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20.12.2010

Pferdezucht im Umbruch

Wie wird das neue Tierzuchtgesetz die österreichische Zucht verändern?

Tirol hat als erstes Bundesland seit Juli ein neues Tierzuchtgesetz. Bis Ende des Jahres 2008 sollen die übrigen acht folgen. Was sich dadurch in der österreichischen Zucht ändert und was Sie sich als ZüchterIn davon erwarten können, lesen Sie hier.

zucht im umbruch noriker © Fotolia.com
Norikerzucht: Neue Chance auf Expansion ins Ausland
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Die gesetzliche Regelung der Tierzucht ist in der Tradition vieler europäischer Länder fest verankert, denn Nutztiere spielten in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Gerade die Pferdezucht, ohne die vor der Motorisierung kein Land auskam, wurde deshalb früh von den jeweiligen Machthabern gefördert. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert wurden vielerorts staatliche Körordnungen eingeführt, eine der ersten stammt aus der Norikerzucht im Erzbistum Salzburg. Im 20. Jahrhundert schließlich wurde die Zucht im deutschsprachigen Raum und in Frankreich durch Tierzuchtgesetze staatlich reguliert. Im englischen Sprachraum hingegen, etwa in Großbritannien, in den USA, in Australien und Neuseeland, existieren diesbezüglich bis heute nur sehr wenige gesetzliche Regelungen. Das Ziel der Tierzuchtgesetzte, die neben den Equiden (Hauspferde, Hausesel und deren Kreuzungen) auch Rinder, Büffel, Schweine, Schafe und Ziegen betreffen, ist die Leistungsfähigkeit der Tiere sowie die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Zuchtverfahren unter Berücksichtigung der Tiergesundheit zu verbessern, die Qualität der tierischen Erzeugnisse zu gewährleisten und die genetische Vielfalt zu sichern.

EU-Gemeinschaftsrecht

In Österreich gibt es, im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz, kein bundesweit einheitliches Gesetz, sondern neun Landestierzuchtgesetze mit den entsprechenden Verordnungen. Die Mehrheit dieser Gesetzestexte stammt, abgesehen von ein paar geringfügigen Änderungen, aus dem EU-Beitrittsjahr Österreichs 1995. Da die EU eine wirtschaftliche Vernetzung der Mitgliedsstaaten in allen Lebensbereichen anstrebt, stehen auch der historisch stark regional geprägten Tierzucht einige Veränderungen bevor. Um ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum und einen größeren sozialen Zusammenhalt zu fördern, wird eine Liberalisierung des Warenverkehrs sowie der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit angestrebt. Hierfür ist eine Harmonisierung der Gesetze im Rahmen des EU-Gemeinschaftsrechts notwendig, die in Österreich auch im Bereich der Tierzucht vorgenommen werden muss. Da diese bisher nicht umgesetzt wurde, kam es zu mehreren Beschwerden bei der EU-Kommission in Brüssel. Die Behörden eröffnete daraufhin zwei Vertragsverletzungsverfahren sowie ein Beschwerdeverfahren gegen Österreich, die hauptsächlich Verstöße in den Bereichen Besamungswesen, Ursprungszuchtbuch und Eintragungsvoraussetzungen in Zuchtbücher beanstanden. Dabei ist jedes Bundesland von mindestens einem dieser Verfahren betroffen, da die bestehenden Landestierzuchtgesetze in ihren wesentlichen Punkten vergleichbare Bestimmungen enthalten.

Neue Gesetze entstehen

Die österreichischen Agrarlandesräte ließen daraufhin die Landestierzuchtgesetze Ende 2006 begutachten und beschlossen, aufgrund des massiven Änderungsbedarfs eine komplette Neuerlassung der Gesetze durchzuführen. Auf Vorschlag des Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft, DI Dr. Josef Pröll, wurde Anfang 2007 ein Fachentwurf für ein einheitliches Tierzuchtgesetz erstellt, der den Bundesländern als Grundlage vorgelegt wurde. Man orientierte sich dabei auch am neuen Tierzuchtgesetz Deutschlands, das Ende 2006 erlassen wurde, nachdem es verschiedene Abmahnung durch die EU-Kommission gegeben hatte. Als Frist für die Anpassung wurde von der Europäischen Kommission der 1. Juli 2008 festgelegt. Eingehalten wurde dies nur vom Bundesland Tirol, dort ist am 2. Juli ein neues Tierzuchtgesetz in Kraft getreten. Die Gesetzesentwürfe der Bundesländer Wien, Steiermark, Kärnten, Vorarlberg und Burgenland befinden sich im Begutachtungsprozess, in Oberösterreich, Salzburg und Niederösterreich ist man hingegen noch mit dem Entwurf beschäftigt. Es ist laut MR DI Josef Wiesböck, stellvertretender Leiter der Abteilung III/5, Tierhaltung, Tierschutz im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, davon auszugehen, dass das neue Tierzuchtgesetz etwa Anfang 2009 bundesweit umgesetzt sein wird. Danach müssen noch die entsprechenden Rechtsverordnungen erlassen werden, die die Gesetze bezüglich Inhalt, Zweck und Ausmaß präzisieren sollen. In Tirol befinden sich die Verordnungen momentan in der Entwurfsphase. Ihr Inhalt wird die Auslegung der einzelnen Paragraphen in der Praxis bis zu einem gewissen Grad beeinflussen.

Was ändert sich?

Das neue Gesetz wirkt sich auf verschiedene Bereiche in der Tierzucht aus. Insgesamt wird dabei ein partieller Rückzug des Staates deutlich, der den Zuchtorganisationen langfristig mehr Eigenverantwortung ermöglicht. Außerdem findet eine EU-weite Internationalisierung der Zucht statt, die zwar einerseits eine genauere Regelung vieler Abläufe notwendig macht, andererseits aber auch neue Möglichkeiten, etwa eine größere Auswahl an Zuchtverbänden und mehr Transparenz, mit sich bringt. Für die Pferdezucht sind dabei die Änderungen im Bereich der Anerkennung der Zuchtorganisationen, der Zuchtbuchordnungen und der länderübergreifenden Tätigkeit von besonderer Bedeutung.

Neuerliche Anerkennung

Da die Europäische Union den freien Handel mit Zuchttieren nach standardisierten Kriterien ermöglichen will, sind alle Zuchtorganisationen (Zuchtverbände) in Österreich von der Neuregelung der Gesetze betroffen. Denn um ihre bisherige staatliche Anerkennung behalten zu können, müssen sie im Rahmen einer Übergangsregelung eine neue Anerkennung bei der Tierzuchtbehörde ihres jeweiligen Bundeslandes beantragen. Tun sie dies nicht, erlischt ihre bisherige Anerkennung spätestens ein Jahr nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes. Hier ist Österreich ein Vorreiter im Vergleich z. B. zu Deutschland, wo den Verbänden mit einer Frist bis Ende 2013 ein doch sehr großzügiger Zeitrahmen gewährt wird. Dieses neue Anerkennungsverfahren ist aber entscheidend, um das EU-Recht auch bei den Zuchtverbänden durchzusetzen. Denn anerkannt wird nur, wer seine Zuchtbuchordnung entsprechend dem neuen Tierzuchtgesetz umformuliert, und nur eine anerkannte Zuchtorganisation ist zur Ausstellung von Zucht- und Herkunftsbescheinigungen berechtigt. „Damit werden die Zuchtverbände gezwungen, ihre Zuchtbuchordnung sowohl in der Struktur als auch in der Zielsetzung klarer zu formulieren“, erklärt DI Josef Wiesböck. Von dieser Neuregelung sind österreichweit etwa 70 Tierzuchtorganisationen, davon rund 30 für Pferde, betroffen.

Ursprungs- oder Filialzuchtbuch?

Im Zuge dieses Anerkennungsverfahrens müssen die Pferdezuchtverbände – bei anderen Tierarten besteht diese Regelung nicht – in Zukunft auch entscheiden, ob sie das Ursprungszuchtbuch für eine bestimmte Pferderasse führen oder ob sie als Filialzuchtbuch die Regeln einer bestehenden Ursprungszuchtbuchorganisation übernehmen. Der Zuchtverband, der das Ursprungszuchtbuch einer Rasse führt, übernimmt dabei folgende Rechte und Pflichten: Er legt das Zuchtziel fest und definiert die Merkmale der Rasse oder der vom Zuchtbuch erfassten Zuchtpopulation, etwa welches Stockmaß oder welche Fellfarben zugelassen werden. Außerdem entscheidet er über die Unterteilung des Zuchtbuchs in bestimmte Abschnitte, wie z. B. Hengstbuch I und II, und legt die Grundsätze für die abstammungsmäßigen Voraussetzungen der Zuchtbucheintragung – z. B. den Fremdblutanteil – fest. Zusätzlich muss er die Kriterien für das System der Abstammungsregistrierung und der Kennzeichnung der Zuchttiere dieser Rasse festlegen. Ist das Brandzeichen des Ursprungszuchtbuchs rechtlich geschützt, wie etwa beim Hannoveraner Verband, erhalten nur die Fohlen, die direkt bei ihm registriert werden, den Originalbrand. Die Ursprungszuchtbuchorganisation ist außerdem gesetzlich verpflichtet, den Filialzuchtbuchorganisationen sämtliche Grundsätze schriftlich zur Verfügung zu stellen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Filialzuchtbuchorganisationen hingegen sind verpflichtet, die vorgegebenen Grundsätze genau einzuhalten und die Ergebnisse der von ihnen durchgeführten Leistungsprüfungen und Zuchtwertschätzungen an die Ursprungszuchtbuchorganisation bzw. an die Landwirtschaftskammer zu übermitteln. Nur dann werden die bei ihnen eingetragenen Zuchttiere auch von der Ursprungszuchtbuchorganisation vollständig anerkannt. In der Praxis bedeutet das, dass es in Europa in Zukunft für jede Rasse nur noch eine Organisation geben kann, die die Grundsätze festlegt, allen anderen Organisationen derselben Rasse ist es freigestellt, ob sie sich diesen Regeln als Filialzuchtbuch anschließen oder ob sie eine – rein rechtlich gesehen – neue Rasse mit einem eigenen Namen begründen. Da bei manchen Pferderassen, etwa beim Haflinger, Lipizzaner oder Huzulen, hinsichtlich des Ursprungszuchtbuchs Uneinigkeit herrscht, welcher Zuchtorganisation es zusteht, und das EU-Gemeinschaftsrecht keine Vorschriften über die hierfür nötigen Voraussetzungen macht, sehen die neuen österreichischen Tierzuchtgesetze für diesen Fall das Prioritätsprinzip vor. Das heißt, wer das Ursprungszuchtbuch für eine bestimmte Rasse als erster anmeldet, bekommt es zuerkannt – außer, es sprechen offenkundige zuchtfachliche und zuchthistorische Gründe dagegen.
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Ursprungszuchtbuch: Bei manchen Rassen – wie z. B. dem Vollblutaraber – liegt das Ursprungszuchtgebiet außerhalb der EU.
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Ob sich durch die neue Gesetzgebung die seit Jahren andauernde Meinungsverschiedenheit zwischen dem Italienischen Verband der Haflingerzüchter und dem Haflinger Pferdezuchtverband Tirol hinsichtlich des Ursprungszuchtbuches klären lassen, ist zweifelhaft. Laut Dr. Kai-Uwe Sprenger, dem für Tierzuchtfragen zuständigen Beamten der EU-Generaldirektion für Gesundheit und Verbraucherschutz in Brüssel, ist es nicht so einfach, Rassenamen rechtlich zu schützen oder gar einen Rechtsanspruch auf die alleinige Nutzung zu beanspruchen. „Da der Begriff der Rasse ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, der ein Tier nur näher charakterisiert, wird er zwar im EU-Recht verwendet, jedoch juristisch nicht definiert. Insbesondere bei weit verbreiteten Rassen wie z. B. dem Haflinger, dessen Zuchtgeschichte von verschiedenen Ländern und Organisationen beeinflußt wurde, ist eine alleinige Beanspruchung des Namens sicher schwer zu rechtfertigen“, so Dr. Kai-Uwe Sprenger weiter. Abhilfe können hier möglicherweise Zusätze, wie z. B. „Tiroler Haflinger“ schaffen. Offen jedoch bleibt die Frage, wer das Ursprungszuchtbuch für Pferderassen, deren Ursprung nicht innerhalb der EU liegt – etwa das Quarter Horse oder die Araber –, führen wird. Da die Ursprungszuchtgebiete dieser Rassen eindeutig einer Region außerhalb der EU zugeordnet werden können, würden auch hier zuchthistorische Gründe gegen die Anerkennung eines Ursprungszuchtbuches innerhalb eines EU-Staates sprechen. Bei den südamerikanischen Rassen, z. B. dem Paso Peruano, erkennen viele EU-Zuchtverbände das Zuchtbuch des Heimatlandes als Ursprungszuchtbuch an, obwohl dort natürlich kein EU-Recht gilt. Hier wird es in der Praxis sicher unterschiedliche Vorgangsweisen geben. Wenn ZüchterInnen mit den Regeln des Ursprungszuchtbuchs nicht einverstanden sind, kann es zu einer Rasseneugründung kommen. So erlaubt das Ursprungszuchtbuch der Shetlandponys in Großbritannien in seinem Zuchtprogramm keine Tigerschecken und keine im Sporttyp stehenden Ponys. Die deutschen Pony- und Kleinpferdezuchtverbände führen daher seit 1999 ein Ursprungszuchtbuch für die zwei neuen Rassen, das „Deutsches Partbred Shetlandpony“ und das „Deutsches Classic- Pony“, wo Shetlandponys mit diesen Merkmalen anerkannt werden.

Räumliche Anerkennung

Eine schwerwiegende Änderung betrifft die räumliche Anerkennung der Zuchtverbände. Bisher benötigte ein Zuchtverband in jedem der neun Bundesländer eine eigene Anerkennung durch die dort zuständige Tierzuchtbehörde. Um diese zu erhalten, mußte er laut den meisten Landestierzuchtgesetzen eine Geschäftsstelle im jeweiligen Bundesland nachweisen können. Einige Zuchtverbände, wie etwa der Österreichische Zuchtverband für Ponies, Kleinpferde und Spezialrassen (ÖZP) oder die Austrian Quarter Horse Association, nahmen diese Auflagen auf sich, um bundesweit ihre Mitglieder betreuen zu können. Auch der deutsche Trakehnerverband ließ sich vor einigen Jahren in Oberösterreich als Zuchtorganisation neu anerkennen. „Diese Einschränkung der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit bedeutete nicht nur einen erhöhten Bedarf an MitarbeiterInnen oder Freiwilligen, sondern verlangte den Organisationen auch viel Geduld beim bürokratischen Hürdenlauf ab“, erklärt Professor Dr. Manfred Maier, Obmann des ÖZP. Künftig benötigt ein Zuchtverband nur mehr eine einzige Anerkennung durch die Tierzuchtbehörde jenes Bundeslandes, in dem er seinen Geschäftssitz hat. Er kann dann ohne ein zusätzliches Anerkennungsverfahren auch in anderen österreichischen Bundesländern sowie in allen EU-Mitgliedsstaaten und den EWR-Staaten Liechtenstein und Norwegen sowie in der Schweiz – die über ein bilaterales Abkommen mit der Europäischen Gemeinschaft verfügt – tätig werden. Im EWR-Staat Island gelten nur bestimmte Teile des EU-Rechts, der Bereich Tierzucht gehört nicht dazu. Der Zuchtverband muss allerdings eine grenzüberschreitende Tätigkeit von seiner Anerkennungsbehörde bei der jeweiligen ausländischen Behörde anzeigen lassen. Diese erhält dadurch die Möglichkeit, innerhalb einer zweimonatigen Frist auf besondere nationale Rechtsvorschriften in ihrem Hoheitsgebiet hinzuweisen und Ablehnungsgründe gegen eine grenzüberschreitende Tätigkeit zu nennen, sie kann jedoch nicht direkt in die Entscheidung eingreifen. Die möglichen Ablehnungsgründe sind gemeinschaftsrechtlich in der Entscheidung 92/353/EWG genau definiert: Die grenzüberschreitende Tätigkeit eines Zuchtverbandes für dieselbe Rasse kann nur abgelehnt werden wenn: 1.) die Erhaltung der Rasse dadurch gefährdet wird, 2.) die Funktionsfähigkeit oder das Selektionsprogramm einer in diesem Gebiet bereits bestehenden Zuchtorganisation dadurch gefährdet wird oder 3.) wenn die Pferde bei einer bereits bestehenden Filialzuchtbuchorganisation eingetragen werden können. Außerdem muss der Verband sein Zuchtprogramm, insbesondere die Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung, auch bei grenzüberschreitender Tätigkeit ordnungsgemäß durchführen können, und er ist verpflichtet, alle Personen, die sich in seinem räumlichen Tätigkeitsbereich befinden und eintragungsfähige Tiere halten sowie zur Mitarbeit im Zuchtverband bereit sind, aufzunehmen. Ein Einwand gemäß einem der oben genannten Punkte führt aber nicht zwingend zur Ablehnung einer grenzübergreifenden Tätigkeit eines Zuchtverbandes. Etwa ein halbes Dutzend ausländischer Zuchtverbände hat laut Bundesministerium bereits eine grenzübergreifende Tätigkeit für Österreich angemeldet. Drei dieser Anmeldungen sind momentan bundesweit genehmigt, unter anderem die des deutschen Hannoveraner Verbandes und des Verbandes der Züchter des Oldenburger Pferdes, der bereits im September 2007 bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen seine Ausdehnung auf 20 EU-Mitgliedsstaaten angemeldet hat. Die Auswahlmöglichkeiten für die Eintragung von Pferden werden also zunehmen – und damit auch die Konkurrenz unter den Zuchtorganisationen, insbesondere im Bereich der Warmblutzucht. Zwar betont Dr. Wolfgang Schulze-Schleppinghoff, Zuchtleiter des Oldenburger Verbandes, dass man durch die grenzüberschreitende Tätigkeit in erster Linie die bereits vorhandenen ZüchterInnen von Oldenburger Pferden betreuen und damit die Blutlinien der Rasse wieder stärker zusammenführen möchte, er ist aber auch davon überzeugt, dass die Vermarktungsmöglichkeiten bei der Verbandswahl eine entscheidende Rolle spielen werden. Diese Erfahrung habe man bereits innerhalb Deutschlands gemacht, wo seit der Gesetzesänderung viele Verbände bundesweit tätig sind. „Es ist aber nicht Ziel des Verbandes, in Österreich große Mitgliederzuwachsraten zu erzielen, die erwarten wir auch gar nicht“, so Dr. Schulze-Schleppinghoff weiter. Es zeichnet sich also eine Entwicklung bei den Zuchtverbänden ab, die weg von der staatlichen Registrierungsstelle hin zum Dienstleistungsunternehmen führt. Daß man sich auf einem offenen Markt vermehrt an der Qualität seines Serviceangebotes messen lassen wird müssen, sieht auch DI Dr. Leopold Erasimus, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Pferdezüchter (ZAP), Geschäftsführer der AWÖ und Geschäftsführer des Verbandes niederösterreichischer Pferdezüchter, so. Er möchte daher das Image der österreichischen Pferdezucht mit intensiven Marketingmaßnahmen weiter verbessern und den Service im Verband für die einheimischen ZüchterInnen optimieren. Inwiefern der Einfluss ausländischer Zuchtverbände sich auf die heimische Zuchtlandschaft auswirken wird, bleibt abzuwarten. „Die Pferdezucht in Österreich ist sehr heterogen“, so Dr. Peter Zechner vom Landesverband der Pferdezüchter in Oberösterreich, „die Auswirkungen des neuen Tierzuchtgesetzes werden nicht bei allen Pferderassen die gleichen sein“. Wo die Warmblutzuchtverbände möglicherweise mit vermehrter Konkurrenz zu kämpfen haben, gibt es z. B. für die Norikerzucht vielleicht Expansionsmöglichkeiten. Einiges wird dabei vom Verhalten der Verbände selbst abhängen, meint auch Dr. Zechner „Mit einer verbesserten Serviceleistung und einer guten Betreuung vor Ort können die österreichischen Verbände ihre Züchter halten“.

Eintragung in Zuchtbücher

Im Vergleich zu früher besteht für Pferde, die die abstammungsmäßigen Voraussetzungen erfüllen, laut EU-Entscheidung 96/78/EG ein Rechtsanspruch auf die Eintragung in die Hauptabteilung eines Zuchtbuchs. In diese Hauptabteilung müssen Pferde eingetragen werden, deren Eltern ebenfalls in der Hauptabteilung eines Zuchtbuchs dieser Rasse eingetragen sind und die eine nach den Regeln des Zuchtbuchs festgestellte Abstammung besitzen. Außerdem müssen die Tiere entsprechend den Regeln des Zuchtbuchs als Fohlen bei Fuß identifiziert worden sein, wobei zumindest die Deckbescheinigung vorliegen muss. Ebenfalls eingetragen werden können Equiden, die Teil eines Kreuzungszuchtprogramms sind, sprich Tiere, die nicht derselben Rasse angehören, laut dem Zuchtbuch aber für ein bestimmtes Kreuzungsprogramm zugelassen sind. Damit weiterhin eine Unterscheidung nach der Qualität der Pferde durchgeführt werden kann, ist es möglich, die Hauptabteilung in mehrere Klassen, z. B. Hengstbuch I und II, zu unterteilen. Die Einrichtung einer zusätzlichen Abteilung (Vorbuch) ist eine Option, die Verbände sind aber nicht verpflichtet, ein solches Vorbuch zu führen. Daher besteht hier auch kein Anspruch auf eine Eintragung. Diese Abteilung wird z. B. von Ponyverbänden genutzt, die Pferde mit unbekanntem oder lückenhaftem Pedigree eintragen, wenn sie gewisse Mindestleistungskriterien erfüllen, die der Zuchtverband festlegt. Dieser bestimmt auch, nach welchen Kriterien die Nachkommen dieser Vorbuchtiere dann in die Hauptabteilung aufsteigen können.

Leistungsprüfungen

Mehr Mitspracherecht erhalten die Zuchtverbände bei der Durchführung der Leistungsprüfungen und Zuchtwertschätzungen, einer ursprünglich meist staatlichen Aufgabe, die von der Landwirtschaftskammer wahrgenommen wurde. Zwar konnte bereits nach dem alten Gesetz diese Aufgabe an eine anerkannte Zuchtorganisation oder Einrichtung übertragen werden, wenn diese fachlich kompetent war, doch jetzt können die Zuchtverbände dieses Recht von sich aus beantragen. Trotz des vermehrten Rückzugs aus der Tierzucht seitens des Staates können die Zuchtorganisationen aber auch weiterhin im Rahmen des Gemeinschaftsrechtes durch Landesmittel gefördert werden.

Besamungswesen

Die Regelung des Besamungswesens, die von der EU-Kommission besonders kritisiert wurde, wird durch die Neufassung liberalisiert. Die bisherige Wettbewerbsbehinderung hatte insbesondere in der Rinderzucht für negative Schlagzeilen gesorgt. Künftig sind alle EU-anerkannten Besamungsstationen zur Abgabe von Samen in der gesamten EU berechtigt, ebenso wie die neu im Gesetz aufgenommenen Samendepots, die keine männlichen Tiere mehr halten müssen, sondern auch nur noch Samen vertreiben können. Die Zulassung und Überwachung der entsprechenden Einrichtungen wird jetzt nicht mehr im Tierzuchtgesetz, sondern im Veterinärrecht geregelt. Außerdem entfällt die individuelle Besamungsbewilligung für Zuchttiere, und es gibt die Möglichkeit, die Verwendung des Samens von Tieren mit Erbfehlern unter bestimmten Voraussetzungen zu verbieten.

Tierzuchtrat

Die vermehrt grenzüberschreitende Tätigkeit von Zuchtorganisationen bringt einen erheblichen Koordinierungsbedarf mit sich, der durch die Einrichtung eines länderübergreifenden Tierzuchtrates bewältigt werden soll. Die Hauptaufgabe dieser neuen Sachverständigenkommission ist die Erstellung von Gutachten, die von den Behörden, insbesondere bei der Anerkennung von Zuchtverbänden, angefordert werden können. Dadurch soll ein bundesweit einheitlicher Standard sichergestellt werden. „Das ist besonders wichtig“, erklärt DI Dr. Erasimus, „denn ohne einheitliche Vorgehensweise kann sich eine Zuchtorganisation, die in einem Bundesland nicht anerkannt wurde, einfach in einem anderen anerkennen lassen und dann unter bestimmten Voraussetzungen österreichweit tätig werden. Das wäre der Zucht nicht dienlich.“ Der Rat soll die Behörden auch bei der Umsetzung und Auslegung des neuen Tierzuchtrechts unterstützen. Jedes Bundesland erhält dabei eine Stimme und kann je nach Fall unterschiedliche Sachverständige entsenden. Alle Bundesländer haben diesem Beschluss im April zugestimmt.

Was sagt die ZAP?

Wie die Zentrale Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Pferdezüchter (ZAP) dem neuen Tierzuchtgesetz gegenübersteht, wollten wir von Geschäftsführer DI Dr. Leopold Erasimus wissen.

Pferderevue: Welches sind die wichtigsten Veränderungen für die Pferdezucht durch das neue Tierzuchtgesetz?

Dr. Erasimus: Konkret kann man das erst sagen, wenn alle Landestierzuchtgesetze vorliegen. Grundsätzlich erwarten wir, dass die neuen Gesetze endlich EU-konform sein werden, damit die Zuchtverbände wieder Rechtssicherheit haben. Die drei wichtigsten Punkte aus meiner jetzigen Sicht sind: die Anerkennung der Zuchtorganisationen, die durch den neuen Tierzuchtrat nach bundesweit einheitlichen Kriterien erfolgen soll, der erweiterte räumliche Tätigkeitsbereich der Organisationen und die Regelung des Ursprungs- bzw. Filialzuchtbuchs

PR: Wie wird die ZAP mit der Regelung zum Ursprungs-/Filialzuchtbuch umgehen?

Dr. Erasimus: Das kann erst geklärt werden, wenn alle Landestierzuchtgesetze bekannt sind.  Unser Wunsch ist, dass sowohl bei den Norikern als auch beim ÖWB alle Landeszuchtverbände gemeinsam das Ursprungszuchtbuch der jeweiligen Rasse führen. Es würde dann ein Gremium geben, in dem alle Entscheidungen mehrheitlich beschlossen würden. Die zweitbeste Lösung wäre, dass der Landeszuchtverband mit der größten Zuchtpopulation der Rasse – für die Warmblüter etwa Niederoder Oberösterreich, für die Noriker wohl Salzburg – das Ursprungszuchtbuch führt, und man dann mit allen anderen Landeszuchtverbänden eine Organisation bildet, wo alles gemeinsam beschlossen wird.

PR: Die räumliche Tätigkeit einer Zuchtorganisation kann sich in Zukunft auf das gesamte EU-Gebiet erstrecken. Wo sehen Sie hier Chancen und Risiken für die österreichischen Zuchtverbände?

Dr. Erasimus: Eine überregionale Tätigkeit ist anzeigepflichtig. Bei den Kaltblütern gibt es für den Noriker aufgrund seiner Qualität eigentlich keine Konkurrenz. Hier gibt es Überlegungen, im Ausland vermehrt tätig zu werden, vor allem in den südöstlichen EU-Staaten. Bei den Haflingern ist das etwas differenzierter, weil Österreich hier ohnehin als Hauptzuchtland für die Entwicklung zur Weltrasse verantwortlich ist. In der Warmblutzucht werden die Zuchtverbände jetzt durch die Konkurrenz etwas mehr unter Druck geraten, aber wir haben davor keine Angst. Ausländische Verbände sind bereits seit etwa 20 Jahren hier tätig, auch wenn das bisher nicht in allen Fällen legal war.

PR: Rechnen Sie bei den Warmblutzüchtern mit einer Abwanderung von Mitgliedern – und wenn ja, warum?

Dr. Erasimus: Wir rechnen natürlich schon damit. Diese Züchter haben kurzfristige Hoffnungen, weil sie die Auktionspreise, die im Ausland zum Teil erzielt werden, sehen und denken, dass wird bei ihnen innerhalb von drei Jahren auch so sein. Das wollen die natürlich ausprobieren, das kann ich  verstehen, und das ist absolut in Ordnung. Aber die Situation wird sich einpendeln, denn sie fahren sicher nicht oft z. B. nach Vechta und kommen dann meist mit einem ungekörten Hengst zurück. Ich kenne einige Beispiele, wo Züchter diesen Weg gegangen sind, und sie sind fast alle wieder zurückgekommen. Die Zuchtverbände werden sich auf Dauer wieder auf ihr Kernzuchtgebiet konzentrieren. Sie müssen nämlich im Ausland alle interessierten Züchter betreuen, nicht nur einige Besondere. Die züchten dann aber z. B. Hannoveraner in Österreich. Dann werden die österreichischen Kunden aber vielleicht einen in Österreich gezogenen Hannoveraner kaufen, der hier wahrscheinlich wesentlich billiger sein wird. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Stammzüchter sagen: Wieso züchten wir uns dort unsere eigene Konkurrenz?

PR: Was wird die AWÖ konkret gegen einen Mitgliederschwund unternehmen?

Dr. Erasimus: Es hat keinen Sinn mit Negativwerbung dagegen anzukämpfen. Unsere Aufgabe ist es, die Züchter zu motivieren und die Rahmenbedingungen zu schaffen. Was wir versuchen werden – und auch schon die ganze Zeit über tun – ist die Marke „Österreichisches Warmblut“ mit intensiven Marketingmaßnahmen zu bewerben. Österreich ist zwar in der Warmblutzucht ein kleines Zuchtgebiet, hat aber eine weit überdurchschnittliche Qualität, die sich mit Zahlen belegen lässt. Sollte ein ausländischer Verband unser Zuchtprogramm aber gefährden, sind wir auch bereit, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten Maßnahmen dagegen zu ergreifen.

PR: Wir danken für das Gespräch.

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 8/2008 erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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