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13.04.2016

Kaum Freiheit fürs Pferdemaul

Die Zwei-Finger-Regel zur korrekten Verschnallung von Nasen- und Sperriemen ist allgemein bekannt. Dennoch halten sich die wenigsten Reiter daran und zurren das Leder auf Anschlag. Eine irisch-australische Studie enthüllt bedrückende Zahlen.

Wer seinem Pferd das Maul zuschnürt, setzt es unter gewaltigen Stress. Und riskiert Folgeschäden. © Farmer - fotolia.com
Wer seinem Pferd das Maul zuschnürt, setzt es unter gewaltigen Stress. Und riskiert Folgeschäden.
© Farmer - fotolia.com
Wie’s richtig gehört, weiß eigentlich jeder, der mit Pferden zu tun hat. Denn die korrekte Verschnallung eines Nasenriemens gehört zu den Grundkenntnissen, die bereits innerhalb der ersten Reiteinheiten vermittelt werden. Entsprechend bekannt ist damit auch die sogenannte Zwei-Finger-Regel. Sie besagt, dass zwischen Nasenriemen und Nasenrücken bequem zwei Finger eines erwachsenen Menschen Platz haben sollten.

Übrigens muss die Überprüfung der Weite unbedingt entlang des knöchernen Nasenrückens erfolgen. Messungen haben gezeigt, dass man selbst bei maximal angezogenem Nasenriemen mühelos drei Finger einer Hand seitlich zwischen Leder und Pferdekopf einführen kann. Der Versuch, den Sitz des Reithalfters an der Seite des Pferdekopfes zu überprüfen, ist also vollkommen sinnlos. Und auch unter dem Unterkiefer können allzu leicht die Finger seitlich oder zur Mitte hin von den Kieferkörpern abgleiten und so einen lockereren Sitz vortäuschen.

Die Forderung nach genügend Freiraum für das Pferdemaul hat einen einfachen Grund. Nur wenn das Pferd in der Lage ist auf seinem Gebiss zu kauen, bleibt es im Unterkiefer entspannt. Und dies wiederum nimmt direkten Einfluss auf die Halsmuskulatur und damit auf die Losgelassenheit des gesamten Pferdes. Diese Zusammenhänge sind nicht neu. Bereits vor fast 80 Jahren forderte die berühmte und vielzitierte Reitvorschrift H.Dv. 12 von 1937 auf, den Kinnriemen „…nur so eng zu schnallen, dass das Pferd noch kauen kann“.

Ein Blick in die hiesigen Reitställe lässt jedoch den Eindruck entstehen, als seien diese Erkenntnisse längst Schnee von gestern. Denn vielerorts werden Nasen- und Sperriemen so fest zugezogen, bis es weiter nicht mehr geht. Der Grund für diese Unsitte liegt nicht nur in dem Irrglauben begründet, durch das straff sitzende Reithalfter die Annahme der reitlichen Hilfen zu verbessern, sondern vor allem auch in der negativen Außenwirkung, die ein gut sichtbar geöffnetes Pferdemaul oder gar eine heraushängende Zunge beim Reiten mit sich bringt. Abwehrreaktionen wie diese sind ein Zeichen für Unbehagen und Mängel in der Durchlässigkeit und Losgelassenheit – alles Dinge, die dem Reiter kein gutes Zeugnis ausstellen. Doch anstatt sich näher mit der Ursache auseinanderzusetzen, wird nur allzu oft zur Schnelllösung gegriffen und der Nasenriemen zugezurrt, bis kein Löschblatt mehr Platz hat.
Ein derart festgezurrter Nasenriemen ist ein Fall für den Tierschutz. © Kseniya Abramova - fotolia.com
Ein derart festgezurrter Nasenriemen ist ein Fall für den Tierschutz.
© Kseniya Abramova - fotolia.com

Studie zeigt: Fast 90 Prozent der Reiter verschnallen den Nasenriemen zu eng

Auswüchse wie diese sind über alle Lager hinweg verbreitet und betreffen Hobbyreiter wie Profis gleichermaßen. Wie genau es Turnierreiter mit der Zwei-Finger-Regel nehmen, hat eine Gruppe irischer und australischer Forscher untersucht. Ihre Beobachtungen stellen der modernen Reiterei kein gutes Zeugnis aus: Von über 200 geprüften Vielseitigkeits- und Hunterpferden hatten gerade einmal 12 Prozent einen korrekt verschnallten Nasenriemen. Bei knapp der Hälfte der Pferde war er sogar so fest zugezurrt, dass nicht einmal ansatzweise ein Finger zwischen Leder und Pferdenase gepasst hätte. Die Verschnürungsgewohnheiten der Dressurrreiter wurden bei dieser Gelegenheit nicht untersucht. Man kann jedoch vermuten, dass die geforderten zwei Finger Platz in dieser Disziplin noch seltener anzutreffen sind. Immerhin gilt ein geöffnetes Maul als Zeichen mangelhafter Losgelassenheit und sorgt damit für Punkteabzüge.

Die Folgen des Verschnürens

Unterschiedliche Studien gehen davon aus, dass derart verschnürte Pferde großem physiologischen Stress ausgesetzt sind. Kein Wunder, sind sie doch der Zügeleinwirkung ihres Reiters schutzlos ausgeliefert und haben keine Möglichkeit, Schmerzen, die eine hart und gefühllos einwirkende Hand verursacht, zu entkommen. Und es kommt sogar noch dicker. Der Druck des Nasenriemens steht zudem in Verdacht Durchblutungsstörungen auszulösen. Sogar Gewebeschäden und Knochendeformationen können die Folge eines dauerhaft zu eng verschnallten Reithalfters sein. Dagegen hilft auch das beliebte Abpolstern mit Unterlagen aus Kautschuk, Geleinlagen oder Lammfell nicht. Sie beruhigen bestenfalls das Gewissen des Reiters.

Reiten soll ein Dialog sein zwischen Pferd und Reiter. Dieser kann jedoch nur dann stattfinden, wenn beide Seiten die Möglichkeit bekommen, sich zu äußern. Zwingt der Reiter dem Pferd seine Hilfen auf, anstatt sie ihm geduldig und mit Feingefühl zu vermitteln, entartet das Zwiegespräch zum Monolog. Ein Eingeständnis für das eigene reiterliche Unvermögen.

ps
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