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15.08.2015

Pech für Vici, Gold für Charlotte

Was für ein Pech für Victoria Max-Theurer! In der Entscheidung für den Grand Prix Spécial führte sie als erste Reiterin der Schlussgruppe bis zur Lektion 14. Als aber ihre Blind Date nicht anpiaffierte - da sie sich offenbar von den Fotografen ablenken ließ und für diese Lektion Null Punkte bekam - war der Traum vom Kür-Finale ausgeträumt. Den Europameistertitel holte sich ein überragender Valegro unter Charlotte Dujardin.

Gold für Dujardin, Silber für Bröring-Sprehe und Bronze für Minderhoud! © Tomas Holcbecher
Gold für Dujardin, Silber für Bröring-Sprehe und Bronze für Minderhoud!
© Tomas Holcbecher
Es war wie verhext! Ausgerechnet beim Einritt der Oberösterreicherin begann es in Aachen zu schütten, aber Vici ließ sich dadurch überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Sie ritt Passagen vom Feinsten, die bis dahin führende Tinne Vilhelmson-Silfvén und auch Isabell Werth (die sich nach dem ersten Drittel der Prüfung verritten hatte) lagen laut offenem Scoring zu diesem Zeitpunkt klar hinter Österreichs Meisterin. Auch der Schritt war noch o.k. Dann aber blickte Blind Date in zahlreiche Foto-Objektive am Rand des Vierecks und die Breitling-Tochter piaffierte aus dem versammelten Schritt einfach nicht an. "Ich konnte leider Beates Aufmerksamkeit nicht erreichen, aber ich mache ihr deswegen keinen Vorwurf," war Vicis erster Kommentar. In der Folge misslang natürlich auch der Übergang und bei der zweiten Piaffe saß den beiden der Schrecken noch in den Knochen. Aber Vici kämpfte tapfer weiter, in diesem Moment wollte niemand in ihrer Haut stecken.
Trotz Fehler und Pech unverdrossen weitergeritten: Ein Bravo der österreichischen Meisterin. © Tomas Holcbecher
Trotz Fehler und Pech unverdrossen weitergeritten: Ein Bravo der österreichischen Meisterin.
© Tomas Holcbecher
Nach so einem Missgeschick die restliche Lektionen mit Wertungspunkten zwischen 7,0 und 8,0 noch heim zu reiten, das verdient Hochachtung. Eines war klar, ohne diesen Fauxpas hätte Victoria Max-Theurer das Kür-Finale auf alle Fälle erreicht, so blieben am Ende 69,412 % und Rang 21 für die Statistik zu notieren. Da ein Unglück selten allen kommt, musste die enttäuschte Reiterin danach noch zur Dopingkontrolle.
Da war die Welt noch in Ordnung: Vici beim Abreiten. © Ernst Kopica
Da war die Welt noch in Ordnung: Vici beim Abreiten.
© Ernst Kopica
Aber auch andere Teilnehmer kamen nicht ungeschoren davon: Patrick Kittels Deja gebärdete sich in den Piaffen so, dass der Schwede aufgeben musste, seine Landsfrau Vilhelmson-Silfvén kosteten ihre verhauten Einerwechsel wertvolle Punkte, Isabell Werth verritt sich, war aber dennoch über die Leistung ihres Don Johnson happy.
Der Medaillendreikampf wurde dann von Kristina Bröring-Sprehe mit Desperados eröffnet, der sich gegenüber dem Grand Prix wesentlich gesteigert zeigte. Mit über 83 % lag das beste deutsche Paar damit Lichtjahre vor dem bislang führenden Carl Hester (77,003 %). Danach kam gleich die große Favoritin Charlotte Dujardin. Und was sie mit ihrem Valegro präsentierte, das kann nur als "Hohe Schule" des Dressurreitens bezeichnet werden: 87,829 %, 24 mal die 10,0, keine Diskussion mehr über Gold, das war der Titel!
Verdiente Blumen für Valegro und Charlotte! © Tomas Holcbecher
Verdiente Blumen für Valegro und Charlotte!
© Tomas Holcbecher
Da blieb nur mehr am Rande zu notieren, dass Edward Gal mit Glock's Undercover keine Grußaufstellung einnahm und sein Wallach unreitbar schien. Unrühmliches Highlight dann das Abläuten wegen Blut im Maul des Pferdes. Wahrlich keine Werbung für den Dressursport. Damit ging Silber an Bröring-Sprehe und Bronze – Ironie des Schicksals - an Gals Lebensgefährten Hans Peter Mindehoud und Glock's Johnson TN.
Trotz strömendem Regen ein Lächeln! © Tomas Holcbecher
Trotz strömendem Regen ein Lächeln!
© Tomas Holcbecher
Aus österreichischer Sicht gibt es abschließend noch eine Olympia-Fixqualifikation zu vermelden: Das Los entschied über die Dressurrichter für Rio und dabei war Thomas Lang (neben Maribel Alonso aus Mexiko, der Dänin Susanna Baarup, dem Briten Stephen Clarke aus Großbritannien, dem Niederländer Eduard de Wolff van Westerrode, dem Deutschen Peter Holler und dem Amerikaner Gary Rockwell) einer der 7 glücklichen.
Umstrittener Auftritt von Totilas in Aachen! © Tomas Holcbecher
Umstrittener Auftritt von Totilas in Aachen!
© Tomas Holcbecher

Totilas – ein Shakespeare-Drama in fünf Akten?

- Prolog -
Am 23. Mai 2000 wurde im niederländischen Broeksterwald ein Fohlen namens Totilas geboren, seine Züchter heißen Jan K. Schuil und Anna Visser. Bereits im Alter von fünf Jahren hat Totilas in Verden seinen ersten großen Auftritt, geritten von Jiska van den Akker wird er Vierter.

- Erster Akt -
Die Besitzer von Totilas (Moorlands Stables) lassen Edward Gal den KWPN-Rapphengst reiten und im Sommer 2009 gewinnt das Paar die nationalen Meisterschaften. Dabei gelang es ihnen die bis dahin den niederländischen Dressursport dominierende Anky van Grunsven zu besiegen. Der Erfolgslauf von Totilas schien nun vorprogrammiert und er erwarb sich den Ruf als "Wunderpferd". In Windsor gab es für ihn bei den Europameisterschaften Mannschafts- und Kür-Gold, im Spécial reichte es für Silber. Die Fachwelt und das Publikum gerieten gleichermaßen ins Schwärmen, diese Trabgänge hatte man so noch nie gesehen. Allerdings wurde schon damals die sehr starke ausgeprägte "zirzensische" Vorderbeinarbeit kritisiert – egal, das Publikum jubelte dem Dressurstar zu und der Hengst erlangte Kultstatus. In London erzielte Gal dann in der Kür unglaubliche 92,300 %, Die Niederlande hatten im ewigen Duell ihrem Erzrivalen Deutschland einen Dressurkönig vor die Nase gesetzt. Der Erfolgslauf ging munter weiter: Siege beim CHIO in Aachen und bei den Weltreiterspielen 2010 in Kentucky, zeitweise mussten die Dressurstadien abgeriegelt werden, jedermann wollte "Totilas schauen". Die deutsche Presse schießt mediales Trommelfeuer, der Begriff "Rollkur" wird zum Pferdewort des Jahres!

- Zweiter Akt -
Cees Visser, der Besitzer von Moorlands Stables, kündigte am 14. Oktober 2010 den Verkauf von Totilas an. 12 Tage später bestätigte Paul Schockemöhle den Kauf, kolportierter Kaufpreis: mindestens zehn Millionen Euro. Mit dabei im Käuferkonsortium war Ann Kathrin Linsenhoff, deren Stiefsohn Matthias Alexander Rath schon zu diesem Zeitpunkt ein erfolgreicher deutscher Dressurteam-Reiter war. Im München jubelt Deutschland dann über "seinen" Totilas, aber bei der EM in Rotterdam 2011 zeigte sich der Hengst sehr eng und verspannt, sodass er ohne Einzelmedaille blieb - und auch aus dem erhofften Team-Gold wurde nichts.

- Dritter Akt -
Der Handlungsstrang wird nunmehr "tragischer": Verletzungen verhindern nach Rotterdam weitere Auftritte, lediglich in Hagen brachte Rath (der mittlerweile von dem in Deutschland umstrittenen Grunsven-Ehemann Sjef Janssen trainiert wurde) Totilas 2012 wieder an den Start und gewann mit 83,809 %. Und auch der Sinneswandel von Raths Vater Klaus, der sich noch kurz zuvor gegen die Rollkur vehement ausgesprochen hatte und deren Anwendung man Janssen ja jahrelang vorwarf, gibt der Dramaturgie der Ereignisse zusätzliche Würze.

Die deutschen Meisterschaften im Juni 2012 - anlässlich derer sich der Rappe zweimal dem immer besser werdenden Damon Hill unter Helen Langehanenberg geschlagen geben und Team-Totilas mit Doppel-Silber begnügen muss - sollten vorerst der letzte Turnierauftritt für zwei Jahre gewesen sein. Denn die Erkrankung von Rath an Pfeiffer'schem Drüsenfieber verhinderte den Olympiastart in London und weitere gesundheitliche Probleme des Pferdes führten dazu, dass der nächste Start erst 2014 erfolgen konnte, den Totilas dann im beglischen Kapellen, fern vom einst so heiß ersehnten Presserummel, siegreich gestaltete. Es folgten Siege in Wiesbaden und Aachen, doch kurz vor der Abreise zu den Weltreiterspielen die nächste tragische Wendung: Wieder eine Verletzung, "for the welfare of the horse" wurde ein Antreten in Caen bei der WM gestrichen.

- Vierter Akt -
Nachdem Damon Hill dem deutschen Dressurteam abhanden gekommen war, musste man auf die Suche nach einem 80-Prozent-Pferd gehen, um das Vorhaben Titelverteidigung bei der Heim-EM erfolgreich zu gestalten. Ein Comeback von Totilas stand also im Raum. Die deutschen Meisterschaften in Balve kamen aber für den Schwarzen noch zu früh. Es hieß zwar, dass Totilas fit sei, aber wirklich ins Viereck kam er erst einen Monat vor der Aachener EM, erst außer Konkurrenz bei einem Dorfturnier in den Niederlanden und dann schließlich bei der letzten Sichtung in Hagen, wo Rath mit ihm auch Grand Prix und Spécial gewann. Die Kür wollte man dem Schwarzen aber schon nicht mehr zumuten, Totilas wurde nach zwei Bewerben wieder nach Hause geschickt.

- Fünfter Akt -
Dann der Auftritt in der Aachener Soers. Bereits beim Vet-Check konnte sich das Tierärzte-Team nicht ganz einigen, ob Totilas wirklich wettkampfreif sei, am Ende erhielt er aber doch das o.k. Darauf sollten sich später auch die deutschen Funktionäre berufen. Equipechef Roeser (übrigens Angestellter bei Paul Schockemöhle), Bundestrainerin Theodorescu oder Rath-Betreuer Janssen, ein jeder sagte, von seinem Blickwinkel aus wären keine Taktunreinheiten erkennbar gewesen. Anders das Fachpublikum am Abreitplatz. Bereits vor der Prüfung schwirrten die ärgsten Gerüchte durch den Presseraum.

Dann der Grand Prix! Kein Live-Scoring: Verschwörungstheorien tauchen auf, warum gerade bei Totilas? Wertungen zwischen 71 und 80 Prozent, auch die Richter hätten unterschiedliche Blickpunkte auf das Pferd gehabt und damit die deutlichen Taktfehler der linken Hinterhand nicht einheitlich sehen können. Diese Standardantwort kennt man schon seit Jahren bei den offiziellen Dressurpressekonferenzen. Am Tag danach der Knalleffekt: Kein weiterer Start mehr für Totilas, zur Abklärung wird der Hengst in eine belgische Klinik gebracht. Fragen bleiben aber jede Menge offen, auch im Kommentar des "St. Georg": "Offenbar hat die Mannschaftsführung von Anfang an damit gerechnet, dass Totilas nach dem Grand Prix, spätestens nach dem Grand Prix Spécial, nicht mehr einsatzfähig sein würde, denn Bundestrainerin Monica Theodorescu hatte bemerkenswert wenig Interesse an Raths Kürprogramm gezeigt. Ein wahrlich zynisches Kalkül: Das angeschlagene Pferd sollte für 80 Prozent in der Mannschaftsprüfung für die Goldmedaille sorgen." Diese Europameisterschaften hatte sich Deutschland wohl anders vorgestellt.

- Epilog -
Totilas darf endlich auf die grüne Koppel, er hat die Dressurwelt auf den Kopf gestellt. Und er hat auch bewiesen, dass Geld allein die Pferdewelt nicht regieren kann – ein Wunschtraum?

P.S.: Die Ereignisse beim Grand Prix Spécial zeigten aber leider, dass es sich so wie mit den Stücken Shakespeares verhält, es gibt einfach sehr, sehr viele!
Matthias Alexander Rath jubelt, man beachte aber das linke Hinterbein. © Tomas Holcbecher
Matthias Alexander Rath jubelt, man beachte aber das linke Hinterbein.
© Tomas Holcbecher
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