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25.01.2016

Stalluntugenden: Stille Hilferufe

Koppen, Weben und Co. sind keine Charakterfehler, sondern vielmehr Anzeichen dafür, dass Pferde mit ihren Haltungsbedingungen zutiefst unglücklich sind. DI Romo Schmidt über die Auslöser, wie man sogenannte Stalluntugenden wieder los wird - und wie sie erst gar nicht entstehen.

Koppen zählt zu den bekanntesten Verhaltensstörungen beim Pferd. © www.slawik.com
Koppen zählt zu den bekanntesten Verhaltensstörungen beim Pferd.
© www.slawik.com
Der Begriff „Tugend“ impliziert unter anderem Aufrichtigkeit, Sittlichkeit und Anständigkeit, also rein menschliche Eigenschaften, die Prozesse des Denkens voraussetzen. Da Pferde hierzu aber nicht fähig sind, sondern nur reagieren, verhalten sie sich keineswegs „unanständig“, wenn sie etwa weben oder koppen. Vielmehr sind Verhaltensauffälligkeiten stille Hilferufe und häufig das Resultat mangelhafter Haltungsbedingungen und unterdrückter Triebe durch „untugendhafte“ Pferdehalter und Stallbetreiber.   

Auch für Dr. Margit H. Zeitler-Feicht („Handbuch Pferdeverhalten“) von der Uni München führt die Wertung „Stalluntugenden“ zu fehlerhaften Ansätzen hinsichtlich Ursachen, Vorbeugung und Therapie von Verhaltensabweichungen. Aus diesem Grund sollten ihrer Meinung nach nur noch die Begriffe „Verhaltensabweichungen“, „Verhaltensstörungen“ und „unerwünschtes Verhalten“ verwendet werden. Allerdings muss zwischen den Begriffen klar differenziert werden, da sie jeweils unterschiedliche Ursachen und auch unterschiedliche Therapien implizieren.

Verhaltensforscher Prof. Dr. med. vet Hans-Hinrich Sambraus versteht unter einer Verhaltensstörung „eine in Hinblick auf Modalität (Art und Weise), Intensität (Ausmaß, Stärke) oder Frequenz (Wiederholung, Häufigkeit) erhebliche und andauernde Abweichung vom Normalverhalten“. Unerwünschtes Verhalten hingegen ist eine „Verhaltensweise, die dem Normalverhalten der Pferde im weiteren Sinn entspricht, jedoch dem Menschen Probleme bei der Haltung und Nutzung bereitet“, erklärt Margit Zeitler-Feicht.   

Nach Prof. Sambraus unterscheidet man fünf Arten von Verhaltensstörungen nach ihren Ursachen:

Symptomatische Störung
Sie umfassen Veränderungen des Verhaltens infolge von Verletzungen, Infektionen oder Degenerationserscheinungen (Rückbildung und Verfall teilweiser oder ganzer Gewebe oder Organe). Beispiel: häufiges Kopfschütteln infolge einer Ohrenentzündung

Zentralnervöse Störung
Zu dieser Gruppe gehören Veränderung des Verhaltens aufgrund einer Infektion oder eines Traumas des zentralen Nervensystems.

Endogene Störung
Eine endogene Störung wird durch eine Veränderung des Nervensystems oder des endokrinen Systems (Hormonsystem) aus inneren Ursachen heraus hervorgerufen. Beispiel: Dauerrosse oder Kryptochismus (Binnenhodigkeit, innenliegende Hoden, „Klopphengst“)

Mangelbedingte Störung
Hier entstehen abweichende Handlungen aufgrund fehlender Substanzen (Raufutter- oder Spurenelementmangel), Beispiel: exzessives Holzknabbern oder Sandaufnahme

Reaktive Störung
In diese Gruppe fallen Stereotypien wie Koppen oder Weben. Reaktive Störungen werden durch unzureichende Haltungsbedingungen oder falschen Umgang hervorgerufen.

Erst wenn Störungen der ersten vier Arten sowie unerwünschtes Verhalten ausgeschlossen werden konnten, können nach Dr. Zeitler-Feicht die reaktiven (rückwirkenden) Verhaltensstörungen in Betracht gezogen werden. Diese kommen übrigens nur bei domestizierten Pferden vor, bei Wildpferden konnten sie bislang noch nicht beobachtet werden.

Reaktive Störungen stehen damit immer im Zusammenhang mit nicht artgerechter Haltung und nicht tiergerechtem Umgang. Ihr großer Nachteil: Selbst bei Beseitigung der Ursachen bleiben sie häufig weiterhin bestehen, ein Pferd, dass sich in schlechter Boxenhaltung das Koppen angewöhnt hat, lässt diese Angewohnheit trotz Umstellung in einen artgerechten Offenstall nicht fallen.   

Reaktive Verhaltensstörungen umfassen Handlungen an leblosen Objekten (z. B. Barrenwetzen = Beißen in das Gitter oder sonstige Bestandteile in der Pferdebox), am eigenen Körper (Automutilation = selbstverletzendes Verhalten) oder Handlungen ohne Objekte (z. B. Zungenspiel). Aber auch Bewegungsanomalien wie das Weben oder Apathie, eine passive Bewältigungsstrategie, mit verminderten Reaktionen auf die Umgebung, gehören in diese Kategorie.
Permanentes Holznagen kann auf einem Rohfasermangel beruhen, aber auch Langeweile als Ursache haben. © kislovas - Fotolia.com
Permanentes Holznagen kann auf einem Rohfasermangel beruhen, aber auch Langeweile als Ursache haben.
© kislovas - Fotolia.com

Flucht in abnormes Verhalten

Um den Begriff der Stereotypie genau abzugrenzen, hat Rennbahn und Turnierarzt Dr. med. vet. Dirk Lebelt („Problemverhalten beim Pferd“, Enke Verlag) diesen etwas genauer ausgeführt, um Fehlschlüsse zu vermeiden:
  • Es handelt sich um ein ausgeprägt repetitives (= sich wiederholendes) Verhalten,
  • das  Verhaltensmuster ist in Form und zeitlichem Ablauf nahezu konstant
  • und ein Ziel oder eine Funktion des Verhaltens ist nicht zu erkennen.
Nur wenn diese drei Kriterien erfüllt sind, kann von einer stereotypen Verhaltensstörung gesprochen werden.

Wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre belegen, dass zu geringer Sozialkontakt (zu Artgenossen und Betreuungspersonen), eingeschränkte Bewegung, zu wenig Raufutter (Rennpferde) sowie fehlendes Ausleben des Spielverhaltens (mit und ohne Sozialpartner) und fehlende Umweltreize zu Verhaltensstörungen führen. Aber auch die Nutzung spielt eine Rolle. Je weniger Bewegungsmöglichkeiten ein Pferd habe und je höher sein Bewegungsdrang sei (Englische und Arabische Vollblüter), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Verhaltensstörung.

Der australische Tierarzt und Verhaltensforscher Paul McGreevy („Equine Behavior: A Guide for Veterinarians and Equine Scientists“) von der Universität Bristol fand heraus, dass Verhaltensstörungen eher bei Dressur- und Rennpferden zu beobachten sind als bei für Ausdauerprüfungen trainierten Vielseitigkeits- und Distanzpferden. Er führt dies auf die Unterschiede in den Haltungs- und Trainingsbedingungen zurück.

Aber auch der genetischen Disposition komme eine große Bedeutung zu. Denn obwohl viele Pferde unter einer schlechten Haltung und Fütterung leiden, zeigen relativ wenige eine Stereotypie. Nach Dr. Zeitler- Feicht weisen derzeit 15 % aller Pferde Verhaltensstörungen auf. Der Prozentsatz nicht optimal gehaltener Pferde muss jedoch als wesentlich höher angenommen werden. So müsse nach Dr. Lebelt von einer Verknüpfung genetischer Faktoren und dem Einfluss von Umweltfaktoren ausgegangen werden. „Denkbar wäre etwa eine genetisch fixierte erhöhte Sensibilität gegenüber Belastungssituationen, die erklären könnte, warum nur bestimmte Pferde auf sogenannte Initialtraumata mit der Entwicklung stereotyper Verhaltensweisen reagieren.“

Zahlreiche Studien belegen aber auch, dass besonders frühe und tiefgreifende Ereignisse Faktoren für die Entwicklung einer Stereotypie sein können. Solche seien ein zu frühes und abruptes Absetzen von der Mutterstute, ein überstürzter Trainingsbeginn und zu grobe Ausbildungsmethoden. Aber auch die Veränderung des Habitats nach Besitzerwechsel mit Verschlechterung der Haltung kann ursächlich sein.
Ungewöhnlich häufiges Kopfschütteln kann auch physische Ursachen haben, die es abzuklären gilt. © www.slawik.com
Ungewöhnlich häufiges Kopfschütteln kann auch physische Ursachen haben, die es abzuklären gilt.
© www.slawik.com

Auslösende Faktoren

Verhaltensstörungen können auch nach Beseitigung der eigentlichen Ursache andauern und werden von bestimmten Geschehnissen ausgelöst. „Bei einer bereits etablierten Verhaltensstörung sind das vorwiegend Ereignisse, die mit einem Erregungsanstieg beim betroffenen Pferd verbunden sind“, so Dr. Zeitler-Feicht. Solche sind die anstehende Fütterung, bestimmte Vorgänge auf der Stallgasse, während der Pferdepflege oder Vorbereitungen für die Arbeit. „Während orale Stereotypien wie Koppen und Zungenspiel oftmals während oder nach der Fütterung zu beobachten sind, treten Bewegungsstereotypien vor allem in der Erwartungsphase auf.“
Orale Stereotypen treten oft rund um die Fütterung auf und bleiben auch meist nach einer Haltungsumstellung bestehen. © www.slawik.com
Orale Stereotypen treten oft rund um die Fütterung auf und bleiben auch meist nach einer Haltungsumstellung bestehen.
© www.slawik.com

Stressbewältigungsstrategie

In der sogenannten Alarmphase von Stresssituationen werden die körpereigenen Abwehrkräfte durch Erhöhung des Hormonspiegels und Ausschüttung entzündungshemmender Substanzen mobilisiert. Ähnliches spielt sich auch bei der Ausübung einiger Stereotypien ab: Körpereigene Opioide werden freigesetzt, die eine Rolle bei der Schmerzunterdrückung und Beruhigung spielen. Koppen, Weben und Co. helfen dem Pferd also, mit einer unangenehmen Stressituation fertigzuwerden. „Stereotypien führen zu einem Abbau von Erregung, weshalb die Ausführung einer einmal etablierten Verhaltensstörung durchaus einen positiven Effekt auf das betroffene Pferd hat.“

Wirksam bekämpfen

Den meisten Verhaltensstörungen kann nur durch eine tiefgreifende Haltungsverbesserung entgegengewirkt werden. Das bedeutet nicht nur mehr Bewegung, sondern auch Veränderung des Fütterungsmanagements (mehr kleine und auf den Tag verteilte Mahlzeiten; ausreichend Raufutter) und nachhaltige Ermöglichung eines artgemäßen Sozialverhaltens.
Ausreichende Sozialkontakte zu Artgenossen können Verhaltensstörungen verhindern. © Nadine Haase - Fotolia.com
Ausreichende Sozialkontakte zu Artgenossen können Verhaltensstörungen verhindern.
© Nadine Haase - Fotolia.com
Beim Koppen führen diese Maßnahmen jedoch meist nicht zum Erfolg. Hier gibt es unterstützende Maßnahmen wie die Installation einer Koppertränke oder medikamentöse Behandlungen. „Nicht zu empfehlen sind symptomatische Behandlungen wie der Einsatz eines Kopperriemens oder chirurgische Maßnahmen“, so Dr. med. vet. Simone Niederhöfer in ihrer Dissertation „Stressbelastung bei Pferden in Abhängigkeit des Haltungssystems“. Denn „da das Koppen dem Stressabbau dient, wird durch das Unterdrücken des Koppens ohne gleichzeitiges Abstellen der Ursache die Stressbelastung für das Pferd noch zusätzlich erhöht“.

Allerdings gibt es unterschiedliche Meinungen, was die Kopper-Operation betrifft. Dr. Lebelt sieht im chirurgischen Eingriff bei Koppern (allerdings nur bei Aufsetzkoppern!) in Verbindung mit Haltungs- und Fütterungsverbesserungen durchaus eine probate Therapie. Besonders bei jüngeren Pferden kann eine Kopper-OP gute Ergebnisse erzielen.

Sogenannte „Stalluntugenden“ sind somit überwiegend hausgemacht, sprich: vom Menschen verursacht. Und wenn sich Stereotypien durch Veränderungen in der Haltung beseitigen lassen, so heißt das im Umkehrschluss: Durch pferdegerechte Haltungsbedingungen können die meisten Verhaltensstörungen verhindert werden.

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Cover Pferderevue Dezember 2014 © Alessandra Sarti
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