Array ( [2000] => Home [2005] => Nachrichten [1011] => Marktkurzinfos [1026] => Marktanalysen [1016] => Reportagen [1044] => Über Uns [1046] => Das Team [1045] => Mediadaten [2021] => Impressum [2022] => AGB )
23.08.2013

Nichts für schwache Nerven

Was für ein Grand Prix Spécial! Alle drei Medaillengewinnerinnen verreiten sich, Gold geht am Ende einmal mehr an Charlotte Dujardin mit Valegro und die beiden Österreicherinnen halten sich in diesem absoluten Weltklassefeld ausgezeichnet: Victoria Max-Theurer wird 10. und Renate Voglsang verbessert sich auf Rang 27!

Helen Langehanenberg mit Silber, Charlotte Dujardin mit Gold und Adelinde Cornelissen mit Bronze (v.l.n.r.) © Tomas Holcbecher
Helen Langehanenberg mit Silber, Charlotte Dujardin mit Gold und Adelinde Cornelissen mit Bronze (v.l.n.r.)
© Tomas Holcbecher
„Zufrieden bin ich ja nie, aber das war heute wieder sehr schön geritten. Nach den Sachen von Aachen, wo Augustin mit dem Kopf geschlagen hat, ritt Vici heute eine schöne Runde mit vielen Höhepunkten,“ analysierte Trainer Wolfram Wittig unmittelbar nach dem Ritt der Oberösterreicherin, mit dem sie sich souverän fürs Kür-Finale der besten 15 am Sonntag qualifizierte. „Die Zweierwechsel waren heuer auf die andere Seite und Augustin war wohl etwas zu eifrig, aber lieber so, als andersrum.“ Auch die Reiterin selbst zeigte sich von ihrem Hengst angetan: „Besonders die letzte Linie ist ihm besonders gut gelungen, der Fehler in den Zweier geht auf meine Kappe, er wollte wohl früher als ich! Sonst ließ er sich richtig geschmeidig reiten, obwohl es heute richtig laut war im Stadion.“
Souverän erreichte Vici mit Augustin das Kür-Finale. © Tomas Holcbecher
Souverän erreichte Vici mit Augustin das Kür-Finale.
© Tomas Holcbecher
Rot-weiß-rot jubelt über Vicis 10. Platz mit Augustin. © Ernst Kopica
Rot-weiß-rot jubelt über Vicis 10. Platz mit Augustin.
© Ernst Kopica
Bereits als dritte Reiterin der Finalentscheidung musste Renate Voglsang mit ihrem Fabriano ins Viereck:„Das ist aber kein Nachteil gewesen, da fühlt sich Hengsti sowieso am wohlsten!“ Die beiden präsentierten sich auch wesentlich besser als am Vortag, wiederum beeindruckend war der Schritt des Florestan-Sohnes, aber auch die Trabverstärkungen gelangen überaus gut. Leider trübten Unstimmigkeiten bei den Zweierwechseln und der Schlussaufstellung das Bild ein wenig, aber dennoch konnte Voglsang gemeinsam mit ihrem Trainer Chrisoph von Daehne zufrieden sein: Mit 69,241 % verbesserte sie sich nämlich in der Endabrechung auf Rang 27! „Heute lief es wieder richtig gut, wir waren wieder bei unseren 70 %,“ resümierte sie am Ende positiv.
Kann mit ihrem 27. Platz im GP Special wirklich zufrieden sein: Renate Voglsang und Fabriano. © Tomas Holcbecher
Kann mit ihrem 27. Platz im GP Special wirklich zufrieden sein: Renate Voglsang und Fabriano.
© Tomas Holcbecher
Die Medaillenvergabe verlief jedoch kurios wie noch nie bei einem großen Championat. Als erste der Sieganwärterinnen zeigte Helen Langehanenbergs Damon Hill beim Anpiaffieren leichte Schwächen, fing sich aber wieder und beeindruckte mit Einerwechseln wie auf einer Schnur gezogen. Dann aber das große Raunen im Publikum, als sie bei der letzten Trabtour nicht geradeaus weiterritt, sondern nach rechts steuerte. Ein kurzes An-den-Kopf-greifen, dann eine Rechtsvolte und nochmals das Ganze. Unglaublich, dass sie am Ende trotz dieses Missgeschicks mit 84,330 % überlegen die Zwischenwertung anführen konnte. Dann das Warten auf Charlotte Dujardin: Valegro machte alles wie immer perfekt, beeindruckend! Bis zum versammelten Schritt, dafür gibt es nur Noten zwischen 4,0 und 6,0! Und dann auch bei ihr ein Verreiten: Zweierwechsel wo sie nicht hingehören! Ungeheure Nervenstärke gehört aber dazu dann bei den „richtigen“ 93 % zu erhalten. Die 2 Punkte Abzug pro Richter sollten sich nicht entscheidend auswirken, Rang 1 mit 85,551 %!
Nach der Bronzenen mit Parzival flossen bei Adelinde Cornelissen die Tränen. © Tomas Holcbecher
Nach der Bronzenen mit Parzival flossen bei Adelinde Cornelissen die Tränen.
© Tomas Holcbecher
Unglaublich dann das Déjà-vu bei Adelinde Cornelissen, denn wo Dujardin die Zweierwechsel ritt, die dort nicht hingehörten, machte es die Niederländerin mit ihrem Fuchs ebenso. Was für eine verrückte Prüfung, doch auch Cornelissen hatte sich sofort wieder unter Kontrolle und ihr Parzival strahlte in der Mittagssonne wieder mit seinem Charisma. Mit 81,548 % war dies vorerst Bronze, das ihr noch Edward Gal hätte streitig machen können. Sein Glock’s Undercover erhielt diesmal aber wesentlich niedrigere Noten als im Grand Prix und wurde „nur“ Vierter. Nun flossen aber bei der Niederländerin die Tränen, denn lange war nicht klar, ob ihr Wallach nach seinen Herzproblemen wieder in den großen Sport zurückkommen würde.

Hier finden sie alle Ergebnisse der EM in Herning.
Vici beim Interview im Pressezentrum. © Ernst Kopica
Vici beim Interview im Pressezentrum.
© Ernst Kopica

Der Richter, das unbekannte Wesen

Im Großen und Ganzen konnten die österreichischen Reiterinnen mit den Bewertungen im Mannschafts-Grand Prix durchaus zufrieden sein, hier ist einmal ein großes Championat und die Leistungsdichte unwahrscheinlich hoch. Da bedarf es schon eines wirklichen außergewöhnlichen Rittes um über 70 % zu kommen. Vici Max-Theurer lag da auf Augustin mit 74,772 % klar darüber, Renate Voglsang und Andrea John schrammten daran knapp vorbei. Die Richter gaben den beiden in Deutschland lebenden Österreicherinnen 68,860 % bzw. 68,389 %.
Apropos Richter: Es ist schon bezeichnend, dass in anderen Sportarten Wertungsrichter, Kampfrichter, Punkterichter, Linienrichter, Schiedsrichter, Torrichter oder auf englisch Referees am Werke sind. Im Dressur-Richter sind es dagegen Judges, Richter eben – das schüchtert schon vom Wort her ein. Zugegeben, es ist wirklich nicht so einfach einen Tag lang 65 verschiedene Pferde und Reiter mit ebenso unterschiedlichen Reitstilen zu vergleichen und für die 33 Lektionen und 4 Extrawertungen eines GP immer die richtige Note zu erwischen. Unterschiedliche Positionen am Viereck sorgen für unterschiedliche Blickwinkel, von den erhöhten Positionen der Tribünen sehen die Darbietungen für die Zuseher auch anders aus. Seitdem es aber bei Großereignissen sieben Wertungen gibt, wirkt sich der eine oder andere Fauxpas nicht so gravierend aus, wie auch Österreichs Mannschaftsreiterin Andrea John positiv vermerkt. Bei Karin Kosak gab es auch ein Eingreifen des Supervisors, der drei (offensichtliche) Irrtümer im Nachhinein korrigierte, weshalb auch die unmittelbar nach Beendigung der Prüfung am Scoreboard aufleuchtenden Prozentpunkte von den offiziellen Noten abweichen können.
Dennoch: Ein paar Eigenartigkeiten konnte man bei der Mannschaftsentscheidung am Donnerstag schon bemerken. So etwa beim Schweden Gustaf Svalling, der für den Briten Michael Eilberg gerade einmal 65,532 % zückte, während dessen Ritt seinen sechs KollegInnen zwischen 71,809 % und 75,638 % Wert war. Dies könnte am Ende Großbritannien sogar die Goldmedaille gekostet haben. Andererseits profitierten diese wiederum von den eher gnädigen Wertungen für Carl Hester, die Vorstellung von Uthopia beinhaltete zwar wirklich hervorragende Trabverstärkungen, aber wie man diese Piaffen zwischen 4 und 6 richtet, ließ einen ein wenig verwundert zurück. Österreichs Karin Kosak wurde für Ähnliches mit 1 bis 3 abgestraft.
Und dass am Samstag Abend bei der Show-Night die dänische Eurovisions-Contest-Gewinnerin Emmelie de Forest auftreten wird, wirft offenbar schon Schatten voraus: Sonderbare Länderbevorzugungen wie bei der Niederländerin Francis Verbeek-Van Rooij, die ihrer Landsmännin Cornelissen um 1 % mehr als für Langehanenbergs Goldritt mit Damon Hill gab – so etwas erklärt mir keiner mit einem anderen Blickwinkel. Korrekt bis überkorrekt hingegen die Herren aus Dänemark und Großbritannien die bei ihren Reitern ziemlich streng ans Werk gingen, während beim deutschen Richter, dem Rechtsanwalt Dr. Dietrich Plewa, das eine oder andere Mal schon patriotische Gefühle durchkamen. So ein Dressurrichter bleibt eben – wie es Isabell Werth, die von Isabelle Judet auf Rang 21 (!) klassiert wurde, so treffend umschrieb – ein unbekanntes Wesen. Zumindest für die Dressur-Reiter!
Servus TV AD ab 07.12.2017