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20.03.2018

Kandare oder Trense: Sollen Reiter wählen können?

Wer in höheren Dressurklassen reitet, kommt um die Kandare nicht herum. Dabei ist sie für viele zwei- wie vierbeinige Athleten ein höchst ungeliebter Ausrüstungsgegenstand. Warum selbst Dressurprofis die Möglichkeit der Wahl zwischen Trensen und Kandarengebiss begrüßen würden und wie der Umstieg auf die Stange klappt, lesen Sie hier.

Die verpflichtende Zäumung auf Kandare in den höheren Klassen hat nicht nur Anhänger, immer mehr Reiter würden es begrüßen, bis in die Grand-Prix-Klasse zwischen Trense und Kandare wählen zu können. © Andrea - fotolia.com
Die verpflichtende Zäumung auf Kandare in den höheren Klassen hat nicht nur Anhänger, immer mehr Reiter würden es begrüßen, bis in die Grand-Prix-Klasse zwischen Trense und Kandare wählen zu können.
© Andrea - fotolia.com
Der achtjährige Trakehner ist ein lernwilliges Pferd, das alles richtig machen will – ein wahrer Musterschüler. Der smarte Braune soll demnächst am Turnier seine erste FEI-Aufgabe in der Klasse M zeigen – was dem noch im Weg steht, ist die Umstellung auf die Kandare. Nora, Reiterin und Eigentümerin des Wallachs, hat jetzt schon Bauchweh, sie kennt ihr Sensibelchen. Auch der eigene Schwachpunkt wird nicht unter den Teppich gekehrt: „Mein Problem ist, dass ich kaum Erfahrung mit der Kandare habe. Als Amateurreiterin hat man im Laufe seiner Reiterkarriere vielleicht ein oder zwei Pferde, die die Kandarenreife erreichen. Sich dabei das notwendige Kandaren-Know-how anzueignen, ist fast unmöglich“, bringt Nora das Problem vieler ambitionierter Freizeitreiter auf den Punkt. Der erfahrene Trainer an ihrer Seite sieht das eher entspannt. Er hat schon vielen Paaren durch diese sensible Phase der Pferdeausbildung geholfen. Nora und ihr Musterschüler werden da keine Ausnahme bilden.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Trotz wochenlanger systematischer und geduldiger Gewöhnungsphase bewahrheiten sich Noras Befürchtungen: „Die ersten Trainings, in denen wieder etwas mehr von ihm gefordert wurde, waren ernüchternd. Er hat nur mit den Zähnen geknirscht, war verspannt und hat insgesamt einen sehr unzufriedenen und unglücklichen Eindruck gemacht. Mir hat das Herz geblutet. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt: Soll ich wirklich weitermachen, nur um auf Turnieren in höheren Klassen zu starten? Alle wollen einen ‚Happy Athlete‘. In dieser Zeit war mein Pferd meilenweit davon entfernt, ein glücklicher Sportler zu sein. Ich war immer wieder kurz davor, das Projekt M-Start ad acta zu legen“, erinnert sich Nora. Dass sie es nicht getan hat, war am Ende dem Pferd und auch dem erfahrenen Trainer zu verdanken: Irgendwann hat sich der Braune arrangiert und mit der Kandare halbwegs Frieden geschlossen – dicke Freunde werden die beiden aber wohl nie. Ein klein wenig Frust haftet der Pferdebesitzerin deswegen auch heute noch an: „Es ärgert mich, dass mein Pferd da durch musste. Wäre es möglich, Prüfungen auch in den höheren Klassen auf Trense zu reiten, hätte sich mein Pferd viel Stress erspart, und wir könnten diese Saison wahrscheinlich schon in der Kleinen Tour starten. Und damit wären wir auch schon super glücklich!

Ein(t)ritt in die Königsklasse

„Bei höher ausgebildeten Pferden ist – bei richtiger Technik des Reiters – mit der Kandare ein feineres und differenziertes Einwirken möglich als nur mit Trense“, erklärt Christian Schumach, international erfolgreicher Dressurreiter, Ausbilder und Richter, die Vorteile der Kandare. Das Erreichen der Kandarenreife ist also das Entrée in die Königsklasse des Dressurreitens: Ab hier wird am Feintuning – etwa der Verfeinerung und Minimierung der Hilfengebung, der Verbesserung der Versammlungsfähigkeit oder an mehr Qualität und Ausdruck in den Lektionen – gearbeitet. Das geschieht mit Kandare, aber deutlich öfter nur mit Trense, denn in der Regel wird daheim weiter mit normaler Trensenzäumung geritten und auch weiter ausgebildet – die Kandare kommt meist erst kurz bevor der nächste Turnierstart ansteht wieder zum Einsatz, so auch bei Anja Luise Wessely- Trupp, Dressur- und Vielseitigkeitsreiterin, geprüfte Reitlehrerin, Ausbilderin und Richterin: „Ich reite im Training so gut wie immer auf Trense. Die Kandare kommt nur vor dem Turnier zum Einsatz, um dem Pferd wieder ein Gefühl dafür zu geben.“

Auch Christian Schumach praktiziert das im Trainingsalltag so: „Wenn das Pferd sicher an der Kandare geht und sie gut akzeptiert, dann wird in der weiteren Ausbildung zu 80 % mit Trense geritten.“

Die Zäumung auf einfacher Trense bleibt also großteils auch im Training in der Königsklasse das Mittel zum Zweck – manchmal auch deswegen, weil mit Kandare die Ausbildung des Pferdes eher Rück- als Fortschritte machen würde: „Ich habe einen Wallach, der, bevor er zu mir kam, mit der Kandare schlechte Erfahrungen gemacht hat. Er ist schon deutlich besser geworden, mittlerweile ist er auf Trense schon fast problemlos zu reiten. In Stresssituationen wie z. B. am Turnier sperrt er mit Kandare allerdings immer wieder das Maul auf, deshalb arbeite ich derzeit zu Hause lieber auf Trense an der Durchlässigkeit. Das braucht natürlich seine Zeit, und da er alle Grand-Prix-Lektionen auf Trense gut macht, scheitern Turnierstarts nur am verpflichtenden Reiten auf Kandare“, erzählt Anja Luise Wessely-Trupp von ihrem Sorgenkind.

Daer Wallach ist nur ein Beispiel für einen Problemfall, aber bei weitem nicht der einzige. Denn es gibt selbst unter international hoch erfolgreichen Pferde solche, die der Kandare herzlich wenig abgewinnen können: „Unee mag die Trense viel lieber als die Kandare und geht auch besser damit“, outet die international erfolgreiche deutsche Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl ihr EM-Pferd als Kandarenmuffel. Jessica von Bredow- Werndl scheut sich auch nicht, den Beweis dafür, dass es auch mit Trense geht, an zutreten: Mit Unee BB zeigte sie z. B. im Rahmenprogramm des Chiemsee Pferdefestivals 2015 ihre damals aktuelle Grand Prix Kür in beeindruckender Manier einfach mal nur mit Trense – und ohne Sattel.

Vorreiter Großbritannien

Thematisiert wurde die Frage, ob man auch bzw. vor allem im internationalen Dressursport weiter an einer verpflichtenden Zäumung auf Kandare festhalten sollte, bereits vor sieben Jahren beim Global Dressage Forum. Als Vorreiter in Sachen Wahlfreiheit gilt im übrigen Großbritannien, wo seit Jahren Grand-Prix-Prüfungen auch auf Trense geritten werden dürfen. Aber so ganz will dieses Beispiel nicht Schule machen, die Botschaft von David Hunt, Präsident des IDTC (International Dressage Trainers Club), zum Abschluss der Diskussionen beim Global Dressage Forum hätte nicht deutlicher sein können: „Das Reiten auf Kandare ist eine Kunst für sich und Teil der klassischen Dressur. Für uns ist es wichtig, daran festzuhalten.“ Auch das finale Statement von Wayne Channon, Generalsekretär des IDRC (International Dressage Riders Club) war recht unverbindlich: „Bislang haben wir uns mit der Frage, ob man auch nur auf Trense gezäumt einen FEI-Bewerb reiten darf, einfach noch nicht beschäftigt, aber wir können gerne darüber diskutieren“ – diskutiert wurde danach allerdings vielleicht ab und an noch im privaten Kaminzimmer, aber nicht mehr tatsächlich hoch offiziell und öffentlich.

Der nächste Versuch, die Debatte aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken, wurde im 2016 initiiert – und er kam sogar aus Österreich: Sabine Bischofberger (staatlich geprüfte Bereiterin und Energetische Osteopathin) und Julia Coppard-Dornig (Grand-Prix-Reiterin) lancierten die Online-Petition „Trense im Grand Prix – freie Wahl zwischen Trense und Kandare“. Die Petition soll, wenn sie genügend Unterschriften sammeln kann, der FEI übergeben werden, um dort den Wunsch der Aktiven zu deponieren und das Thema wieder ins Gespräch zu bringen. „Unsere Beweggründe waren einerseits die unerfahrenen Reiter, die mit der Kandarenführung noch überfordert sind, und zum anderen die empfindlicheren Pferde mit z. B. kurzer Maulspalte, dickerer Zunge oder weniger Gaumenfreiheit, die auf Trense einfach besser und zufriedener zu reiten sind. Es geht uns absolut nicht darum, die Kandare zu verteufeln, wir hätten einfach nur gerne eine Wahlfreiheit zwischen Trense und Kandare bis in die höchsten Klassen. Damit nehmen wir denen, die auf Kandare reiten wollen, ja auch nichts weg. Wir denken, dass das ganz im Sinne des ,Happy Athlete‘ wäre“, beschreibt Sabine Bischofberger ihre Motivation – und umschreibt damit das zentrale Anliegen, denn die Wahl zu haben, bedeutet: die Trense ist ein Kann, aber kein Muss.
Maul aufsperren ist eines der häufigsten Anzeichen für falsche reiterliche Einwirkung. © www.slawik.com
Maul aufsperren ist eines der häufigsten Anzeichen für falsche reiterliche Einwirkung.
© www.slawik.com
International erfolgreiche Reiter und Ausbilder würden eine Reglementänderung durchaus begrüßen – allen voran Jessica von Bredow-Werndl: „Die Möglichkeit, auch in Grand-Prix-Prüfungen zwischen Trense und Kandare wählen zu können, würde ich sehr befürworten. Es gibt einfach Pferde, die sich mit der Kandare nicht wohlfühlen, und da wäre es nur im Sinne der Pferde, die Zäumung frei wählen zu dürfen.“

Auch Caroline Kottas-Heldenberg (Dressurreiterin, geprüfte Dressurtrainerin und Ausbilderin) sieht keinen Nachteil darin, wählen zu können: „Ich würde dann auf jeden Fall individuell auf das jeweilige Pferd eingehen. Das ist in unserem Sport und in der Pferdeausbildung sowieso das Wichtigste. Ich könnte mir auch vorstellen, bei manchen Pferden gänzlich auf die Kandare zu verzichten, wenn sie nicht mehr Pflicht wäre. Auf die Kandare kann immer verzichtet werden – umgekehrt nicht, auf die Trense sollte nicht verzichtet werden! Wenn ich ein Pferd hätte, das besser auf Trense als auf Kandare geht – warum nicht?“

Anja-Luise Wessely findet sogar noch deutlichere Worte: „Die heutigen Pferde sind so gezüchtet, dass sie wesentlich rittiger und feinfühliger sind als früher – meiner Meinung nach macht dies die Verwendung der Kandare fast überflüssig. Ausnahmen gibt es sicher, aber ich hatte bis jetzt nur ganz wenige Pferde, auf denen ich lieber mit Kandare als mit Trense gestartet wäre. Grundsätzlich wähle ich die Zäumung, die dem Pferd am besten gefällt – und das ist in den meisten Fällen sicher die Trense. Und da ich im Training fast ausschließlich mit Trense reite, wäre eine Anpassung des Reglements für mich und meine Pferde sicher eine gute Sache. Ganz egal, in welcher Klasse.“

Dass man von offizieller Seite aus durchaus erkennt, dass laufende Überprüfungen bestehender Richtlinien wichtig sind, um der Forderung nach einem „Happy Athlete“ gerecht zu werden, haben nationale Verbände und auch die FEI in den vergangenen Jahren bewiesen: „Ich finde es gut, dass man auf nationalen Turnieren etwa in Prüfungen der Klasse M und jetzt sogar national und international in der Dressurpferdeprüfung der Klasse S für siebenjährige Pferde mittlerweile bei der Zäumung zwischen Trense und Kandare wählen kann“, begrüßt auch Christian Schumach diesen positiven Trend. Die Öffnung der höheren Klassen generell für die Zäumung auch auf Trense wäre so gesehen der nächste logische Schritt in die richtige Richtung – hin zu zufriedenen und glücklichen Reitern und Pferden.

Martina Bartl

Tipps vom Profi

Die Umstellung von einfacher Trensenzäumung auf Kandare ist eine sensible Angelegenheit, während dieser Phase kann viel falsch laufen. Wir haben bei erfahrenen Ausbildern nachgefragt, wie man die häufigsten Fehler vermeiden lassen.

Dr. Britta Schöffmann (Dressurreiterin, Ausbilderin, Richterin und Buchautorin)
Wenn Takt, Losgelassenheit und Anlehnung stimmen, das Pferd auf Trense Schwung entwickelt hat und diesen in sich geradegerichtet in der beginnenden Versammlung beibehalten kann sowie durchlässig auf die Reiterhilfen reagiert, dann spricht nichts dagegen, auf Kandare zu zäumen. Wenn es soweit ist, lege ich den zuvor bereits ungefähr auf die richtige Größe eingestellten Kandarenzaum an und gebe dem Pferd ausreichend Zeit, sich bei offenem Nasenriemen und noch nicht eingehängter Kinnkette mit dem vielen Metall im Maul vertraut zu machen. In der Gewöhnungsphase sollte man in der Trainingseinheiten zunächst nicht zu viel verlangen und keine schwierigen Lektionen wie Traversalen oder ähnliches einbauen, vielleicht sogar nur im Schritt und im Trab reiten. Eine Runde am hingegebenen Zügel durchs Gelände nach der Trainingseinheit fördert die Ungezwungenheit der Kandaren-Gewöhnung. Den Kandarenzügel darf man zu Anfang ruhig noch leicht durchhängen lassen, damit sich das Pferd entspannt an die beiden Gebisse gewöhnen kann. Bevor der Reiter zur Kandare greift, muss sein Sitz ausbalanciert und zügelunabhängig sein sowie eine feine Hilfengebung gegeben sein. Gerade weil die Kandare eine feine Hilfengebung erfordert, sind obengenannte Anforderungen absolute Grundvoraussetzung, denn eine zu harte Handeinwirkung, die auf Trense vielleicht von außen auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen ist, wird von der Kandare geoutet – leider jedoch oft auf Kosten des Pferdes. Ein aufgesperrtes Maul, eine hochgezogene Zunge oder eine unruhige Anlehnung sind die häufigsten Anzeichen für zu grobe reiterliche Einwirkung.

Anja Luise-Wessely Trupp
Anja Luise Wessely-Trupp: Erst wenn beim Pferd die Anlehnung auf Trense fein und stabil ist und das Pferd in der Klasse M angekommen ist, stelle ich auf Kandare um. Sensiblere Pferde oder solche, die schon mit der Trense Schwierigkeiten haben, reagieren bei der Umstellung auf Kandare meistens heftiger – etwa mit Aufsperren des Mauls – oder sie verkriechen sich hinter dem Zügel. Mit solchen Pferden arbeite ich weiter auf Trense an der Durchlässigkeit. Bei meinen Reitschülern halte ich es ähnlich: Haben sie eine feine Handeinwirkung, was Grundvoraussetzung für das Reiten auf Kandare ist, treten mit entsprechender Übung meist keine großen Probleme auf. Anders ist es allerdings, wenn jemand feinmotorisch nicht ganz so geschickt ist, dann haben kleine Fehler mit der Hand eine wesentlich größere Wirkung, und es wäre besser, vorläufig bei der Trense zu bleiben und an einer gefühlvolleren Einwirkung zu arbeiten. Auch wenn mit Kandare geritten wird, sollte man immer die leichte Verbindung mit dem Pferdemaul und die Selbsthaltung des Pferdes als Ziel vor Augen haben. Der Kandarenzügel sollte nicht dazu verwendet werden, die Beizäumung zu erzwingen. Der Trensenzügel sollte immer vorherrschen.

Caroline Kottas-Heldenberg
Wenn Reiter und Pferd soweit sind, muss für das einzelne Pferd die richtige und passende Gebisskombination gefunden werden, da kann es schon sein, dass man verschiedene Arten von Kandaren und Unterlegtrensen ausprobieren muss. Dabei muss sich der Reiter über die Wirkung der verschiedenen Gebissarten im Klaren sein: Kandaren mit mehr Zungenfreiheit bedeutet weniger Druck auf die Zunge und mehr Druck auf die Laden und den Gaumen – weniger Zungenfreiheit bedeutet mehr Druck auf die Zunge und weniger Druck auf die Laden. Auch wie sich Oberbaum und Unterbaum in ihrer jeweiligen Länge zueinander verhalten, spielt eine Rolle. Einige Reiter meinen es vermeintlich gut und nehmen eine dicke Unterlegtrense und Kandare, mit der Idee, dass die dicken Gebisse „weicher“ und für das Pferd angenehmer wären. Viele Pferde haben jedoch nicht gerne so viel Metall im Maul. Wenn ein Pferd zu sensibel auf die Kinnkette reagiert, sollte man einen Kinnkettenschoner verwenden. Außerdem sollte das Pferd, speziell ein Problemfall, zuerst nur Positives mit dem neuen Gebiss in Verbindung bringen, z. B. die ersten Male mit der Kandare gemütlich ins Gelände gehen.

Christian Schumach
Manche Pferde kauen anfangs mit der Kandare im Maul schlecht. Um solche Pferde zum Kauen zu bringen, entferne ich den Nasenriemen aus dem Kandarenzaum und füttere mehrmals etwas Müsli und Äpfel.
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