Array ( [2000] => Home [2005] => Nachrichten [1011] => Marktkurzinfos [1026] => Marktanalysen [1016] => Reportagen [1044] => Über Uns [1046] => Das Team [1045] => Mediadaten [2021] => Impressum [2022] => AGB )
HV Polo Skyscraper
  • HV Polo  HV Polo
19.08.2016

Sentimentales Gold für Skelton

Wie aufregend Springreiten sein kann, bewies die letzte Reitentscheidung der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Im Einzelspringen wurde für Nick Skelton und Big Star ein Sommermärchen wahr. Er holte in einem wahren Thriller die Goldmedaille, Silber ging an den schwedischen Geheimtipp Peder Fredricson und All Inn. Dahinter landeten die beiden letzten Olympiasieger: Bronze gewann Eric Lamaze und auf dem undankbaren vierten Platz klassierte sich der London-Triumphator Steve Guerdat.

Gold für Skelton, das Stehaufmännchen des Springsportes krönt mit Big Star seine Karriere. © Tomas Holcbecher
Gold für Skelton, das Stehaufmännchen des Springsportes krönt mit Big Star seine Karriere.
© Tomas Holcbecher
Keine leichte Aufgabe musste Parcoursdesigner Guilhermo Jorge lösen. Die 35 angetretenen Pferde im Finale hatten ja schon drei Runden gehen müssen (jene aus Deutschland und Kanada auch noch das Stechen um Mannschaftsbronze), da war Fingerspitzengefühl gefragt. Und im großen und ganzen gelang diese Aufgabe dem Brasilianer recht gut, doch meinte der deutsche Bundestrainer Otto Becker über Runde eins kritisch: „Das war am unteren Limit!“ Jorge erläuterte seine Taktik bei der Parcoursbesichtigung hingegen so: „Wir wollen, dass die Pferde nicht überfordert werden und auch noch nach Rio fit sind!“ Schließlich wies der Parcours aber an allen Positionen seine Tücken auf, nur eines der zwölf Hindernisse wurde von allen fehlerlos gesprungen. Nach Runde zwei zeigten sich die Deutschen dann kleinlauter. Christian Ahlmann in der Mixed Zone: „Das war von den Abmessungen und der Zeit her schon abnormal.“
Geheimtipp Peder Fredericson holt mit All In Silber für Schweden. © Tomas Holcbecher
Geheimtipp Peder Fredericson holt mit All In Silber für Schweden.
© Tomas Holcbecher
13 Paaren war im ersten Umlauf die erhoffte Nullrunde gelungen. Pech hatten der überraschend starke Argentinier Matias Albarracin (mit dem westfälischen Cornet Obolensky-Sohn Cannavaro) und dem für die Ukraine startenden Rene Tebbel (Zipper), die keine Probleme mit den Sprüngen hatten, aber jeweils einen haarscharfen Zeitfehler einheimsten. Aus Ländersicht bot die zweite Final-Runde dann eine interessante Mischung: Reiter aus nicht weniger als elf Nationen durften sich mit null Fehlern noch Hoffnungen auf eine Medaille machen, die Schweiz und Deutschland verfügten sogar über zwei heiße Eisen im Feuer.
Der Olympiasieger 2008 Eric Lamaze gewinnt mit Fine Lady die Bronzemedaille. © Tomas Holcbecher
Der Olympiasieger 2008 Eric Lamaze gewinnt mit Fine Lady die Bronzemedaille.
© Tomas Holcbecher
Nach der Mittagspause herrschte von Anfang an Riesenstimmung, als Luciana Diniz im zweiten Umlauf mit Fit for Fun eine feine Null gelang. Der Jubel des Publikums hielt beim Brasilianer Doda de Miranda an: Cornetto K mit Null, das sollte am Ende für Platz neun (ex aequo mit sechs weiteren Teilnehmern) reichen. Für McLain Ward muss es bitter gewesen sein, im ersten Durchgang einen Abwurf gehabt zu haben, denn am Nachmittag sprang seine Stute Azur wie schon die ganze Woche ohne Makel. Der nicht unumstrittene US-Amerikaner (der in Aachen schon gesperrt war) erwartete sich für Rio sicher mehr als den neunten Rang. Die Erwartungen weit übertreffen konnte hingegen Matias Albarracin. Der Argentinier kam auch jetzt wieder mit lediglich einem Zeitfehler ins Ziel. Die Nummer 727 der Weltrangliste, dessen Vater schon bei Olympia 1984 und 1996 geritten hatte, belegte damit den achten Platz!
Jeroen Dubbeldam war der Pechvogel des Tages, zwei Hundertstelsekunden zu langsam, kein Stechen für Zenith. © Tomas Holcbecher
Jeroen Dubbeldam war der Pechvogel des Tages, zwei Hundertstelsekunden zu langsam, kein Stechen für Zenith.
© Tomas Holcbecher
Und dann spielten sich wahre Dramen ab, die es in so einer Dichte wohl nur bei Olympia gibt. Edwina Tops-Alexander wurde der Einsprung in die Zweierkombbination zum Verhängnis, Martin Fuchs scheiterte an der „Dreier“, Christian Ahlmanns Taloubet Z, der immer so sicher wirkte, riss den Aussprung der „Zweier“, für Deußer endeten die Träume am zweiten Sprung und auch Frankreichs letzte Hoffnung Roger Yves Bost hatte nicht den glücklichsten Tag. Der Titel „Pechvogel des Tages“ ging aber an Jeroen Dubbeldam: Mit Zenith blieb der Welt- und Europameister um zwei Hundertstelsekunden über der erlaubten Zeit - vorbei der Traum, Platz sieben! Nein, es waren nicht die Spiele der niederländischen Reiter.
Selbst einem Weltmeister standen Tränen in den Augen: Jeroen Dubbeldam nach seinem Ausscheiden. © Ernst Kopica
Selbst einem Weltmeister standen Tränen in den Augen: Jeroen Dubbeldam nach seinem Ausscheiden.
© Ernst Kopica
Edwina Tops-Alexander hatte sich auch mehr erwartet. © Ernst Kopica
Edwina Tops-Alexander hatte sich auch mehr erwartet.
© Ernst Kopica
Christian Ahlmann steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, er fand den Parcours abnormal schwer. © Ernst Kopica
Christian Ahlmann steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, er fand den Parcours abnormal schwer.
© Ernst Kopica
Steve Guerdat konnte sein Olympiadouble nicht wahr machen, auch Bronze blieb ihm und Nino de Buissonnets verwährt. © Tomas Holcbecher
Steve Guerdat konnte sein Olympiadouble nicht wahr machen, auch Bronze blieb ihm und Nino de Buissonnets verwährt.
© Tomas Holcbecher
Nick Skelton konnte allerdings bereits in der zweiten Runde auf sich aufmerksam machen und souverän beweisen, dass er ein heißer Medaillenkandidat ist. Neben dem Briten gelang auch noch Steve Guerdat, Scheich Ali Al Thani, Kent Farrington, dem Geheimtipp Peder Fredricson und Eric Lamaze eine Doppel-Null und so musste ein Stechen dieser sechs die Medaillenentscheidung herbeiführen.

Der 58jährige Skelton, der in seiner bisherigen Laufbahn durch viele Wellentäler gehen musste und für den auch die Mannschaftsentscheidung in Rio mit einer Enttäuschung endete, drehte mit seinem KWPH-Hengst Big Star im Stechen gleich ordentlich auf und fegte fehlerfrei in 42.82 über die Stangen. Gleich beim ersten Hindernis, welches dann Guerdat auf Nino de Buissonnets in Angriff nahm, fiel die Stange – eine Schrecksekunde für ihn und das Publikum. Auch der folgende Parforceritt konnte für den Schweizer keine Medaille mehr retten. Nicht in die Entscheidung konnten der US-Amerikaner Kent Farrington als auch der Qatari Scheich Ali Al Thani eingreifen. Mit acht Punkten blieben für sie die Plätze fünf und sechs.
Zum weiten Mal Olympiasilber für Peder Fredericson. © Tomas Holcbecher
Zum weiten Mal Olympiasilber für Peder Fredericson.
© Tomas Holcbecher
Während der Woche hatten viele Fachleute über Peder Fredericson und seinen Medaillenchancen gesprochen. Der Schwede hatte bereits 2004 in Athen für sein Land Mannschafts-Silber geholt, aber derzeit verfügt er mit All In (der belgische Wallach ist seit sieben Jahren in seinem Stall) über ein Springpferd, das sich auch im Einzel in der absoluten Weltspitze behaupten kann. Nach dem Nationenpreis von St. Gallen wurde bereits Anfang Juni über seine guten Olympiaaussichten gemunkelt. Nicht nur die schwedischen Schlachtenbummler hielten bei seinem Ritt den Atem an und als Fredricson erneut fehlerfrei blieb, lag er zwar eine halbe Sekunde hinter Skelton - aber Edelmetall war gesichert.
Das Siegerpodest nach dem Einzelbewerb im Springreiten: Fredericson, Skelton, Lamaze. © Tomas Holcbecher
Das Siegerpodest nach dem Einzelbewerb im Springreiten: Fredericson, Skelton, Lamaze.
© Tomas Holcbecher
Nur Eric Lamaze konnte nun mit seiner Hannoveranerstute Fine Lady das Klassement auf den Kopf stellen. Der Kanadier ritt wohl das Pferd mit der größten Grundschnelligkeit im Stechen, aber ein Abwurf vereitelte sein zweites Olympiagold. Als dann Skelton die Goldmedaille um den Hals gehängt bekam, hatte nicht nur der Brite Tränen in den Augen. Als ältester Reiter der Geschichte kürte er sich zum Olympiasieger! Für die Ehrenrunde musste er seinen schweren Verletzung Tribut zollen: Da war ein Treppchen gefragt, damit er in den Sattel seines ebenfalls von vielen Verletzungen geplagten Big Star steigen konnte.
Der älteste Goldmedaillengewinner bei Olympischen Reitbewerben: "Wenn Big Star aufhören muss, dann beende auch ich meine Karriere!" © Tomas Holcbecher
Der älteste Goldmedaillengewinner bei Olympischen Reitbewerben: "Wenn Big Star aufhören muss, dann beende auch ich meine Karriere!"
© Tomas Holcbecher
Zum Nachlesen gibt es alle Ergebnisse aus Rio hier.

Adeus Rio de Janeiro!

Nach zwei turbulenten Wochen gingen heute also die Reitbewerbe dieser Olympischen Spiele zu Ende. Am Sonntag wird nach der Schlusszeremonie die Flamme erlöschen. Da stellt sich auch die Frage, was blieb vom ursprünglichen Gedanken der Völkerverständigung, dem fairen Wettstreit von Athleten, dem Sportsgeist der Gedanken Pierre de Coubertins. Seine Ideale hießen ja Überwindung der nationalen Egoismen“ sowie „Frieden und internationale Verständigung“: „Citius, altius, fortius“ im sportlichen Sinne.
Meine Erfahrungen hier in Rio de Janeiro zeigten, dass bei vielen Sportlern diese Ideen immer noch hoch im Kurs stehen. Viele suchen die Kommunikation mit Aktiven anderer Sparten und Ländern, der beliebte Pin-Austausch ist das beste Beispiel dafür. Das IOC scheint aber den eingeschlagenen Irrweg weiterzugehen. Noch mehr Kommerzialisierung (der gestrige Besuch im Megastore bestätigte dies eindrücklich: überhöhte Preise für großteils Ramschware), noch mehr politische Entscheidungen (warum sonst vergibt man Spiele an eine Stadt, die finanziell und organisatorisch überfordert scheint)! Auch in Brasilien selbst stellten sich viele die Frage: Wem nützen die Spiele!
Olympiade, für wen? © Ernst Kopica
Olympiade, für wen?
© Ernst Kopica
Meine persönlichen Erfahrungen von Rio bleiben gespalten: Die Reitsportbewerbe verliefen ohne größere Aufregungen, meine Arbeitsbedingungen waren wirklich ok, auch das Kennenlernen neuer Kollegen und das Auffrischen alter Kontakte passte. Ich gewöhnte mich auch an vieles, das ich in dieser Form noch nicht kannte: Etwa an die Schüsse bei Tag und Nacht, von denen man bis heute nicht so genau weiß, woher sie kommen: aus den umliegenden Favelas oder sind es Schussübungen der Soldaten? Sogar während der heutigen Springentscheidung waren die Salven zu hören. Schmunzelnd lese ich auf Facebook Postings aus Österreich, wo Leute nächtliches Gekrache nur mit Feuerwerken in Verbindung bringen. Bei Sommerfesten im Salzkammergut oder am Wörthersee mag dies die Frage sein, aber nicht hier in Rio de Janeiro, da knallt es richtig und scharf.

Stoisch lasse ich auch endlose Fahrten mit Shuttle-Bussen im Verkehrsstau über mich ergehen – eine brasilianische Art meditative Gelassenheit zu lernen. Dass es tagsüber über 35 Grad hat und man des Nachts einen dickeren Pullover braucht, dass die Klimanlagen um die Wette surren, alles wird für mich selbstverständlich.
Auch an Panzersperren kann man sich gewöhnen, die Knallerei fährt einem dagegen schon in die Knochen. © Ernst Kopica
Auch an Panzersperren kann man sich gewöhnen, die Knallerei fährt einem dagegen schon in die Knochen.
© Ernst Kopica
Aber ich werde immer wieder überrascht. So staune ich über wirklich gute W-Lan-Verbindungen, sogar im Bus gibt es ein gutes Netz. Auch den täglichen Soundcheck im Pressezelt habe ich zutiefst verinnerlicht. Anfangs fürchtete ich einen Hörsturz zu bekommen, so laut krachte es beim Versuch die richtige Lautstärke der Mikros einzustellen. Doch zum Schluss trällerte der fesche Carioca das „Girl of Ipanema“ mit cooler Stimme, relaxing and easy going. Das zaubert allen Kollegen ein Lächeln ins Gesicht!

Auch unseren General Andrade Neves, der mit versteinertem Gesicht uns jeden Tag beim Betreten mustert werde ich vermissen. Dass beim Eingang davor fast nie Kontroll-Personal stand, das habe ich mittlerweile auch schon kapiert.
Das waren wohl die militärischsten Spiele aller Zeiten. © Ernst Kopica
Das waren wohl die militärischsten Spiele aller Zeiten.
© Ernst Kopica
Der Eingang zum Stadion: Gähnende Leere, weit und breit keine Kontrolle, in Rio gehen die Uhren anders. © Ernst Kopica
Der Eingang zum Stadion: Gähnende Leere, weit und breit keine Kontrolle, in Rio gehen die Uhren anders.
© Ernst Kopica
Unser General vor dem Pressezelt. © Ernst Kopica
Unser General vor dem Pressezelt.
© Ernst Kopica
Abschließen möchte ich meinen Olympia-Blog aus Rio aber mit einem Plädoyer für die Sportler. In der Gondel zum Zuckerhut traf ich gestern eine österreichische Judo-Kämpferin, die leider in der ersten Runde ausschied. Natürlich kamen wir sofort auf die medialen Vorwürfe zu sprechen, dass es in Rio „Olympiatouristen“ gäbe. Leidenschaftlich erklärte sie mir, wie es in einem Sportler ganz tief drinnen aussieht und dass es keiner der 71 Athleten verdient hatte, so bezeichnet zu werden. Denn allein die Qualifikation geschafft zu haben und damit zu den Weltbesten zu gehören verdient Respekt. Und noch mehr Respekt hatte ich vor der jungen Dame, als ich sah, dass sie einen Kletterhelm dabei hatte und eben die Steilwand des Pão de Açúcar mit Seil und Haken bezwingen konnte. Diretissima in drei Stunden!
Deutschsprachiges Reporterteam am Zuckerhut: Sascha Dubach, Ernst Kopica, Ruth Büchlmann, Stefan Lafrentz, Monika Schaaf und Tomas Holcbecher (v.l.n.r.) © Sascha Dubach
Deutschsprachiges Reporterteam am Zuckerhut: Sascha Dubach, Ernst Kopica, Ruth Büchlmann, Stefan Lafrentz, Monika Schaaf und Tomas Holcbecher (v.l.n.r.)
© Sascha Dubach
© Ernst Kopica
© Ernst Kopica
  • Das könnte Sie auch interessieren