hat und auf die Hilfen jederzeit durchlässig reagiert. Soviel Perfektion gibt’s vielleicht in Lehrbüchern, im realen Leben wohl eher nicht. Vielmehr wechselt – auch beim besten Reiter und beim begnadetsten Pferd – der Druck aufs Gebiss und damit auf die Zügel stetig, abhängig von der Lektion beziehungsweise der Anforderung, von der natürlichen Rittigkeit und später natürlich auch von der Durchlässigkeit des Pferdes.

So ist er im Augenblick des Nachgebens nun einmal leichter als im Augenblick des Durchhaltens, in der Rücknahme nach einem starken Galopp einen Moment lang vielleicht sogar ein wenig strammer als gewünscht – und bei einem von Natur aus nicht so rittigen Pferd insgesamt weniger leicht als auf einem, das aus einer für gute Rittigkeitsmerkmale bekannten Linie stammt.

Wichtig ist ganz einfach, dass die Anlehnung nicht zu lose wird, da dann etwas mit der Übertragung des Bewegungsimpulses aus der Hinterhand über den Rücken nicht stimmt. Genauso wichtig ist es aber auch, dass die Anlehnung nicht zu stramm wird. Kiloweise Gewicht in jeder Hand mögen eine schöne Übung im Bodybuilding-Studio sein, beim Reiten haben sie nichts zu suchen.

Anlehnungsprobleme

Anlehnungsschwierigkeiten können auch medizinische Hintergründe haben. Vor allem, wenn sich plötzlich Probleme wie Kopfschlagen oder andere deutliche Widersetzlichkeiten einstellen, sollte genau nachgeforscht werden, ob diese nicht Zeichen einer Schmerzäußerung sind.

Haken auf den Zähnen, eine Verletzung im Maulbereich, ein blockiertes Kiefergelenk, Blockaden in der Halswirbelsäule oder das Headshaking-Syndrom – Befunde wie diese können zu mehr oder weniger drastischen Problemen bei der Anlehnung führen.

Eine weitere Ursache kann möglicherweise ein schlecht passendes Zaumzeug sein. Ist zum Beispiel der Nasenriemen zu eng verschnallt, hindert er das Pferd daran, sein Maul zu bewegen und entspannt zu kauen. Die Feststellung des Kiefers übt auf Dauer einen starken Druck auf die Kiefergelenke aus und kann zu extremen Widersetzlichkeiten führen.

Ist das Gebiss zu breit, entsteht ein schmerzhafter Nussknackereff ekt. Liegt das Gebiss zu tief, kann es an die Hengstzähne schlagen. Bei einem zu kurz verschnallten Zaumzeug entsteht unangenehmer Druck auf das Genick des Pferdes. Und selbst ein zu kurzer Stirnriemen kann stören, weil er das Genickstück zu nah an die Ohren zieht und so Druck auf die Ohrmuscheln verursacht.
Falsch (für das Foto gestellt): Die Reiterin hat keine weiche Verbindung zum Pferdemaul, das Pferd wehrt sich und geht „gegen die Hand“. © Alessandra Sarti
Dressurreiterin Sophie Rantner und ihr Ron Weasly stellen fürs Foto die Folgen einer nicht einfühlsamen Verbindung zum Pferdemaul nach: Das Pferd fühlt sich empfindlich gestört und wehrt sich gegen die unagenehme Einwirkung, indem es den Kopf hochnimmt und "gegen die Hand“ läuft.
© Alessandra Sarti

Anlehnung überprüfen

Ob die Anlehnung in bestimmten Momenten oder auch im Großen und Ganzen in Ordnung ist, lässt sich recht einfach überprüfen, und zwar durch Überstreichen und Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen. Während letzteres in erster Linie Aufschlüsse über die wichtige Dehnungsbereitschaft (Basis der Anlehnung) sowie über die Losgelassenheit gibt und in der Vorwärts-abwärts-Dehnung bei gleichbleibendem Takt und Tempo am langen Zügel endet, gibt das Überstreichen ausschließlich Auskunft über die Anlehnung. Gezeigt wird es entweder nur mit einer (der inneren) Hand oder mit beiden Händen.
Falsch (für das Foto gestellt): Die Reiterin versucht, das Pferd mit der Hand beizuzäumen – dabei wird die Anlehnung zu stramm, und die Kandare strotzt. Das Pferd versucht der schmerzhaften Einwirkung durch Öffnen des Mauls zu entkommen. © Archiv
Falsch (für das Foto gestellt): Die Reiterin versucht, das Pferd mit der Hand beizuzäumen – dabei wird die Anlehnung zu stramm, und die Kandare strotzt. Das Pferd versucht der schmerzhaften Einwirkung durch Öffnen des Mauls zu entkommen.
© Archiv
Beim Überstreichen mit nur einer Hand lässt sich in Wendungen so sehr schön überprüfen, ob die Anlehnung am Außenzügel, die diagonale Hilfengebung sowie die saubere Stellung und Biegung funktionieren. Macht sich das Pferd beim Überstreichen frei, ist die Anlehnung nicht in Ordnung. Verliert es die Stellung, ist das Genick fest und die Biegung nicht korrekt. Beim Überstreichen mit beiden Händen zeigt sich, ob das Pferd tatsächlich in Selbsthaltung geht, oder ob es von der Reiterhand falsch über Muskelkraft zusammengehalten wird. Ist das der Fall, wird es sich im Moment des Überstreichens – endlich befreit von dem unangenehmen Druck auf den Unterkiefer – nach oben hin frei machen, das heißt „sich herausheben“. Hat es dagegen zuvor seinen Kopf auf den Zügeln aufgestützt und sich von der Reiterhand tragen lassen, wird es beim Überstreichen nach unten wegkippen. Ist die Anlehnung jedoch in Ordnung, bleibt das Pferd im zuvor abgefragten Rahmen, da es seinen Kopf über seine obere Halsmuskulatur selbst trägt.

Ganz wichtig: beim Überstreichen darf der Reiter nicht nach vorn fallen, also ihren Armen hinterherkippen, da sie dadurch ihren Sitz – ihre Kreuzeinwirkung – aufgeben würde. Es werden nur die Fäuste und Arme nach vorn geschoben, so dass die Zügelverbindung über drei, vier Tritte bzw. Sprünge aufgegeben wird. Das Überstreichen entlarvt letztlich Anlehnungsfehler und unkorrekte Einwirkung. Nicht umsonst sieht man als Richter auf Turnieren häufig ein nur angedeutetes oder überhaupt nicht erkennbares Überstreichen. Statt hier zu pfuschen, sollte der Reiter das Überstreichen lieber als hilfreiche Selbstkontrolle verstehen und ins tägliche Training aufnehmen.

Übungen zur Anlehnungssicherung

Ein immer korrekt gerittenes und gearbeitetes Pferd wird, wenn es keine gravierenden Gebäudemängel oder Erkrankungen hat, meist in leichter Anlehnung gehen. Doch welches Pferd wird schon immer korrekt geritten? Es können sich im Verlauf der Ausbildung immer mal Probleme einschleichen oder manifestierte Probleme müssen korrigiert werden. Hier gibt es einige spezielle Übungen zur Verbesserung bzw. Sicherung der Anlehnung:

Zu feste Anlehnung
- traben/halten/antraben
- traben/halten/rückwärtsrichten/anreiten bzw. antraben
- einfache Galoppwechsel
- Wendungen (Volten, Achten, Schlangenlinien)
- Schulterherein
- häufiges, kurzes Überstreichen (nur wenige Zentimeter)

Zu lose Anlehnung
- Übergänge Trab/Galopp/Trab
- Tempounterschiede (zulegen/einfangen)
- zulegen im Galopp
- im vermehrten Vorwärts (gern auch im Arbeitsgalopp)
Zü- gel aus der Hand kauen lassen

Die umgehende Reaktion auf die vorwärtstreibenden Hilfen ist immer wichtig, bei Pferden mit zu loser Anlehnung aber ganz besonders. Sobald sich das Pferd im Tempo verhält und „hinter den Schenkel“ gerät, muss umgehend mit einer konsequent vortreibenden Schenkelhilfe gearbeitet werden. Konsequent heißt dabei: lieber einmal am Gurt eine energische Hilfe (ggf. unterstützt durch die Gerte), als dauerndes und abstumpfendes Schenkelgeklopfe ohne Eintreten einer Reaktion, sprich ohne einen Vorwärtsimpuls aus der Hinterhand.

Knackpunkt Übergänge

Wie es um die Anlehnung bestellt ist, zeigt sich auch während des Reitens von Übergängen, ganz gleich ob zwischen den Gangarten oder zwischen den Tempi. Jede Anlehnungsschwäche wirkt sich negativ auf die Übergänge aus, die ja fließend und ohne großen Aufwand präsentiert werden sollen. Ist die Verbindung zum Pferdemaul zu fest oder starr, wird der Übergang abrupt sein oder das Pferd wird sich gegen die Hand wehren. Ist die Verbindung instabil oder lose, kann sich der Bewegungsimpuls nicht von den Hinterbeinen über den Rücken ins Gebiss fortsetzen. Statt den Rücken aufzuwölben und den Widerrist nach oben zu bewegen, bremst das Pferd nur ab, statt durchzuschwingen.
Falsch (für das Foto gestellt): Auf den ersten Blick scheint hier alles in Ordnung, bei näherer Betrachtung ist das Pferd aber zu eng und über dem Gebiss. © Alessandra Sarti
Falsch (für das Foto gestellt): Auf den ersten Blick scheint hier alles in Ordnung, bei näherer Betrachtung ist das Pferd aber zu eng und über dem Gebiss.
© Alessandra Sarti
Da das Gelingen oder Nichtgelingen von Übergängen nicht nur über die Durchlässigkeit viel aussagt, sondern auch über die Anlehnung, werden Übergänge zwischen den Tempi in höheren Prüfungen deshalb auch gesondert bewertet. Und auch bei kleineren Turnieren schauen die Richter hier schon mal ganz besonders genau hin.

Falsche Vorbilder

Die Bilder, die man oft im Spitzensport sieht, erwecken manchmal den Eindruck, die Definition von Anlehnung gelte hier nicht. Man sieht immer häufiger spektakulär strampelnde Pferde, deren Anlehnung beim näheren Hinsehen jedoch zu wünschen lässt. Zwar gehen diese Pferde nicht gegen die Hand oder rollen sich in der Prüfung auf, denn das können die erfahrenen Reiter verhindern und Mängel geschickt kaschieren, aber man sieht Pferde, deren Genick nicht der höchste Punkt ist, die mit waagerecht anstehenden Kandarenbäumem (strotzender Kandare) vorgestellt werden oder gravierende Probleme in den Übergängen zwischen Piaffe und Passage zeigen. All dies sind Hinweise auf eine nicht korrekte Anlehnung, die viel stärker geahndet werden sollten, da sie Vorbildcharakter haben.
So soll"s sein: Das Pferd geht in feiner Anlehnung, ist locker und losgelassen – es lässt seine Reiterin bequem sitzen. © Alessandra Sarti
So soll"s sein: Das Pferd geht in feiner Anlehnung, ist locker und losgelassen – es lässt seine Reiterin bequem sitzen.
© Alessandra Sarti
Natürlich ist es nicht immer einfach, die Leichtigkeit der Anlehnung in jedem Moment eines Grand Prix zu erhalten. Vor allem große, mit gewaltigem Schwung und enormer Dynamik ausgestattete Pferde geraten schon mal schnell in eine zu stramme Anlehnung. Trotzdem darf dies nicht die Regel sein, an die sich Richter, Reiter und Zuschauer gewöhnen. Immerhin wird in den Reitställen das nachgeahmt, was im großen Sport vorgelebt wird. Die Anlehnung ist je nach Pferd und Anforderung vielleicht nicht immer perfekt – sie sollte aber zumindest immer nach Leichtigkeit streben. Um der Pferde willen.

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Dieser Artikel von Dr. Britta Schöffmann wurde erstmals in Ausgabe 1/2013 der Pferderevue veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus über 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!
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