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18.04.2012

Buchbesprechung: Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik

Pferderevue-Autorin Martina Gschirtz hat das Buch des deutschen Klassikausbilders Dr. Thomas Ritter gelesen und darin spannende Dinge erfahren. Ein wenig aus dem Inhalt und welche Fragen das Buch offen lässt, erfahren Sie hier.

Der deutsche Dressurausbilder, Dr. Thomas Ritter, beschäftigt sich insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen Haltung, Gleichgewicht und Muskulatur.. © Thomas Ritter
Der deutsche Dressurausbilder, Dr. Thomas Ritter, beschäftigt sich insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen Haltung, Gleichgewicht und Muskulatur sowie dem Einfluss, den die Dressurlektionen auf Muskelgruppen ausüben.
© Thomas Ritter
Von 19. bis 23. April ist Dr. Thomas Ritter, Ausbilder der Klassischen Dressur und Buchautor, wieder zu Gast in Österreich. Sein Buch „Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik“ aber auch seine Persönlichkeit haben unser Interesse geweckt und wir haben ihn zum Gespräch geladen. Das Interview mit Dr. Ritter lesen Sie in der Juniausgabe der Pferderevue, die am 25. Mai erscheint.

In der Zwischenzeit können Sie hier schonmal die Rezension zu seinem Buch lesen.

Der erste Eindruck

Das im Jahr 2010 erschienene Buch von Dr. Thomas Ritter weckte vor allem des Titels wegen – Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik – mein Interesse. Das Schlagwort Biomechanik ist spätestens seit den vielen Büchern von Bewegungslehrmeister Eckhart Meyners oder von Dr. Gerd Heuschmann für fast jede/n ReiterIn kein Fremdwort mehr. Aber mit wessen Biomechanik beschäftigt sich das Buch von Dr. Thomas Ritter? Mit der des Pferdes? Oder mit der der Reiterin/des Reiters?

Gespannt nehme ich das Buch zur Hand, halte aber beim Betrachten des Titelbilds kurz inne: Es zeigt einen rücklagigen Reiter mit Sprunggelenken, die keinerlei Federn mehr erlauben, und das Pferd ist mit einem rückständigen Hinterbein abgebildet. Zu Schlagwörtern wie Biomechanik und Klassik habe ich andere Bilder im Kopf. Aber gut, ich will mich nicht gleich vom Titelbild abschrecken lassen.

Gleich nach dem Kapitel mit philosophischen Vorbemerkungen war ich wieder versöhnt. Darin propagiert Dr. Ritter, dass jegliche Ausbildung dem physischen und psychischen Wohlbefinden des Pferdes nachhaltig dienlich sein muss und setzt sich für ein liebevolles, wenn auch konsequentes, ganzheitliches Konzept ein, das einerseits den Bedürfnissen des Pferdes gerecht wird und es gleichzeitig in die ihm zugedachte Rolle einführt. Daraus resultiert, dass man Lektionen nicht um der Lektion willen reitet, sondern um den Ausdruck, die Beweglichkeit und die Gesamthaltung des Pferdes zu verbessern. Mit der Intention, das „Wie“ vor das „Was“ zu stellen, wird empfohlen, lieber leichtere Lektionen korrekt zu reiten als schwierigere Lektionen, die einen höheren Ausbildungsstand des Pferdes oder der Reiterin/des Reiters erfordern als gegeben ist. Die dargelegten Ausbildungsprinzipien sind verständlich, logisch und anschaulich beschrieben, und bringen wunderschön auf den Punkt, was bei der Arbeit mit dem Pferd zu beachten ist. Ich würde sogar meinen, dass man hier das Wort „Arbeit“weit definieren darf und diese Prinzipien durchaus auch auf den Umgang mit dem Pferd generell erweitern darf.

Logisches Ausbildungskonzept

Im Anschluss geht es chronologisch geordnet durch die Schulen der großen Reitmeister und deren Konzepte. Dieser Vergleich ist ein lesenswerter und verständlicher Abriss der verschiedenen Ausbildungssysteme der alten Meister – ein Vergleich, der ohne jegliche Polemisierung auskommt (im Gegensatz zu den Originalschriften).

Das folgende Kapitel über die Ausbildungsbausteine fand ich sehr interessant und lehrreich. Zunächst konnte ich mit den Termini (siehe Kasten unten) gar nichts anfangen, aber beim Lesen eröffnete sich mir ein durchwegs logisches Konzept, das die Anforderungen an ein Pferd auflistet und dem Ausbildungsstand entsprechend Kriterien und Messwerte dazu definiert, die man hernach überprüft. Enthalten ist zudem eine Auflistung an möglichen Fehlern, deren Ursachen und zum Teil auch Lösungsvorschläge.

Ein weiteres Kapitel ist dem Thema Hilfengebung gewidmet. Das „Orchester der Hilfen“ – um die wunderbaren Worten von Egon von Neindorff zu verwenden – ist sehr verständlich dargestellt und ist zudem eine gelungene technische Abhandlung zum Timing der Hilfengebung, das den TheoretikerInnen unter den ReiterInnen endlich schwarz auf weiß erlaubt, diese nachzulesen. Bei den Ausführungen über einen Teil dieses „Orchesters“ – die Sitzhilfen – wird es auch wieder wirklich interessant. Bei Dr. Thomas Ritter ist das Becken zentraler Einwirkungspunkt, und als kleine Besonderheit teilt er die Schenkelhilfen in Oberschenkel-, Knie- und Unterschenkelhilfen. Die beschriebenen Unterschenkelhilfen entsprechen im Wesentlichen den aus der Reitliteratur bekannten Hilfen zum Vor- und Seitwärtstreiben der Hinterbeine. Bei den Kniehilfen, die der Schulterkontrolle dienen sollen (z. B. im Schulterherein) und als vorwärts-einwärts wirkende treibende Hilfe, wird’s schon komplizierter, und die sogenannten Oberschenkelhilfen verwirren mich schlussendlich vollends. Den Oberschenkel anzuwenden – weil dieser die größte Verbindung zwischen ReiterIn und Pferd ist – leuchtet ein, aber aus dem Geschriebenen werde ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht schlauer. Abschließend in diesem Kapitel lese ich folgende Warnung:

…Bei allen Knie- und Oberschenkelhilfen muss sich der Reiter davor in Acht nehmen, die Gesäßmuskulatur zu verspannen oder in den Hüftgelenken steif zu werden. Dadurch würde er den Pferderücken unterdrücken. Es ist absolut unabdingbar, dass der Reiter in der Lage ist, die verschiedenen Muskeln unabhängig voneinander an- und abzuspannen, da er sonst das Pferd durch unwillkürliche Muskelanspannungen, die die freien Bewegungen des Pferderückens und der Hinterhand unterbinden, stören wird…

Unbeantwortet bleibt aber die Frage nach den „richtigen“ Muskelgruppen. Die Beschreibungen zu den Knie- und Oberschenkelhilfen lassen mehr Fragen offen, als sie beantworten.

Goldene Regeln

Dr. Thomas Ritter fasst sein Ausbildungskonzept in neun gut formulierten Prinzipien zusammen.

Alphabetprinzip
Hilfen in Einzelkomponenten beibringen – ähnlich des Alphabets beim Schreiben

Wurzelprinzip
Die Ursache beseitigen, statt Symptome behandeln.

Wasserprinzip
Das Pferd geht – wie Wasser – den Weg des geringsten Widerstandes.

Akidoprinzip

Die Kraft, die bei Widersetzlichkeiten vom Pferd ausgeht, mittels Hebel zur Beseitigung der Widersetzlichkeit nutzen

Töpferprinzip
Das Pferd mit dem rechten Maß an Druck und der rechten Zusammenwirkung von Hilfen wie einen Klumpen Ton formen.

Medizinprinzip
Lektionen sind wie Medizin, allerdings gilt auch hier: Die Dosis unterscheidet zwischen Gift und nützlicher Arznei.

Pingpongprinzip
Das Pferd zwischen den Hilfen beider Seiten „hin und her schaukeln“, um es auf beide abzustimmen.

Eckenprinzip
Aus der Zwölf-Schritt-Volte ergibt sich die Drei-Schritt-Ecke. Abweichungen davon zeigen ein Gegen-den-Schenkel-Gehen auf.

Das Prinzip des schmalen Hufschlags:
Das Pferd präzise führen und damit gut einrahmen.

Der Bügeltritt

Abschließend – als eine Art Bonuskapitel zur Hilfengebung – folgt eine Abhandlung über den Bügeltritt, der laut Dr. Ritter in der Spanischen Hofreitschule seit den Zeiten von Oberbereiter Max von Weyrother aus mündlichen Überlieferungen bekannt ist und angewandt wird. Beschrieben wird der Bügeltritt als ein Druck auf den Bügel im Grammbereich, ähnlich dem sachten Anbremsen beim Auto. Zeitlich wird die Hilfe so eingesetzt, dass jenes Bein des Pferdes, das angesprochen werden soll, am Boden weilt. Der Bügeltritt soll dazu dienen, das Pferdebein eine Nuance länger am Boden zu halten, um mehr Gewicht auf dieses Bein zu bekommen, eventuelle Steifheiten des Beins in den Boden abfließen zu lassen, um daraus mehr Elastizität und Schwung zu entwickeln. Der Bügeltritt kann im Bedarfsfall durch gleichseitigen, gegenseitigen oder beidseitigen Zügelzug unterstützt werden.

Darüber hab ich wahrlich lange gebrütet, denn das Prinzip des „Bein-am-Boden-Haltens“ ist mir vertraut, gleichzeitig schwirrt mir aber der Begriff „Taktstörung“ durch den Kopf. Zugegeben reden wir von einer Einwirkung im Grammbereich, aber jede Form von „Unwucht“ bei der/beim ReiterIn hat prinzipiell eine Auswirkung auf das Gangbild des Pferdes. Bei einer/einem geübten ReiterIn kann das heißen, dass ein schiefes Pferd gerade vorgestellt werden kann, bei einer/einem ungeübten ReiterIn kann das auch vorzeitigen Verschleiß (Lahmheit) beim Pferd bedeuten. Es stellt sich somit für mich die Frage nach der sinnvollen und richtigen (technischen) Anwendung dieses Bügeltrittes. Zum Glück aber habe ich die Möglichkeit, den Autor persönlich zu treffen und beim Interview auf diese und noch viele andere offene Fragen, Antworten zu erhalten.

Kursdaten Dr. Thomas Ritter

19. bis 23. April: Vortrag (Hollabrunn) und Lehrgänge. Weitere Infos herhalten Sie hier
Klassisches Reiten auf Basis der Biomechanik © Cadmos Verlag
© Cadmos Verlag

Buchtipp

Klassisches Reiten auf Grundlage der Biomechanik
Dr. Thomas Ritter
Cadmos Verlag
224 Seiten; 39,90 Euro
ISBN: 978-3-8404-1004-8
erhältlich bei AV-Buch: bestellen

Dr. Thomas Ritter beschreibt in seinem Buch die theoretischen Hintergründe der klassischen Reiterei, die auf der Biomechanik des Pferdes gründen. Es ist ein „System der Reitkunst“, das die alten Meister genau kannten und für die Ausbildung ihrer Pferde nutzten.





Aus dem Inhalt:
  • Ziele der Dressurausbildung
  • Die spezifischen gymnastischen Bausteine des Systems: Vorwärtsgehen, Parieren, Wenden, Biegen, seitwärts Übertreten, Rückwärtsrichten
  • Auflösung von Blockierungen, die dem freien Energiefluss im Wege stehen
  • Fundamentale Fertigkeiten des Reiters: Sitzen, Fühlen, Denken
  • Das Netzwerk der Hilfengebung
  • Der Bügeltritt als Gewichtshilfe
Über den Autor
Neben seiner erfolgreichen Teilnahme im Turniersport bis zur höchsten Klasse bildete Dr. Thomas Ritter bereits zahlreiche Reiter und Pferde bis zur hohen Schule aus. Er beschäftigt sich insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen Haltung, Gleichgewicht und Muskulatur sowie dem Einfluss, den die Dressurlektionen auf Muskelgruppen ausüben. In der Arbeit an der Hand, am langen Zügel sowie mit der Doppellonge und der Arbeit zwischen den Pilaren verfügt er über jahrelange Erfahrung. Seine Lehrmeister waren unter anderem Dorothee Baumann-Pellny, Thomas Faltejsek sowie Egon von Neindorff.
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