Array ( [2000] => Home [2005] => Nachrichten [1011] => Marktkurzinfos [1026] => Marktanalysen [1016] => Reportagen [1044] => Über Uns [1046] => Das Team [1045] => Mediadaten [2021] => Impressum [2022] => AGB )
23.03.2015

Distanzreiten: Zurück in die Zukunft

Beim Kadertraining der österreichischen DistanzreiterInnen wurden Strategien diskutiert, die den Distanzsport wieder zu dem machen können, was er für viele immer noch ist: ein pferdefreundlicher Wettbewerb für Idealisten.

Nach dem Ausschluss der Vereinigten Arabischen Emirate von der FEI hat der internationale Distanzsport wieder die Chance wieder zu seinen Wurzeln zurückzufinden. © Tomas Holcbecher
Nach dem Ausschluss der Vereinigten Arabischen Emirate von der FEI hat der internationale Distanzsport die Chance wieder zu seinen Wurzeln zurückzufinden.
© Tomas Holcbecher
Zuletzt hatten sich die Ereignisse überschlagen, drei tote Pferde und getürkte Qualifikationsrennen hatten das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht, die FEI zog spät, aber doch die Notbremse und schloss die Vereinigten Arabischen Emirate aus dem Dachverband aus. Wie soll es nun weitergehen, wo steht der internationale Distanzsport – und welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit diese einst so angesehene Pferdsportdisziplin wieder unter fairen Bedingungen und unter Wahrung des Pferdewohls ablaufen kann?

Um diese Fragen mit international anerkannten Experten zu diskutieren, luden Bundesreferent Peter Alleithner und Bundestrainerin Daniela Entner anlässlich des Kadertrainings in Stadl-Paura am 14. März zum Gespräch mit Dr. Dominik Burger, Tierarzt der Schweizer Distanzreiter, und Dr. Jean Luis Leclerc, Tierarzt, ehemaliger Bundestrainer der französischen und der deutschen Distanzreiter und Mitglied der Endurance Strategic Planning Group (ESPG) der FEI, ein.

Verlust der Unschuld

Aus den Wortmeldungen der zum Training angereisten Distanzreiterinnen und Distanzreitern wurde schnell klar: Nicht nur die Pferde leiden, auch die Aktiven konnten sich die Freude an ihrem Sport in den vergangenen Jahren nur mit Mühe erhalten. Immer wieder mussten sie in Wettkämpfen Regelverstöße beobachten, die trotz zahlreicher Hinweise ungeahndet bleiben, immer häufiger sahen sie sich in Sippenhaftung genommen für Verhaltensweisen, die sie weder guthießen noch teilten. Stephanie Kunz, die 2014 für Österreich bei den WEG in der Normandie an den Start gegangen war, brachte es auf den Punkt: „Wir sind alle stinksauer und möchten etwas dagegen unternehmen.“

Doch wie konnte es soweit kommen, wann und wie hat die Endurance ihre Unschuld verloren? Dominik Burger, der den Sport seit 1988 begleitet, versuchte, den Weg nachzuzeichnen, der ins Verderben geführt hatte: Ursprünglich sei das Distanzreiten ein reiner Amateursport gewesen, ausgeübt in tiefer Verbundenheit zu den Pferden. Noch 1990, bei den Weltreiterspielen in Stockholm, sei die Endurance als „weißer Rabe“, als Ausnahmedisziplin, bezeichnet worden, bis heute ist sie die einzige Pferdesportdisziplin mit einer Schlusskontrolle nach dem Wettbewerb.

Mitte der 1990er-Jahre setzte dann eine Entwicklung ein, die zunächst zum Träumen verleitete, sich aber als fatal herausstellen sollte: Reiter aus der ganzen Welt und insbesondere dem arabischen Raum wollten in diesem Sport Fuß fassen, eine Globalisierung begann, man hoffte auf olympische Weihen. Geld kam ins Spiel, viel Geld, die Medien sprangen auf, auch sie begeistert von der Großzügigkeit der Einladungen nach Dubai, in Fünf-Sterne-Hotels, mit Kind und Kegel. Dann wurde plötzlich die Idee aufgebracht, auf die Schlusskontrolle zu verzichten, das sei nicht publikumswirksam, wenn der Sieger womöglich disqualifiziert werde. Zwar wurde diese Idee verworfen, aber die Dinge begannen seltsam zu laufen, bekamen einen Drall in eine ganz falsche Richtung. Burger: „Mit dem Geld hat eine Professionalisierung begonnen. Plötzlich gab es einen Pferdehandel, plötzlich hat man gehört, Pferde werden für beträchtliche sechsstellige Summen verkauft, das war damals überirdisch. Das hat die Züchter auf den Plan gerufen, die begonnen haben, Pferde für diesen Markt zu produzieren. Und so hat sich das weiterentwickelt, immer mehr Geld kam ins Spiel, immer mehr hat man gemerkt, es geschehen seltsame Dinge.“ Immer häufiger wurden Regelwidrigkeiten beobachtet, die Offiziellen schwiegen dazu, man habe nichts gesehen, man könne nichts tun. Briefe wurden an die FEI, an die Ethikkommission, geschrieben, vom Schweizer Referat, von den Franzosen, den Belgiern. Auf Antworten wartete man vergeblich. Bis man schließlich mit einer Pressemitteilung im März 2013 an die Öffentlichkeit ging. Das sorgte zwar für einigen Wirbel, an den Pranger wurden aber von der FEI jene gestellt, die die Missstände aufgezeigt hatten. Effektiv bekämpft wurden sie nach wie vor nicht. „Wir hatten damals schon klare Statistiken über die Frakturen, die wurden nicht akzeptiert. Es ist verrückt, dass wir noch zwei Jahre warten mussten, bis auf Facebook ein Bild veröffentlicht wurde, von einem Pferd mit zwei gebrochenen Beinen, so dass die Welt realisiert: da stimmt was nicht.“ Den Ausschlag gaben zuletzt die dreisten Fälschungen von zwölf Qualifikationsrennen – „damit haben sich die Verantwortlichen selbst ein Bein gestellt“.
Dr. Dominik Burger, Tierarzt der Schweizer Distanzreiter © OEPS/Daniel Winkler
"Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Recht wir überhaupt haben, mit Pferden Sport zu betreiben, Wettkampf zu betreiben. Hat dieser Sport, wie er im Moment betrieben wird, eine Zukunft?" (Dr. Dominik Burger, Tierarzt der Schweizer Distanzreiter)
© OEPS/Daniel Winkler

Ein erster Schritt

Nun ist also erstmalig ein Land von der FEI ausgeschlossen worden. Welche Konsequenzen dies haben wird, sei allerdings noch nicht abzusehen. Zunächst haben die UAE 30 Tage Zeit, gegen den Ausschluss Rekurs einzulegen. Dann folgt die Verhandlung. Die Gefahr bestehe zudem, dass sich eine Parallelwelt entwickelt: „Wir wollten ja etwas für die Pferde tun. Und indem man die UAE ausgrenzt, haben wir für die Pferde dort noch gar nichts erreicht, weil in den UAE noch immer Rennen stattfinden dürfen.“

Was aber jedenfalls erreicht worden sei, sei eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit – und eine Geschlossenheit der Mitgliedsföderationen der FEI, wie auch Dietrich Sifkovits, Vizepräsident OEPS, in seinem Statement betonte: „Wir stehen hier eindeutig auf der Seite der Schweizer Kollegen, solche Verstöße kann und darf es nicht geben. Wir müssen weiterhin am Ball bleiben, gemeinsam aufpassen, dass unser Sport fair bleibt. Wir sind auch weiterhin bemüht, so weit wie möglich unseren Einfluss geltend zu machen.“

Was aber können die Verbände tatsächlich tun? Auf deren Verantwortung und Möglichkeiten angesprochen, antwortete Dominik Burger: „Wir hatten auch die Problematik, dass immer wieder Schweizer in die UAE eingeladen wurden. Gleichzeitig kämpfte der Verband gegen die Missstände im internationalen Endurance-Sport. Also wurde beschlossen, dass eine Teilnahme an solchen Rennen nicht vereinbar mit der Mitgliedschaft im Schweizer Kader. Seit vorgestern besteht in der Schweiz derzeit ein generelles Verbot,  in den UAE an den Rennen teilzunehmen.“ Denselben Weg geht auch der OEPS, so Sifkovits: „Wir entsenden niemanden und stellen keine Bewilligungen aus, dass jemand dorthin fahren darf. Und was die nationalen Rennen betrifft: Wir sprechen uns dezidiert gegen jede Art von Tierquälerei aus. In solchen Fällen wird nicht nur bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet, sondern auch innerhalb unserer eigenen Bestimmungen sehr restriktiv vorgegangen.“

Sollte jemand, so Burger, bei einem Rennen einen Missstand wahrnehmen, solle er Protest einlegen. „Ihr müsst nicht nur die Opferrolle einnehmen, ihr habt jetzt das klare Commitment eurer Federation, dass sie mit euch für einen gesunden Sport kämpft!“ Spontaner Einwurf des OEPS-Vizepräsidenten Sifkovits: „Wenn euer Protest gerechtfertigt ist, wird der OEPS die anfallenden Protestgebühren übernehmen.“
Auch Österreichs Distanzreferent Peter Alleithner wünscht sich, dass die Endurance wieder zu dem wird, was sie einmal war: ein pferdefreundlicher Wettbewerb für Individualisten. © OEPS/Daniel Winkler
Auch Österreichs Distanzreferent Peter Alleithner wünscht sich, dass die Endurance wieder zu dem wird, was sie einmal war: ein pferdefreundlicher Wettbewerb für Individualisten.
© OEPS/Daniel Winkler

Kreativität und Eigenverantwortung

Dass es aber um mehr geht als um die auf die Spitze getriebenen Missstände im Distanzreitsport, verdeutlichte Dominik Burger zum Schluss der Diskussion. Befeuert von ungeheuren Geldsummen hat der Distanzreitsport in relativ kurzer Zeit eine Entwicklung genommen, die auch in den anderen Pferdesportdisziplinen, zwar weniger brutal, aber nach denselben Prinzipien wahrzunehmen ist: eine Optimierung der Ergebnisse zu Lasten des Pferdes „Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Recht wir überhaupt haben, mit Pferden Sport zu betreiben, Wettkampf zu betreiben. Hat dieser Sport, wie er im Moment betrieben wird, eine Zukunft?“ Anders gefragt: Kann das Motto der Olympischen Spiele „Schneller, Höher, Stärker“ immer weiter getrieben werden? Und wenn die Antwort nein ist, wie kann der Pferdesport weiterhin attraktiv bleiben? „Da ist unsere Kreativität gefragt. Es geht jetzt nicht nur darum, sich von den offensichtlichen Missständen abzugrenzen, sondern wir müssen aktiv überlegen, wie wir diesen Sport auch in Zukunft im Rahmen der heutigen Gesellschaft pferdefreundlich erhalten können.“ Margit Hartmann, ehemalige Bundesreferentin für Distanzreiten, hat die Antwort auf diese Frage für sich bereits gefunden, sie lautet: Eigenverantwortung. „Wenn ich in einem Bewerb so schnell reite, wie jetzt im internationalen Durchschnitt geritten wird, dann schade ich damit meinem Pferd. Ich habe daher meinen Ehrgeiz zurückgesteckt. Mir gefällt das Distanzreiten nach wie vor, aber ich weiß, dass ich nie gewinnen werde, weil ich das nicht mitmache.“ So wie sie denken die meisten österreichischen KaderreiterInnen. Der weiße Rabe lebt.
Passier Skyscraper
  • Passier  Passier