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01.03.2012

Imprinting: Sinn oder Unsinn?

Beim Imprinting werden Fohlen sofort nach der Geburt auf ihr zukünftiges Leben als Reitpferd vorbereitet. Das Erziehungs-Konzept ist allerdings nicht unumstritten.

Beim Imprinting wird das neugeborene Fohlen unmittelbar nach der Geburt in einer einstündigen Prozedur mit allen Dingen bekanntgemacht, die ihm im späteren Leben einmal unterkommen können. © Nadine Hase - fotolia.com
Beim Imprinting wird das neugeborene Fohlen unmittelbar nach der Geburt in einer einstündigen Prozedur mit allen Dingen bekanntgemacht, die ihm im späteren Leben einmal unterkommen können. Auf diese Weise soll der angeborene Fluchtreflex von vornherein ausgeschaltet und das Fohlen an den Menschen gebunden werden.
© Nadine Hase - fotolia.com
Es ist wieder soweit: Die Fohlen kommen zur Welt, und jeder hätte gern das perfekte und vor allem menschenbezogene Pferdekind. Schließlich ist ein Pferd, das dem Menschen vertraut und seine Nähe sucht statt scheut, in der Ausbildung hundertmal einfacher als ein Wildfang.

Imprinting soll dies schon ganz früh möglich machen. Beim Imprinting (engl. für Prägen) – einer Methode, die aus den USA kommt – wird das neugeborene Fohlen unmittelbar nach der Geburt in einer einstündigen Prozedur mit allen Dingen bekanntgemacht, die ihm im späteren Leben einmal unterkommen können. Die Kopf-Hals-Partie sowie sämtliche Gelenke werden gebogen, liegend lernt das Neugeborene auch gleich das Rascheln von Plastiksäcken oder das Surren einer Schermaschine kennen. Auf die Hufe zu klatschen simuliert den späteren Besuch beim Schmied. Mit einem Plastikhanschuh und Vaseline werden Rektal- oder Vaginaluntersuchungen geübt. Versucht das Fohlen aufzustehen, wird es daran gehindert. Erst nach diesem "Mammut-Programm" darf es erstmals aufstehen und bei seiner Mutter trinken. Durch diese frühe Form der intensiven Berührung soll bereits das Fohlen auf den Menschen „geprägt“ werden und danach – so die Theorie – ein positives Verhältnis zum Menschen und seinen Berührungen abgespeichert haben.

Anleihe bei Konrad Lorenz

Die Methode leitet sich von der Prägungstheorie her, die allerdings im wesentlichen bei Vögeln erforscht wurde. Die entscheidende Prägung bei Küken geschieht häufig schon im ersten Moment nach dem Schlüpfen - es wird dabei auf das Lebewesen geprägt, das es als erstes sieht (egal welcher Spezies dieses Lebewesen angehört). Allerdings sind Pferde keine Vögel. Ob die gute Absicht hinter dem Imprinting auch die gewünschten Erfolge bringt, darf bezweifelt werden. Erstens entsteht die soziale Bindung zur eigenen Mutter nicht durch bloße Berührung – so spielen zum Beispiel Pheromone oder das Sozialverhalten eine große Rolle. Und dann besteht ein Unterschied zwischen dem behutsamen Beschnuppern und Ablecken der Mutterstute und dem menschlichen Abtasten des ganzen Körpers. Geschieht dies zu heftig oder gar zu grob und wird das Fohlen dabei auch noch herumgeschoben oder gedrückt, dann wird eine unangenehme bis traumatische Erfahrung abgespeichert, aber keine positive Grundeinstellung. Man bedenke nur, wie sensibel und empfänglich das Nervensystem eines solchen Neugeborenen ist! Da ist schnell schon viel zu viel, was dem Menschen noch sanft vorkommt. Vor allem aber wird womöglich ein sensibler Moment zwischen Stute und Fohlen gestört und damit jene Beziehung, auf der das Urvertrauen des Fohlens fußen soll. Reagiert die Stute gestresst auf das „Imprinting“ ihres Fohlens, dann nimmt das Fohlen vor allem den Stress der Mutter auf.

Fazit: Das Imprinting birgt mehr Risiken als Vorteile und lässt den wichtigsten Faktor für Menschenbezogenheit völlig außen vor: die Mutterstute. Ist die nämlich freundlich und gelassen und menschenbezogen, dann gibt sie das an ihr Fohlen weiter. Vorausgesetzt, das Fohlen macht keine schlechten Erfahrungen mit dem Menschen. Gegen die würde übrigens auch Imprinting nicht helfen.
Brigid Weinzinger © Aleksandra Pawloff
© Aleksandra Pawloff

Brigid Weinzinger

ist Verhaltensberaterin und Tiertrainerin und als Expertin in der ORF-Sendung „Tierzuliebe“ zu sehen. Sie absolvierte ihre Ausbildung zur Tierverhaltensberaterin in einem Postgraduate-Studium an der Universität Southampton in England. Das praktische Wissen über die Arbeit vor allem mit Hunden und Pferden erarbeitete sie sich in zahlreichen Seminaren und Kursen. In der Nähe von Neulengbach leitet sie auch eine eigene Hundeschule. Brigid Weinzinger ist zudem zertifizierte Tellington-Lehrerin für Kleintiere und Pferde sowie die derzeit einzige Lehrbefugte für Connected Riding nach Peggy Cummings in Österreich. Mehr über Brigid Weinzinger und ihre Arbeit erfahren Sie unter www.denktier.at.
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