Array ( [2000] => Home [2005] => Nachrichten [1011] => Marktkurzinfos [1026] => Marktanalysen [1016] => Reportagen [1044] => Über Uns [1046] => Das Team [1045] => Mediadaten [2021] => Impressum [2022] => AGB )
21.12.2010

Kommen die Klonpferde?

Forscherteams auf der ganzen Welt arbeiten bereits intensiv daran bald auch die ersten geklonten Pferde zu produzieren.

Wir haben den aktuellen Stand der Wissenschaft recherchiert und die Frage untersucht, ob das Klonen von Pferden überhaupt Sinn macht.

Am 25. November des Vorjahres verkündete die amerikanische Biotech-Firma ACT (Advanced Cell Technology) einen weiteren Meilenstein der Biotechnologie: Forscher des Institutes hatten mit zwei verschiedenen Methoden geklonte menschliche Embryonen hergestellt – ein Tabubruch für die einen, ein Triumph der Wissenschaft für die anderen. Jedenfalls hat die Meldung aus den USA die weltweite Diskussion um Grenzen und Nutzen des Klonens wieder voll entfacht. Bei Tieren ist die Wissenschaft noch viel weiter vorausgeeilt – und das im wesentlichen ohne öffentliche Kritik: Erste künstliche Klonversuche gehen bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, 1952 wurden erstmals Frösche aus einer Kaulquappe geklont. 1986 gab es die ersten Schafsklone durch Embryosplitting. Und 1996 schließlich gelang die weltweit gefeierte Sensation: Schaf Dolly, das erste aus einer adulten Körperzelle geklonte Wesen, erblickte das Licht der Welt. Nach Schafen und Rindern wurden mittlerweile auch Schweine und Mäuse erfolgreich geklont. Und der Tag ist nicht mehr fern, an dem Wissenschaftler auch das erste geklonte Pferd einer staunenden Weltöffentlichkeit präsentieren werden. Die Forschung läuft auf Hochtouren, weltweit arbeiten zumindest vier bis fünf Teams mit Hochdruck daran, wenngleich sich die beteiligten Experten derzeit nicht bzw. noch nicht in die Karten schauen lassen. Fest steht aber auch: Einfach ist das Klonen von Pferden nicht, und schon gar nicht billig: Das erste Klonpferd, schätzt man, wird mehrere 100.000,– Euro kosten – und viel wissenschaftliches Know-how ist bis dorthin noch zu erarbeiten.

Schwieriger Fall Pferd

Voraussetzung für erfolgreiches Klonen sind gut erforschte und zuverlässig funktionierende Reproduktionstechnologien. Diese sind aber je nach Spezies unterschiedlich weit fortgeschritten. Was bei einer Tierart schon zum Routineverfahren wurde, kann bei einer anderen noch ein großes Problem darstellen. Prof. George E. Seidel vom Animal Reproduction and Biotechnology Laboratory der Colorado State University, dessen Forschungsschwerpunkt eben diese Verfahren beim Rind und beim Pferd sind, erklärt: „Klonen ist ein Prozess, der sich aus mehreren Schritten zusammensetzt. Jeder Schritt muss korrekt ausgeführt werden – sonst gibt es kein positives Resultat. Manche dieser Schritte werden beim Pferd bereits routinemäßig durchgeführt – so zum Beispiel der Embryotransfer. Andere Schritte wie die Reifung der Eizellen wurden für das Pferd aber noch nicht zur Perfektion gebracht.“ Für die Grundlagenforschung der Reproduktionstechniken bedarf es einer großen Menge von Eizellen – was bei Rindern oder auch Schafen und Schweinen kein Problem darstellt, bei Pferden jedoch schon. Den Biotechnikern fehlt es einerseits an genügend „Material“, sprich: Eizellen und auch Leihmüttern – andererseits hemmen konservative Zucht-Bestimmungen die Forschung, in vielen Galopper-Zuchten ist nicht einmal die künstliche Besamung erlaubt, vom Klonen ganz zu schweigen. „Hinzu kommen“, so Prof. Katrin Hinrichs, Leiterin des Pferdeklon-Projekts an der Texas A&M University, „noch die spezifischen Probleme des Klonens allgemein, wie etwa Methoden zu entwickeln, mit denen man die DNA aus der Eizelle entfernen und die Eizelle dann mit der Spenderzelle vereinigen und schließlich zur Weiterentwicklung anregen kann.“

Die ersten Schritte sind getan

Dott. Cesare Galli vom Laboratorio di Tecnologie della Riproduzione in Cremona (I) arbeitet ebenfalls in Richtung Pferdeklon: „Wir stehen beim Klonen von Pferden – anders als bei Rindern – erst ganz am Beginn unserer Bemühungen.“ Immerhin, einige Schritte sind bereits getan. Galli profitiert davon, dass in Italien Pferdefleisch sehr beliebt ist, Schlachthäuser liefern die für Versuche notwendigen Tausende von Eizellen. Das Problem der Eizellen-Reifung hat er daher nach seinen Aussagen schon recht gut im Griff, das erste italienische ICSI-Fohlen ist bereits geboren. (ICSI: Introcytoplasmatische Spermieninjektion, das Sperma wird direkt in die Eizelle injiziert, der Embryo in eine Leihmutter eingesetzt. Beim Pferd kein einfacher Vorgang mit vielen Fehlversuchen.)Derzeit arbeitet er an einer Methode, mit der die Teilung der Eizelle in Gang gesetzt werden kann. „Wir haben ermutigende Resultate – aber auch hier ist noch viel Arbeit notwendig.“ Wenn der Kerntransfer geklappt hat und die Zellteilung aktiviert werden konnte, steht das nächste Problem an: Die Embryonen müssen bis zum Blastozystenstadium (Anm.: Blastozyste = ein wenige Tage alter Embryo) heranreifen, bevor man sie entweder einfrieren oder in eine Leihmutter einsetzen kann. Auch dieser Prozess ist beim Pferd noch wenig erforscht. Zur Zeit lässt Galli die Embryonen in Schafen heranreifen, parallel arbeitet man daran, ein Kulturmedium zu entwickeln, in dem die Pferde-Embryonen im Brutschrank reifen können. Hat der Embryo das richtige Stadium erreicht, um eingesetzt zu werden, muss man genügend Leihmütter zur Hand haben – je mehr desto besser. „Nur wenige Embryonen überleben, wie wir wissen. Je mehr man einsetzt, desto höher sind die Chancen auf Erfolg.“ Um beispielsweise eine Dolly zu erschaffen, wurden aus 400 Kerntransfers 277 Embryonen erzeugt, von denen genau einer sich zum Schaf entwickelte. Bei Rindern liegt die Trefferquote zwar höher, aber im Durchschnitt immer noch bei höchstens 1 %. Und Pferdeklonen ist im Augenblick noch wesentlich ineffizienter.

Wozu Pferde klonen?

Anders als beim Klonen von Nutztieren wie Rind oder Schwein, mit dem man letztlich die Produktion von menschlichen Proteinen bzw. Organen erreichen möchte (therapeutisches Klonen), geht es beim Klonen von Pferden um das sogenannte „reproduktive Klonen“, also um die Herstellung einer genetisch identen Kopie eines Individuums. Neben rein wissenschaftlichem Interesse spielen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle. Wir haben die Klon-Experten nach ihrem persönlichen Interesse und ihrer Einschätzung des „Marktes“ für Klonpferde befragt.„Der Markt besteht, aber er ist eher virtuell“, meint Cesare Galli. „Wenn man von den Kosten spricht, ist das Interesse schnell verschwunden.“Für Katrin Hinrichs dominiert das wissenschaftliche Interesse: „Es geht darum, jemandem, der ein Pferd klonen möchte, eine Methode anbieten zu können, mit der das funktioniert.“ Pferde werden nie im großen Stil geklont werden, davon ist sie überzeugt. „Diese Technik wird nur selten und nur für Einzelfälle angewandt werden, zum Beispiel wenn ein wertvoller Vererber plötzlich stirbt oder unfruchtbar wird oder wenn eine Stute, die im Sport sehr erfolgreich war, aus Altersgründen nicht mehr trächtig wird. Oder wenn ein Wallach sich als so überzeugend erweist, dass man aus ihm einen Hengst mit demselben genetischen Potential klonen möchte.“

Ein zweiter E. T.?

Was das Klonen von Spitzen-Springpferden oder Rekord-Galoppern mit dem Ziel, einen zweiten E. T. oder Milton zu erhalten, anbelangt, ist man hingegen eher skeptisch. „Neben den Erbinformationen spielt die Entwicklung im Mutterleib eine große Rolle“, weiß Prof. Jörg Aurich, Leiter der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Veterinärmedzinischen Universität in Wien. „Bei geklonten Tieren gibt es beispielsweise häufig Probleme mit der Plazenta. Auch werden Fohlen sehr stark von der Stute geprägt, die sie aufzieht. Gerade für den Charakter und das Wesen ist die erziehende Stute wesentlich wichtiger als die genetische ,Mutter‘. Außerdem spielt für die sportliche Leistung Aufzucht, Training und Haltung eine wesentliche Rolle. Das geklonte Tier kann zwar die Anlagen dazu haben, das heißt aber nicht, dass diese auch zur Entfaltung kommen müssen.“ „Die genetische Komponente ist zwar wichtig“, betont auch Katrin Hinrichs, „aber wir wissen nicht, bis zu welchem Grad der ,An-‘ oder ,Aus-Status‘ jedes Gens durch den Klon-Prozess beeinflusst wird. Deswegen ist es möglich, dass ein Klon zwar dieselbe DNA hat, aber seine Gene anders ,arbeiten‘ als im Original. Hinzu kommt, dass die mitochondriale DNA überwiegend von der Eizelle und damit von einem weniger wertvollen Tier kommt. (Anm.: Neben der DNA im Kern besitzt jede Zelle Mitochondrien, kleine Kompartimente innerhalb der Zelle, die für den Energiehaushalt der Zelle verantwortlich sind und die ein eigenes kleines Chromosom besitzen, eben die mitochondriale DNA.) Ob und welchen Einfluss das auf die Leistung des Fohlens hat, wissen wir allerdings noch nicht. Die Bedingungen in der Gebärmutter und nach der Geburt spielen sicher eine entscheidende Rolle. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie sich geklonte Fohlen im Vergleich mit ihrem genetischen Zwilling, dem Kernspender, entwickeln.“ Dennoch wird – trotz aller offener Fragen – möglicherweise auch dieser Weg beschritten werden, denn der Gedanke, eine genetisch idente Kopie eines Millionenpferdes wie Ratina Z, E. T. FRH oder Rembrandt zu erhalten, ist sicherlich für manchen Züchter oder Pferdebesitzer höchst verlockend. Und auch die „Produktionskosten“ von mehreren 100.000,– Euro werden sie wohl kaum davon abhalten, eine solche Kopie in Auftrag zu geben.

Klonen als Zuchtinstrument?

Noch interessanter als der Sport ist jedoch der Bereich der Pferdezucht, in der das Klonen als effizientes Hilfsmittel eingesetzt werden könnte. Prof. Seidel: „Für züchterische Zwecke ist es wichtig zu wissen, dass die geklonte Kopie eines Hengstes eine mit dem Original idente Spermienpopulation produziert – abgesehen von ein paar Mutationen. Nachkommen der beiden Hengste werden daher dieselben Eigenschaften haben.“ Züchterische Fortschritte kann man durch das Klonen allerdings keine erzielen. „Das Klonen ist das effektivste Mittel, um einen Gen-Pool zu bewahren. Mit dem Klonen konserviert man die genetischen Eigenschaften eines Individuums zur Gänze, mit normaler Fortpflanzung wird jeweils nur die Hälfte an die Nachkommen weitergegeben.“ Mit anderen Worten: Ein Klon von Donnerhall macht Sinn, weil er die genetischen Eigenschaften von Donnerhall auch tatsächlich weitervererben kann – ein Klon von E. T. macht vermutlich weniger Sinn, weil man nicht sicher sein kann, dass dieser Klon auch genauso gut springt und im Parcours ebenso beherzt kämpft wie das Original. Wie sieht es übrigens mit Zuchtpapieren aus für den Pferdeklon? Der Hannoveraner Zuchtverband z. B. hat in seinen Statuten festgelegt, dass geklonte Pferde keine Zuchtpapiere vom Verband bekommen. „Allerdings,“ so Prof. Aurich, „würde damit gegen EU-Recht verstoßen, das festlegt, unter welchen Bedingungen ein Zuchtverband Papiere ausstellen muss. Die Entstehung des Pferdes – künstliche Besamung, In-vitro-Fertilisation oder Klonen – spielt dabei keine Rolle.“

Klonen aus Liebe?

Ein weiteres mögliches Betätigungsfeld der Klon-Experten sei ebenfalls erwähnt: Häufig treten Menschen mit dem Wunsch an WissenschaftlerInnen heran, von ihrem geliebten Vierbeiner eine genetische Kopie herzustellen, die ihnen helfen soll, den Tod des Originals zu verschmerzen. Dieser Wunsch wird jedoch, wie auch aus dem soeben Gesagten hervorgeht, immer eine Illusion bleiben. Prof. Mathias Müller vom Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien erklärt: „Der Klon ist ein eigenständiges Individuum und hat daher auch individuelle Eigenschaften. So wird z. B. der Klon eines gescheckten Tieres auch gescheckt sein – aber eben anders gescheckt als das Original. Vor allem charakterliche Eigenschaften sind nur bis zu einem gewissen Grad vererblich und können daher bei einem Klon wesentlich vom ,Original‘ abweichen. Wir Genetiker gehen von ca. 70 % Einfluss der Gene und 30 % Einfluss der Umwelt aus. Aber wenn Sie einen Psychologen fragen, wird das Gewicht wahrscheinlich anders verteilt sein.“

Die Frage der Ethik

Prof. Alan Colman, einer der Väter des Klonschafes Dolly und Mitarbeiter des schottischen Roslin Institutes, hielt kürzlich in Wien einen Vortrag über sinnvolle und missbräuchliche Anwendungen des Klonens von Säugetieren. Seine Haltung ist klar: Therapeutisches Klonen von Tieren, das zum Ziel hat, menschliches Leiden zu lindern, ist aus seiner Sicht ethisch vertretbar. „Was wir tun, ist sehr umstritten. Wir behandeln Tiere mit großem Respekt und wir versuchen, ehrlich zu sein und zu rechtfertigen, was wir tun, weil wir an den Nutzen für die Menschen glauben. Für die Tiere selbst hat das Klonen natürlich keinerlei Nutzen, aber wir schaden ihnen damit auch nicht.“ Doch gibt auch Prof. Colman zu, dass man – zumindest derzeit noch – einen hohen Preis dafür zahlt. Von den unzähligen erzeugten Embryonen stirbt der allergrößte Teil wieder ab. Auch bei der Geburt von geklonten Tieren kommt es immer wieder zu Problemen, die diese vielfach nicht überleben – einerseits, weil geklonte Tiere viel größer als normale neugeborene Tiere sein können, andererseits, weil die Plazenta abnormal entwickelt ist. Die Neugeborenen müssen daher in der Regel mehrere Tage nach der Geburt intensiv betreut werden, um lebensfähig zu sein, viele haben Herz- und Lungenprobleme. Oder sie haben so schwere Missbildungen, dass sie bald nach der Geburt verenden. Mögliche Spätfolgen wie Neigung zu Krebserkrankungen oder frühzeitige Alterung sind noch nicht absehbar.Doch scheint – und das nicht zum ersten Mal – die Frage der ethischen Verantwortbarkeit längst von der Realität überholt: Wenn man bereits menschliche Embryonen geklont hat, hat sich die Frage des Klonens von Tieren wohl von selbst beantwortet. Doch bleibt dahingestellt, ob eine Frage, die von der Realität überholt wurde, auch tatsächlich beantwortet ist – oder ob sie nicht eines Tages wieder zur Realität aufschließen und sich umso vehementer stellen wird.

Lust auf mehr?

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2/2002 erschienen und wurde mit dem Österreichischen Zeitschriftenpreis ausgezeichnet. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

Testzugang bestellen
Sie sind weder AbonnentIn noch Verbandsmitglied, möchten aber trotzdem einen Blick in unser Online-Archiv werfen? Bestellen Sie jetzt kostenlos einen Testzugang!
Servus TV AD ab 07.12.2017