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22.02.2018

Schlaufzügel: Folterwerkzeug oder sinnvolle Trainingsunterstützung?

Für die einen ist er ein unabdingbares Hilfsmittel im Training, für die anderen ein Folterinstrument, das gesetzlich verboten gehört: der Schlaufzügel. Wir sind dem Mythos des umstrittenen Riemens nachgegangen und haben Experten um ihre Meinung gebeten.

Sinnvolles Hilfsmittel oder Folterwerkzeug? Der Schlaufzügel spaltet die Reiterwelt. © www.slawik.com
Sinnvolles Hilfsmittel oder Folterwerkzeug? Der Schlaufzügel spaltet die Reiterwelt.
© www.slawik.com
Der Kopf des Pferdes muss nach unten. So lautet das oberste Ziel vieler Reiter, sobald sie in den Sattel steigen. Immerhin steht ein „low – deep – round“ getragener Kopf für Kontrolle und fälschlicherweise auch für Anlehnung. Unabhängig vom Ausbildungsstand und Alter des Tieres werden verschiedene Methoden angewandt, um dieses Ziel zu erreichen. Besonders schnell geht es mit einem Schlaufzügel. So sind Bilder von gewaltsam zusammengezogenen Pferden in Reithallen und auf Abreiteplätzen gang und gäbe. Die Reiterwelt ist sich uneinig: Ist der Schlaufzügel nun ein verkanntes Hilfsmittel mit eigentlich sinnvoller Funktion oder eher ein Hilfeschrei unfähiger Reiter auf der Suche nach totaler Kontrolle?

Fangen wir einmal ganz von vorne an: Erfunden wurde der Schlaufzügel vermutlich von William Cavendish, dem Herzog von Newcastle (1592 bis 1676), der gemeinhin nicht gerade als der feinfühligste Ausbilder bekannt ist. Oftmals wird er sogar als geistiger Vater der Rollkur bezeichnet, zumindest hat er die Überzäumung von Pferden offen praktiziert und gelehrt. Ob der Zügel, den er damals immerhin – zum Schutz des Pferdemauls – durch einen Kappzaum laufen ließ, schon genau so aussah wie der heutige Schlaufzügel, ist nicht überliefert. Heute handelt es sich dabei jedenfalls um einen Riemen von rund 2,75 Metern Länge, der normalerweise unten am Sattelgurt befestigt wird und von dort aus zwischen den Beinen des Pferdes hindurch von innen nach außen durch die Trensenringe direkt in die Hand des Reiters läuft. Letzterer kann also die Kraft, mit der er auf das Pferdemaul einwirkt, variieren. Klingt eigentlich ganz vielversprechend.
William Cavendish, Herzog von Newcastle und mutmaßlicher Erfinder des Schlaufers, ließ den Hilfszügel durch die Ringe des Kappzaums laufen und verwendete ihn vornehmlich zur Erarbeitung der seitlichen Biegung. © Abraham van Diepenbeeck
William Cavendish, Herzog von Newcastle und mutmaßlicher Erfinder des Schlaufers, ließ den Hilfszügel durch die Ringe des Kappzaums laufen und verwendete ihn vornehmlich zur Erarbeitung der seitlichen Biegung - für die er sich gegebenenfalls auch der Durchsetzungskraft einer Wand bediente...
© Abraham van Diepenbeeck

Zügelkraft verdoppelt sich

Aber hier geht das Problem bereits los: Denn die Zugkraft, mit der der Reiter auf den Schlaufzügel einwirkt, kommt beim Pferd etwa in doppelter Stärke an. Sagt Prof. Dr. Holger Preuschoft, Professor für funktionelle Morphologie an der Universität Bochum und Experte für Zügelkraftmessungen. „Es handelt sich um einen Flaschenzug, der die Zügelkraft um beinahe den Faktor zwei verstärkt. Die resultierende Kraft, die das Pferd über das Gebiss spürt, ist je nach dem Ort, an dem die Schlaufe am Gurt sitzt, mehr oder weniger nach unten gerichtet – wie eine Zügelhand, die in Höhe des Reiterknies oder gar noch tiefer steht“, so Preuschoft. Dadurch bringen Reiter Hals und Kopf ihres Pferdes in eine beigezäumte Stellung – auch gegen den Willen des Vierbeiners. Denn aus der erzwungenen Beizäumung kann sich das Pferd nicht selbst befreien. Preuschoft findet die Ergebnisse seiner Zügelkraftmessungen auch ohne Schlaufzügel bereits „zum Haare ausreißen“ – bis zu 15 Kilogramm hielten manche Reiter dabei in jeder Hand. Wie genau die Kräfte unter Einbeziehung eines Schlaufzügels wirken, will er noch untersuchen. Im Moment fehlt ihm ein geeignetes Messgerät dafür. „Ich habe den Eindruck, dass die große Mehrheit der Reiter, die ihn benutzt, keine Ahnung von seiner tatsächliche Wirkung hat, und ihn nur einsetzt, weil irgend jemand behauptet, das wäre gut.“
Durch das Flaschenzugprinzip des Schlaufzügels kommen Zügelhilfen beim Pferd mit der doppelten Kraft an. © www.slawik.com
Durch das Flaschenzugprinzip des Schlaufzügels kommen Zügelhilfen beim Pferd mit der doppelten Kraft an.
© www.slawik.com
Da taucht die Frage auf: Gibt es denn überhaupt etwas Gutes am Schlaufzügel? Preuschoft sagt ja, und zwar, dass der Reiter die Intensität seines Einsatzes über seine Hände regulieren und seine Wirkung dadurch sogar gänzlich abstellen kann. Laut der Reitlehre von Wilhelm Müseler dient der Hilfszügel dazu, „dem Pferd den Weg in die Tiefe zu zeigen.“ Doch auch Müseler selbst räumte ein: „Verwendet man den Schlaufzügel, um das Pferd in eine bestimmte Haltung oder Stellung hineinzuzwängen, so kann von einer vernünftigen Dressur nicht mehr die Rede sein.“

Andere Verschnallung – gleiche Zügelkraft!

Es gibt zwei verschiedene Arten, den Schlaufzügel zu verschnallen. Die übliche Variante ist die sogenannte „tiefe Verschnallung“ (links). Dabei ist der Riemen am Sattelgurt befestigt und verläuft von dort aus zwischen den Vorderbeinen des Pferdes hindurch und durch die Trensenringe zur Hand des Reiters. Seltener wird die „hohe Verschnallung“ (rechts) verwendet. Hier werden die Enden des Riemens zwar ebenfalls am Sattelgurt befestigt, aber nicht unten am Bauch, sondern zu beiden Seiten des Pferdes oberhalb des Buggelenks. Der Unterschied zwischen beiden Varianten liegt in der Richtung, in die der Zügelzug erfolgt: Bei der tiefen Verschnallung wird dem Pferd die Nase quasi Richtung Brust gezogen, bei der hohen Verschnallung eher nach hinten-oben. In beiden Fällen verdoppelt sich die ursprüngliche Zügelkraft des Reiters durch das Flaschenzugprinzip.
Schlaufzügel Wirkung © Irmtraud Guhe
© Irmtraud Guhe

Verschleißbeschleuniger

Das sieht auch Tierarzt Dr. Robert Stodulka so. Ein Pferd, dem lediglich über Hilfsmittel der Kopf auf die Brust gezogen wird, könne niemals reell über den Rücken gehen. Vor allem in Verbindung mit engen Nasenbändern führe unsachgemäßer Schlaufzügeleinsatz zudem zu körperlichen Problemen wie Verknöcherungen im Bereich des kurzen Halsstreckers und am Ansatz des Nacken-Rückenbands.

Noch schlimmere Spuren hinterlässt das Springreiten mit Schlaufzügeln. Die Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies erklärt in einem Youtube-Beitrag, welche Strukturen am Bewegungsapparat des Pferdes dadurch geschädigt werden: Beinahe das komplette Bein ist dabei – von der tiefen Beugesehne über das Fesselringband, die Gleichbeinbänder bis hin zur Hufrolle. Zwar ist der Einsatz eines Schlaufzügels über dem Sprung auf Turnieren auch auf dem Abreiteplatz verboten, dennoch gebe es immer „wenigstens einen Reiter, der das trotzdem macht“, so Tönnies. Aus diesem Grund fordert die Tierärztin ein generelles Schlaufzügelverbot auf österreichischen und deutschen Turnierplätzen, nach dem Vorbild der Schweiz. Dort nämlich ist der Hilfszügel seit 2015 auch auf dem Abreiteplatz nicht mehr zugelassen. Das Hauptargument des Schweizerischen Verbands für Pferdesport (SVPS) für diese Entscheidung war das Wohl des Pferdes. Im Mittelpunkt der Diskussion stand aber ein anderes: „Der Pferdesport steht zweifellos sehr im Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Oftmals besteht diese Gruppe aus Laien, denen ein fundiertes Grundwissen über das Wesen Pferd, seine Ausbildung sowie Haltung und Nutzung schlicht und einfach fehlt. Darum kommt es nicht von ungefähr, dass gewisse Bilder, die an Turnieren anzutreffen sind, Zuschauer irritieren können – unabhängig davon, ob das, was sie nun sehen, korrekt ist oder nicht“, so die Pressemitteilung des SVPS. Aus dem gleichen Grund ist auch die Rollkur in der Schweiz heute per Gesetz verboten.
Bilder wie dieses haben sehr zum Negativimage des Schlaufzügels beigetragen. © www.slawik.com
Bilder wie dieses haben sehr zum Negativimage des Schlaufzügels beigetragen.
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Richtiger Schlaufzügeleinsatz?

Einig sind sich die Fachleute also zumindest in einer Hinsicht: Falsch eingesetzt ist der Schlaufzügel weniger ein Hilfszügel als vielmehr ein Qualmittel. Was aber ist mit dem „richtigen“ Einsatz des Zügels in Überlänge gemeint? Gibt es den überhaupt? Dr. Robert Stodulka sagt: „Grundsätzlich ist nicht das Werkzeug schuld, wenn es falsch verwendet wird.“ Die ursprüngliche Idee des Schlaufzügels sei gewesen, das Pferd zu biegen und beizuzäumen. Mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzt, könne er daher in der Hand eines feinfühligen Reiters durchaus dazu beitragen, ein nach oben drückendes Pferd zu begrenzen. „Das Problem ist allerdings, dass viele denken, sie seien so ein feinfühliger Reiter. Tatsächlich spüren sie aber nicht, ob das Pferd über den Rücken geht und haben keinen unabhängigen Sitz. Dann ist der Schlaufzügel eine Rasierklinge in der Hand eines Affen - eine sehr unfaire Partnerschaft.“

Ausbildungsproblemen dürfe man niemals mit einer Zwangsjacke begegnen, so der Autor der „Medizinischen Reitlehre“ – denn auch die psychischen Auswirkungen der mechanischen Eindämmung des Fluchtinstinktes seien nicht zu unterschätzen. „Die innere Einstellung des Pferdes, sich schön zu finden und aufzurichten, erhält man auf keinen Fall durch den brachialen Einsatz von Hilfsmitteln.“ Stodulka selbst benutzt niemals Schlaufzügel, findet Verbote desselben allerdings zu dogmatisch. In vielen Fällen würden individuelle oder unkonventionelle Methoden zum Erfolg führen. Hilfsmittel zu verbieten, nur weil einige Leute damit nicht umgehen können, hält er für falsch. Stattdessen sollten Reiter sich besser fragen, warum sie überhaupt einen Schlaufzügel einsetzen wollen. Was ist der Indikator dafür? Warum geht das Pferd so? Welche Traumata hat es womöglich hinter sich? Als kurze Korrekturmaßnahme sei der Einsatz unter diesen Umständen vertretbar, aber weder als Dauermaßnahme noch, um die Ausbildungszeit zu verkürzen. „Das funktioniert ohnehin nicht. Die Ausbildung eines jungen Pferdes muss dessen Natur folgen. Setzt man Hilfsmittel ein, um schneller voranzukommen, dann rächt sich das später immer.“

Ein großes Problem sieht Stodulka darin, dass Schlaufzügel heutzutage ganz selbstverständlich durch die Trensenringe geführt werden. Selbst Newcastle – der ja beileibe kein Weichling war – führte den Riemen wenigstens durch die Ringe eines Kappzaums. Einige Reiter verwenden anstelle einer Trense sogar ein Gebiss mit Hebelwirkung, etwa eine Kandare oder ein Pelham. Eine solche Konstruktion muss ganz klar als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz angesehen werden.

Unkontrollierbare Kräfte

Als rigorose Gegnerin des Hilfszügels bezeichnet sich Xenophon-Trainerin Dr. Ulrike Thiel. Die diplomierte Sportlehrerin, Reittherapeutin und Dressurrichterin ist davon überzeugt, dass die Kräfte, die über den Riemen auf das Pferdemaul wirken, nicht kontrolliert werden können, da sie in unterschiedliche Richtungen zugleich und das noch in unterschiedlicher Stärke wirken. Dazu tragen die zahlreichen Bewegungen bei, die zwischen Sattelgurt, Pferdebrust und -kopf, Reiterhand und Gebiss stattfinden. „Dadurch bekommt das Pferd ständig kleinere und größere Schläge ins Maul. In Zeitlupenaufnahmen kann man das sehr gut sehen. Wenn es also versucht, Anlehnung zu finden, wird es dafür bestraft und stattdessen dazu animiert, hinter dem Zügel zu gehen.“

Auch ein umsichtiger Umgang mit dem Schlaufzügel löse diese Probleme nicht, so Thiel. „Ein Reiter müsste schon einen Bordcomputer haben, um das noch unter Kontrolle zu haben und immer rechtzeitig nachzugeben. Allerdings wäre selbst dann eine echte Anlehnung vom Pferd an den Zügel durch all die in unterschiedliche Richtungen wirkenden Kräfte nicht möglich.“ Als bessere Alternative, etwa beim Ausritt mit einem frischen Pferd, biete sich ein gleitendes Ringmartingal an, dessen nach unten ziehende Wirkung sofort ausgeschaltet ist, wenn das Pferd seinen Kopf wieder in eine normale Haltung bringt. So kann es erneut die Anlehnung an den Zügel suchen und finden, ohne gestört zu werden. Auf Nachfrage, warum immer noch so viele Reiter einen Schlaufzügel einsetzen, sagt Thiel: „Da geht es um Kontrolle! Es ist viel einfacher, ein Pferd zusammenzuziehen als es anständig auszubilden.“ Viele Reiter fühlten sich mit einem fest verschnürten Pferd einfach sicherer.

Kein „Hilfs“zügel für den Reiter

Der Schlaufzügel als Rückhalt für unsichere Reiter? Klingt beängstigend. Dennoch scheint diese Art der Verwendung in vielen Ställen zum Alltag zu gehören. Eine, die wissen muss, ob sich die Newcastle- Erfindung für derartige Zwecke eignet, ist Dressurreiterin Gonnelien Rothenberger. Die Niederländerin, 1997 Vizeeuropameisterin sowie 1996 Mannschafts-Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen in Atlanta, unterrichtet Nachwuchsreiter, unter anderen die zigfach mit Edelmetall dekorierten aufstrebenden Stars aus der eigenen Familie, Sönke, Sanneke und Semmieke Rothenberger. Grundsätzlich findet sie: „Gegen Schlaufzügel ist nichts einzuwenden, wenn man sie ausnahmsweise benutzt, um ein weiter ausgebildetes Pferd, das sich schon selber tragen und versammeln kann, aber vielleicht manchmal ‚ausreißt‘, einfach nur ein bisschen locker zu reiten. Auch dann sollten sie locker durchhängen und das Pferd nur nach oben begrenzen, niemals nach unten ziehen. Bei jungen Pferden hat er nichts zu suchen!“ Gleiches gelte für unerfahrene Reiter. Ebenso wie Sporen müsse man sich Schlaufzügel erst verdienen.
Probates Mittel zur Unterstützung unerfahrener Reiter: der Schlaufzügel als Dreiecks- oder Wienerzügel verschnallt © www.slawik.com
Probates Mittel zur Unterstützung unerfahrener Reiter: der Schlaufzügel als Dreiecks- oder Wienerzügel verschnallt
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Bei Schülern, die sich auf dem Pferderücken noch nicht gut koordinieren können, verschnallt Rothenberger das Ende des Riemens locker seitlich am Gurt, anstatt es dem Reiter in die Hand zu geben. So entsteht ein Dreieckszügel. Ziel sei es, dem lernenden Reiter und dem Pferd das Laufen und Sitzen angenehmer zu machen. Lehrlinge und Schüler bekommen dieses scharfe Kontrollmittel allerdings nicht in die Hände. „Wenn nötig, schnalle ich stattdessen ein Martingal ein“, so die Dressurreiterin. Ein generelles Verbot wie in der Schweiz kann Rothenberger sich nicht vorstellen. „Wo endet denn so etwas? Irgendwann werden auch noch Gerte und Kandare verboten. Das ist der falsche Weg“, findet sie. Stattdessen sollten ihrer Meinung nach Stewards dahingehend geschult werden, dass sie dem Publikum, das auf den Turnier-Abreiteplätzen zuschaut, „sachkundig das Training der Reiter erklären“

Pro und Contra

Auch in Österreichs Reiterszene gibt es Befürworter wie Kritiker des Schlaufzügels.

Elisabeth Max-Theurer, Präsidentin des Österreichischen Pferdesportverbandes (OEPS):

„Ich halte den Schlaufzügel generell nicht für sinnvoll, im Dressursport ist er bereits seit rund 20 Jahren auf Turnieren verboten – und ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir in Österreich dem Beispiel der Schweiz folgen und ihn auch auf Abreiteplätzen bei Springturnieren untersagen. Was für Dressurpferde aus physiologischen Gründen nicht gut ist, gilt genauso auch für Springpferde. Wenn er schon angewendet wird, in Ausnahmefällen zur kurz gehaltenen Korrektur, dann gehört er in die Hand eines Fachmannes oder einer Fachfrau. Und dann sollte das auch nicht in der Öffentlichkeit auf einem Abreiteplatz geschehen. Aus unserem Stall ist der Schlaufzügel schon seit über 15 Jahren verbannt – und er wird auch nicht zur Korrektur eingesetzt. Das Zusammenziehen eines Pferdes bringt gar nichts.“

Michael Rösch jun., Springreiter und Ausbilder:
„Grundsätzlich wird der Schlaufzügel in erster Linie bei Pferden verwendet, die sich vom Körperbau her mit einer ,normalen‘ Haltung schwer tun: Bei Pferden mit starkem Unterhals, engen Ganaschen, schwierigem Maul … Manche Pferde neigen beim Erlernen neuer Lektionen dazu, ganz generell ‚hochzudrücken‘. Da ist der Schlaufzügel – richtig angewandt – ein gutes Mittel während der Lernphase. Die große Gefahr besteht darin, dass die Pferde bei falschem Gebrauch im Maul schlechter werden. Vor allem dann, wenn nicht genügend nachgetrieben wird, neigen falsch mit Schlaufzügel gerittene Pferde dazu, stark auf die Vorhand zu kommen. Er sollte daher nur von Reitern verwendet werden, die damit umgehen können – oder nur unter Aufsicht eines guten Reitlehrers/Trainers. An sich halte ich den richtig angewandten Schlaufzügel für ein sehr gutes Mittel. Ihn nur deswegen zu verbieten, weil er oft falsch verwendet wird, halte ich für eine überzogene Reaktion. Wie viele Autounfälle gibt es? Wollen wir deshalb in Zukunft auch Autos verbieten?“

Susanna Kleindienst-Passweg, Ausbildungsleiterin beim OEPS:
„Ich bin bei diesem Thema gespalten. Natürlich bin ich im Allgemeinen kein Freund von Schlaufzügeln. Jedoch kann ich dem Argument vieler Profispringreiter, dass es pferdeschonender ist, etwa Hengste, die ,stark werden‘, mit ruhiger, feiner Hand unter Verwendung eines nur kurz eingesetzten Schlaufzügels zu reiten, als mit sehr deutlichen Zügelhilfen arbeiten zu müssen, etwas abgewinnen. Wie immer bei solchen Diskussionen kommt es darauf an, wie der Zügel verwendet wird. Ist er starr angestellt und presst das Pferd in eine Zwangshaltung oder gleitet er locker durch die Trensenringe und wird nur bei Bedarf für wenige Augenblicke eingesetzt? Keinesfalls darf ein Schlaufzügel dazu genutzt werden, ein Pferd gewaltsam in einer bestimmten Haltung zu fixieren. Die Qualität des Reitens ist entscheidend – und der Schlaufzügel kann korrektes Reiten nicht ersetzen. Und das sollte auf den Abreitplätzen konsequent überprüft werden.“

Renate Voglsang, Dressurreiterin und -ausbilderin:
„Der Schlaufzügel ist ein heikles Thema. Ihn einzusetzen ist immer ein Problem – nicht zuletzt, weil er ein Eingeständnis der eigenen Schwächen ist. Er zeigt, dass man einem Pferd nicht gewachsen ist. Denn der gute Ausbilder sollte ihn nicht brauchen. Als Berufsreiter sind wir jedoch immer wieder mal mit Pferden konfrontiert, die bereits ‚eine Geschichte haben‘. Daraus können sich gefährliche Situationen ergeben. In einem solchen Fall halte ich den Schlaufzügel für vertretbar und verwende ihn auch. Eben weil er so einen starken Einfluss auf das Pferd hat, gibt er dabei Sicherheit. Meistens stellt sich ganz schnell heraus, dass man ihn ohnedies weglassen kann. Das ist zumindest meine Erfahrung. Und ich reite sehr verschiedene und auch viele junge Pferde.
Aus einer Zwangshaltung wie dieser kann sich das Pferd nicht selbst befreien, es leidet physisch und psychisch. © www.slawik.com
Aus einer Zwangshaltung wie dieser kann sich das Pferd nicht selbst befreien, es leidet physisch und psychisch.
© www.slawik.com
Alle Experten, mit denen wir gesprochen haben, waren sich in zwei Dingen einig: der Schlaufzügel gehört nicht in unerfahrene Hände und darf den Pferdekopf nicht gewaltsam in eine Haltung zwingen und ihn dort fixieren. Selbst in den Händen von Profis sehen viele Fachleute ihn nicht gern.

Laut Prof. Dr. Preuschoft gehört Schlaufer zusammen mit allen anderen Hilfszügeln "in die Mottenkiste“. Welche Kräfte beim Schlaufzügeleinsatz tatsächlich auf das Pferdemaul wirken, und ob es wirklich einen Bordcomputer braucht, um ihn korrekt einzusetzen, werden vermutlich erst die künftigen Messungen des Zügelkraft-Papstes zeigen.

Regina Käsmayr

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Dieser Artikel von Regina Käsmayr wurde erstmals in Ausgabe 1/2017 der Pferderevue veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus über 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!
Cover Februar 2018 © Alessandra Sarti
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