Array ( [2000] => Home [2005] => Nachrichten [1011] => Marktkurzinfos [1026] => Marktanalysen [1016] => Reportagen [1044] => Über Uns [1046] => Das Team [1045] => Mediadaten [2021] => Impressum [2022] => AGB )
13.12.2011

Das Auge des Betrachters

In der Beurteilung des Pferdes für züchterische oder sportliche Zwecke spielt das Exterieur eine wichtige Rolle. Wie trügerisch das Festhalten an vermeintlich objektiven Beurteilungskriterien ist, was diese tatsächlich aussagen und welche Rolle Sehgewohnheiten und Schönheitsideale spielen, verraten Thomas Druml und Gertrud Grilz-Seger.

Münchhausen © Bärbel Schnell
Der Trakehner Hengst Münchhausen, Top-Dressurvererber und Schönheitsideal unserer Zeit: hohe, breite Stirn, große Augen, kurzer Gesichtsteil und schmaler Unterkiefer – Charakteristika des „Kindchenschemas“, das durch die Frisur noch verstärkt wird.
© Bärbel Schnell
Die Auseinandersetzung mit Schönheit und Harmonie ist in unserer Kultur allgegenwärtig, ihre Definition einem ständigen Wandel unterworfen. Attraktivität ist nicht nur in Kunst, Architektur und Mode ein wesentliches Kriterium, sondern sie spielt auch in Pferdezucht und Pferdesport eine zentrale Rolle. Doch selten wird der Frage nachgegangen, wie der Schönheitsbegriff in der Pferdezucht – insbesondere bei der Exterieurbeurteilung – umgesetzt und verstanden wird, und welche Möglichkeiten existieren, um den „Blick des Betrachters“ zu objektivieren.

Ob bei Stutbucheintragungen, Hengstkörungen oder Dressurbewerben – viele der zuchtwirksamen Leistungsmerkmale von Pferden werden mit dem Auge erfasst und simultan einer subjektiven Wertung unterzogen. Diese Vorgehensweise, die subjektive Erfassung und Beschreibung, steht nach wie vor im Widerspruch zum naturwissenschaftlichen, objektivierenden Ansatz der Tierzucht, denn Beurteilungsergebnisse reflektieren in erster Linie den Blick des Betrachters und sind daher naturgemäß nicht objektiv. Und so hat die Problematik der Messbarkeit von Exterieur und Leistungen beim Pferd schon so manchen Tierzuchtwissenschaftler an den Rand der Verzweiflung gebracht. Nach und nach entstanden aus diesem Grund unzählige Schemata, nach denen Pferde möglichst objektiv beurteilt werden sollten. Wie sensibel das Thema der subjektiven Wahrnehmung ist, sieht man am Beispiel der Dressurreiterei, denn hier spielen Sehgewohnheiten – das Auge des Betrachters – eine große Rolle, sie sind der Angelpunkt, an dem Zucht und Sport, Biologie und Technik aufs Komplizierteste verwoben sind. Zusammen mit Werteskalen bilden Sehgewohnheiten ein kaum steuerbares Regelkreissystem, das sich selbstständig weiterentwickelt und modifiziert – unabschätzbar in welche Richtung.

Das Maß der Dinge

Rennzeiten und Abwürfe in Springparcours sind die einzigen direkt messbaren Leistungsmerkmale des Pferdes, und lange bevor die Tierzucht als Wissenschaftszweig der Agrarwissenschaften etabliert war, machten sich viele auf den Weg, um zu ergründen, wie diese Leistungen zustande kamen. Für einige lag die Ursache in der Harmonie des Körperbaus, und sie versuchten, diesem Geheimnis mit Mitteln der bildenden Kunst, beispielsweise dem „Goldenen Schnitt“, auf die Spur zu kommen. Andere hingegen näherten sich dieser Frage mit dem Blick des Mediziners, und sie sezierten, vermaßen und zerlegten jeden einzelnen Teil des Pferdekörpers. Eines der schnellsten Rennpferde der Welt, der sagenumwobene Englische Vollblüter Eclipse, musste noch vor wenigen Jahren für diese Fragestellung zur Verfügung stehen, als Wissenschaftler des Royal Veterinary College im Jahr 2004 jeden einzelnen Knochen dieses Ausnahmetieres vermaßen, um die Ergebnisse mit einer Stichprobe aus der aktuellen Vollblutpopulation zu vergleichen. Das Ergebnis war keine Sensation – und dennoch schwer zu interpretieren: Alle Körperteile von Eclipse entsprachen absolut dem heutigen Populationsmittel. Was das jedoch für die Praxis bedeuten sollte, darüber war sich keiner im Klaren.

Messungen am lebenden Pferd waren um 1900 en vogue, stand ja das beginnende 20. Jahrhundert unter dem Motto der „Vermessung der Welt“. Anatomen, Veterinärmediziner und Agrarwissenschaftler, ausgestattet mit Zirkel, Maßband und Messstab, machten sich auf den Weg in zahlreiche entlegene Gegenden, um verschiedenste Pferderassen zu untersuchen und nach den Ursachen derer Leistungen zu forschen. Sie hinterließen der Nachwelt zahlreiche Schriftwerke und zig Meter Tabellenwerk. Der berühmte Schweizer Professor Ulrich Duerst rühmte sich in seinem Vorwort „…über 5000 Pferde zu vermessen zu haben…“ Bücher wie „Das vollendete Pferd“ wurden zu einer Zeit verfasst, als die Exterieurkunde, das „hippologische Vermessungswesen“, ihren Zenit erreichte – und parallel zur Morphometrie entwickelte sich das sogenannte System der Punktierung: Zunächst eine Art Geheimsprache, avancierte diese Methode der „Beurteilung des Äußeren des Pferdes“ zum wichtigsten Hilfsmittel der militärischen und später der staatlichen Remontierungskommissionen. Stark an den Kriterien der Funktionalität und an orthopädischen Gesichtspunkten angelehnt, wurde die „Exterieurbeurteilung“ zu einem schnell und günstig reproduzierbaren Hilfsmittel in der Tierzucht. In den Nachkriegsjahren – in Österreich erst ab 1985 – wurden die ersten Beurteilungsschemata für die Landespferdezucht eingeführt und bilden einen grundlegenden Pfeiler in den einzelnen Selektionsprogrammen.

Die unterschiedlichen Schemata sind das Resultat aus den beiden oben angeführten Sichtweisen – denn Merkmale wie Typ, Harmonie, Rahmen und Kaliber leiten sich aus einer gesamtheitlichen Philosophie, aus der Proportionenlehre, ab, die Berücksichtigung anderer Merkmale wie Gliedmaßen, Stellungsfehler oder Gangkorrektheit hat jedoch ihre Wurzeln in der Medizin und Orthopädie. Die heute übliche Zerteilung des Pferdes in seine Einzelteile stellt unsere verwissenschaftlichte Sichtweise des Lebens dar – und viele haben vergessen, dass diese Einteilung ein Mittel ist, um die Wahrnehmung vieler Einzelner zu harmonisieren, gleichzuschalten und zu objektivieren.

Trotz aller systematischer Tricks und Kniffe wird man in der Pferdebeurteilung und im Dressurrichten dennoch um eines nicht herumkommen – um den Begriff der Harmonie und der Schönheit, der nach wie vor mit den individuellen und kulturabhängigen Sehgewohnheiten verwoben ist. Und obwohl dieser ganzheitliche Wahrnehmungsaspekt in dem Metier der Pferdezucht für nicht existent erklärt wurde, ist er ausschlaggebend für zahlreiche Entwicklungen.

Pythagoreisches Ideal & Kindchenschema

Schon die Sprache zeigt uns eindrucksvoll, was mit dem Schönheitsbegriff beimPferd gemeint ist. Wörter aus dem hippologischenStandardvokabular wie „gefällig“,„blickig“, „hervorragend“, „beeindruckend“,„bestechend“ u. v. a. m. geben plastisch und differenziert Auskunft über den Gesamteindruck eines Tieres.

Der Beweis von Schönheit ist nicht leicht zu erbringen, und obwohl viele angetretensind, sich darin zu versuchen – unter ihnen so berühmte Namen wie Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci, Charles Darwin, Konrad Lorenz – konnten nur Teilaspekte erfasst werden. Der Begriff der Harmonie, auch in der Pferdebeurteilung sehr gebräuchlich, hat seine Wurzeln in der Musiktheorie. Als harmonisch galten im antiken Griechenland nur einfache ganzzahlige Größenverhältnisse. Nach Pythagoras entstanden wohlklingende Intervalle immer dann, wenn die Saiten eines Musikinstrumentsin bestimmte ganzzahlige Verhältnisse geteilt wurden. Für die Künstler in jener Zeit und auch später in der Renaissance galt das„mathematisch-musikalische“ Prinzip als absolut vorrangig, denn ein schönes Gesicht musste horizontal klar in drei gleichgroße Teile zerlegbar sein. Wenn wir heute in der Pferdebeurteilung von Harmonie sprechen, das heißt vom Verhältnis der Vor-, Mittel- und Hinterhand zueinander, so wünschen wir uns eben das pythagoreische Ideal 1:1:1.

Aber auch die moderne Forschung, insbesondere die Anthropologie, beschäftigt sich mit der Schönheit, wenn auch aus einem anderen Beweggrund. Anstoß fürdie zeitgenössische Attraktivitätsforschungwar das Darwinsche Theorem der sexuellen Selektion, wonach das äußere Erscheinungsbild einen signifikanten Einfluss auf den Fortpflanzungserfolg von einzelnen Individuen ausübt. Mit komplizierten und hoch auflösenden Bildanalyseprogrammen macht man sich derzeit daran, unsere Partnerwahl und die Sicht auf unsere Mitmenschen unter die Lupe zu nehmen. Und gerade in diesem Kontext spielt das 1943 von Konrad Lorenz postulierte „Kindchenschema“ eine zentrale Rolle. Demnach gehören als markante Charakteristika dazu: große, gewölbte Stirn, große, runde Augen,kleinerer Gesichtsteil, kurze, kleine Nase, kleines Kinn und zierlicher Unterkiefer. Dieses Schema weckt den Beschützerinstinkt und funktioniert sogar über Artgrenzen hinaus.

Auch in der Pferdezucht ist unsdas Kindchenschema wohl bekannt. Denken wir an die Entwicklung in der Vollblutaraberzucht, in der sich der ausgeprägte Hechtkopf über Jahrzehnte hinweg zum rasseprägenden Ideal entwickelte. Auch die europäische Warmblutpferdezucht machte Anleihen bei dieser Entwicklung, denn mit dem verstärkten Einsatz von Englischem und Arabischem Vollblut verschwanden die einst rassetypischen schweren und ramsnasigen Köpfe zusehends aus der Population. Das Kopfprofil des Dressurvererbers Münchhausen zeigt uns eine gelungene Komposition von maskulinem Körperbau und einem kurzen, trockenen und kindlichen Kopf.

Aber auch im Verhalten unserer Pferde macht sich das Lorenz’sche Kindchenschema bemerkbar. War eine spätreife und dominante Persönlichkeit in der Barockpferdezucht (in Portugal und Spanien ist es heute noch so) ein wesentlicher Punkt für den Wert eines Reitpferdes, so änderte sichdas Zuchtziel in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend, und der Selektionsdruck geht in Richtung leicht zu beherrschender, „gutartiger“ und nachgiebiger Pferde – Eigenschaften, die dem „Kindchenschema“ auf charakterlicher Ebene entsprechen.

Prokrustes und die Definition von Schönheit

Der Satz „das Pferd ist mehr als die Summe seiner Einzelteile“ ist uns wohl bekannt, und ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der Schönheit. Einzelne Maßeinheiten wie Länge, Höhe, Breite am Objekt können uns nicht erklären, warum uns etwas anzieht. Der erste Schritt zu einem besseren Verständnis des Schönen war die Entwicklung der Proportionenlehre, wo über Indexzahlen einzelne Maße in Relation zueinander gesetzt wurden. Die Attraktivitätsforschung geht heute etwas weiter, denn durch die mittlerweile rechenstarken Computer ist die Wissenschaft in der Lage, einzelne Gesichter, Körper als Ganzes zu berücksichtigen und deren Unterschiede zu berechnen.

Namensgeber für dieses Wissenschaftsgebiet war ein griechischer Halbgott, der seine Opfer streckte oder zerteilte, damit sie in sein Bett passten – der Wegelagerer Prokrustes, Sohn des Poseidon. Über die sogenannte Prokrustes-Statistik kann man zahlreiche Formen simultan zueinander in Bezug setzen und deren Unterschiede auf Signifikanz testen – eine Technik, die in der Kriminologie bei der Fingerabdruckanalyse, in der Überwachungstechnik bei der automatischen Gesichtserkennung und in der Attraktivitätsforschung angewandt wird.

Als im Rahmen des Noriker Forschungsprojekts (BMLF Nr. 1284, 2002– 2005) vom Autor 497 Norikerpferde (105 Hengste und 392 Stuten) anhand von 30 Parametern vermessen wurden, stellte sich natürlich die Frage, was genau mit der Exterieurbeurteilung erfasst werden kann. In Österreich erfolgt die Beurteilung von Pferden anhand eines sogenannten Bewertungsschemas. Elf Merkmale – Typ, Kopf, Hals, Vorhand, Mittelhand, Hinterhand, Vordergliedmaßen, Hintergliedmaßen, Gangkorrektheit, Raumgriff und Schritt – dienen als Selektionsgrundlage, welche eine Zuchtrichterkommission auf einer Skala von 1–10 erfasst. Höhere Noten (8–9) entsprechen dem, was man derzeit für gut hält, und niedrigere Noten (7–5) stehen für leichte bis ernstere Mängel im Körperbau. Um diese Einzelmerkmale zu einem Ganzen zusammenzuführen, werden die Einzelnoten summiert und gemittelt – daraus ergeben sich dann die Bewertungsklassen (1a, 1b, 2a, 2b, 3a) – eine Einteilung, die vor allem auf der Stutenseite starke Einflüsse auf den monetären Wert eines Pferdes und natürlich auch auf die Zuchtauswahl hat.

Die ersten Ergebnisse aus diesen Berechnungen waren ernüchternd, stellten die Bewertungsklassen aus der Exterieurbeurteilung eigentlich nur eine Reihung nach Größe und Länge in abfallender Reihenfolge der Tiere dar. Daraufhin wurden alle Daten einer Diskriminanzanalyse unterzogen, um zu ermitteln, welche Körperteile und Körperpartien die 497 Pferde am besten in ihre einzelnen Bewertungsklassen untergliederten. Auch hier ergab sich ein ähnliches Bild. Mit Bandmaß, Brustumfang und Rückenhöhe konnte 22 % der Unterschiede zwischen den Bewertungsklassen erklärt werden, gefolgt von den Messmerkmalen Unterarmlänge, Hinterhandlänge, Kaliberindex und Körperlänge. Ist somit Größe gleichzusetzen mit Qualität und Rassetyp?

Was passiert, wenn man die Größe und Länge der Pferde vernachlässigt und seine Aufmerksamkeit rein auf deren Form lenkt – ergeben dann die Noten der Zuchtkommission immer noch Sinn? Gesagt – getan. Und mit Prokrustes wurde es möglich. Interessanterweise löste sich dadurch die Strukturierung durch die Exterieurnoten auf – 1b-Pferde und 2a- Pferde konnten nicht mehr voneinander unterschieden werden. Diese Erkenntnisse stützen die Schlussfolgerung, dass nicht die Form von Pferden für die Bewertung durch die Zuchtrichter ausschlaggebend ist, sondern in erster Linie deren Größe, Länge und Tiefe.

Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu dem, was in Zuchtrichterkreisen tradiert wird, wo Lage, Form und Länge der Schulter, Länge und Ansatz von Hals, Form des Kopfes, Ausprägung von Vor-, Mittel- und Hinterhand, Lage und Winkelung des Beckens im Zentrum der Auseinandersetzung stehen. Aber auch in der Korrelationsstruktur von Körpermaßen und Beurteilungsnoten der Bewegungskriterien stellte sich heraus, dass die Noten für Raumgriff und Gangmechanik stark mit der Größe korrelieren, ein Zusammenhang, der grundsätzlich jeglicher morphologischen Grundlage entbehrt und zum großen Teil auf Idealvorstellungen und Sehgewohnheiten zurückzuführen ist.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch deutsche Studien, die sich mit den Exterieurnoten beim Trakehner beschäftigen, wonach größere und stärkere Pferde favorisiert wurden (Butler-Wemken et al. 2002). In einer österreichisch-spanischen Arbeit (Cervantes et al. 2009) wurden ebenfalls mit der Prokrustes-Technik innerhalb der Araberzucht der Unterschied zwischen Schau- und Leistungszucht untersucht. Auch hier waren die Pferde aus der Schauzuchtrichtung signifikant größer, länger und breiter. Die Araber aus der Leistungszucht, in erster Linie Distanzpferde, standen in einem kleineren Rahmen und wiesen leichte Unterschiede in der Gestaltung der Hinterhand, Winkelung der Kruppe und des Kniegelenks auf.

Zu guter Letzt

Ausdruck, Typ und „Schönheit“ sind wie gezeigt schwer in Zahlen zu fassen und hängen von zahlreichen Faktoren ab, die sich oft auf unbewussten Ebenen auswirken. Soziologische Ursachen wie Prägung auf einen speziellen Pferdetyp, Sehgewohnheiten, ein differenziertes und sich laufend änderndes Idealbild, das abhängig ist von der jeweiligen Lebenskultur, hinterlassen ein instabiles Netzwerk, das objektiv schwer zu erfassen ist. „Form und Inhalt“ müssen jedoch kein Gegensatzpaar sein, und beim Pferd entscheidet im Endeffekt dessen Leistung.

Die Exterieurbeurteilung ist ein gutes Hilfsmittel, um den Rassetyp zu erhalten und Pferde mit Funktionsfehlern aus der Zucht auszuschließen – sie kann aber keinen Ersatz für die Leistungskontrolle bieten, denn wie gezeigt, sind weder Kunst noch Wissenschaft hundertprozentig in der Lage, Leistung oder Inhalt rein aus der Form abzuleiten.

Sehgewohnheiten ändern sich, unsere sich permanent verbessernde Technik wie Digitalfotographie und die Bilderflut aus den Medien sind stark daran beteiligt, diesen Prozess zu beschleunigen und zu nivellieren. Angesichts dieser Tatsachen ist heute nichts wichtiger als die Zucht von funktionstüchtigen, gesunden und leistungsfähigen Tieren, denn Ideale und „der Blick des Betrachters“ ändern sich in unserer vernetzten Welt so schnell wie nie zu vor und bergen dadurch die Gefahr, zu sogenannten Selbstläufern ohne reellen Hintergrund zu werden. Wie ein anerkannter Funktionär und Züchter einmal konstatierte: „Wer ein so klares Auge hat und glaubt, aus dem Exterieur den Wert eines Pferdes nahezu hundertprozentig ablesen zu können, der möge sich Vollblutjährlinge nach seiner Wahl kaufen und damit die Basis für einen Rennstall aufbauen. Der Erfolg kann dann ja nicht lange auf sich warten lassen“.

Die kleine Schule des Sehens – prüfen Sie Ihren Blick

In der klassischen Exterieurbeurteilung wird das Pferd in einzelne Teile zerlegt, die dann rechnerisch wieder zusammengeführt werden. In manchen Beurteilungsschemata hat man jedoch zusammenfassende Kriterien wie Typ, Harmonie, Ausdruck und Gesamteindruck beibehalten, um den gesamtheitlichen Aspekt in der Beurteilung zu berücksichtigen. In den folgenden Beispielen wird anhand von Überlagerungstechniken aus der Bildanalyse gezeigt, in welchen Aspekten sich Pferde unterschiedlicher Rassen oder Nutzungsarten unterscheiden. Die Fotos der einzelnen Tiere wurden in charakteristischen Knochen- oder Körperpunkten übereinandergelegt, die Größe der Tiere wurde weggerechnet, und die Abstände an den einzelnen Punkten wurden durch Drehen minimiert – was nach dieser Prozedur übrigbleibt, sind die Formen der Tiere und deren Unterschiede, die durch die Verzerrungen des Gitternetzes ausgedrückt werden.

Beispiel 1

Eine Shagya-Araberstute, Shaganah v. Shagan, geb. 2003, und der im arabisierten Typ stehendeLipizzanerhengst Conversano Allegra XLVI-3, geb. 2003 in Lipizza, im Vergleich: Gliedmaßen undKörperbau sind annähernd identisch – leichte Unterschiede in der Oberlinie (Kruppe, Mittelhandund Hals), wobei der Großteil davon auf den Geschlechtsdimorphismus zurückzuführen ist (vgl.Gitternetzlinien: Dunkelgrün = Araber, Hellgrün = Lipizzaner)
Shagya-Araberstute, Shaganah v. Shagan, geb. 2003 © Thomas Druml
Shagya-Araberstute, Shaganah v. Shagan, geb. 2003
© Thomas Druml
Conversano Allegra XLVI-3, geb. 2003 in Lipizza © Thomas Druml
Conversano Allegra XLVI-3, geb. 2003 in Lipizza
© Thomas Druml
Kleine Schule des Sehens: Beispiel 1 - Vergleich © Archiv
Beispiel 1 - Vergleich
© Archiv

Beispiel 2

Zwei Lipizzaner aus unterschiedlichen Zuchtrichtungen mit verschiedenem Zuchtziel: der arabisierte Hengst Conversano Allegra XLVI-3 aus Lipizza, ein Vertreter des kompakten modernen Reitpferdetyps, und 103 Conversano Batosta V-3 aus ?akovo, geb. 2003, ein klassischer barocker Karossier: Die Unterschiede im Körperbau, vor allem in der Hinterhand und den Körperproportionen, sind enorm – diese Grundlage für zwei verschiedene Nutzungsarten will auch als solche erkannt werden und soll innerhalb der Zuchtrichtungen entsprechend beurteilt werden.
Conversano Allegra XLVI-3, geb. 2003 in Lipizza © Thomas Druml
Conversano Allegra XLVI-3, geb. 2003 in Lipizza
© Thomas Druml
103 Conversano Batosta V-3 aus ?akovo, geb. 2003 © Thomas Druml
103 Conversano Batosta V-3 aus ?akovo, geb. 2003
© Thomas Druml
Kleine Schule des Sehens: Beispiel 3 - Vergleich © Thomas Druml
Beispiel 3 - Vergleich
© Thomas Druml

Beispiel 3

Ein Vergleich zwischen Kaltblut und Vollblut: bis auf die Kopf-Hals-Partie liegt der Unterschiedhauptsächlich im Bereich der Schulter und des Oberarms (Araber = Dunkelgrün, Noriker = Hellgrün).In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass die morphologischen Unterschiedezwischen den Grundtypen der Pferde zum größten Teil in diesem Bereich (Vorhand,Schulter, Oberarm) zu finden sind – das heißt die Spezialisierung findet zunächst in der Vorhandund dann in Hinterhand statt.
Kleine Schule des Sehens: Kaltblut © Thomas Druml
Kaltlbut
© Thomas Druml
Shagya-Araberstute, Shaganah v. Shagan, geb. 2003 © Thomas Druml
Shagya-Araberstute, Shaganah v. Shagan, geb. 2003
© Thomas Druml
Kleine Schule des Sehens: Beispiel 3 - Vergleich © Thomas Druml
Beispiel 3 - Vergleich
© Thomas Druml
Passier Skyscraper
  • Passier  Passier