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24.02.2015

Philippe Karl: Unabhängig von Angst, Macht oder Geld

Philippe Karl, ehemaliges Mitglied der französischen Elitereitschule Cadre Noir, ist einer der meistdiskutierten Pferdeausbilder der Gegenwart. In unserem großen Interview verrät der Meister der Légèreté warum er seinen Kampf um eine pferdegerechte Ausbildung nicht aufgibt.

Philippe Karl will mit seiner Schule der Légèreté Reitlehrer ausbilden, die denkende Reiter formen. © Jan Savicky
Die Ausbildung der ReitlehrerInnen der Schule der Légèreté dauert drei Jahre und beinhaltet unter anderem Dressurarbeit im Sattel, Arbeit an der Hand und an der Longe, Springen, Theorie unterricht sowie pädagogische Einheiten.
© Jan Savicky
Er ist ein Freigeist, ein akribischer Analyst und ein Pedant, wenn es darum geht, Dinge aufzuzeigen und anzuprangern, die nicht seiner Vorstellung von pferdegerechter Arbeit entsprechen. Er ist kein Mann der Kompromisse und kein Freund der Diplomatie. Spätestens seit seinem Buch „Irrwege der modernen Dressur“ ist Philippe Karl den meisten ReiterInnen ein Begriff. In seiner Streitschrift kritisiert er unverblümt und mit bissiger Ironie die Grundsätze der modernen Sportdressur, wie sie in den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) festgeschrieben sind, um im Gegenzug seine Alternative, die Schule der Légèreté, vorzustellen.

Sein Schreibstil hat zweifellos großen Unterhaltungswert – solange man sich nicht betroffen fühlt. Andere bezeichnen ihn als unverschämt und arrogant. Keine Frage: Philippe Karl polarisiert, und das nicht zu knapp. Als er im Mai 2009 einen Brief an die FN verfasste, in dem er eine Reihe von Reformen des FN-Reglements vorschlug, sorgte er erneut für Aufruhr. Er sammelte beachtliche 12.000 Unterschriften, die sein Anliegen unterstützten.

Im nachfolgenden Interview haben wir den streitbaren Franzosen über seine Schule der Légèreté, die Neuauflage seines Buches „Hohe Schule mit der Doppellonge“ und die aktuelle Situation des Dressursports befragt. In typischer Manier haben wir nicht nur ausführliche Antworten auf unsere Fragen erhalten, sondern eine Extraportion Philippe-Karl-Philosophie dazu.
Welche Idee steckt hinter der Schule der Légèreté?

Seit gut 25 Jahren gebe ich Reitkurse in vielen verschiedenen Ländern. Nach einiger Zeit hat sich bei meinen Schülern der Wunsch nach Reitlehrerkursen entwickelt. Deshalb, und weil ich die immer größere Anzahl an Kursen nicht mehr alleine bewältigen konnte, habe ich 2004 die „Schule der Légèreté“ gegründet. Mittlerweile gibt es lizenzierte Reitlehrer in Österreich, Deutschland, der Schweiz, in Frankreich und in Italien, es finden Ausbildungskurse in Australien, Dänemark, England, Kanada, Schweden und in Südafrika statt oder sind in Planung.
Welche Ziele verfolgen Sie mit ihrem eigenen Ausbildungsweg?

Es besteht große Nachfrage nach einer Alternative zur konventionellen Reiterei. Vielleicht, weil die Leute damit einfach nicht mehr zufrieden sind. Viele sind zwar am klassischen Reiten interessiert, möchten aber eine andere, bessere Beziehung zu ihrem Pferd haben. Sie wollen auch ihre „normalen“ Pferde bis zur Hohen Schule der Dressur fördern. Das kann ich ihnen bieten. Aus diesem Grund bin ich sehr daran interessiert, Reitlehrer auszubilden, die denkende Reiter formen – denn ein Reiter ist nicht einfach ein Pilot. Er ist ein menschliches Wesen, und in wirklich gutem, feinen Reiten kann sich auch der Reiter als Mensch persönlich weiterentwickeln.
Wie können Sie die Qualität Ihrer Lehre gewährleisten, vor allem, wenn die Anzahl der Reitlehrer zunehmend größer wird? Besteht da nicht die Gefahr einer Verselbstständigung des Systems, indem Ihre Schüler ihre eigene Interpretation unterrichten?

Natürlich ist das ein Problem. Von dem allerdings jedes System betroffen ist, nicht nur meines. Aber ich habe diesbezüglich einige Vorkehrung getroffen: Da gibt es zuallererst einen moralischen Vertrag, in dem ganz klar festgehalten ist: Es ist verboten, mit Kraft auf die Pferde einzuwirken, grob mit ihnen umzugehen. Es ist verboten, jegliche Art von Ausbinder – im übrigen ein Wort, das ich auch auf Deutsch kenne – zu verwenden. Ich habe bereits zweimal die Lizenz nachträglich wieder entzogen, weil sich der jeweilige Schüler nicht daran gehalten hat.

Wenn ich Reitlehrer ausbilde, genügt es nicht, einfach nur ein guter Reiter zu sein, der sein Können in Bewerben unter Beweis gestellt hat. Für mich ist es viel wichtiger, dass sie eine gewisse Philosophie bei der Ausbildung von Pferden und Menschen vertreten. Ein weiterer Punkt ist, dass alle meine Ausbilder auch nach dem Erlangen der Lizenz weiter an den Ausbildungslehrgängen teilnehmen. Nicht etwa, weil ich sie dazu genötigt hätte, sondern weil sie selbst Interesse daran haben. Sie kommen jetzt mit ihren eigenen Schülern zu den Kursen, unterrichten sie vor mir und den anderen Reitlehrern, um sich Feedback zu holen, wo und wie sie ihren Unterricht verbessern könnten. Ich habe Ausbilderkurse an meine erfahrensten Schüler abgegeben, damit sie sich weiterentwickeln können, indem sie selbst Ausbilder unter richten. Sobald deren Schüler die Vorbereitungskurse erfolgreich abgeschlossen haben, halte ich die Abschlussprüfung ab.

In letzter Konsequenz möchte ich die Anzahl an Reitlehrern nicht zu groß werden lassen. Solange es mir möglich ist, habe ich auf all diese Dinge einen strengen Blick. Aber ich bin auch gut für den Tag gerüstet, an dem ich damit aufhören muss – in etwa 150 Jahren – oder auch schon etwas früher (lacht). Dann übergebe ich meinen Aufgabenbereich an meine zwei besten Schüler, von denen ich zu hundert Prozent überzeugt bin, dass sie ihre Linie treu verfolgen und die Philosophie unverfälscht weitergeben
"Ich sage immer, was ich denke. Ich bin kein Freund von Kompromissen bei elementaren Dingen." © Archiv
"Ich sage immer, was ich denke. Ich bin kein Freund von Kompromissen bei elementaren Dingen."
© Archiv
Sie gelten als einer der größten Kritiker der FEI bzw. des modernen Dressursports und der Ausbildungsskala. Was sind Ihre Hauptkritikpunkte?

Das zusammenzufassen ist schwer, ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben. Nichtsdestotrotz: Ich habe in meinem bisherigen Leben als Reiter eine Menge gesehen. Selbst wenn die FN-Reiterei auch vor 30 Jahren nicht unbedingt meiner Vorstellung von grandiosem Reiten entsprochen hat – übrigens habe auch ich vor 45 Jahren in Frankreich völlig konventionell mit dem Reiten begonnen und später dann sogar an Turnieren teilgenommen –, so stelle ich doch fest – und ich bin nicht der einzige, dem es so geht –, dass sich die moderne Reiterei stark verändert hat. Und zwar in einem sehr negativen Sinn. Der Reitsport als solches ist ein riesiges Geschäft geworden: professionelle Reiter, große Sponsoren, fantastische und sündhaft teure Pferde. Zur gleichen Zeit wurde die Reiterei immer simpler, grober und extrem hart für die Pferde. Es gibt einen nicht unwesentlichen Prozentsatz an großartigen Pferden, die in ihren ersten beiden Ausbildungsjahren ruiniert oder unbrauchbar gemacht werden oder sogar ihr Leben lassen müssen. Über diese Zahl wird nie gesprochen, aber vielleicht ist es besser, sie nicht zu kennen, denn sie ist erschreckend hoch. Die Reiterei hat sich immer mehr davon entfernt, wirklich klassisch zu sein. Das ist eine Tatsache, die täglich von den zuständigen Obrigkeiten des Reitsportes geleugnet wird. Sie haben die politische und finanzielle Macht, tun aber nichts dagegen.

Eine andere Sache ist, dass man reiten nicht einfach lernen kann, indem man das kleine offizielle Büchlein auswendig lernt. Wenn man sich wie ich ein wenig mit Physiologie, Anatomie, Biomechanik, Psychologie, Verhaltensforschung, Osteopathie, Bewegungs- und Gleichgewichtslehre etc. auseinandersetzt und sich dann die offizielle Lehre ansieht (die weltweit gilt, nicht nur in Deutschland – obwohl die Deutschen einen besonders großen Einfluss darauf haben), dann erkennt man, dass nahezu alle Glaubenssätze dieser kirchenähnlichen Institution zumindest diskussionswürdig sind, und manche davon sogar grundlegend falsch. Dann wird plötzlich auch klar, warum so viele Dinge nicht funktionieren und warum derart viele Pferde auf der Strecke bleiben. Man versteht, warum heutzutage beinahe jeder Hilfszügel, Schlaufzügel und ähnliches verwendet. Diese sind Zugeständnisse, dass man keine besseren Lösungsansätze zur Problembewältigung hat. Ganz ehrlich: Ist es denn wirklich notwendig, dass man als Lehrer, als versierter Profi, die Nase seines Pferdes bis zum Bauch hinunterziehen muss? Das ist doch wirklich lächerlich!

Wenn man also verstanden hat, wie es sein könnte, beginnt man – und das ist es, was ich in meinem Buch getan habe – diese Themen bei den alten Meistern nachzuschlagen, die vor ein, zwei, drei Jahrhunderten gelebt haben. Unter ihnen gab es außergewöhnlich talentierte Reiter mit einem fantastischen Gespür für die Pferde – ganz ohne Biomechanik, Osteopathie etc. Und es drängt sich die Frage auf, warum man nicht bei deren Erkenntnissen geblieben ist, sondern sich immer mehr zum Schlechten hin entwickelt. Ich kann einfach nicht stillschweigen, während ich all das weiß, vor allem weil ich Tag für Tag sehe, dass es auch anders geht.

Ich kritisiere nicht, bloß um zu kritisieren. Ich mache einfach meine Arbeit. Und bin bestrebt, meinen Schülern ein echtes, fundiertes Wissen zu vermitteln, das es ihnen erlaubt, überzeugend und jederzeit nachweisbar zu argumentieren, warum sie was wie machen. Und nicht, weil es in einem Buch steht oder weil es etwas ist, was jeder sagt oder tut. Für mich gibt es keine andere Art, seriös zu unterrichten. Wollen Sie wissen, warum ich das alles mache? Weil ich davon träume, dass die Verantwortlichen im Reitsport ernsthaft darüber nachdenken und ein paar einfache, gute Ideen annehmen, um das Leben der Pferde zu verbessern, was dringend notwendig wäre. Zudem besteht akuter Handlungsbedarf, den Unterricht, das Richtersystem und die Turnierreiterei zu reformieren. Deshalb habe ich einen Brief an die Leitung der Deutschen FN geschickt, der zehn einfache Vorschläge enthielt, wie man die aktuelle Situation verbessern könnte. Nichts sonderlich Kompliziertes, aber die Umsetzung würde einem Politiker einiges an Schneid abverlangen. Soll ich Ihnen sagen, warum ich kein Politiker bin oder eine hohe Position im französischen Cadre Noir innehabe? Weil ich immer sage, was ich denke – und weil ich kein Freund von Kompromissen bei elementaren Dingen bin
Eines ihrer ersten Bücher war „Hohe Schule mit der Doppellonge“, das 2010 neu veröffentlicht wurde. Verwenden Sie die Doppellonge heute noch bei der Pferdeausbildung?

Nein, nicht mehr. Es ist einfach extrem anstrengend. Gerade wenn man möchte, dass das Pferd wirklich vorwärts geht und es sich dabei nicht um ein äußerst barockes Exemplar handelt, muss man sich sehr viel bewegen. Als ich 1985 dem Cadre Noir in Saumur beigetreten bin, gab es einen Kurs, für den sich niemand interessierte. Er behandelte das Pferdetraining vom Boden aus, also Training an der einfachen und an der Doppellonge, Abkau- und Biegeübungen und Handarbeit ohne Hilfszügeleinsatz. Ich habe damals diesen Kurs belegt, weil er für mich interessant war und weil er mir eine gewisse Unabhängigkeit garantierte. Er gab mir die Gelegenheit, mich ganz detailliert mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

In der Tat ist die Arbeit an der Doppellonge sehr interessant, aber es gibt einige Vorsichtsmaßnahmen, die im Vorfeld getroffen werden müssen. Beispielsweise sollte die Doppellonge nur am Kappzaum und nicht am Gebiss befestigt werden. Direkt ins Gebiss sollte sie erst dann verschnallt werden, wenn das Pferd bereits sehr gut ausgebildet und gewissenhaft vorbereitet worden ist und der Longenführer ein absoluter Könner ist. Man darf nie vergessen, dass die Auswirkungen auf das Pferdemaul verheerend sein können, wenn die Doppellonge nicht mit äußerster Bedachtsamkeit eingesetzt wird. Sie ist nur ein besonders langer Zügel, nicht ein extrem starker Ausbinder. Leider wird sie jedoch von vielen Leuten missbraucht, um das Pferd zusammenzuziehen. Aus diesem Grund habe ich in der neuen Ausgabe ein Vorwort hinzugefügt, das darauf hinweist, dass es nicht sonderlich ratsam ist, die Doppellonge oder den Langzügel bei einem Pferd einzusetzen, das durch die vorangegangene Ausbildung sehr fein und leicht im Maul ist. Hat man ein solches Pferd und man arbeitet es vielleicht einen Tag lang an der Doppellonge, braucht man mitunter eine ganze Woche, um es wieder so sensibel und fein im Maul zu machen wie zuvor. Man kann nicht erwarten, hinterher rennend mit drei Metern Leine ebenso feinfühlig einwirken zu können wie auf dem Pferd sitzend mit einem Meter Zügel in der Hand. Das ist ein weiterer Grund, warum ich heute nicht mehr damit arbeite.
Eine von Ihnen häufig geäußerte Kritik an der heutigen Reiterei richtet sich gegen die tief getragene und rückwärts wirkende Hand. Wie lässt sich diese Haltung mit der Arbeit an der Doppellonge vereinbaren, bei der die Zügel ja noch deutlich tiefer verschnallt sind?

Das ist exakt dasselbe Problem. Solange der Zügel tief positioniert ist, kann er lediglich rückwärts wirken. Das ist auch der Grund, warum der Einsatz von Doppellonge und Langzügel so riskant ist. Eigentlich benötigt man für die Arbeit mit beiden Instrumenten ein ausgebildetes Schulpferd. In meinem Buch findet die Arbeit mit dem jungen unausgebildeten Pferd deshalb nur auf Kappzaum und mit indirekter Führung (Anm. der Redaktion: Die Doppellonge wird von der Hand des Longeurs durch den inneren Kappzaumring geführt und an den Ringen des Longiergurtes befestigt.) statt, um nicht rückwärts zu wirken und das Pferd zu überzäumen. Nichts kann die intelligente Reiterhand auf dem Rücken des Pferdes ersetzen
Abkauübungen - vom Boden und vom Sattel aus - sind eines der Kernelemente der Karl"schen Lehre. © Jan Savicky
Abkauübungen - vom Boden und vom Sattel aus - sind eines der Kernelemente der Karl"schen Lehre.
© Jan Savicky
Wenn man Ihre Bücher „Hohe Schule mit der Doppellonge“ und „Irrwege der Modernen Dressur“ vergleicht, findet man einige doch deutliche Diskrepanzen Ihrer früheren zu Ihren heutigen Ansichten zur Pferdeausbildung. Wie lässt sich dieser Unterschied erklären?

Die Ausführungen in „Hohe Schule mit der Doppellonge“ basieren auf meinem Wissensstand aus den 1980er Jahren. In dieser Zeit war ich noch sehr von der konventionellen Lehre und ihren Dogmen beeinflusst. Einige Ungereimtheiten hatte ich damals zwar schon im Ansatz bemerkt, die gesamte Tragweite war mir aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht völlig klar. Im Gegensatz zu dem, was mir häufig unterstellt wird, bin ich kein Sturkopf. Ich war immer offen dafür, Dinge ausprobieren – auch Praktiken von Personen, mit denen ich nicht übereinstimmte. Beispielsweise habe ich mich sehr ernsthaft mit Bauchers Lehren auseinandergesetzt, mit den Abkau- und Biegeübungen und dem Anheben des Halses. Ich musste erkennen, dass all dies unglaublich effektiv war und hervorragende Ergebnisse erzielte, speziell, wenn ein Pferd zu tief kommt oder sich auf das Gebiss lehnt. Ich habe aber auch erkannt, dass, sofern ein Pferd ausschließlich so gearbeitet wird und nie die Gelegenheit bekommt, sich in die Tiefe zu dehnen, etwas fehlt. Ich habe dann intensiv die Biomechanik und Anatomie des Pferdes sowie die Bewegungslehre studiert, um wissenschaftliche Erklärungen dafür zu finden. Wenn man sich viel mit der Reitliteratur auseinandersetzt, das Gelesene reflektiert, ausprobiert und wissenschaftliche Erkenntnisse aus den verschiedenen reitrelevanten Bereichen studiert, geschieht es ganz automatisch, dass einige Dinge klarer werden und man sich weiterentwickelt. Alles andere erschiene mir eher fragwürdig.
 
Sie gelten als Reiter mit einem ausgesprochen gut ausbalancierten und geschmeidigen Sitz. Welche Rolle spielt ein guter Reitersitz in der Schule der Légèrté? In Ihren Büchern wird dieses Thema ja nur am Rande behandelt…

Dazu muss ich Ihnen etwas sagen: Ausnahmslos jedes Mal, wenn ich mit Obrigkeiten der konventionellen Reiterei zu tun habe, höre ich ein und dasselbe. Da bringe ich zwei, drei schlagkräftige und wissenschaftlich untermauerte Fakten ins Spiel, wie zum Beispiel warum tief getragene Hände, die zeitgleiche Einwirkung von Hand und Bein oder permanent treibende Schenkelhilfen schlecht sind. Und wissen Sie, was man mir darauf quasi als Antwort entgegnet? „Ja, aber Sie sprechen nie über die Wichtigkeit des Sitzes!“ Eine wunderbare Taktik, nicht über Dinge zu sprechen, die einem unangenehm sind! Der Sitz scheint das absolute Nummereins-Thema der konventionellen Reiterei zu sein. Aber ich frage Sie: Bewahrt er uns davor, dass viele ihre Pferde hart und grob reiten? Nein!

Dass ein guter Sitz wichtig ist, steht außer Frage. Ich habe nie etwas anderes behauptet. Aber es reicht bei weitem nicht aus, nur gut zu sitzen. Ein guter Reiter muss auch ein Hirn haben und es benutzen, er muss viel wissen und sein Wissen einsetzen können, er muss sein Pferd respektieren. Sehr oft habe ich Reiter erlebt, die einen eingeschränkten Sitz hatten, Leute, die lieber leichttraben als aussitzen, wenn das Pferd sehr exaltierte Gänge hat. Trotzdem waren diese Reiter durch ihre klar verständlichen Hilfen in der Lage, mit den Pferden so zu kommunizieren, dass diese unter ihnen besser gingen als unter so manchem Profireiter mit einem tollen Sitz. Es ist nicht der Sitz, der uns mit dem sensibelsten Teil des Pferdes verbindet, sondern die Hand, die direkten Kontakt mit dem empfindlichen Maul hat. Im Übrigen gibt es zu diesem Thema sehr interessante Ausführungen von Gustav Steinbrecht, der weder Franzose noch Baucherist war. Er schreibt, dass der Reitanfänger zuerst lernen muss, auf dem Pferd zu sitzen. Doch sobald dies zu einem Mindestmaß geschehen ist, soll er darin geschult werden, wie er seine Hände und Beine korrekt einzusetzen hat. Und in einem Zitat sagt er: „… wer als Reiter eine wirklich gute Hand besitzt, ist ein Meister der Reitkunst, wenn er auch durch seine Haltung und sein Benehmen zu Pferde dem Laien noch so sehr als mangelhafter Reiter erscheinen mag, wohingegen ein Reiter mit einer wirklich schlechten Hand niemals im wahren Sinne des Wortes ein Reiter sein kann, mag er auch von der Festigkeit des Sitzes, Schneid und Eleganz der Erscheinung noch so sehr bestechen, weil sein Fehler nur aus Mangel an Gefühl und Verständnis für das Pferd hervorgehen kann.“ Das ist kein besonders bekanntes Zitat. Ich kann verstehen, warum, aber es ist von Steinbrecht selbst. Interessant, nicht
Wie sieht die Sitzschulung eines Reitanfängers in der Schule der Légèreté aus?

Was ich meinen Schülern zu diesem Thema mitgebe, ist, dass sie ihre Reitanfänger in erster Linie darin unterstützen müssen, wie sie mit ihrem Pferd bestmöglich zurechtkommen. Das wären beispielsweise Dinge wie sich anfangs eher auf das Leichttraben zu konzentrieren anstelle des Aussitzens, weil es der effektivere Weg ist, die Hände ruhig zu halten und so das Pferd weniger zu stören. Das ist der erste kleine Schritt. Dann ist natürlich eine vernünftige Sitzschulung eminent wichtig. Sie erfolgt in der Regel an der Longe. Der Anfängerunterricht ist aus meiner Sicht die einzige Situation, die den Einsatz von Hilfszügeln erfordert. Damit wird dem unerfahrenen Reiter das Erlernen des Sitzes erleichtert. Der Hilfszügel wird dabei allerdings in den Kappzaum eingeschnallt, nicht in das Gebiss. Wir benutzen zu diesem Zweck einen Laufferzügel, den wir vom Vorderzwiesel durch den Kappzaum zur Mitte des Sattelgurts führen. Das Pferd muss trotzdem noch in der Lage sein, Kopf und Hals ausreichend bewegen zu können. Sobald der Reiter an der Longe einen Grundsitz erlangt hat, kann man dazu übergehen, ihn den Gebrauch der Hände zu lehren, wie man das Pferd biegt, seinen Kopf etwas anhebt usw. Zuerst im Schritt, danach im Trab. Wenn sich der Reiter geschickt anstellt, wird die Longe entfernt, und er reitet frei, aber weiter mit Hilfszügel – bis es auch ohne geht.
Was sagen Sie zu dem Weg der FEI, Rollkur zu verbieten, Long, Deep and Round (LDR) aber offiziell zu erlauben?

Wir haben im Französischen ein Sprichwort dafür: Es ist nicht blond-brünett, es ist brünett-blond. Das bedeutet in etwa: gleicher Inhalt, neue Verpackung. Die Rollkur ist also verboten. Das ist gut und nett, doch eigentlich steht ohnedies in den Richtlinien ganz klar, dass das Genick immer der höchste Punkt sein soll und die Nase nicht hinter die Senkrechte geraten darf. Das gilt nicht nur für die Bewerbe, sondern natürlich auch für das Training. Trotzdem hält man sich seit über 30 Jahren nicht daran. Das war schon bei Nicole Uphoff und Alvin Schockemöhle so. Das Überzäumen des Pferdes kann man sogar in ganz alten Zeichnungen sehen, aber damals waren es immer nur einige wenige, die ihre Pferde so arbeiteten. Mittlerweile wird dieses Training mit System betrieben, und der festgezurrte Nasenriemen gehört zum Alltag. Man kann heutzutage keinen Kandarenzaum mehr ohne dieses zusätzliche Stück Leder kaufen.

Jahrzehntelang hat man diese Praktiken akzeptiert und sogar beworben, indem man die Leute, die so trainieren, zu Olympiasiegern und Weltmeistern gemacht hat. Sie sind die falschen Vorbilder für ihre Konkurrenten, Ausbilder, Reitlehrer und -anfänger. Heute macht es jeder. Wann immer ich mit Offiziellen der FN spreche – ganz gleich wo auf der Welt, denn alle beziehen sich auf dieselbe Lehre –, ist man unglaublich tolerant, wenn es um das Überzäumen des Pferdes geht. Zuerst sagen alle: „Ja, das ist nicht in Ordnung.“ Und fünf Minuten später hört man dann: „Ja, es ist zwar nicht in Ordnung, aber wenn der Rücken dafür schön schwingt…“ Dieses Problem ist hausgemacht. Ich kann mich der Ausrede nicht anschließen, dass es daran liegt, dass die Reiter heute nicht mehr so gut sind wie früher. Das ist alles nur entstanden, weil die Obrigkeiten es zugelassen haben. Wenn man die Macht und klare Vorstellungen hat, kann man doch einfach „nein“ dazu sagen. Schließlich ist das doch Teil ihres Jobs, schon alleine der Pferde wegen.

Der Richter, der sich klar gegen diese Reiterei äußert und sich auf die Richtlinien beruft, wird das nächste Mal einfach nicht mehr eingeladen. So läuft es, und jeder weiß das. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: erlauben wir Tierquälerei in der klassischen Reiterei, ja oder nein. Denn darauf läuft es schlussendlich hinaus. Sie können es beim Training sehen, das hinter verschlossenen Türen stattfindet – manchmal sogar öffentlich. Wenn man nur ein klein wenig Gespür und Verständnis für die Pferde hat, ist es einfach unmöglich, diese Praktiken hinzunehmen.

Nachdem es einen riesen Aufstand wegen dieser Sache gegeben hat – und ich denke, ich selbst, aber auch Gerd Heuschmann mit seinem Buch (Finger in der Wunde) waren daran maßgeblich beteiligt –, sah man sich genötigt zu reagieren. Und man einigte sich in Lausanne darauf – wie man es von politischen Treffen häufig kennt – nichts zu beschließen. Danach hieß die ganze Sache also nicht mehr Rollkur, sondern LDR. Haben wir danach weniger Rollkur gesehen als vorher? In meinen Augen war das einfach ein Ablenkungsmanöver, ein Beschwichtigungsversuch. Nichts weiter. Auch die Sache mit den Richtern am Abreiteplatz. Welche Macht haben diese Leute denn? Anhand welcher Kriterien können sie irgendetwas entscheiden? Ab welchem Grad befindet sich die Nase wirklich hinter der Senkrechten? Ab 10, 15, 20 Grad? Oder erst, wenn die Nase den Schweif berührt? So kann man doch nicht richten! Das alles ist sehr nebulös in meinen Augen.

Für mich ist die Nase genau in der Senkrechten bereits zu viel. Sie sollte niemals dahinter kommen. Natürlich kann das während des Trainings schon mal passieren, aber als systematisches Training muss es einfach verboten und abgestraft werden. Und wenn diese Regel auch für den Abreiteplatz gelten würde, wäre jeder Reiter, der sich nicht daran hält, sofort disqualifiziert. Und es würde funktionieren!

Wenn man sämtliche relevanten Wissenschaften eingehend studiert, gibt es nicht einen einzigen plausiblen Grund, Rollkur, LDR oder was auch immer zu betreiben. Demgegenüber stehen fünfzig und mehr Gründe, es nicht zu tun. Diese Regel, dass das Genick immer der höchste Punkt sein soll, und die Nase nicht hinter die Senkrechte geraten darf, entstand in der Vergangenheit. Und es gab gute Gründe dafür. Damals gab es viele talentierte Reitmeister, die erkannten, dass es schlecht ist, anders zu reiten. Es ist schlecht für die Pferde, verursacht grobe Reiter und richtet langfristig gesehen irreparable Schäden an unserer gesamten Europäischen Reitkultur an.
"Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: erlauben wir Tierquälerei in der klassischen Reiterei, ja oder nein.“ © Archiv
"Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: erlauben wir Tierquälerei in der klassischen Reiterei, ja oder nein.“
© Archiv
Sehen Sie einen realistischen Ausweg aus diesem Dilemma – oder muss man sich einfach damit abfinden, dass die Dressurspitze Praktiken anwendet, die alles andere als klassisch bzw. richtlinienkonform sind?

Nein, es gibt keinen Grund dafür, sich damit abzufinden. Wenn man sich sehr intensiv mit den Dogmen der konventionellen Reiterei auseinandersetzt, wird man rasch zu der Überzeugung gelangen, dass hierin das Problem verwurzelt ist. Es liegt nicht daran, dass die Reiter so schlecht wären, sondern dass die konventionelle Lehre gravierende Fehler enthält und wichtige Dinge nicht behandelt. Wenn es beispielsweise für ein System völlig normal ist, ein junges Pferd unter Anwendung von Hilfszügeln auszubilden, beinhaltet dies doch schon das Problem der Überzäumung. Es ist ein System, das keinen Respekt vor dem Pferdemaul hat. Ein junges Pferd kann buckeln, herumhüpfen, Haken schlagen – und es muss seinen Kopf und seinen Hals zum Ausbalancieren verwenden können. Natürlich gibt es Leute, die bemüht sind, den Einsatz von Hilfszügeln sanfter zu gestalten, indem sie häufig die Länge variieren und einen Dreieckszügel einschnallen anstelle eines Ausbinders. Nichtsdestotrotz ist es nicht der beste Weg, ein junges Pferd auf die Arbeit unter dem Sattel vorzubereiten. Es wird nie über die Zahl der Pferde gesprochen, die durch den Einsatz von Hilfszügeln zu Schaden kommen, dabei passiert es weit häufiger als man denkt.

So sehen also die Anfänge aus. Danach geht es mit der Ausbildung unter dem Reiter weiter, der seine Hände systematisch tief zu tragen hat. Man lernt als Reitschüler, dass man mit seinen Händen nicht ziehen darf. Und dann kommt man zu dem Punkt, an dem man sein Pferd biegen soll. Wie soll man das nun bewerkstelligen ohne rückwärts zu ziehen? In letzter Konsequenz bleibt einem gar nichts anders übrig, schließlich soll man ja nicht lange nachfragen, sondern machen, was der Reitlehrer sagt. Aber wehe, man kommt auf die Idee, eine Hand anzuheben, um so sein Pferd zu biegen, wie es eigentlich sinnvoll und korrekt wäre. Dann bekommt man umgehend zu hören: „Du darfst niemals und auf keinen Fall deine Hände hochnehmen!“ Gleichzeitig muss man, um die Zieherei am Zügel zu kompensieren, schön kräftig mit den Schenkeln weitertreiben, was unweigerlich dazu führt, dass man das Pferd überzäumt. So entstehen die ersten Schritte zur Rollkur.

Es ist schwer, diesen negativen Auswirkungen zu entkommen. Solange die Regeln nicht absolut klar formuliert und vollends respektiert werden, wird sich nichts ändern. Hätte man gleich reagiert, wäre es noch möglich gewesen, dieser Negativentwicklung einen Riegel vorzuschieben. Aber heute, nach 30 Jahren, in denen man nichts dagegen unternommen hat, ist es unglaublich schwer geworden, etwas zu ändern. Die Maßnahmen müssten von derart globaler Natur sein, dass man damit wahrscheinlich eine Revolution auslösen würde. Es gab und gibt auch heute noch Reiter, die das verpönte Anheben der Hand praktizieren. Viele davon im Verborgenen, weil ihnen bewusst ist, dass sie sich damit der Kritik der anderen ausliefern. Man kann es auf vielen Bildern der alten Meister sehen, die häufig mit recht hoher Hand abgebildet sind. Das gilt selbst für die deutschen Reitmeister. Seeger zum Beispiel, aber auch Steinbrecht. Oder wussten Sie, dass Willy Schultheis gerne und häufig das Flexionieren benutzt hat?

Die Geschichte hat gezeigt, dass, wann immer man sich der Vogel-Strauß-Taktik bedient und den Dingen ihren Lauf gelassen hat, man eines Tages dahinterkam, dass es zu spät war, noch irgendetwas verändern zu können. Man sollte niemals das Inakzeptable akzeptieren. In einer Demokratie haben wir die Möglichkeit „nein“ zu Dingen zu sagen, die uns nicht gefallen. Ich mache das so! Und es gibt immer mehr Menschen, die ebenso handeln. Menschen, die sich über viele Dinge wundern, auch auf offizieller Seite. Ich habe nicht erst einmal FN-Richter in meinen Kursen gehabt, die mir in meinen Ausführungen Recht gegeben haben, die aus dem System ausgemustert wurden, weil sie der heutigen Art zu richten nicht zustimmen.

Ich wurde gefragt, ob ich Interesse daran hätte, ein eigenes Turniersystem ins Leben zu rufen. Grundsätzlich ist die Idee nicht schlecht, es würde aber einen hohen administrativen Aufwand erfordern, den ich nicht leisten möchte. Aber vielleicht wird es so ein System eines Tages geben. Initiiert von Leuten, die Gefallen am Turnierreiten finden, für die aber der Respekt vor dem Pferd ein maßgeblicher Punkt bleibt, der nicht unter dem Sport leiden darf. Das wäre sicherlich ein Aufreger – vielleicht könnte dann ein ernstgemeinter Dialog mit den Konventionellen entstehen. Ich persönlich sehe meine Aufgabe eher darin mehr Reitlehrer auszubilden, die einen anderen Weg aufzeigen und eine andere Philosophie vertreten. Die unabhängig von Angst, Macht oder Geld agieren.
Irrwege der modernen Dressur © Archiv
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Das Interview mit Philippe Karl ist ursprünglich in Ausgabe 5/2010 erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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