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23.01.2015

Gebisslos Dressurreiten

Auf der Suche nach einem anderen, besseren Weg zu Harmonie und gelungener Kommunikation mit dem Pferd versuchen vielen FreizeitreiterInnen ihr Glück mit einer gebisslosen Zäumung. Und stellen sich die Frage, ob damit auch eine Gymnastizierung im klassischen Sinn möglich ist.

Dressurreiten ist auch ohne Gebiss möglich - wenn man"s kann! © www.slawik.com
Dressurreiten ist auch ohne Gebiss möglich - wenn man"s kann!
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Zäumungen ohne Gebiss sind älter als jene mit Mundstück, doch sie waren bei weitem nicht so verbreitet. Im frühen Ägypten (um 2000 vor Christus) kamen Zaumzeuge mit einem tiefsitzenden Nasenriemen zum Einsatz, der bei Leinenzug auf den empfindlichen Nasenknorpel drückte und so die Atmung beeinträchtigte. Die Numider, ein Berbervolk aus der Antike, entwickelten den Halszügel, der durch Umlegen nach rechts oder links zum Lenken diente. Doch es dauerte nicht lange, bis der Mensch entdeckte, dass sich das Pferdemaul weit besser als Empfänger für Reitersignale eignet. Kein Wunder, befinden sich darin so viele hochsensible Nervenenden wie sonst kaum am Pferdekörper. Reize werden extrem rasch auf die (Kau-)Muskulatur übertragen, die darauf zehn bis 20 Mal so schnell reagiert wie die deutlich langsameren Muskeln des Bewegungsapparates.

Fremdkörper im Pferdemaul

Als der amerikanische Universitätsprofessor Dr. Robert Cook im Jahr 2000 die Ergebnisse einer über drei Jahre hinweg an 100 Pferden durchgeführten Studie der Öffentlichkeit präsentierte, erregte er damit weltweit großes Aufsehen in Reiterkreisen. Sein Fazit: Das Gebiss – egal welcher Art – bereitet dem Pferd Angst und Schmerzen und ist verantwortlich für zahlreiche Verhaltensstörungen wie beispielsweise Headshaking. Auch pathologische Veränderungen der Kieferknochen und Erkrankungen des Kauapparates seien unter Umständen darauf zurückzuführen. Zudem behindert es das Pferd eminent bei der Atmung, weil alleine die bloße Anwesenheit eines Gebisses im Pferdemaul aufgrund eines Reflexes den Speichelfluss sowie Zungenbewegungen auslöst und damit zur Beeinträchtigung der freien Atmung führt. Laut Cook entziehen sich erfahrene Pferde dieser Problematik, indem sie die Zungenwurzel zurückziehen, wodurch der Kehldeckel etwas steiler gedrückt wird und der Rachenraum sich insgesamt verengt. Speichel kann dann nicht mehr so leicht in die Luftröhre gelangen, doch zugleich wird der Luftweg eingeengt und damit die Sauerstoffversorgung des Pferdes vermindert. Keuchende Atemgeräusche und schäumende Mäuler bei Reitpferden sind in seinen Augen Ausdruck eines akuten Sauerstoffmangels. Mittlerweile haben Kritiker diese Ansichten insofern widerlegt, dass der beschriebene Schluckreflex nur dann ausgelöst wird, wenn das Pferd den aufgenommenen Futterbrocken in Richtung Kehle schiebt. Da dieser Vorgang allein durch das Vorhandensein eines Gebisses im Pferdemaul nicht ausgelöst wird, kommt es auch nicht zu dem von Cook erwähnten Verschluss der Luftröhre und damit zur Behinderung der Atmung. Zweifellos ist der gewaltsame und damit schmerzhafte Einsatz von Gebissen Grund für zahlreiche Probleme, doch der Verursacher ist in diesem Fall nicht das Gebiss per se, sondern der/die ReiterIn, der/die es falsch verwendet.

Auf der Suche nach Harmonie

Der Wunsch nach einer gebisslosen Kommunikation mit dem Pferd hat häufig ethisch-ideologische Hintergründe. Studien wie jene von Dr. Robert Cook lassen viele ReiterInnen darüber nachdenken, ob sich die Verwendung eines Gebisses überhaupt mit dem Tierschutz vereinbaren lässt. Und vor dem Hintergrund der negativen Auswüchse, die sowohl im Sport- als auch im Friezeitreiterbereich immer wieder zu beobachten sind, ist es nicht weiter verwunderlich, dass heute mehr denn je der Wunsch nach einer Beziehung aufkeimt, die nicht auf der Unterwerfung des vierbeinigen Partners durch Gewalt und Schmerz basiert. Dies gilt vor allem auch für BesitzerInnen bereits vorgeschädigter Pferde, die schlechte Erfahrungen mit dem Gebiss gemacht haben und derart trensensauer sind, dass an ein Reiten mit Gebiss nicht zu denken ist.

Aber auch  ReiterInnen, die sich selbst nicht in der Lage sehen, wirklich feinfühlig auf das Pferdemaul einzuwirken, begeben sich auf die Suche nach einer Alternative. Die vielen positiven Berichte von erfolgreichen Umstellungen machen Mut, selbst den Schritt zum gebisslosen Reiten zu wagen. Dabei hat sich längst gezeigt, dass Reiten ohne Lenkmodul im Maul funktioniert. Wurden früher gebisslose Zäumungen hauptsächlich zur Jungpferdeausbildung oder zum Longieren verwendet, wird heute vor allem von Wander- und DistanzreiterInnen gerne darauf zurückgegriffen, und in der klassischen Westernreiterei kommen während des Zahnwechsels zumindest phasenweise gebisslose Zäumungen zum Einsatz.

Hinzu kommt, dass die Zahl der anspruchsvollen FreizeitreiterInnen, die ernsthaftes Interesse an der gebisslosen Dressurausbildung des Pferdepartners haben, in den vergangenen Jahrzehnten stetig angewachsen ist. Nicht nur sie möchten Spaß mit dem Pferd haben, auch der Vierbeiner soll die gemeinsamen Stunden – auch in der Reitbahn – genießen können. Aber ist korrekte und gymnastisch wertvolle Arbeit ohne Mundstück überhaupt möglich
Beim Westernreiten ist das gebisslose Bosal traditionell die Überganszäumung zwischen Trense (Snaffle) und Bit (Kandare), die meist in der Zeit des Zahnwechsels zum Einsatz kommt. © Farah-Diba - Fotolia.com
Beim Westernreiten ist das gebisslose Bosal traditionell die Überganszäumung zwischen Trense (Snaffle) und Bit (Kandare), die meist in der Zeit des Zahnwechsels zum Einsatz kommt.
© Farah-Diba - Fotolia.com

Die Krux mit der Anlehnung

Einer der Grundbausteine der Dressurausbildung ist die korrekte Anlehnung. Die offizielle Lehre versteht unter diesem Begriff eine stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd soll die Anlehnung an das Gebiss von sich aus suchen und damit an die Hand des Reiters herantreten. Dies soll dem Pferd helfen, sein natürliches Gleichgewicht unter dem wiederzufinden und sich im Takt der verschiedenen Gangarten auszubalancieren. Wem Gebiss und Pferdemaul zur Überprüfung der Anlehnung fehlen, muss sich auf andere Indizien verlassen, um festzustellen, ob sein Pferd über den Rücken geht oder nicht. Der „lose Pferderücken“ ist spätestens seit den Vorträgen von Veterinär Dr. Gerd Heuschmann in aller Munde. Dabei handelt es sich um einen optisch oft gar nicht so leicht erkennbaren Zustand, bei dem das Pferd den Reiter ohne aktives Anspannen der Rückenmuskulatur und ohne nennenswert gespanntes Rücken-Nackenband trägt. Die Hauptlast wird dann passiv vom Knochengerüst und der sogenannten unteren Verspannung der Wirbelbrücke getragen. Je nach Grundgebäude des Pferdes – ob es einen kurzen, starken Rücken oder einen langen, schwachen hat –, kann man ein Pferd über eine kurze Zeit hinweg durchaus auch mit losem Rücken reiten, ohne dass es Schaden davonträgt. Doch wer sein Pferd gymnastisch sinnvoll arbeiten möchte, wird langfristig danach trachten müssen, dass sich sein Pferd mit aktivem Rücken unter dem Sattel bewegt.

Dazu muss der Reiter in erster Linie in der Lage sein, das Pferd in die Dehnungshaltung zu schicken, wobei Zug auf das Rücken-Nackenband, die Nackenplatte und die obere Halsmuskulatur entsteht. Dies sorgt in Zusammenarbeit mit der aktiv tretenden Hinterhand dafür, dass sich der Rücken hebt. Ein Pferd zum Senken des Halses zu veranlassen, stellt in der Regel kein außergewöhnlich großes Problem dar. Doch selbst wenn sich so zumindest ein Teil der Oberlinie dehnen lässt, ist damit erst der halbe Weg zurückgelegt, denn das tiefe Einstellen des Pferdehalses bewirkt auch eine vermehrte Lastverschiebung in Richtung Vorhand. Das wirkt sich auf Dauer nicht nur ungünstig auf die Vorderbeine des Pferdes aus, sondern macht es auch unmöglich, höhere Lektionen zu reiten, für die eine Schwerpunktverlagerung Richtung Hinterhand vonnöten ist.

Die korrekte Dehnung ist laut Richtlinien deshalb nur möglich, wenn treibende und verhaltende Hilfen perfekt aufeinander abgestimmt sind. Das Pferd sucht die Reiterhand – es geht am Zügel. Die Dehnungsbereitschaft muss immer vorhanden sein. Gibt der Reiter die Hand vor, folgt das Pferd und spannt den Zügel von sich aus wieder neu, ohne dabei eiliger zu werden oder den Takt zu verlieren. Lässt sich das Pferd dann auch noch gleichsam stufenlos einstellen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es seinen Rücken korrekt gebraucht.

Ein weiteres Kriterium für die korrekte Anlehnung ist das sogenannte „Abstoßen vom Gebiss“. Dabei entspannt und lockert das Pferd die Kaumuskulatur, das Gebiss liegt auf der Zunge, aber klemmt diese nicht ein. Es ist ein Loslassen des Unterkiefers auf Einwirkung der Hand. Dem entspannten Pferdemaul wird – zumindest in der Theorie – eine große Bedeutung beigemessen, denn der ruhig kauende Unterkiefer trägt maßgeblich zur Entspannung der Halsmuskulatur bei und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Losgelassenheit des Pferdes
Bei leichter Anlehnung ist auch in der gebisslosen Dressurausbildung ein Spannungsbogen mit aufgewölbtem Rücken und aktiv tretender Hinterhand möglich. © Archiv
Bei leichter Anlehnung ist auch in der gebisslosen Dressurausbildung ein Spannungsbogen mit aufgewölbtem Rücken und aktiv tretender Hinterhand möglich.
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Kommunikation mit Wackelkontakt

Für eine Anlehnung im klassischen Sinn bedarf es also einer stetigen Kommunikation zwischen Reiterhand und Pferd. Als wäre die Erarbeitung der Anlehnung nicht schon knifflig genug, kommt beim gebisslosen Reiten noch erschwerend hinzu, dass die meisten Zäumungen gar nicht für einen ständigen Kontakt ausgelegt sind. Anders als bei herkömmlichen Zäumungen werden sie nur impulsartig eingesetzt. Das hat einen guten Grund, denn die Pferdenase ist deutlich unempfindlicher als das Maul, eine konstante Anlehnung verleitet das Pferd deshalb eher zum Abstützen seines Kopfes – und verhindert dadurch die korrekte Balance.

„Die gebisslose Zäumung verwende ich mit kurzen Signalen, also keinem beständigem Kontakt. Dabei gelingt es mehr oder weniger gut, das Pferd in den Grundgangarten auszubilden. Aber schon Handwechsel, Übergänge und Seitengänge werden – zeitlich gesehen – viel aufwendiger oder eben ohne das An-die-Hand- Stellen geritten. Deshalb arbeite ich im weiteren Übergangsstadium mit Trense und Lindel in Kombination und führe so die Trense nach und nach ein“, meint Bea Borelle, lizenzierte TT.E.A.M.-Trainerin und Ausbilderin der Schule der Légèreté, die gebisslose Zäumungen vornehmlich zum Anreiten junger Pferde verwendet. Ungeachtet aller Schwierigkeiten kann und sollte auch bei der gebisslosen Dressurausbildung eine leichte, aber stete Anlehnung zugunsten eines Spannungsbogens mit aufgewölbtem Rücken und aktiver Hinterhand angestrebt werden.

Was tun, wenn’s klemmt?

Zwar sorgen harte, ungenau eingesetzte Paraden oder beständiger Zug am Gebiss schnell für Verspannungen im Pferdekörper, richtig eingesetzt kann der gefühlvolle Reiter durch korrekte Zügelhilfen jedoch auch Spannungszustände im Pferd über das Lockern des Unterkiefers auflösen – eine Hilfe, auf die man beim gebisslosen Reiten verzichten muss. Eine weitere, häufig gebrauchte Variante, die sich beim Reiten ohne Gebiss nur im begrenzten Ausmaß bewerkstelligen lässt, ist das „Einspannen“ des Pferdes zwischen den Hilfen. Dabei wird die Anlehnung bei vermehrten Treiben intensiviert, was beim Pferd verstärkt den Wunsch nach einer Dehnungshaltung auslöst. Markus und Andrea Eschbach, Autoren des Buches „Reiten so frei wie möglich“ begegnen dem Festmachen des Pferdes mit häufigem Wechsel zwischen An- und Entspannen. „Das ist alle ein bis zwei Minuten oder öfter der Fall und kann in Form einer aktiv abgerufenen Dehnhaltung bei gleichbleibend aktiver Hinterhand sein. Auch häufiges Überstreichen hilft, ein Festmachen oder übermäßige Spannung abzubauen“, wissen die Experten für gebissloses Reiten.
Viele gebisslose Zäumungen stoßen an ihre Grenzen, wenn es um das Verlängern der Oberlinie bzw. die Optimierung der Beizäumung in der Versammlung geht. © Archiv
Viele gebisslose Zäumungen stoßen an ihre Grenzen, wenn es um das Verlängern der Oberlinie bzw. die Optimierung der Beizäumung in der Versammlung geht.
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Macht sich das Pferd fest, bleibt dem Reiter ohne Kommunikationsmittel im Maul meistens nur der Weg über die Biegung. Erfinderin des LG-Zaums und Autorin des Buches „Anspruchsvoll gebisslos Reiten mit dem LGZaum“, Monika Lehmenkühler, geht in diesem Fall so vor: „Um das Pferd unabhängig vom inneren Zügel und leicht in der Hand zu machen, setze ich auch einmal einen Arrêt ein, und zwar in der Abfolge „Stellen – Nachgeben – Schenkel“. All dies geschieht in der Bewegung, und ganz wichtig ist, dass der innere Zügel sofort wieder nachgibt und gleichzeitig das innere Bein zum äußeren Zügel hin treibt. Arrêts sind auch ein sehr gutes Mittel, wenn Pferde in Übergängen oder Paraden dazu neigen, zu viel Anlehnung an die Hand zu suchen. Nur ein Pferd, das wirklich leicht in der Hand ist, wird gute Übergänge zeigen und bei Paraden nicht auf die Vorhand kommen.“

Auch hinsichtlich der Präzision in der Einwirkung haben gebisslose Zäumungen gegenüber den Varianten mit Mundstück in den meisten Fällen das Nachsehen. Je nach Wirkung auf Laden, Zunge, Maulwinkel – und bei Gebissen mit Hebel zusätzlich noch die Kinngrube und das Genick – erhält das Pferd sehr differenzierte Signale, die ihm mitteilen ob es sich verhalten, biegen, dehnen oder beizäumen soll. Gebisslose Zäumungen wirken häufig schwammiger und sind dadurch weniger präzise. Exakte und perfekt abgestimmte Gewichts-, Sitz- und Schenkelhilfen müssen dieses Manko ausgleichen. Dass die genannten Probleme nicht nur für HobbyreiterInnen bestehen, sondern mitunter auch versierte Profis betreffen, die über langjährige Erfahrung und ein breites Hilfenrepertoire verfügen, bestätigt Bea Borelle: „Ich habe eine Ponystute, die unentwegt erklärt, dass sie lieber gebisslos geritten werden möchte. Tue ich das, ist es sehr viel zeitaufwendiger, sie zu entspannen. Ich kann oftmals gar nicht da ankommen, wo ich hin will (Anm.: bezogen auf die Lektionen), weil ich erheblich mehr Zeit zum Konditionieren der Abläufe benötige. Hat dieselbe Stute auf Trense eine Lektion verstanden und akzeptiert und ist sie auf Grund der Wiederholung dazu befähigt, dann fühle ich sofort, warum ich darauf bestanden habe, mit Trense zu reiten: es entsteht ein leichter, wunderschöner Kontakt zur Hand in einer Trabtraversale oder im versammelten Galopp.“

Damit auch das gebisslos gerittene Pferd sicher weiß, was es wann zu tun hat, ist eine besonders gründliche und damit sehr zeitintensive Schulung auf die Hilfen vonnöten. Alle Signale, die der Mensch dem Pferd über die weniger sensible Pferdenase vermittelt, müssen perfekt konditioniert sein, damit der Reiter im Korrekturfall nicht das Nachsehen hat. Dabei ist es besonders hilfreich, wenn das Pferd bereits durch vorangegangene Arbeit vom Boden aus mit der Wirkungsweise der Zäumung gründlich vertraut gemacht worden ist. Vor allem die Arbeit an der Hand, mit deren Hilfe nahezu jede Lektion, die das Pferd später unter dem Reiter ausführen soll, erarbeitet werden kann, ist in solchen Fällen von großem Nutzen. Derart vorbereitet, lässt sich das Pferd später auch gebisslos bis zur Versammlung fördern. „Die intensive, Schritt für Schritt aufbauende Arbeit am Boden ist für uns ein wesentlicher Bestandteil des Reitens. Eigentlich macht es das Reiten erst möglich. Alles, was wir am Boden erarbeitet haben, ist nachher im Sattel viel leichter umsetzbar“, wissen auch Markus und Andrea Eschbach.
Beim gebisslos ausgebildeten Pferd spielt die gewissenhafte Schulung der Hilfen vom Boden aus eine besonders große Rolle. © Archiv
Beim gebisslos ausgebildeten Pferd spielt die gewissenhafte Schulung der Hilfen vom Boden aus eine besonders große Rolle.
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Nicht für jedes Pferd

Jean-Claude Dysli, der große Altmeister des Westernreitens, sagte eins: „Jedes Bosal ist für ein Pferd, aber nicht jedes Pferd ist ein Bosal-Pferd“. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich sensible und feinfühlige Pferde, die bereits von sich aus eine ordentliche Portion Arbeitswillen mitbringen, besser zur gebisslosen Gymnastizierung eignen, als dickfellige Exemplare, die eher auf der faulen Seite zu Hause sind. In solchen Fällen kann und muss alles über die Motivation des Pferdes mit Hilfe der positiven Verstärkung erreicht werden, denn eines ist klar: zwingen lässt sich ein Pferd mit einer gebisslosen Zäumung (mit Ausnahme der mechanischen Hackamore, die sich aber nicht für die Dressurarbeit eignet) zu gar nichts. Umso mehr muss der ReiterIn darauf bedacht sein, nie in die Situation zu kommen, in der das Pferd nicht mehr mitspielt und auf stur schaltet.

Der umgekehrte Weg, nämlich ein bereits ausgebildetes Pferd auch gebisslos zu reiten, ist dagegen mit deutlich weniger Aufwand verbunden und kann für Pferd und Reiter eine Bereicherung des Trainingsalltages werden. Eine Erfahrung, die auch die deutsche Dressurreiterin und Olympiamedaillengewinnerin Heike Kemmer teilt: „Ich benutze sehr gerne den LG-Zaum, um meine Vierbeiner in den Turnierpausen locker zu reiten. Sie zeigen sich dabei stets unter Kontrolle und frisch und fröhlich bei der Sache. Auch zu Beginn des dann wieder intensiver werdenden Trainings nutze ich ihn, da damit gerade bei gut gymnastizierten Sportlern auch eine gezielte Einwirkung möglich ist. Besonders mein Bonaparte liebt diesen gebisslosen Zaum sehr und genießt die ,metallfreie‘ Zeit zwischen den Turnieren – auch, um beim Schrittreiten im Gelände ganz genüsslich das eine oder andere Büschel Gras störungsfrei und bequem kauen zu können.“
Reiten in völliger Freiheit – die Krone der gebisslosen Reiterei. Die Kommunikation erfolgt nur noch über Sitz- und Schenkelhilfen. Ausbilden lässt sich ein Pferd so allerdings nicht. © www.slawik.com
Reiten in völliger Freiheit – die Krone der gebisslosen Reiterei. Die Kommunikation erfolgt nur noch über Sitz- und Schenkelhilfen. Ausbilden lässt sich ein Pferd so allerdings nicht.
© www.slawik.com

Zeitaufwendig, aber möglich

Um ein Pferd gut und fein dressurmäßig auszubilden, bedarf es einer Menge an Talent, Wissen, Gefühl und Zeit – ganz gleich, ob nun mit Gebiss oder ohne. Wer sich für die gebisslose Variante entscheidet, muss sich dessen bewusst sein, dass es von allem etwas mehr braucht, und dass er im Korrekturfall immer weniger Möglichkeiten zur Verfügung hat als ein Reiter, der auf das sensiblere Pferdemaul einwirken kann. Deswegen hängt die Entscheidung, ob eine Dressurausbildung auch ohne Gebiss möglich ist, immer sehr stark von der jeweiligen Pferd-Reiter- Kombination ab. Wenn der Reiter bewusst darauf achtet, dass das Pferd die gebisslose Zäumung nicht als fünftes Bein zum Ausbalancieren nutzt, sich ruhig, losgelassen und im Takt vorwärtsbewegt, wird er auch in der Lage sein, den Pferderücken optimal zum Schwingen zu bringen. Sich mit festgehaltenem Rücken durch Pseudo-Seitengänge zu manövrieren hat wenig gymnastischen Wert und wird auf die Dauer zu keinen befriedigenden Ergebnissen führen.

Klar ist auch, dass das Reiten ohne Gebiss kein Persilschein für schlechte oder unsensible Handeinwirkung ist, denn man kann ein Pferd durchaus auch „nasensauer“ reiten und ihm damit die Lust an der Dressur verleiden. Schlechtes Reiten bleibt eben schlechtes Reiten – mit und ohne Gebiss. Mit der richtigen Vorbereitung und einer Extraportion Engagement und Leidenschaft wird der ambitionierte Reiter sein Pferd aber auch ohne Mundstück sinnvoll gymnastizieren können.
Zufriedenes Pferd, zufriedene Reiterin: So macht Dressurreiten Spaß! © www.slawik.com
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