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06.02.2015

Sind Sie sicher?

In der Theorie weiß eigentlicher jeder, dass er beim Umgang mit dem Pferd dazugehört – in der Praxis sieht man trotzdem immer wieder ReiterInnen oben ohne. Warum Sie nie auf einen gut sitzenden Reithelm verzichten sollten, lesen Sie hier.

Reiten gehört zu den Sportarten, bei denen ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht. © Scott Ray
Reiten gehört zu den Sportarten, bei denen ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht.
© Scott Ray
Reiten ist ein schöner Sport, eine entspannende Freizeitbeschäftigung – aber es birgt auch Gefahren. Dass es beim Reiten auch zu bedrohlichen Situationen kommen kann, verdrängt man als passionierter Pferdemensch gerne. Dafür gibt es viele Gründe, die von der „Mir wird schon nichts passieren“-Einstellung bis zu der „Mein Pferd ist brav“-Haltung reichen. Aber die Unfallstatistiken sprechen eine andere Sprache – wenn man sie richtig interpretiert. Denn auf den ersten Blick können die Zahlen in die Irre führen. Bei etwa 196.300 beim Sport verunfallten Personen, die 2007 in Österreich in einem Krankenhaus behandelt werden mussten, wirken rund 5.200 Reitunfälle nicht so gravierend (Freizeitunfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, 2007, www.kfv.at). Der Pferdesport liegt damit tatsächlich im unteren Drittel der vom KfV jährlich durchgeführten Unfallstudie. Doch der Schein trügt, denn Reiten ist immer noch eine Randsportart, verglichen mit Massensportarten wie Fahrradfahren, Schwimmen oder Wandern und wird von entsprechend weniger Menschen ausgeübt.

Erschreckende Zahl

Um das tatsächliche Verletzungsrisiko einer Person beurteilen zu können, muss man daher den Wert „Risiko je 1.000 Ausübende“ betrachten. Dieser Wert wird vom KfV nur für SportlerInnen ab dem 15. Lebensjahr erhoben, im Jahr 2007 fanden 70 % aller Reitunfälle in dieser Alterklasse statt. Bei diesem Wert befindet sich der Pferdesport mit 15,3 Verunfallten pro 1.000 Ausübenden plötzlich an vierter Stelle in der Statistik, direkt hinter populären Sportarten wie Snowboarden und Fußball und praktisch gleichauf mit dem alpinen Skifahren. Bis zum Jahr 2006 hat der Reitsport hier sogar den dritten Platz eingenommen, der Spitzenwert lag 2004 bei 23 verunfallten Personen je 1.000 Ausübenden. „Reiten gehört auf jeden Fall zu den Sportarten, bei denen ein erhöhtes Verletzungsrisiko besteht“, bekräftigt Dr. Anton Dunzendorfer, Bereichsleiter für Heim, Freizeit und Sport beim KfV.
Die richtige Sicherheitsausrüstung schützt nicht nur im großen Sport vor lebensgefährlichen Verletzungen. © Herny Bucklow
Die richtige Sicherheitsausrüstung schützt nicht nur im großen Sport vor lebensgefährlichen Verletzungen.
© Herny Bucklow

Gefahrenfaktoren

kalkulierbaren Verhaltensweise, der Reiter sowohl im Sattel als auch im alltäglichen Umgang in Gefahr bringen kann. Die sogenannte Fremdeinwirkung – beim Skifahren etwa eine Kollision mit einem anderen Fahrer – nimmt bei der Arbeit mit dem Pferd ebenfalls einen erheblichen Stellenwert ein – Huftritte sind dabei der Hauptgrund für Einlieferungen ins Spital. Trotzdem wird gerne verdrängt, dass jedes Pferd, und sei es auch noch so brav oder gut ausgebildet, einmalscheuen kann. Die Folgen, die von einem erschreckten Satz oder einer plötzlichen Kehrtwendung bis hin zu panikartigem Durchgehen oder Steigen reichen können, sind nur schwer berechenbar. Eine kanadische Studie, die sich mit den Gründen von Unfällen im Zusammenhang mit Pferden befasste, kam zu dem Ergebnis, dass mindestens ein Viertel aller Verletzungen auf das Scheuen von Pferden zurückzuführen ist. Auch das Wegrutschen des Pferdes aufgrund von glatten Bodenverhältnissen, und sei es nur in der Stallgasse, hat auch schon so manchen Top-Reiter in eine brenzlige Situation gebracht.

Ein weiterer Grund, warum Sportarten wie Skifahren und Reiten so gefährlich sind, ist die erhöhte Geschwindigkeit, mit der man sich fortbewegt, erklärt Dr. Dunzendorfer. Auf einem galoppierenden Reitpferd erreicht man ohne weiteres 30 Kilometer pro Stunde und mehr, doch bereits ab einem Tempo von sieben bis zehn Kilometer pro Stunde kann es bei einem Aufprall des Kopfes zu einer Fraktur des menschlichen Schädelknochens kommen. Hinzu kommt ein besonderer Gefahrenfaktor, der fast ausschließlich beim Reitsportauftritt: die große Fallhöhe. Etwa 65 bis 80 % aller klinisch behandelten, pferdebezogenen Verletzungen haben einen Sturz vom Pferd als Ursache. Dabei ist der Reiterkopf auf einem Pferd mit 1,60 m Stockmaß mindestens zweieinhalb Meter vom Erdboden entfernt. Befinden sich Reiter und Pferd zum Zeitpunkt des Unfalls noch dazu in der Flugphase über einem Hindernis, erhöht sich dieses Maß zusätzlich. Die Kräfte, die dadurch bei einem Aufprall entstehen, sind somit beim Reiten um einiges höher als in Sportarten, bei denen man Bodenkontakt behält.
 
Gefahrenquelle Hufe: Besonders dramatisch sind Stürze, bei denen der Reiter unter die Hufe des Pferdes gerät. Hier schützt ein gut sitzender Reithelm vor lebensgefährlichen Kopfverletzungen. © Tomas Holcbecher
Gefahrenquelle Hufe: Besonders dramatisch sind Stürze, bei denen der Reiter unter die Hufe des Pferdes gerät. Hier schützt ein gut sitzender Reithelm vor lebensgefährlichen Kopfverletzungen.
© Tomas Holcbecher

Schwerwiegende Folgen

All diese Faktoren sind die Grundlage für ein spezifisches Merkmal von Reitunfällen: Der Schweregrad der Verletzungen ist in dieser Sportart besonders hoch. Mehrere anhand von Daten verschiedener Notaufnahmen durchgeführte Studien belegen, dass die Art und das Ausmaß der Verletzungen bei pferdebedingten Unfällen oft besonders schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Laut dem KfV führten 2007 21 % aller Reitunfälle in Österreich zu Kopfverletzungen, mehr weisen nur die drei zusammengefassten Sportarten Schwimmen, Wasserspringen und Tauchen auf. Bei Verletzungen des Rumpfes, die auch Wirbelsäulenverletzungen mit einschließen, führt der Pferdesport mit 24 % sogar die Statistik an. Verschiedene amerikanische Studien kommen auf fast identische Prozentsätze. Außerdem belegen sie, dass Kopfverletzungen der Hauptgrund für tödliche Reitunfälle sind. So starben z. B. während einer fünf Jahre dauernden Studie am Medizinischen Trauma Zentrum der University of Kentucky zum Thema „Verletzungen aufgrund von Kontakt zu Pferden“ von 75 dort behandelten Patienten fünf – alle aufgrund von Kopfverletzungen. Auch ein1992 durchgeführter Vergleich sämtlicher Statistiken zum Thema Reitunfälle kommt zu dem Ergebnis, dass 72 bis 78 % aller Todesfälle im Pferdesport auf Kopfverletzungen zurückzuführen sind. Kinder sind hier noch einmal zusätzlich gefährdet, wie verschiedene Studien belegen. „Aufgrund ihrer kindlichen Körperproportionen und der nochschwächeren Muskulatur haben Kinder häufiger und auch schwerere Kopfverletzungen“, erklärt Dr. Dunzendorfer.

Wirksamer Schutz

„Die Schwere der Unfälle im Reitsport ist sicher eklatant und geht leider bis hin zu Todesfällen“, gibt auch der Unfallchirurg Dr. Peter Panzenböck, selbst Vielseitigkeitsreiter, zu bedenken. „Meine Philosophie ist daher, dass man die moderne Technologie nützen sollte, um Reiter und Pferd zu schützen.“ Doch genau hier liegt das Problem: Denn obwohl es heutzutage Möglichkeiten gibt, sich effektiv vor schweren Verletzungen zu schützen, wird davon nur mäßig Gebrauch gemacht. Bei der oben erwähnten Studie in Kentucky stellten die behandelnden Ärzte entsetzt fest, dass nur 14 % aller Unfallopfer einen Helm getragen hatten, andere Statistiken weisen ähnlich niedrige Prozentsätze auf. Ein Umstand, der sich beim Blick in die heimischen Ställe bestätigt. Dabei haben zahlreiche Studien bewiesen, dass durch das Tragen eines entsprechend geprüften und korrekt angepassten Reithelms das Risiko für schwere Kopfverletzungen drastisch reduziert und damit der Tod von Reiter verhindert werden kann. In einer 2003 durchgeführten Studie erlitten nur 5 % der Reiter, die einen Helm getragen hatten, Kopfverletzungen – verglichen mit 60 %, die ohne Helm verunfallt waren.

Betrachtet man diese Zahlen, wirken Reiter verglichen mit dem ähnlich gefährlichen alpinen Skisport fast schon naiv im Bezug auf ihr Risikobewusstsein: Eine Erhebung der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ergab, das sin der Wintersaison2006/2007 fast 50 % der Skifahrer einen Helm trugen, bei den Snowboardern waren es sogar 62 % (www.bfu.ch). Die vom österreichischen KfV erhobenen Zahlen zur vergangenen Wintersaison waren mit einer Quote von etwa 60 % bei den SkifahrerInnen ähnlich hoch.
 

Bewusstsein vorhanden

„Das Sicherheitsbewusstsein im Reitsport ist insbesondere im Nachwuchsbereich extrem gestiegen“, meint dazu Stefan Schwanbeck, der Geschäftsführer der United Sportproducts Germany GmbH (USG), die seit vielen Jahren eine große Auswahl an Sicherheitsprodukten im Sortiment führt. „Aber im Vergleich zu anderen Sportarten ist der Reitsport verhältnismäßig spät dran, die Schutzmaßnahmen zu erhöhen. Obwohl die uns zur Verfügung stehenden Unfalldaten es notwendig machen, sich intensiver darum zu kümmern.“ Tatsächlich scheint das mangelnde Bewusstsein für die Risiken im Umgang mit dem Pferd nur einen Teil des Problems auszumachen, wie eine amerikanische Studie bereits 1993 herausfand. Die AutorInnen der Studie kamen damals zu dem Schluss, dass im Gegensatz zum Radsport, wo viele sich des Risikos und der damit verbundenen Notwendigkeit, einen Helm zutragen, gar nicht bewusst waren, die ReiterInnen sich dessen sehr wohl bewusst waren.
Mit Köpfchen: Wer von klein auf lernt, dass der Helm zum korrekten Reiten dazugehört, hat auch später kein Problem damit, einen zu tragen. © Gorilla - fotolia.com
Mit Köpfchen: Wer von klein auf lernt, dass der Helm zum korrekten Reiten dazugehört, hat auch später kein Problem damit, einen zu tragen.
© Gorilla - fotolia.com
Der Grund für das Nicht-Tragen eines Helmes lag hier eher in der negativen Einstellung zu den im Handel angebotenen Produkten. Vielen wird diese Argumentation bekannt vorkommen. Obwohl bei der Studie nur 20 % der befragten Personen (davon waren 34 % Englisch-,44 % Western- und 22 % FreizeitreiterInnen) beim Reiten immer einen Helm trugen, gab über die Hälfte an, sich mit Kopfschutz sicherer zu fühlen, und allen Befragten war bewusst, dass ein Helm Kopfverletzungen verhindern kann. Als Hauptgrund, warum sie keinen Helm aufsetzten, gaben die ReiterInnenden schlechten Komfort bei den am Markt erhältlichen Helmen an. Sie seien unbequem zu tragen, und man bekomme schnell einen heißen Kopf und fange an zu schwitzen.

Das vorrangige Problem scheint aber die gesellschaftliche Akzeptanz von Reithelmen zu sein. So hatte mehr als ein Drittel der Befragten – insbesondere die Jugendlichen – das Gefühl, dass ihnen Helme nicht stehen und sie damit „blöd“ aussehen würden. Hier kommen zwei Aspekte zum Tragen: Zum einen die Optik der damaligen Reithelme, deren Design keinen Zuspruch fand, und zum anderen der Status, der immer noch unbewusst mit einem Helm in Verbindung gebracht wird: Viele Befragte glaubten, dass das Tragen eines Helmes indirekt als Zeichen von Unerfahrenheit gedeutet würde .Diese Einstellung war übrigens bei allen Reitstilen zu finden und existiert leider immer noch bei vielen Reitern. Solange die direkten Vorbilder der Reitanfänger den Eindruck vermitteln, dass man ab einem gewissen Erfahrungslevel keinen Helm mehr tragen muss, weil man dadurch angeblich vor Unfällen sicher ist, wird sich das wohl auch nicht ändern. „Wenn die Kinder sehen, dass der oder die geliebte ReitlehrerIn ohne Helm reitet, etwa bei der Arbeit zu Hause im Stall, werden die Kinder auch keinen Helm tragen wollen. Das ist ein echtes Problem!“, bekräftigt der Allgemeinmediziner Dr. Hans Schwaiger, unter anderem ehemaliger Jugendkoordinator des BFVs im Springreiten. „In den großen Pferdenationen Irland oder Großbritannien gehört der Helm zum Reiten einfach dazu, dort sehen Sie eigentlich niemanden mehr ohne Reithelm auf einem Pferd, auch nicht die Profireiter“, gibt er zu bedenken.

Neue Entwicklungen

Dabei zählt das Argument der unschönen Optik und des schlechten Tragekomforts heute eigentlich nicht mehr. Die Entwicklung von Sicherheitsprodukten für den Reitsport hat in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Sprung gemacht. Schaut man sich die Helme von vor 20 Jahren an, haben diese nur noch wenig gemeinsam mit den heutigen Modellen auf dem Markt. Dank neuer Technologien und Materialien und auch durch den allgemeinen Trend in der Helmindustrie zu mehr Tragekomfort und einer modischeren Optik haben sich die Reithelme stark verändert.

Heute bietet der Markt eine Fülle an verschiedensten Reithelmen, die nicht nur einen verbesserten Schutz bieten, sondern auch viel bequemer und schicker geworden sind. Längst muss man sich den Helm nicht Sekundenbruchteile nach dem Ritt vom Kopf reißen, damit man ja nicht zu lange damit gesehen wird. Durch moderne Materialien und Fertigungstechniken sind die Helme schlanker und sportlicher im Design geworden. Dank dieser Entwicklung werden Reithelme immer häufiger zum modischen Accessoire. Aber auch am Tragekomfort der Helme haben die Hersteller gearbeitet. Neben einer verbesserten Luftzirkulation, sorgen High-Tech-Materialien dafür, dass die entstehende Feuchtigkeit schnell aufgesaugt und von der Kopfhaut abtransportiert wird – ähnlich wie eine moderne Funktionsunterwäsche. In Kombination mit einer atmungsaktiven sowie wind- und wasserdurchlässigen Membran halten die modernen Helme so den Reiterkopf trocken und gut temperiert.
Immer mehr Profi-DressurreiterInnen ziehen heute den Schutz eines Reithelms der eleganteren Optik des klassischen Zylinders vor. © Tomas Holcbecher
Immer mehr Profi-DressurreiterInnen ziehen heute den Schutz eines Reithelms der eleganteren Optik des klassischen Zylinders vor. Auch bei Championaten wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Für die britische Dressur-Queen Charlotte Dujardin ist ihr Reithelm mittlerweile zum echten Markenzeichen geworden, das sie selbst bei Siegerehrungen und Fotoshootings nicht absetzt.
© Tomas Holcbecher

Mit Reithelm zu einem verbesserten Sicherheitsgefühl

Der Verlust des Freiheitsgefühls wird gerne als Grund angebracht, warum man keinen Helm tragen möchte. Erstaunlicherweise ergab eine Studie im Radsport aber, dass genau das Gegenteil der Fall sein kann: Die Befragten erklärten, dass sie durch das Tragen eines Helms aufgrund der dazu gewonnenen Sicherheit ein verstärktes Gefühl von Freiheit hätten. Gerade im Reitsport, wo der Risikofaktor Pferd nie völlig ausgeschaltet werden kann, man dem Tier gegenüber aber selbstsicher auftreten muss, sollte das Tragen eines Helmes daher selbstverständlich sein. Bliebt zu hoffen, dass durch den verbesserten Komfort und die pfiffigere Optik in Zukunft noch mehr ReiterInnen zum Helm greifen. Denn egal, wie viel Erfahrung man hat oder wie brav das Pferd auch sein mag, ein einziger Sturz ohne Helm kann gravierende gesundheitliche Folgen haben.

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Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 5/2009 der Pferderevue erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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