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04.05.2016

Hengsthaltung: Mit wenig Aufwand zum glücklicheren Hengst

Pferde benötigen ausreichend Beschäftigung, freien Auslauf und Kontakte zu Artgenossen. Das gilt auch für Hengste. Dennoch fristen viele von ihnen ein wenig artgerechtes Dasein hinter Gittern in Einzelhaltung. Wie sich das Leben von Reit- und Zuchthengsten mit einfachen Mitteln verbessern lässt, zeigt ein Schweizer Forschungsprojekt.

Wie alle anderen Pferde haben auch Hengste das Bedürfnis nach sozialem Kontakt zu Artgenossen. © www.slawik.com
Wie alle anderen Pferde haben auch Hengste das Bedürfnis nach sozialem Kontakt zu Artgenossen.
© www.slawik.com
Die artgerechte Haltung von Pferden ist ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Von diesem positiven Trend weitgehend unbehelligt scheint derweilen die Haltung von Hengsten zu sein. Eine 2010 durchgeführte Untersuchung zu „Haltung, Management, Verhalten und Handling von Vollblutaraberhengsten“ an der deutschen Universität Kassel ergab ein trauriges Bild: Trotz der zunehmenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über tiergerechte Haltungsformen für Pferde „scheinen in der Hengsthaltung noch traditionelle restriktive Haltungsformen zu überwiegen“. Hierzu wurden 29 Hengsthalter befragt, inwieweit alternative Haltungsformen praktiziert werden und wie sich diese auf das Verhalten der insgesamt 79 untersuchten Hengste gegenüber dem Menschen und anderen Pferden auswirken. Dabei wurden die Haltungsbedingungen und das Verhalten der Tiere erfasst und klassifiziert, von einfachem bis sehr schwierigem Handling. Etwa 70 Prozent der Hengste wurden ausschließlich einzeln gehalten, und die Hälfte von ihnen wies gleichzeitig „unerwünschte Verhaltensweisen“ auf. Der andere Teil der Hengste mit der Möglichkeit, Sozialkontakte auszuüben und sich frei zu bewegen, zeigte dagegen eher erwünschte Verhaltensweisen.
Ein häufiges Bild insbesondere in der Hengsthaltung: Einzelhaft mit nur minimalem oder gar gänzlich ohne Kontakt zu Artgenossen © Christophe Fouquin - fotolia.com
Ein häufiges Bild insbesondere in der Hengsthaltung: Einzelhaft mit nur minimalem oder gar gänzlich ohne Kontakt zu Artgenossen
© Christophe Fouquin - fotolia.com

Herausforderung Hengsthaltung

Freilich: Die Gruppenhaltung von Hengsten ist kein Kinderspiel. In der Tat benötigt es eine Menge an Fachkenntnis, Wissen, Erfahrung und die entsprechenden Rahmenbedingungen, um Hengsten ein artgerechtes Leben zu ermöglichen. Entscheidendes Kriterium in diesem Zusammenhang ist vor allem jede Menge Platz. Doch gerade dieser Punkt gilt in vielen Pferdehaltungsbetrieben als Mangelware.

Doch es muss nicht immer gleich Offenstallhaltung sein. Auch in der konventionellen Boxenhaltung bietet sich Optimierungspotential, das das Wohlbefinden von Hengsten entscheidend verbessern kann. Das zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt des Schweizer Nationalgestüts Avenches.

Dort werden fünf Gruppen mit jeweils acht Hengsten des Nationalgestütes in speziellen Versuchsboxen gehalten. Diese unterscheiden sich von konventionellen Standardboxen durch ihre Trennwände. Diese bestehen in der vorderen Hälfte aus einem vollständig (blickdicht) geschlossenen Teil, während die hintere Hälfte mit im Abstand von 30 cm vertikal angeordneten und bis zum Boden reichenden Gitterstäben versehen ist, die ausgiebigen Sozialkontakt zulassen: Spielen und Fellkraulen sind hier ebenso möglich wie gemeinsames Fressen. Wer Ruhe von seinem Boxennachbarn haben möchte, zieht sich hinter den geschlossenen Teil zurück.
Dank spezieller Trennwände ermöglichen die Sozialboxen Interaktionen mit intensivem Körperkontakt. © Agroscope
Dank spezieller Trennwände ermöglichen die Sozialboxen Interaktionen mit intensivem Körperkontakt.
© Agroscope
Die Erwartung, dass sich die Hengste dank dieses zusätzlichen Freiraumes selbst bzw. gegenseitig vermehrt verletzen könnten, bestätigte sich nicht. Bis auf Haarverluste, leichte Kratzer oder kleine Schürfwunden mit Krustenbildung als höchster beobachteter Schweregrad, kam es in dem mehrjährigen Versuch nie zu Verletzungen. Zu keiner Zeit war eine tierärztliche Behandlung nötig. Den Großteil der Blessuren zogen sich die Pferde oberhalb der Augen beim schnellen Zurückziehen des Kopfes durch die Stangen zu.

Gleichzeitig verzehnfachte sich die Zeit der sozialen Interaktion gegenüber herkömmlichen Boxen. Typisches Hengstverhalten konnte vor allem während der ersten zwei Stunden der Eingewöhnung beobachtet werden. Doch nachdem sich die Hengste an ihre neuen Nachbarn gewöhnt hatten, kehrte bald Ruhe ein und der erweiterte Freiraum wurde vornehmlich zum Spielen oder gemeinsamen Fressen genutzt.

“Soziale Isolation hat negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Pferde und kann zu Verhaltensstörungen und Aggressionen gegenüber dem Menschen führen. Das gilt insbesondere auch für Hengste“, sagte Anja Zollinger vom Schweizer Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt Agroscope, die ihre Untersuchungsergebnisse im Rahmen des 42. französischen Pferdewissenschaftssymposiums in Paris vorstellte. „Es ist wichtig Wege zu finden, wie man das Leben von Zuchthengsten innerhalb der üblichen Haltungssysteme verbessern kann, ohne sie und andere einem erhöhten Verletzungsrisiko auszusetzen.“  

Die Sozialboxen, wie sie am Schweizer Nationalgestüt Avenches zum Einsatz kommen, seien eine erhebliche Verbesserung gegenüber der herkömmlichen, wenig artgerechten Boxenhaltung, ist Zollinger überzeugt. Und das gilt nicht nur für Hengste, sondern alle Pferde.

ps
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