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11.05.2015

Muss Strafe in der Pferdeausbildung sein?

Müssen Pferde wirklich gestraft werden, wenn sie sich „falsch“ verhalten? Und wenn ja – wie straft man „richtig“? Verhaltensforscher, Tierärzte und Reiter antworten.

Strafe schlagen © Johannes Herta
© Johannes Herta
Ich geb’s zu. Ich hab draufgehaut. Nicht oft, drei, vier Mal. Aber es hat doch sein müssen, oder? Der wollte es ja nicht anders, ist einfach stillgestanden, hat sich keinen Millimeter weitergerührt, so ein Esel! Wer nicht hören will, muss eben fühlen…   

Wirklich? Oder liegt es nicht vielmehr an uns Menschen, zu fühlen, das Maß zu finden, mit dem wir unseren Pferden zeigen, dass sie etwas nicht richtig gemacht haben? Man muss kein eifriger Turnierbesucher sein, um zu erkennen, dass wir Reiter uns in Konfliktsituationen mit dem Pferd oft nicht anders helfen können, als einfach „’mal draufzuhauen“. Oder wie es einer der ganz Großen der klassischen Reitkunst, Alois Podhajsky formulierte: „Bei der allgemeinen kulturellen Verflachung unserer Zeit, die auch auf die Reitkunst übergegriffen hat, tritt leider das Strafen des Pferdes wieder stark in den Vordergrund. Es gibt Reiter, welche die Bedeutung der Strafe fast über die der Hilfen stellen!“  

Unsere Pferde könnten diese Situation nicht nobler bewältigen: Sie schweigen – und sie geben uns immer noch eine Chance, es besser zu machen. Nur wenige Pferde werden aggressiv und entscheiden sich für den totalen Krieg, den sie schlussendlich ohnehin verlieren. Dass man einem domestizierten Lebewesen wie dem Pferd nicht alles durchgehen lassen kann, weil es im sozialen Verband mit Artgenossen, aber auch mit den Menschen bestimmte Grundregeln einhalten muss, ist klar. Ohne Strafe wird man daher kaum auskommen. Aber wann ist eine Strafe – also das Zufügen eines negativen bzw. unangenehmen Reizes – berechtigt, und wie wird sie richtig vollzogen? 
Ein Pferd, das beim Wassergraben verweigert, und deshalb gestraft wird, springt das nächste mal vielleicht. Es springt aber mit Angst – und die bleibt ihm im Gedächtnis. © Tomas Holcbecher
Ein Pferd, das beim Wassergraben verweigert, und deshalb gestraft wird, springt das nächste mal vielleicht. Es springt aber mit Angst – und die bleibt ihm im Gedächtnis.
© Tomas Holcbecher

Kurz und zügig

Prof. Klaus Zeeb ist Ethologe und hat sich in einigen Publikationen und Filmen mit dem Sozialverhalten des Pferdes auseinandergesetzt. Er kann Strafe als Erziehungsmethode nicht ausschließen, aber sie muss richtig angewendet werden. „Gestraft wird nur, wenn das Pferd sein Gegenüber als rangniedriges Individuum ansieht, mit dem es machen kann, was es will. Eine Strafe ist richtig durchgeführt, wenn sie unmittelbar im Anschluss an das unerwünschte Verhalten, kurz und zügig erfolgt.“

Maximal drei Sekunden dürfen vergehen, bis die Strafe erfolgt. Das ist verdammt kurz, wenn man vor Schmerz aufgrund des frechen Pferdebisses eben noch die Englein singen hört. Sind aber einmal mehr als drei Sekunden vergangen, hat das Strafen schlicht und einfach keinen Sinn mehr. Dr. Margit Zeitler- Feicht setzt sich am Münchner Wissenschaftszentrum Weihenstephan sehr intensiv mit Pferdeverhalten auseinander und erklärt: „Ein Beispiel: Ein Pferd bockt und wirft den Reiter ab, der Reiter steht auf, putzt sich ab, sucht die Gerte, nimmt das Pferd – und schlägt es. Das Pferd versteht nicht mehr, was das ganze soll, es hat nur noch Angst.“

Und Angst behindert jeden Lernprozess, wie der mexikanische Tierarzt Dr. Alfonso Aguilar in seinem Buch „Wie Pferde lernen wollen“ ausführt. Laut Aguilar kann eine Strafe ein unerwünschtes Verhalten nur für den Moment abstellen. Das Pferd reagiert aus Angst, unterdrückt sein Verhalten, aber der Lerneffekt ist nicht von langer Dauer.

Ein weiteres Problem ist, dass das Pferd durch Strafe nur die halbe Information vermittelt bekommt: Es weiß nur, dass sein Verhalten falsch war, es weiß aber nicht, welches Verhalten nun richtig oder erwünscht ist.  Gefahr der Fehlverknüpfung Erfolgt eine Strafe nicht genau im richtigen Zeitpunkt, sondern mit Verzögerung, tritt ein unerwünschter Lerneffekt ein: die sogenannte Fehlverknüpfung. „Eine Fehlverknüpfung passiert im Gehirn an der gleichen Stelle, wo auch das Lernen stattfindet. Wenn die Strafe nicht unmittelbar auf das Fehlverhalten erfolgt, verbindet das Tier diese Handlung mit der dann aktuellen Situation. Eine falsche Konditionierung gibt es daher viel häufiger als wir denken. Die Leute sind dann erstaunt, dass es so viele verhaltensgestörte Pferde gibt, die ja eigentlich nur von Angst getrieben sind“, sagt Nutztierethologe Prof. Dr. Josef Troxler. „Das Pferd ist von der Evolution her ein Fluchttier, für das Angst eine verhaltensbestimmende Eigenschaft ist. Strafe verstärkt nur die Angst“, so Zeitler-Feicht.   

Klingt ja ganz eingängig – und doch kennt es wohl jeder: das Bedürfnis, dem ungehorsamen Pferd eine Lektion zu erteilen. Das Teuflische daran: Die Angstreaktion des Bestraften wirkt immer als Bestärkung für den Strafenden, das Richtige getan zu haben. Für einen Moment gibt uns das Pferd das Gefühl hundertprozentiger Aufmerksamkeit und absoluten Gehorsams. Tatsächlich gehorcht es dabei einfach seinem Fluchtinstinkt, es reagiert schneller, es lernt aber nicht besser.  
 
Furchtsames Auge: Die große Angst und Hilflosigkeit des Gestraften bestärkt den Strafenden. © hhurma13 - Fotolia.com
Furchtsames Auge: Die große Angst und Hilflosigkeit des Gestraften bestärkt den Strafenden.
© hhurma13 - Fotolia.com

Unglückshormon Endorphin

Warum Strafe für das Lernen kontraproduktiv ist, erklärt sich aus der physiologischen Reaktion des Pferdes auf Strafe: Gibt man dem Pferd einen Klaps mit der Hand oder auch einen festeren Schlag mit der Gerte, werden Schmerzrezeptoren in der Haut gereizt. Diese geben ein Signal über die Nervenbahnen weiter bis zum Gehirn, wo der Schmerz registriert und abgespeichert wird. Je nach Intensität und Dauer der Bestrafung gibt es auch hormonelle Veränderungen – und hier zeigt sich, dass das bei Ausdauersportlern so geschätzte Hormon Endorphin eigentlich kein Glücks-, sondern ein Unglückshormon ist. „Die Endorphine gehören zu den Morphinen, die eine Art Trance oder Rausch auslösen, um eine Schmerzsituation zu überdauern. Tiere und Menschen überbrücken mit Hilfe der Endorphine negative Zustände über eine bestimmte Zeit. Die Endorphine sorgen auch dafür, dass Marathonläufer die lange Belastung überstehen können. Wir wissen aber nicht, ob das Tier in so einer Situation überhaupt lernfähig ist“, so Troxler.   

Aber auch, wenn die strafende Einwirkung nicht von langer Dauer ist, hat sie Auswirkungen, die traurigerweise beim Pferd kaum sichtbar sind. Denn selbst wenn es ums kaschieren geht sind Pferde verlässliche Partner. Troxler: „Wegen des dichten Felles sieht man die Striemen und die Blutungen in der Unterhaut nicht, die ein starker Gerten- oder Sporeneinsatz anrichten kann.“ Gegenargumente zur Strafe gibt es also genug.

Aber nur mit Lob und Streicheleinheiten wird man aufmüpfige Pferde wohl kaum in den Griff bekommen, denn meistens ist eine unklare Rangordnung zwischen Mensch und Pferd die Ursache von Respektlosigkeit. „Das Pferd folgt auch in der Herde dem Leitsatz: ‚Es ist nur erlaubt, was der Ranghöchste will.‘ Im Umgang mit dem Menschen nimmt es dann an: ‚Der, bei dem ich alles darf, ist sicher nicht der Ranghöchste‘“, so Verhaltensforscher Prof. Dr. Hermann Bubna-Littitz. Gibt es also Situationen, in denen die berühmte „gsunde Watschen“ Sinn macht?  

Wirksame Ausnahmefälle

Wenn ein Pferd dominanzaggressives Verhalten zeigt, also z. B. beißt oder schlägt, sieht Margit Zeitler-Feicht Strafe legitimiert. Der Mensch muss dann schnell und eindeutig die richtige Rangordnung herstellen. Das heißt im Konkreten: „Nicht stundenlang trommeln, sondern ein kurzer Schlag mit der Gerte, eine scharfe Stimme, ein Ruck am Halfter oder an der Trense.“, so Klaus Zeeb.

Bei immer wiederkehrendem respektlosem Verhalten kann man die Situation, in der man strafen will, auch provozieren. „Wenn mich mein Pferd beim Reinigen der Vorderhufe immer in den Hintern beißt, kann ich die Situation bewusst herbeiführen, wo ich weiß, da passiert es jetzt gleich. In dem Moment, wo es ansetzt, mich zu beißen, bekommt es dann die Strafe“, erklärt Margit Zeitler- Feicht. Daneben gibt es genügend Pferde, die es äußerst unterhaltsam finden, noch schneller zu zwicken, als der Mensch sich wehren kann. In diesen Fällen sollte man von der Erhöhung der Strafintensität absehen und dem Pferd Abwechslung verschaffen.  

Ob Strafe zwingend auch mit Schmerz verbunden sein muss, um wirksam zu sein, ist nicht ganz klar. Vielen Pferden reicht ein scharfes Wort, andere reagieren vielleicht erst bei einem kräftigeren Klaps. Wie sensibel ein Pferd auf Strafe reagiert, ist aber nicht eine Frage seiner Intelligenz, sondern liegt vielmehr in seiner Sozialisation begründet. „Nicht alle Pferdebesitzer kennen ihre Tiere von Geburt an. Wer weiß, was das Pferd schon durchmachen musste, wenn es vielleicht schon beim Anblick einer erhobenen Hand zu scheuen beginnt?“, so Josef Troxler. Die Bestrafung sollte keinesfalls von Mal zu Mal intensiver werden, denn dann tritt beim Pferd ein Gewöhnungseffekt ein – es wird „stumpf“. Troxler: „Das Pferd handelt nach dem Motto: ‚Heute spinnt er wieder...‘ und reagiert erst, wenn ein gewisses Maß erreicht ist.“  
 

Wieviel Strafe erlaubt das Gesetz?

Wie komplex das Thema Strafe ist, zeigt ein Ausflug in den Paragraphendschungel der Österreichischen Turnierordnung.

Es gibt sie leider, immer wieder: Reiter, die ihre Pferde nicht nur zurechtweisen, sondern regelrecht verprügeln. Diesen bitteren Vorfällen muss das Regelwerk des österreichischen Pferdesports, die ÖTO, Einhalt gebieten. Doch die Abgrenzung zwischen bloßer Strafe und Misshandlung des Pferdes ist nicht ganz einfach, denn wann ist eine Gerte ein bloßes Hilfs-, wann ein Quälmittel? § 107 der ÖTO verbietet zwar das Touchieren der Pferdebeine mit der Gerte durch Hilfspersonen von unten, schlagen wird aber nirgendwo explizit erwähnt. In der Beurteilung dieser Frage wird stark auf den zeitlichen Bezug zwischen Ungehorsam des Pferdes und Einsatz der Strafe abgestellt.

Mag. Helwig Schuster ist Rechtsanwalt, selbst aktiver Dressurreiter und hat bei der Überarbeitung ÖTO mitgewirkt. Er erklärt: „Ein Reiter, der sein Pferd nach der Prüfung in den Stall bringt und eine halbe Stunde später in die Box kommt, um das Pferd zu verprügeln, begeht meines Erachtens sogar Tierquälerei. Das Pferd kann keinesfalls mehr wissen, warum das jetzt passiert. Aber auch jemand, der sein Pferd nach dem Ausreiten aus dem Viereck mit der Gerte schlägt, tut dies zu spät und begeht zumindest ein Disziplinarvergehen.“ Letztlich ist es aber doch die Entscheidung des Turnierrichters, ob und mit welchen Mitteln er ein Disziplinarvergehen ahndet. „Ob der Richter eingreift, hängt leider von seiner Zivilcourage ab. Es gibt immer wieder Richter, die die Augen zumachen – man kann nur hoffen, dass das besser wird. Der Richter kann eine bloße Verwarnung aussprechen, er kann eine Geldbuße dazugeben, eine Gelbe oder Rote Karte verhängen und den Antrag auf Einleitung eines Disziplinarverfahrens stellen. In jedem Fall muss aber der Turnierbeauftragte ein Vergehen schriftlich dem zuständigen LFV mitteilen, der den Bericht an den Disziplinaranwalt des LFV und des OEPS weiterzuleiten hat. Der Disziplinaranwalt kann jederzeit ein Verfahren einleiten“, so Dr. Johann Lueger. Die OTÖ sieht Berufungsmöglichkeiten gegen alle Ordnungsmaßnahmen vor. Ob die Berufung durchgeht, ist eine Sache des Schiedsgerichtes des OEPS – rein theoretisch kann durch eine Berufung die Strafe aufgehoben, gemildert oder auch erhöht werden. Gemäß § 2001 Abs 8 ÖTO kann schon bei Verdacht eines Vergehens gegen das Tierschutzgesetz eine Sachverhaltsdarstellung an die Strafbehörde erstattet werden

Wie macht man’s richtig?

Positive Verstärkung ist die einzig richtige Methode, sein Pferd zu einem vertrauensvollen, gehorsamen Partner zu erziehen. Dabei bemerkt Zeitler-Feicht: „Nicht das Weglassen der Strafe ist schon eine Belohnung, das Lob muss ganz explizit erfolgen. Die meisten Reiter loben viel zu selten und strafen viel zu oft.“ Dabei sollte man auch beim Loben darauf achten, das Lob genau in dem Moment zu geben, in dem das Pferd etwas richtig macht – und es richtig zu dosieren.

Nicht für jede Kleinigkeit sollte es etwa Leckerlis geben, denn die sollte man sich schon für besondere Anlässe aufheben. Leckerlis werden laut Zeitler-Feicht in der Praxis häufig wahllos gegeben, sodass das Pferd sie nicht mehr einem bestimmten Verhalten zuordnen kann. „Im Extremfall wird das Pferd so konditioniert, dass es glaubt: ‚Immer wenn der Mensch kommt, gibt’s was Leckeres.‘ Es wird gierig und sucht den Menschen permanent nach Leckereien ab“, erklärt Troxler. Für manche Pferde – Ponys sind da besonders anfällig – sollten die Leckerlis auch nicht zu schmackhaft sein, sonst dreht sich im Pferdekopf alles nur noch um die guten Leckerbissen und die Konzentration kommt abhanden.
Das tut gut: Ein lobendes Wort, eine angenehme Streicheleinheit sorgen für Entspannung und Wohlbefinden. © Lichtreflexe - fotolia.com
Das tut gut: Ein lobendes Wort, eine angenehme Streicheleinheit sorgen für Entspannung und Wohlbefinden.
© Lichtreflexe - fotolia.com
Ein angenehmes, positives Gefühl verschaffen kann man dem Pferd aber auch mit der eigenen Stimme oder durch angenehme Berührungen wie Streicheln oder Kraulen. Das gute, alte „Abklopfen“ hat aber zumindest für die Verhaltensforscher endgültig ausgedient. „Dieses Abklatschen kommt in der Natur überhaupt nicht vor. Bei sensiblen Pferden merkt man auch, dass sie sich dabei eher verspannen und irritiert sind“, meint Zeitler-Feicht. „Abklopfen ist ’was für Schnitzel und Kreislaufschwache“, bringt es Pferdetrainer Harald Haussner auf den Punkt.

Wie auch immer man sein Pferd loben möchte – wichtig ist, dass man’s tut. Schließlich soll das Hobby seines Menschen auch dem Pferd Freude machen.

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