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30.04.2015

Grünes Gift: Risikostoff Fruktan

Fruktan macht Gras süß und Pferde krank, wenn sie es in zu großen Mengen zu sich nehmen. Doch wann ist der Fruktangehalt niedrig, und wann grasen Pferde sicher?

Auf den heutigen Weiden mit ihren Hochleistungsgräsern drohen Pferden - vor allem im Frühjahr - gesundheitliche Gefahren. Wer diese kennt, kann seinen Pferden einen risikoarmen Weideaufenthalt bieten. © www.slawik.com
Auf den heutigen Weiden mit ihren Hochleistungsgräsern drohen Pferden - vor allem im Frühjahr - gesundheitliche Gefahren. Wer diese kennt, kann seinen Pferden einen risikoarmen Weideaufenthalt bieten.
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Gerade im Frühjahr mit seinen schwankenden Temperaturen kann es gehäuft zu Erkrankungen beim Pferd kommen, die in Zusammenhang mit dem Weidegang stehen. War es früher ein hoher Eiweißgehalt, den man als Hauptauslöser für Hufrehe und Co in Verdacht hatte, wird heute vor allem der Fruchtzucker Fruktan als problematisch angesehen.

Süßer Problemstoff

Bei der Photosynthese entwickeln Grünpflanzen den Grundnahrungsstoff Glukose (Traubenzucker). Daneben bilden sich in vielen Gräsern weitere Zuckerarten, die jeweils unterschiedliche Aufgaben wie die Versorgung und Bevorratung von Energie, Schutz gegen Dürre, Trockenheit und Frost erfüllen. Eine solche Zuckerart bzw. abgewandelte Form ist das Fruktan, ein langkettiges, wasserlösliches Zuckermolekül, das vom Gras gespeichert wird, wenn ein Überschuss an Energie vorhanden ist.

Fruktan macht etwa die Hälfte des Gesamtzuckers im Gras aus und ist nicht nur dafür verantwortlich, dass Pferde dick werden – im Übermaß aufgenommen kann es auch Hufrehe auslösen. Im Unterschied zu Reheschüben, die durch eine Hormonstörung wie etwa einem hohen Insulinspiegel bzw. Insulinresistenz, bei EMS, ECD und Diabetes verursacht werden, ist die sogenannte Grasrehe vornehmlich einer erhöhten Aufnahme von Fruktan geschuldet: Die erhöhte Aufnahme des Vielfachzuckers bewirkt eine Übersäuerung des Darminhalts und damit ein massenhaftes Absterben nützlicher Mikroben. In weiterer Folge bilden sich körpereigene Gifte (Endotoxine), die über die Darmwand in den Blutkreislauf gelangen und in den fein verzweigten Kapillaren der Huflederhaut die Entzündung (Laminitis) auslösen. Besonders leichtfuttrige, dickleibige und bereits vorgeschädigte Pferde gelten hier als Risikopatienten.
Vor allem übergewichtige Pferde und solche mit bestehenden Stoffwechselproblemen reagieren besonders empfindlich auf Fruktan. © www.slawik.com
Bei der sogenannten Grasrehe gelangt der Vielfachzucker weitgehend unverdaut in den Dickdarm, wo er durch Übersäuerung des Darminhalts ein massenhaftes Absterben nützlicher Mikroben bewirkt. Als Folge bilden sich körpereigene Gifte, die über die Darmwand in den Blutkreislauf gelangen und in den fein verzweigten Kapillaren der Huflederhaut eine Entzündung auslösen. Vor allem übergewichtige Pferde und solche mit bestehenden Stoffwechselproblemen zählen zur Risikogruppe.
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Große Schwankungsbreiten

Aufschlussreiche Erkenntnisse über den Anteil von Fruktanen im Weidegras brachte eine Studie des Institutes für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover. Dabei zeigte sich, dass der Fruktangehalt im Gras im Verlauf der Weidesaison zum Teil beträchtlich variiert, mit höheren Werten im Frühjahr und Herbst und niedrigeren in den Sommermonaten. Doch auch innerhalb eines Monats ergaben die Untersuchungen teils gravierende Unterschiede der Fruktanwerte. So wurde zum Beispiel im Monat September ein minimaler Fruktangehalt von 10,6 g/kg Trockensubstanz (TS) und ein Maximalwert von 81,6 g/kg TS beobachtet.

Derartige Spitzenwerte zeigten sich vor allem dann, wenn viel Sonnenlicht auf das Gras einwirkte, gleichzeitig aber die für das Wachstum unentbehrliche Wärme fehlte. Mit steigenden Temperaturen verringerte sich der Fruktangehalt.

Der Problemstoff Fruktan wird von Gräsern auch dann vermehrt gespeichert, wenn die Pferde sie ständig abfressen und kurz halten oder wenn die Weide zu Pflegemaßnahmen regelmäßig abgemäht wird. In diesen Fällen stehen die Gräser unter Stress und speichern Energie in Form von Fruktan. Kann die Pflanze ungehindert wachsen sinkt durch die dafür benötigte Energie auch der Fruktangehalt.

Düngen in Maßen gut

Interessante Ergebnisse lieferte die Studie der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) hinsichtlich der Wechselwirkung zwischen Fruktangehalt und Düngeroutine. Weiden, die regelmäßig mit stickstoffhaltigem Dünger versorgt wurden, wiesen niedrigere Gehalte des Fruchtzuckers auf als extensiv gedüngte. Dieser Umstand liegt darin begründet, dass die heute sehr weit verbreiteten energie- und zuckerreichen Hochleistungsgräser wie Wiesenschwingel oder Deutsches Weidelgras nur auf nährstoffreichen Böden gedeihen können. Bei Nährstoffmangel reagieren sie mit Stress - und einer vermehrten Produktion von Fruktan. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn zugleich nötige Feuchtigkeit fehlt. Auf Weiden mit einem hohen Anteil an Weidelgras und Wiesenschwingel wird deshalb eine moderate Stickstoffdüngung (dreimal pro Jahr) empfohlen. Ein gänzlicher Düngeverzicht ist hingegen kontraproduktiv.
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Auf den Pferdeweiden finden sich heute vorwiegend energie- und zuckerreiche Hochleistungsgräser, die auf Resistenz und Wachstum gezüchtet sind und mit den einstigen Magergräsern nicht mehr viel gemeinsam haben.
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Fruktan: Schreckgespenst oder echte Gefahr?

Das „Institut of Grasland and Environmental Research“ (IGER) in Wales wies nach, dass die Aufnahme von 7,5 Gramm Fruktan pro Kilogramm Lebendgewicht bei gesunden Pferden ausnahmslos binnen zwei Tagen zu Hufrehe führt. Dies entspricht einer Menge von etwa 3,5 Kilogramm für ein 500 kg schweres Pferd.

Ein durchschnittlich großes Pferd nimmt täglich etwa 30 kg Frischgras zu sich. Bei einem im Mai maximal gemessenem Fruktanwert (80 g/kg TS) ergibt dies eine Aufnahme von etwa 480 Gramm Fruktan. Dies entspricht jedoch nur etwa 15 Prozent der problematischen Menge für ein gesundes Pferd. Allerdings gibt es – soweit dies recherchierbar war – keine Angaben über die Menge von Fruktan, welche die Erkrankung bei hufrehegefährdeten Pferden wie etwa fettleibigen Exemplaren, Pferden mit gestörtem Glukosestoffwechsel, EMS, Diabetes oder Cushing, auslöst. Hier liegt die Vermutung nahe, dass bei diesen Risikogruppen bereits wesentlich geringere Mengen Fruktan Hufrehe auslösen können.

Die Erkenntnisse, die aus der Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover gewonnen wurden, legen den Schluss nahe, dass der Fruktangehalt im Weidegras allein kein sicherer Parameter für die Auslösung von Hufrehe sein muss. In den meisten Fällen ist es vor allem eine Kombination aus verschiedenen ungünstigen Faktoren, die den Weidegang zu Gesundheitsrisiko werden lässt. So erhöhen in Symbiose mit dem Gras lebende Schimmelpilzgifte die Gefahr einer Erkrankung massiv. 
 

Fruktane auch im Heu

Lange Zeit ging man davon aus, dass Fruktan in erster Linie über frisches Gras in das Pferd gelangt. Untersuchungen von 15 Heusorten des „Grasforschungsinstituts Rocky Mountain Research and Consulting in Colorado (Kathryn Watts)“ in den USA ergaben jedoch, dass neben den vom Pferd ohne weiteres gut zu verdauenden Einfach- und Zweifachzuckern im Heu auch hohe Anteile von Fruktan vorhanden sind. Dabei entspricht der Anteil des Fruktans in einigen Heusorten fast 80 % von dem in der frischen Struktur (Gras). Kathryn Watts fand bei ihren Untersuchungen heraus, dass durch vorheriges Wässern durch sehr warmes bis heißes Wasser fast alle Zuckermoleküle aus dem Heu herausgewaschen werden könnten, besonders der sehr wasserlösliche Mehrfachzucker Fruktan. Das Heu sollte allerdings mindestens 30 Minuten im warmen/heißen Wasser baden. Aber Vorsicht: Die Regel viel hilft viel gilt hier nur bedingt. Wird Heu über mehrer Stunden eingewicht, kann es zu einer explosionsartigen Vermehrung schädlicher Bakterien kommen!

Sicher Grasen

Doch wann kann man sein Pferd denn nun bedenkenlos auf die Weide lassen? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage ist, wie so oft, nicht möglich, zumal sie sehr stark vom jeweiligen Individuum abhängig ist. Durch einige Vorkehrungen kann das Risiko einer Grasrehe und aller damit einhergehenden Folgen jedoch deutlich minimiert werden:
  • An warmen, sonnigen Tagen, die auf eine kalte Nacht folgen, sollte der Weidegang auf den Nachmittag verlegt werden.
  • Weiden mit fruktanarmen Gräserarten, wie Wiesenlieschgras oder Rotschwingel verringern das Hufreherisiko. Das gilt ganz besonders für leichtfuttrige Pferde und solche mit Übergewicht.
  • Bei gefährdeten Pferden kann eine Fressbremse die Grasaufnahme deutlich verringern und damit das Risiko einer Grasrehe erheblich minimieren. Verkürzten Weidezeiten begegnen die Pferde hingegen mit einer erhöhten Fresslust und dadurch einer im Durchschnitt höheren Grasaufnahme.
  • Eine Überweidung sollte weitgehend vermieden werden um einer Stressgrasbildung mit vermehrter Fruktananreicherung zu verhindern. Abgegrasten Weideflächen sollte ausreichend Zeit zur Erholung geben werden.
  • Wer im Verhältnis zum Pferdebestand nur über wenig Grünfläche verfügt, sollte diese in mehrere Parzellen unterteilen. Die Empfehlung für intensiver beweidete Flächen lautet: Kurze Fress- und lange Ruhephasen.
  • Verzichten Sie während dem Anweiden und fruktanreichen Zeiten insbesondere im Frühjahr und Herbst auf die Zufütterung von stärkereichem Kraftfutter.
  • Eine drei mal im Jahr durchgeführte moderate Stickstoffdüngung hilft, den Fruktangehalt in Maßen zu halten.
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