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04.07.2016

Rassenmixe: Warum sie oft die gesünderen Pferde sind

Rassenmixe haben einen schlechten Ruf in der Pferdewelt - meist zu Unrecht. Denn nicht selten sind Mischlinge vitaler und leistungsfähiger als ihre reinrassigen Artgenossen.

Aus Isländer und Paso Peruano schuf Walter Feldmann senior Anfang der 1980er-Jahre den Aegidienberger. © www.slawik.com
Aus Isländer und Paso Peruano schuf Walter Feldmann senior Anfang der 1980er-Jahre den Aegidienberger.
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Der Grund, warum Rassenmixe ihren reinrassigen Elterntieren oft überlegen sind, liegt in den Genen und heißt Heterosis-Effekt. Mit diesem Fachbegriff bezeichnet die Genetik folgendes Phänomen: Kreuzt man zwei reingezüchtete Rassen miteinander (zum Beispiel Berber und Vollblutaraber), erbt der Nachwuchs eher die dominanten, positiven Eigenschaften beider Elternteile – mit dem Ergebnis, dass die Nachkommen mit hoher Wahrscheinlichkeit größer, robuster und kräftiger werden als ihre reinrassigen Elterntiere.

Dieser Effekt wirkt aber nur in der ersten Generation der Kreuzungs-Nachkommen (1. Filial-Generation = F1). Nach der zweiten Mendelschen Regel reduziert sich der Grad der Mischerbigkeit (Heterozygotie) ab der 2. Generation auf die Hälfte, wodurch sich auch der Heterosis-bedingte Anteil an der Merkmalsausprägung entsprechend verringert. Das bedeutet, dass weitere Fohlen der Mischlinge meist kleiner, schwächer und schmächtiger ausfallen.

Das Beste aus zwei Welten

Im Idealfall bewirkt der Heterosis-Effekt also, dass sich bei F1-Rassenmixen das jeweils Beste aus beiden Eltern durchsetzt. Voraussetzung ist allerdings, dass Hengst und Stute sowohl vom Exterieur als auch vom Interieur zueinander passen. Wer einen stoischen, kalibrigen Warmblüter mit einem temperamentvollen, zierlichen Vollblut kreuzt, kann allen Heterosis-Effekten zum Trotz ein unproportioniertes und charakterlich schwieriges Pferd erzeugen, das entweder stur oder hypernervös ist. Meist sind solche Nachkommen auch in der Nutzbarkeit eingeschränkt und neigen infolge der ungünstigen Kombination von leicht und schwer zu frühen Verschleißerscheinungen, wodurch sie vorzeitig reiterlich unbrauchbar werden können.

Außerdem essentiell für einen gelungenen Mix: beide reinrassigen Eltern sollten über ein möglichst korrektes Gebäude und einen einwandfreien Charakter verfügen, das heißt, sie haben dank vorausgegangener konsequenter Selektion keine schwerwiegenden Gebäudemängel oder Charakterfehler und geben keine Erbfehler oder Erbkrankheiten weiter, sondern haben durch strenge Reinzucht die positiven Eigenschaften und Merkmale dominant in ihrem Erbgut verankert.

Kreuzt man dagegen Pferde mit den gleichen Fehlern oder versucht man extrem gegensätzliche Mängel – zum Beispiel ein Pferd mit kurzer, steiler Fesselung gepaart mit einem Tier mit langer, weicher Fesselung – durch Kreuzung auszugleichen, beschwört man Folgemängel in der Nachzucht geradezu herauf. Verantwortungsvolles Züchten bedeutet prinzipiell, sorgfältige Auslese zu betreiben, um die genetische Grundlage von Generation zu Generation zu verbessern – unabhängig davon, ob Hengst und Stute derselben Rasse angehören oder nicht. Werden also Mutter- und Vatertiere planmäßig ausgewählt und ein bestimmtes Zuchtziel angestrebt, können Rassenmixe hervorragende Pferde werden.
Das Deutsche Reitpony ist das Ergebnis einer Anpaarung von Anglo-Arabern mit Welsh Ponys. © www.slawik.com
Das Deutsche Reitpony ist das Ergebnis einer Anpaarung von Anglo-Arabern mit Welsh Ponys.
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Auch Rassepferde sind Kreuzungsprodukte

Wer trotzdem nur ein reingezogenes Pferd für ein gutes hält, sollte sich bewusst machen, dass nahezu alle modernen Pferderassen aus Einkreuzungen entstanden sind und meist ein Potpourri aus unterschiedlichen Rassen darstellen. Denn seit der Domestizierung wurden Pferde alsbald auch von Menschenhand gezüchtet. Auf diese Weise entstanden die vielen, oft sehr ähnlichen Typen und lokalen Landschläge. Durch Völkerwanderungen, Kreuzzüge, Kriege und Kolonisation wurden immer wieder Pferde mitgenommen, zurückgelassen oder ausgetauscht. Der Mensch entdeckte rasch, dass er durch Kreuzungen verschiedener Pferdetypen das herauszüchten konnte, woran ihm jeweils gelegen war: Schnelligkeit, Härte, Ausdauer, Größe, Gutartigkeit, Schönheit oder Kraft.

Im Mittelalter unterschied man in Europa lediglich vier Pferdetypen: das schwere Streitross (Dextrarius), das schnelle Rennpferd (Cursorius), das leichte Reisepferd (Haquenays) und das gewöhnliche Arbeitspferd (Hercarii). Die heutige Einteilung in Pferderassen ist vergleichsweise jung. Denn die Mehrzahl der Pferdestammbücher entstand erst im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, wobei die Gründerpferde in der Regel unbekannter Abstammung waren.

Auch in Zukunft werden viele bestehende Rassen nicht konstant bleiben, sondern müssen immer wieder an die sich verändernden Anforderungen angepasst werden – wie immer auch die Rolle und die Gestalt der zukünftigen Pferde aussehen wird.

Kreuzungen als Zuchtmethode

Die Reinzucht war die Grundlage dafür, dass aus den vielfältigen, zum Teil recht unausgewogenen Pferdepopulationen weitgehend einheitliche Rassen gezüchtet werden konnten. Bei sich ändernden Verbraucherwünschen, das heißt bei einem anderen Zuchtziel, erweist sich die Reinzucht allerdings als sehr unflexibel. Deshalb betrieb und betreibt man bei der Umzüchtung einer Rasse vornehmlich die Methode der Kreuzungszucht.

Züchter unterscheiden zwischen Gebrauchskreuzung, Verdrängungskreuzung, Veredelungskreuzung und Kombinationskreuzung. Bei der Gebrauchskreuzung steht der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund, nicht so sehr das züchterische Interesse. Bei Pferden kommt diese Methode darum nur bei der Züchtung von Maultieren und Mauleseln, zum Beispiel mit dem Schweizer Freiberger, oder bei der Produktion von Schlachtpferden vorwiegend in Frankreich und Italien zum Tragen.

Das Prinzip der Verdrängungskreuzung basiert darauf, dass Stuten einer Lokalrasse mit Qualitätshengsten des angestrebten Typs gepaart werden, wobei auch die Stuten der F1- und F2-Generation die Hengste der Verbesserungsrasse zum Partner bekommen. Dieses Schema wird so lange praktiziert, bis der gewünschte Pferdetyp erzielt ist. Vorteil dieses Zuchtverfahrens ist die gute Anpassung an die örtlichen Umweltverhältnisse. Der Nachteil liegt jedoch darin, dass es relativ lange dauert, bis das neue Zuchtziel erreicht ist. Diese Methode wurde zum Beispiel bei der Umzüchtung von einzelnen schweren Warmblutrassen zum leichten, sportlichen Reitpferd praktiziert.
Ein Schuss Araberblut verleiht dem Friesen mehr Sportlichkeit. © www.slawik.com
Ein Schuss Araberblut verleiht dem Friesen mehr Sportlichkeit.
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Mut zum Blut

Die Veredelungszucht verfolgt das Ziel, unverzichtbare Merkmale der Ausgangsrasse zu erhalten, aber neue, erwünschte einer anderen Rasse hinzuzufügen. Hierzu werden ausgesuchte Hengste des angestrebten Typs gezielt eingekreuzt und aus der Kreuzungsgeneration die der gesuchten Qualität nahekommenden Pferde ausselektiert, die dann entweder miteinander oder noch einmal mit Hengsten der Veredelungsrasse gepaart werden.

Dieses Zuchtverfahren hatte und hat vor allem in der Warmblutzucht große Bedeutung, wo insbesondere Englische Vollblüter zum Einsatz kommen, die dann vornehmlich über ihre männlichen Nachkommen zur Veredelung der Ausgangsrasse beitragen. So gibt es unter den Erfolgsträgern kaum ein Pferd ohne Vollblutanteil, und zwar in allen drei Reitsportdisziplinen.

Pferde wie Rembrandt und Ahlerich in der Dressur, Deister und Walzerkönig im Springreiten waren legendäre Vollblutkinder oder -enkel. Vor allem aber im Vielseitigkeitssport, der wie keine andere sportliche Disziplin Mut, Leistungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, schnelle Reaktion und die Zusammenarbeit mit dem Reiter verlangt, sind Pferde mit hohem Blutanteil sehr gefragt. Deshalb wird der wohldosierte Einsatz von Vollblutpferden in der auf leistungsstarke Reitpferde ausgerichteten Warmblutzucht auch in Zukunft unverzichtbar sein.
Ein häufiger Mix: Araber x Haflinger © www.slawik.com
Ein häufiger Mix: Araber x Haflinger
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Veredlung mit Maß und Ziel

Viele Kritiker fand dagegen der Veredlungsversuch des Haflingers mit dem Vollblutaraber in den 1970er-Jahren, weil die 50 x 50 Arabo-Haflinger-Mixe oftmals größere Charakterprobleme aufwiesen und schwer zu handhaben waren. Aufgrund eines fehlenden Zuchtprogramms züchtete jeder wild drauflos, sodass keine einheitliche Nachzucht entstand. Heute hat der sogenannte Edelbluthaflinger einen Araberblutanteil von unter 10 % (meist nur 4 oder 5 %). Offiziell gilt ein Haflinger als Edelbluthaflinger, wenn mehr als 1,56 % arabisches Blut in seinen Adern fließt.

Aus den Fehlern der Arabo-Haflinger-Mixe haben die niederländischen Friesenzüchter gelernt und in über 30 Jahren intensiver Studien und praktischer Zuchtarbeit mit einem Schuss Vollblutaraberblut (zwischen 10 und 20 %) einen leistungsstarken Sportfriesen gezogen, der sich vorwiegend im Gespann bewährt hat und in Belgien, Frankreich, Deutschland und den USA viele Anhänger gefunden hat. Bei der Zuchtauswahl der Arabo-Friesen geht es um die „Zuführung ausgewählter Leistungs-Gene bestimmter Wüstenaraber in einige wenige ausgesuchte Friesenlinien, wobei die Rückkreuzung immer nur mit friesischem Leistungsblut geschieht, mit dem Ziel, den Araberanteil wieder stark zu minimieren“ (Europäischer Arabo-Friesen Verband, www.arabofriesen.de)

Gut kombiniert

Die Kombinationszucht will ebenfalls Eigenschaften der vorhandenen Rasse bewahren, diese aber mit wertvollen Points einer oder zweier anderer Rassen verbinden, mit dem Ziel einer mehr oder weniger neuen Rasse. Der Mexikanische Azteke ist solch ein gelungener Rassecocktail, bestehend aus mindestens 37,5 und höchstens 62,5 % Andalusier- beziehungsweise Quarter-Horse-Blut sowie nicht mehr als 25 % Criolloblut. Der Azteke ist ein Sportpferd mit ausgezeichneten Gangarten, zugleich mutig und fügsam (Nicola Jane Swinney, „Pferderassen der Welt“, 2005).
Der Mexikanische Azteke ist ein Mix aus Andalusier bzw. Quarter Horse und Criollo. © www.slawik.com
Der Mexikanische Azteke ist ein Mix aus Andalusier bzw. Quarter Horse und Criollo.
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Die wohl bekannteste Rasse-Neuschöpfung ist der von dem 2005 verstorbenen deutschen Züchter Walter Feldmann senior geschaffene Aegidienberger, benannt nach dem Gestüt Aegidienberg im deutschen Nordrhein-Westfalen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Tierzuchtwissenschaft der Universität Bonn und dem Zuchtleiter des Rheinischen Pferdestammbuchs wurde das der neuen Rasse zugrundeliegende Anpaarungskonzept entwickelt: 5/8 Islandpferd und 3/8 Paso Peruano. Diese Kreuzung kommt zustande, wenn man zunächst die beiden Ursprungsrassen miteinander kreuzt, die F1-Fohlen dann mit Isländern rückkreuzt und diese R1 genannten Fohlen mit F1- Pferden anpaart. Später wird dann der fertige Aegidienberger nur noch mit weiteren Aegidienbergern angepaart. Das Ergebnis ist eine relativ homogene Population, die die Nervenstärke und Robustheit des Isländers mit der Eleganz und Rittigkeit des Paso Peruano vereint sowie mit einem Stockmaß zwischen 140 und 150 cm auch für größere Reiter geeignet ist und ausgezeichnete natürliche Töltanlagen besitzt.

Übrigens ist auch das Islandpferd selbst keine in sich geschlossene Rasse. „Im Laufe der Jahrhunderte wurden verschiedene Zuchtstämme herausgezüchtet, die einer eigenen Rasse gleichkommen“, so der österreichische Islandpferde-Zuchtverband. Und tatsächlich konnte beim Kreuzen dieser fast rassegleichen Stämme der Heterosis- Effekt nachgewiesen werden. Daher sei bei der Auswahl von Zuchtpferden die Berücksichtigung der Abstammung von besonderer Bedeutung.

Die Mischung macht’s!

Weil Pferdezucht heute nicht mehr in engen Gebietsgrenzen stattfindet, sondern vermehrt Blutaustausch zwischen Zuchtverbänden, Ländern und durch die Verschickung von Gefriersperma sogar zwischen Kontinenten betrieben wird, verwendet man in jüngster Zeit anstatt des Begriffs „Rasse“ bevorzugt die Bezeichnung „Population“, also die Gesamtheit der Lebewesen einer Art, Rasse oder eines Schlages in einem bestimmten Gebiet.

Obwohl die Grenzen zwischen Rassepferden und Rassenkreuzungen rein genetisch gesehen fließend sind, ist die gezielte Kreuzungszucht jedoch nichts für Laienhände. Denn wer außerhalb der üblichen Linien züchten will, muss die Ausgangsrassen genau kennen und wissen, ob die einzelnen Zutaten kompatibel sind und welcher Mischungsanteil der richtige ist, damit das Resultat gelingt. Für den Hobbyzüchter ist deshalb nach wie vor die Reinzucht die beste Wahl, weil hier durch langes Zuchtbemühen positive Eigenschaften gefestigt wurden.

Reine Glückssache ist dagegen der ungeplante Rassenmix, der meist aus Nachlässigkeit entsteht, wenn beispielsweise ein Hengst durch einen desolaten Weidezaun schlüpft und beim Decken auf die Papiere seiner Auserwählten pfeift. Das muss nicht immer schiefgehen. Entscheidend ist, ob die Mischung eines solchen Zufallsprodukts passt oder nicht.

Käufern und Reitern von gesunden, gut proportionierten und rittigen Rassenmixen kann deren Abstammung egal sein, solange sie nicht züchten wollen. Rassenmixe sind oft günstiger als reinrassige Pferde und fast überall einsetzbar. Denn als Turnierpferd dürfen sie in allen Disziplinen und Klassen starten – mit Ausnahme reiner Rasse-Turniere. Dass man sich mit einem Pferd ohne Papiere keineswegs verstecken muss, belegt das Beispiel des niederländischen Scheckwallachs West Star, der jahrelang Spitzenleistungen im Vielseitigkeitssport zeigte. Der berühmteste Rassenmix aller Zeiten war wohl die Stute Halla. Vater war der deutsche Traberhengst Oberst, Mutter eine französische Beutestute unbekannter Abstammung. Unter Hans-Günther Winkler sprang Halla in den 1950er- Jahren erfolgreich von Sieg zu Sieg und ließ dabei die reinrassige Konkurrenz weit hinter sich.

DI Romo Schmidt

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