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21.12.2010

Biomechanik des Reiters: Darauf kommt es bei der Sitzschulung an

Wir haben Dr. Josef Kastner, Spezialist für Biomechanik und Bewegungsanalyse, zu den biomechanischen Zusammenhängen beim Reiten und die Bedeutung des Sattels für den Sitz befragt.

Sattel Josef Kastner © Privat
Dr. Josef Kastner weiß: Reiten ist Schwingen – und das geht nur mit einem passendem Sattel.
© Privat

Pferderevue: Herr Dr. Kastner, Sie haben sich im Zuge Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit aber auch darüber hinaus intensiv mit dem Reiten und dem Sitz des Reiters beschäftigt, insbesondere mit sogenannten „Problemfällen“. Welche Bedeutung haben die Anatomie des Reiters, eventuelle Fehlhaltungen und Fehlstellungen in diesem Zusammenhang? Von Reitlehrern wird ja häufig vorgegeben, wie man sitzen soll – manchen ist es aber anatomisch gar nicht möglich, bestimmte Positionen einzunehmen, ohne sich zu verspannen…

Dr. Kastner: Von der Biomechanik her ist die Sache ganz einfach: Reiten ist Schwingen, es handelt sich um dreidimensionale Schwingbewegungen. Zweitens: Man muss mit der Pferdebewegung mitgehen können. Dazu muss man in seiner Bewegung so frei sein, dass dies möglich ist. Wenn ich auf Haltungsvorschriften hin Stellungen einnehmen muss, in denen ich mich z. B. mit meiner Beckenstellung in einer Endposition befinde, kann ich über diese Endstellung nicht mehr hinaus schwingen. D. h. ich muss mich von der Grundeinstellung her, „Sitz“ genannt, in eine Position begeben, wo ich mit dem Becken sowohl nach vorne als auch nach hinten in dem Ausmaß schwingen kann, wie es die Rückenbewegung des Pferdes vorgibt. Das gilt für alle Gelenke, für die Hüfte, für die Lendenwirbelsäule, für das Sprunggelenk, für die Schultern etc. Ein Reiter mit einem starken Hohlkreuz hat einen anderen Grundsitz als jemand ohne starkes Hohlkreuz, jemand mit einem Rundrücken hat eine andere Schulterbeweglichkeit als jemand ohne Rundrücken usw.

PR: Das Ziel ist also nicht, dass sich der Reiter an die Vorstellungen des Standardsitzes anpasst, sondern dass man den Reiter in seinen Möglichkeiten, sich zu bewegen, analysiert…

Dr. Kastner: Beides ist wichtig. Man muss wissen: Wie müsste jemand sitzen, um etwas machen zu können. Das ist die ideale Vorstellung. Dann habe ich einen konkreten Reiter, den ich analysiere, wie er in dem Moment sitzt, welche Möglichkeiten er jetzt hat. Wenn ich dabei erkenne, dass es hier ein Defizit gibt, kann man durch geeignete Übungen versuchen, längerfristig dieses Defizit aufzuheben. Das heißt aber nicht, dass er in dieser Stunde nicht reiten kann. Nehmen wir an, er hat eine eingeschränkte Hüftbeweglichkeit durch eine verkürzte Iliopsoasmuskulatur. (Anm.: Hüftenlendenmuskel, innerer Skelettmuskel der Hüfte; der Musculus iliopsoas ist der stärkste Beuger des Hüftgelenks.) Wenn ich den Reiter in eine Endposition setze, ist die ganze Reitstunde eine Katastrophe. Ich nehme also in Kauf, z. B. durch eine Bügelverkürzung, dass er jetzt vielleicht nicht so ideal sitzt, habe aber viele Möglichkeiten, diese Reitstunde trotzdem positiv zu beenden. Parallel mache ich ein langfristiges Konzept, um diese Verkürzung aufzulösen. Oder: Der Reiter hat einen zu schwachen Bauchmuskel, dann werde ich nicht gerade am Aussitzen arbeiten, wo ich den Bauchmuskel brauche, sondern etwas anderes üben, und versuchen, den Bauchmuskel langfristig durch Übungen zu kräftigen.

PR: Hat heute nicht fast jeder Erwachsene gewisse Haltungsschäden?

Dr. Kastner: Jein, es gibt nicht den gesunden, normalen Körper, da ist dann eben der Blick für das individuelle Maß gefordert: Wo kann ich den Schüler herausfordern, ist der Lernschritt, den man vom Reitschüler verlangt, zu groß oder ist er zu klein? Ist er zu groß, ist das schlecht, ist er zu klein, ebenso. Es muss eine gewisse Herausforderung sein, sie muss aber so angemessen sein, dass er den Lernschritt machen kann, sonst macht er ihn nicht. Das ist die Kunst des Unterrichtens, in Mathematik, in Latein, im Reiten, im Tennis – egal wo.

PR: Ist Reiten unter diesem Aspekt besonders schwierig?

Dr. Kastner: Eigentlich nicht. Es gibt aber einige Besonderheiten, für die man gezielt trainieren muss. Beim Reiten muss z. B. eine Muskulatur, die normalerweise für langsame oder für tonische Kontraktionen geschaffen ist, wie der Bauchmuskel, der mit der Atmung mitgeht, beim Trab 0,6 Mal pro Sekunde kontrahieren, das macht die Schwierigkeit aus. Man braucht hier einen gestärkten Muskel nicht der Kraft wegen, sondern damit er mit diesem Rhythmus mitgehen kann und zum geeigneten, präzisen Zeitpunkt eine kurze, synchrone Tätigkeit vollbringt. Oder: Es gibt in den menschlichen Bewegungsabläufen viele Koordinationsmuster, die geradezu genetisch verankert sind, manche kann ich beim Reiten verwenden, aber nicht alle. Z. B. ein Strecken des Beins bedeutet im Alltag, dass gleichzeitig aus dem Hüftgelenk, aus dem Knie und aus dem Sprunggelenk gestreckt wird. Aber das wollen wir beim Reiten nicht. Wir wollen die Ferse unten haben. Noch ein Beispiel: Das Gehmuster kann ich im Schritt verwenden, aber im Trab nicht. Die Bewegungsmuster, die ich aus dem Alltag übernehmen kann (z. B. Schritt, Galopp), muss ich nicht trainieren, aber der Trab muss methodisch geübt werden. Hier brauchen wir also zusätzliche motorische Kompetenz, die erlernt und geübt werden muss.

PR: Welchen Stellenwert hat das Longieren bei der Sitzschulung?

Dr. Kastner: Die Longearbeit hat größten Stellenwert – in der Verbindung mit folgendem Konzept: Sieh nach, welche Mängel der Reiter hat, behebe langfristig die Mängel durch geeignete Übungen und arbeite in der Stunde stets koordinativ. Ziel ist der unabhängige Sitz. Der Reiter, der unabhängig sitzt, kann im Prinzip nicht beschreiben, was er tut. Er ist präzise in der Bewegung des Pferdes.

PR: Wie wichtig ist der Sattel für den korrekten Sitz des Reiters bzw. der Reiterin?

Dr. Kastner: Wenn ich mit einem Reiter arbeite, dann schaue ich mir als erstes den Sattel an, ob – abgesehen von der Passform – die sogenannte „Statik“ (siehe „Zehn Regeln“ im nachfolgenden Kasten)  überhaupt möglich ist. Zu beobachten ist dabei zunächst einmal, daß viele Sättel zu wenig hoch aufgebaut sind.

PR: Das bedeutet?

Dr. Kastner: Heute geht der Trend dahin, dass man möglichst nah am Pferd sitzen möchte. Wenn Sie z. B. auf einem sehr kalibrigen, runden Pferderücken, der vom Rippenbogen her eher rund und nicht längsoval ist, nah am Pferd sitzen, dann wird der Oberschenkel weggekeilt und nach vorne geschoben. Meist ergibt sich dadurch ein Stuhlsitz. D. h. Sie können dort nicht dieselben Oberschenkellagen haben wie auf einem schmalen Pferd. Bei Dressursätteln steht oft, bedingt durch die Form und Lage der Pausche, der Oberschenkel zu steil – die Beweglichkeit in der Hüfte ist dann in der Streckung stark eingeschränkt.

PR: Wie sollte ein Sattel geformt sein, damit der Reiter optimal mit den Bewegungen des Pferdes mitgehen kann?

Dr. Kastner: Der Sattel muss – abgesehen von der Passform – dem Reiter ermöglichen, in seiner Mittelposition zu sitzen. Man muss den Reiter so hinsetzen, dass seine wichtigsten Gelenke in der Mittelposition sind und von dort bei der Bewegung schwingen können. Sättel, deren Sitzfläche z. B. stark gekrümmt ist, sind eher von Nachteil, da sie das freie Schwingen einengen. Ideal sind Sättel, die vom tiefsten Punkt nicht gleich bogenförmig nach oben gehen, sondern noch ein Stück gerade verlaufen, so dass das Becken nach vorn und hinten schwingen kann.

PR: Was halten Sie von Trockenübungsgeräten für den unabhängigen Sitz?

Dr. Kastner: Für die Förderung der Geschicklichkeit und der Beweglichkeit sind das gute Ansätze, sie dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden. Kontraproduktiv sind auch Übungen am Boden oder mit Geräten, die ein falsches Bewegungsmuster induzieren. Ich denke manchmal, man sollte wieder zu den Wurzeln zurückkommen. Man reitet ja nicht wegen des Balimos oder des Holzpferdes oder des Gymnastikballs, man reitet ja des Pferdes wegen.

PR: Herr Dr. Kastner, wir danken für das Gespräch.

Sattel Josef Kastner 2 © René van Bakel
„Man braucht einen gestärkten Muskel nicht der Kraft wegen.“
© René van Bakel
Buch Josef Kastner_eva © Archiv
© Archiv

Buchtipp:

Im Frühjahr 2015 erschien Kastners neues Buch "Setz dich in Bewegung". Ein Werk für all jene, die ihren Sitz nachhaltig verbessern wollen. Das Buch ist ünter www.kastnermotion.com zu bestellen.

Beschreibung:
Setz dich in Bewegung ist ein Buch für Reiter. Es soll dabei helfen, Sitz und Reittechnik durch Entwicklung der eigenen körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten nachhaltig zu verbessern.

"Sitzen" ist kein statischer, sondern ein dynamischer Vorgang. "Gut sitzen" heißt also "richtig bewegen". Sitztraining ist daher ein Bewegungstraining. Das in diesem Buch vorgestellte Übungsprogramm ist speziell auf die beim Reiten erforderlichen Bewegungsmuster abgestimmt.

Teil I: Ein ausführlicher Theorieteil beinhaltet die wichtigsten biomechanischen und anatomischen Grundlagen, erklärt die Funktionen der einzelnen Körperregionen beim Reiten und die sich daraus ergebenden idealen Bewegungsstrukturen. Es zeigt auf, warum bestimmte Defizite immer wiederkehren und ohne spezielles Bewegungstraining nur sehr mühsam auszubessern sind.

Teil II: Im Praxisteil werden typische Abweichungen ("Sitzfehler") von der Idealbewegung aufgelistet. Er soll Reitern und Trainern helfen, die Ursachen zu erkennen. Zur Beseitigung der Defizite werden jeweils, methodisch von Einfachen zum Komplexen, die entsprechenden förderlichen Übungen vorgeschlagen.

Teil III: Die Übungskarten sind herausnehmbar und enthalten die funktionellen Bewegungsaufgaben sowie in kompakter Form die Beschreibung der Übung, einen Vorschlag für die Dosierung, die durch die Übung geförderte Körperregion und den Zweck der Übung aus der Sicht des Reitens.

Zehn Regeln

… zum passenden Sattel für den Reiter und die Reiterin

Reiter

  • Die Sitzfläche muss für den/die Reiter- In groß genug (zwei bis drei Finger zwischen Kreuz und Hinterkante des Sattels) sein.
  • Die Sitzfläche sollte einer elliptischen Kurve folgen, um dem Becken genügend Platz zum Schwingen einzuräumen.
  • Der Tiefpunkt der Sitzfläche sollte in der Mitte liegen, eineinhalb bis zwei Handbreit hinter dem Steigbügelschloss.
  • Die Oberschenkellage sollte nicht zu steil sein! Daher Achtung bei Dressursätteln mit viel Pauschen, sie schränken u. U. die Beweglichkeit der Hüfte ein, wenn sie den Oberschenkel in die falsche Lage pressen.
  • Bügellänge: Bei locker anliegendem Oberschenkel sollte der/die ReiterIn die Unterschenkel in die richtige Lage bringen, dann die Fußspitzen leicht anheben. Jetzt sollte der Bügel genau darunterpassen.
  • Der tiefste Punkt sollte in der Mitte des Sattels liegen.

Pferd
  • Der Sattel sollte gleichmäßig und möglichst großflächig aufliegen (keine „Brückenbildung“ in der Mitte!) und ohne Gurtung an der richtigen Stelle bleiben.
  • Die Kammer und die Ortweite sollten weit genug sein, um dem Widerrist und der Wirbelsäule ausreichend Freiheit zu lassen und die Schulter nicht einzuengen.
  •  Mit Reiter bzw. Reiterin müssen im Sattel zwischen Widerrist und Vorderkante des Sattels drei Finger passen.
  • Die Gurtlage sollte etwa eine Handbreit hinter dem Ellenbogen liegen.
Gute Ausrüstung ist zwar unabdingbar, allerdings können die ausgefallensten Erfindungen fehlendes reiterliches Können nicht kompensieren.

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Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 11/2007 erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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