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24.06.2015

Experten-Talk: Frühe Rittigkeit bei Reitpferden - Segen oder Fluch?

Unsere Pferde werden dank der heutigen Zucht immer rittiger. Doch welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Pferde selbst, deren Gesundheit, Ausbildung und Vermarktung? Und wie gut eignen sich solche Hochleistungssportler für Otto-Normal-Reiter? Experten haben diskutiert.

Unsere Pferde werden dank gezielter züchterischer Maßnahmen immer rittiger. Das freut den Reiter, der weniger Arbeit in die Grundausbildung investieren muss. Für die Pferde bringt diese Entwicklung jedoch nicht nur Vorteile. © CSschmuck - fotolia.com
Unsere Pferde werden dank gezielter züchterischer Maßnahmen immer rittiger. Das freut den Reiter, der weniger Arbeit in die Grundausbildung investieren muss. Für die Pferde bringt diese Entwicklung jedoch nicht nur Vorteile.
© CSschmuck - fotolia.com
Wie sich unsere Pferde durch gezielte Zucht verändert haben, ob die Ausbildung der ReiterInnen der Pferdequalität gerecht wird und welche Wege es in Zucht und Sport gibt, um eine Brücke zwischen Top-Sport und Freizeitreiterei zu schlagen, darüber haben Reitmeister Heinz Breza, Warmblutpferdezüchter und Dressurausbilder Ernst Mayer, Leiterin der Klinik für Pferde an VUW, Prof. Dr. Christine Aurich, Orthopädin Prof. Dr. Theresia Licka und Fachtierarzt Dr. Georg Hladik im Gespräch mit der Pferderevue, moderiert von Pferdezucht-Experten Dr. Thomas Druml, diskutiert.

Druml: Unsere Pferde sind in den vergangenen Jahrzehnten dank gezielter züchterischer Maßnahmen wesentlich besser – vor allem rittiger – geworden. Seine Wurzeln hat der Begriff „Rittigkeit“ in den 1960er Jahren in der Reorientierung der Zuchtprogramme beim Deutschen Reitpferd, und heute hat diese Bezeichnung einen sehr breiten Gebrauch gefunden. Einstiegsfrage an Reitmeister Heinz Breza: Haben auch Sie feststellen können, dass sich die Pferde in Hinsicht auf ihre Rittigkeit laufend verbessert haben?

Breza: Für mich als Ausbilder ist die Rittigkeit das Ziel der Grundausbildung. Das rittige Pferd macht das Reiten für den Reiter zum Vergnügen, es ist angenehm in der Bewegung, daher losgelassen, es nimmt die Hilfen des Reiters leicht an und ist daher durchlässig. Und natürlich habe ich die Fortschritte in dieser Hinsicht wahrgenommen. Ich darf an ein altes Video mit dem Titel „Wie die alten Meister ritten“ aus den 1950er Jahren erinnern, wo man sehr deutlich den damaligen Pferdetyp erkennen kann. Auch meine Pferde – ich habe ja etwa zur selben Zeit zu reiten begonnen – waren nicht mit den heutigen zu vergleichen. Wir mussten uns als Reiter viel mehr plagen, um diese Pferde zu Höchstleistungen zu bringen. Diesen Unterschied zu heute sehe ich als Ausbilder wiederum als Nachteil, denn wenn die Pferde dem Reiter so entgegenkommen, wird in der Ausbildung so manches übersprungen, was einem am Ende auf den Kopf fällt.

Druml: Herr Dr. Hladik, sie sind praktizierender Fachtierarzt, vor allem im Sportpferdebereich. Mehr Rittigkeit, ein besseres Interieur zeichnen unsere Pferde aus, und wie Herr Breza schon angedeutet hat, liegt daher die Versuchung nahe, dass junge Pferde überfordert werden und gewisse Stufen in der Ausbildung übersprungen werden. Treten spezifische Erkrankungen z. B. des Bewegungsapparats aufgrund dieses Zuchtfortschritts heute früher auf?

Hladik: Ich muss zunächst grundsätzlich sagen, dass eine bessere Rittigkeit – einen vorbildlichen Reiter vorausgesetzt – von Vorteil für die körperliche Gesundheit eines Pferdes ist, weil es mit wesentlich weniger Druck und Arbeit zum gleichen Ergebnis kommen kann. Z. B. wird ein Reiter von einem willigen, rittigen Pferd am Abreiteplatz weniger verlangen und auch zu Hause weniger Lektionen trainieren – dafür kann er sich mehr der allgemeinen Gymnastizierung und Lockerungsübungen widmen. Auf das unrittige Pferd kommt eine wesentlich höhere Belastung und ein größeres Arbeitspensum zu. So gesehen ist eine gute Rittigkeit auch förderlich für die Gesundheit eines Pferdes.

Druml: Nochmals zur Frage der orthopädischen Erkrankungen – gibt es da heute früher Probleme?

Hladik: Bei einer vernünftigen Ausbildung sicher nicht.

Breza: Mir fällt heute, zumindest bei den Dressurpferden, auf, dass Hinterhandslahmheiten viel häufiger auftreten. Ich kann mich erinnern, dass Hinterhandslahmheiten früher eher eine Seltenheit waren, Lahmheiten im Bereich der Vorhand traten hingegen häufiger auf. Hier hat sich etwas geändert, und ich weiß nicht, ob das mit verbesserter Rittigkeit zusammenhängt. Man hat ja seinerzeit mehr Zeit in die Ausbildung junger Pferde investiert – im Vergleich zu heute, wo einem sprichwörtlich alles „in den Schoß fällt“. Für das Pferd war dies schonender.

Hladik: Die Beobachtung mag zutreffen, aber ich glaube nicht, dass dies mit der Rittigkeit der Pferde, sondern vielmehr mit dem Training zusammenhängt. Gerade bei mittelmäßigen Pferden wird versucht, über zu starke Versammlungen viel zu früh mehr Gang herauszuarbeiten, da dieser in der Dressur ja hoch bewertet wird. Dort entstehen die Lahmheiten eher als bei Pferden, die von Natur aus besser gehen können. Zusätzlich spielt die korrekte Gliedmaßenstellung hier eine große Rolle, garantiert sie ja einen leichteren Bewegungsablauf.

Aurich: Man darf dabei nicht vergessen, dass die höheren, versammelten Lektionen eine Folge der Ausbildung sein sollten. Bietet ein Pferd schon sehr jung eine Piaffe an, dann kann es das aufgrund seiner Anlagen – es fehlt aber die Ausbildung dazu. Es kann dann zu psychischen Problemen, Spannungen oder Lahmheiten aus dem Rücken kommen, weil die Pferde nicht die Ausbildung haben, die sie haben sollten, bis sie höhere Lektionen zeigen.

Hladik: Da kommen wir wieder zu dem Punkt, dass nicht die rittigen Pferde das Problem sind, sondern der Mensch.

Aurich: Natürlich.

Licka: Wenn man aus der Biomechanik des Rückens einen Schluss ziehen kann, dann den, dass Pferde mit einem etwas längeren Rücken mehr schwingen, wodurch sich automatisch eine größere Belastung jener Muskulatur ergibt, die die Wirbelsäule stabilisieren soll. Daher sollte man besonders sich früh anbietenden Pferden mehr Zeit gewähren, um die benötigten kleinen Muskeln, die die Wirbelsäule stabilisieren, weiter auszubauen und zu festigen, damit sie später wirklich ohne Schaden zu nehmen versammelt gehen können. Paradoxerweise benötigen also gerade rittige Pferden mit einem etwas längeren Rücken mehr Zeit, im Endeffekt bekommen sie aber weniger zugestanden.

Breza: Eine Frage an Ernst Mayr: Wohin geht derzeitig die Tendenz? Früher hat man gesagt, man will ein Quadratpferd, jetzt will man eher ein Rechteckpferd?

Mayr: Ich würde sagen, das ein bisschen längere Quadratpferd wäre der Idealfall, denn bei einem langen Pferd ist es oft schwierig, das Hinterbein zu aktivieren. Ein gutes, untertretendes Hinterbein, viel Bewegungsfreiheit – das sind Merkmale, auf die ich bei meinen Stuten viel Wert lege.

Licka: Ich denke, dass heute ein höherer Prozentsatz von Pferden wesentlich früher viel mehr Kraft auf die Hinterhand überträgt als es früher der Fall war. Hatten früher Pferde bis zum sechsten Lebensjahr Zeit, um mit der Hinterhand vermehrt Gewicht aufzunehmen, geschieht das heute schon mit vier Jahren, weil sich das Pferd eben dafür anbietet. Das kann man nur partiell verhindern, und ein verantwortungsvoller Reiter würde das Pferd darin bremsen und versuchen, es in „Normalhaltung“ zu bringen. Das ist meiner Meinung nach der Grund dafür, dass wir Symptome wie Hinterhandslahmheiten wesentlich häufiger sehen als vor 20 Jahren. Das liegt sicher nicht nur an der verbesserten Diagnostik, sondern zu einem großen Teil daran, dass heute Pferde gezogen werden, die im Jugendalter einen Gang haben wie ein „großes“ Pferd und auch körperlich schon früh entwickelt sind. Was aber im Gegensatz zu einem reifen Pferd anders ist, ist die Qualität der Knochen, Sehnen und Knorpel – die ist noch nicht so optimal wie es scheinen mag. Zusammengefasst haben diese früh entwickelten, „schönen“ Pferde deutlich häufiger orthopädische Probleme. Und zu sagen, dass hier kein ursächlicher Zusammenhang besteht, ist etwas kurz gegriffen.

Druml: Damit kommen wir zum Jungpferd, zur Bedeutung von Interieur und Charakter. Frau Professor Aurich, Sie haben sich in einer Versuchsreiher mit dem Stress beim Anreiten von Jungpferden beschäftigt – wie sieht die Wissenschaft den psychischen Aspekt der Rittigkeit beim jungen Pferd?

Aurich: Bei unseren Versuchspferden wurden von deren Besitzern und Ausbildnern Beurteilungen über deren Charakter abgegeben, und da kam durchaus heraus, dass Pferde, die als intelligent oder kooperativ eingeschätzt wurden, weniger Stress zeigen als Pferde, die als weniger kooperativ, ängstlich oder weniger intelligent klassifiziert wurden. Da gibt es sicher Zusammenhänge zwischen Interieur und Stressanfälligkeit. Es gibt eine Studie, wo man untersucht hat, was in der Hengstleistungsprüfung eigentlich zu hohen Rittigkeitsnoten führt. Und hier stellte sich heraus, dass Hengste, die sich leichter in Hyperflexion bringen haben lassen, also dazu, in einer gewissen „Rollkurhaltung“ zu gehen, die höchsten Rittigkeitsnoten bekommen haben. Ob das nun der Sinn der Sache ist, bleibt fraglich.

Licka: Die Verbindung von Stress und orthopädischen Schäden ist eindeutig, denn ein Pferd das gestresst ist, hat auch einen erhöhten Muskeltonus. Dieser erhöhte Muskeltonus behindert die Effizienz der Bewegung und führt auch dazu, dass z. B. selbst ein gut passender Sattel Schmerzen verursacht. Der Reiter kann schlecht sitzen, das erhöht dann den Druck… Es entsteht hier ein Teufelskreis – bis hin zu orthopädischen Problemen. Unter diesem Aspekt ist ein rittigeres Pferd, das weniger stressanfällig ist, immer im Vorteil. Es ist eindeutig, dass Stress Muskeln verhärtet, was zu größeren Problemen führen kann, denn mit verspannter Muskulatur ist auch die Fußung in der Bewegung nicht mehr so präzise. Das heißt, der Huf kommt eher ins Rutschen oder unterliegt gewissen Spitzenkräften, die orthopädische Schäden generieren, die bei einer lockeren Grundhaltung nicht vorkommen würden.

Hladik: Da sind wir uns aber wieder einig, dass rittige Pferde bei einem verantwortungsvollen Reiter gesundheitliche Vorteile haben.

Licka: Dazu möchte ich nur kurz wiederholen: wenn rittige junge Pferde untertreten, bevor sie es sollten, dann ist dies eindeutig ein Nachteil – aus orthopädischer Sicht.

Breza: Ich habe früher schon sechsjährige Pferde im Grand Prix gesehen, heute muss ein Pferd acht Jahre alt sein, in der Klasse S, sprich Prix St. Georges, muss es mindestens sieben Jahre alt sein – also hier, glaube ich, stellt man die Weichen so, dass die Pferde nicht zu früh beansprucht werden.

Druml: Das stimmt, aber wie ist diese Entwicklung in der Zucht zu bewerten, wo „Sattelkörung“ von dreijährigen Hengstanwärtern mittlerweile etabliert sind? Diese haben ja das Anreiten und Trainieren von Zweijährigen zur Folge.

Aurich: Das wurde doch auch schon vor der Einführung der Sattelkörung so gehandhabt. Die Hengste werden mit zwei Jahren von der Weide genommen, extrem gefüttert, um sie in Form zu bringen – sie erhalten bis zu 8 kg Hafer am Tag bei inadäquater Arbeit.

Mayr: Ich kann bestätigen, was Frau Professor Aurich gesagt hat. Ich persönlich kann ein solches Management nicht anstreben, weil ich dann später keine gesunden Pferde mehr hätte. Derjenige, der seine Produkte möglichst schnell verkaufen will, wird hier natürlich stark beschleunigen, um seine Produkte gut zu präsentieren und herauszubringen.

Druml: Dahinter steht natürlich auch ein starker finanzieller Druck.

Licka: Ist nicht dieses frühe „Herrichten“ von Hengsten auch symptomatisch für den schnellen Verbrauch – die kurze Nutzungsdauer von Pferden im Sport?

Breza: Es hat ja einmal die Faustregel gegeben: Wenn ich ein Pferd mit dreieinhalb Jahren zu arbeiten beginne, dann hat es mit etwa fünf Jahren die Grundausbildung hinter sich, darauf dann jedes Jahr eine Klasse mehr, dann kommt man etwa genau dort hin, was man heute noch  in der Spanischen Hofreitschule macht, wo die Hengste mit zwölf fertig ausgebildet sind. Die Altersregelungen der FEI sind für mich nicht nachvollziehbar, das wird in den verschiedenen Disziplinen sehr unterschiedlich gehandhabt. Für Ponys gelten sogar höhere Grenzen als bei den Warmblutpferden, während Reitprüfungen mit Dreijährigen im Westernreiten ganz normal sind.

Aurich: Die sind aber dann auch wesentlich früher kaputt. Da gibt es derartig viele kaputte Pferde in jungen Jahren – das ist wirklich extrem.

Druml: Markt und Zucht gehen heute verschiedene Wege – ist in dieser Situation die Zucht von Spitzenpferden und die Betonung von Rittigkeit immer noch richtig?

Hladik: Eine verbesserte Rittigkeit ist selbstverständlich auch für den Durchschnittsreiter von Interesse und steht nicht im Gegensatz zu den Bedürfnissen am Freizeitsektor.

Aurich: Ich sehe das schon so, dass die in der Zucht derzeitig angestrebte Entwicklung hin zu bewegungsstarken Pferde in einem gewissen Konflikt mit den Bedürfnissen der Freizeitreiterei steht, und sehr gute Grundgangarten hoch mit der aktuellen Vorstellung von Rittigkeit korrelieren.

Breza: Hier könnten wir auf z. B. Philippe Karl verweisen, dessen Lehre darauf abzielt, jedes Pferd rittig zu machen – unabhängig von Rasse, Qualität und Gangveranlagung. Denn auch ein Haflinger kann rittig sein. Nicht alles also ist unabänderlich vom Exterieur vorgegeben, eine korrekte Ausbildung kann viel verbessern.

Mayr: Zu den Spitzenpferden im Spitzensport möchte ich noch eines sagen: Viele Spitzenpferde sind in jungen Jahren nicht gerade rittig, da sie viel Temperament und Sensibilität mit sich bringen – das gute Durchschnittspferd mag da wesentlich leichter zu reiten sein.

Breza: Heute wird in die Masse der Durchschnittspferde, die bei der Zucht herauskommen, viel zu wenig Ausbildung hineingesteckt. Es gibt viele, die sagen: In das Pferd investiere ich keine Arbeit. Wenn ich zurückdenke, konnte ich früher mit so einem Pferd bei guter Ausbildung vorne mitmischen – heute geht das nicht mehr, aufgrund des großen Fortschrittes in der Zucht.

Aurich: Ich denke, dass man auf die Masse der Freizeitreiter mehr achtgeben sollte – in Zucht, Ausbildung und Vermarktung. Ich stelle mir oft die Frage, warum so viele in andere Sparten abgewandert sind – Barockpferdereiten, Westernreiten… Hier läuft die Warmblutzucht Gefahr, das Segment des Freizeitreiters, der ein einfach zu reitendes und unkompliziertes Pferd will, zu verlieren.

Druml: Wie wir gesehen haben, ist das Thema Rittigkeit und ihre Folgen für die Ausbildung von Pferd und Reiter ein sehr komplexes, das auch in Zukunft noch viel Diskussionsstoff bieten wird. In einem sind aber sich alle DiskussionsteilnehmerInnen einig: dass viele der heute gezüchteten Pferde von hoher Qualität sind und hoffentlich auch jene ReiterInnen und AusbilderInnen finden werden, die sie verdienen – das gilt auch für die große Masse der soliden Pferde der Mittelklasse. In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre Teilnahme und die rege Diskussion

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Der vollständige Experten-Talk zum Thema "Rittigkeit und ihre Folgen" ist in Heft 12/2011 der Pferderevue erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können diesen Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem neuen Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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