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06.04.2017

Spaßbremse Kandare?

In höheren Dressurklassen ist sie Pflicht - und dennoch von vielen ungeliebt: Warum selbst Dressurprofis die Möglichkeit der Wahl zwischen Trensen und Kandarengebiss begrüßen würden und wie sie mit vierbeinigen Kandarenmuffeln umgehen, lesen Sie hier.

Die verpflichtende Zäumung auf Kandare in den höheren Klassen hat nicht nur Anhänger, immer mehr Reiter würden es begrüßen, bis in die Grand-Prix-Klasse zwischen Trense und Kandare wählen zu können. © www.slawik.com
Die verpflichtende Zäumung auf Kandare in den höheren Klassen hat nicht nur Anhänger, immer mehr Reiter würden es begrüßen, bis in die Grand-Prix-Klasse zwischen Trense und Kandare wählen zu können.
© www.slawik.com
„Bei höher ausgebildeten Pferden ist – bei richtiger Technik des Reiters – mit der Kandare ein feineres und differenziertes Einwirken möglich als nur mit Trense“, erklärt Christian Schumach, international erfolgreicher Dressurreiter, Ausbilder und Richter, die Vorteile der Kandare. Das Erreichen der Kandarenreife ist also das Entrée in die Königsklasse des Dressurreitens: Ab hier wird am Feintuning – etwa der Verfeinerung und Minimierung der Hilfengebung, der Verbesserung der Versammlungsfähigkeit oder an mehr Qualität und Ausdruck in den Lektionen – gearbeitet.

Das geschieht mit Kandare, aber deutlich öfter nur mit Trense, denn in der Regel wird daheim weiter mit normaler Trensenzäumung geritten und auch weiter ausgebildet – die Kandare kommt meist erst kurz bevor der nächste Turnierstart ansteht wieder zum Einsatz, so auch bei Anja Luise Wessely- Trupp, Dressur- und Vielseitigkeitsreiterin, geprüfte Reitlehrerin, Ausbilderin und Richterin: „Ich reite im Training so gut wie immer auf Trense. Die Kandare kommt nur vor dem Turnier zum Einsatz, um dem Pferd wieder ein Gefühl dafür zu geben.“

Auch Christian Schumach praktiziert das im Trainingsalltag so: „Wenn das Pferd sicher an der Kandare geht und sie gut akzeptiert, dann wird in der weiteren Ausbildung zu 80 % mit Trense geritten.“

Die Zäumung auf einfacher Trense bleibt also großteils auch im Training in der Königsklasse das Mittel zum Zweck – manchmal auch deswegen, weil mit Kandare die Ausbildung des Pferdes eher Rück- als Fortschritte machen würde: „Ich habe einen Wallach, der, bevor er zu mir kam, mit der Kandare schlechte Erfahrungen gemacht hat. Er ist schon deutlich besser geworden, mittlerweile ist er auf Trense schon fast problemlos zu reiten. In Stresssituationen wie z. B. am Turnier sperrt er mit Kandare allerdings immer wieder das Maul auf, deshalb arbeite ich derzeit zu Hause lieber auf Trense an der Durchlässigkeit. Das braucht natürlich seine Zeit, und da er alle Grand-Prix-Lektionen auf Trense gut macht, scheitern Turnierstarts nur am verpflichtenden Reiten auf Kandare“, erzählt Anja Luise Wessely- Trupp von ihrem Sorgenkind.

Der Wallach ist nur ein Beispiel für einen Problemfall. Aber bei Weitem nicht der einzige. Selbst unter international hoch erfolgreichen Pferden gibt es solche, die die einfache Zäumung auf Trense präferieren. Dazu gehört auch Unee BB, Paradepferd der deutschen A-Kaderreiterin Jessica von Bredow Werndl. „Unee mag die Trense viel lieber als die Kandare und geht auch besser damit“, outet von Bredow-Werndl ihr EM-Pferd als Kandarenmuffel.

Die Team-Bronzemedaillengewinnern der EM in Aachen würden eine Reglementänderung, die eine Wahl zwischen Trensen und Kandarengebiss ermöglicht, durchaus begrüßen: „Die Möglichkeit, auch in Grand-Prix-Prüfungen zwischen Trense und Kandare wählen zu können, würde ich sehr befürworten. Es gibt einfach Pferde, die sich mit der Kandare nicht wohlfühlen, und da wäre es nur im Sinne der Pferde, die Zäumung frei wählen zu dürfen.“
Die Weltklassereiterin Jessica von Bredow-Werndl würde die Möglichkeit der freien Wahl zwischen Trense und Kandare sehr begrüßen. Ihr Unee BB ist trotz sorgfältigster Ausbildung ein ausgemachter Kandarenmuffel. © Tomas Holcbecher
Die Weltklassereiterin Jessica von Bredow-Werndl würde die Möglichkeit der freien Wahl zwischen Trense und Kandare sehr begrüßen. Ihr Unee BB ist trotz sorgfältigster Ausbildung ein ausgemachter Kandarenmuffel.
© Tomas Holcbecher
Ähnlich sieht das auch Caroline Kottas-Heldenberg, Dressurreiterin, geprüfte Dressurtrainerin und Ausbilderin aus Niederösterreich: „Ich würde dann auf jeden Fall individuell auf das jeweilige Pferd eingehen. Das ist in unserem Sport und in der Pferdeausbildung sowieso das Wichtigste. Ich könnte mir auch vorstellen, bei manchen Pferden gänzlich auf die Kandare zu verzichten, wenn sie nicht mehr Pflicht wäre. Auf die Kandare kann immer verzichtet werden – umgekehrt nicht, auf die Trense sollte nicht verzichtet werden! Wenn ich ein Pferd hätte, das besser auf Trense als auf Kandare geht – warum nicht?“

Anja-Luise Wessely findet sogar noch deutlichere Worte: „Die heutigen Pferde sind so gezüchtet, dass sie wesentlich rittiger und feinfühliger sind als früher – meiner Meinung nach macht dies die Verwendung der Kandare fast überflüssig. Ausnahmen gibt es sicher, aber ich hatte bis jetzt nur ganz wenige Pferde, auf denen ich lieber mit Kandare als mit Trense gestartet wäre. Grundsätzlich wähle ich die Zäumung, die dem Pferd am besten gefällt – und das ist in den meisten Fällen sicher die Trense. Und da ich im Training fast ausschließlich mit Trense reite, wäre eine Anpassung des Reglements für mich und meine Pferde sicher eine gute Sache. Ganz egal, in welcher Klasse.“

Online Petition

Die freie Wahlmöglichkeit zwischen Trense und Kandare ist auch Gegenstand einer aktuellen Online-Petition. Lanciert wurde sie von den beiden Österreicherinnen Sabine Bischofberger (staatlich geprüfte Bereiterin und Energetische Osteopathin) und Julia Coppard-Dornig (Grand-Prix-Reiterin). Die Petition soll, wenn sie genügend Unterschriften sammeln kann, der FEI übergeben werden, um dort den Wunsch der Aktiven zu deponieren und das Thema wieder ins Gespräch zu bringen.

Hier geht's zur Petition.
Dass man von offizieller Seite aus durchaus erkennt, dass laufende Überprüfungen bestehender Richtlinien wichtig sind, um der Forderung nach einem „Happy Athlete“ gerecht zu werden, haben nationale Verbände und auch die FEI in den vergangenen Jahren bewiesen: „Ich finde es gut, dass man auf nationalen Turnieren etwa in Prüfungen der Klasse M und jetzt sogar national und international in der Dressurpferdeprüfung der Klasse S für siebenjährige Pferde mittlerweile bei der Zäumung zwischen Trense und Kandare wählen kann“, begrüßt auch Christian Schumach diesen positiven Trend.

Die Öffnung der höheren Klassen generell für die Zäumung auch auf Trense wäre so gesehen der nächste logische Schritt in die richtige Richtung – hin zu zufriedenen und glücklichen Reitern und Pferden.

Martina Bartl
April 2017 Cover © Alessandra Sarti
© Alessandra Sarti

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