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22.09.2015

Starker Rücken, gesunder Rücken: Wie die Rückenmuskulatur die Sattelform beeinflusst

Ein nicht passender Sattel ist ein nur zu gut bekanntes Problem. Doch ist es auch wirklich immer der Sattel, der nicht passt, wenn es drückt? Stellen wir die Dinge doch einmal auf den Kopf…

Je besser ein Pferd trainiert ist, desto kräftiger sind auch seine Rückenmuskeln – und desto mehr Druck halten sie auch aus. © www.slawik.com
Je besser ein Pferd trainiert ist, desto kräftiger sind auch seine Rückenmuskeln – und desto mehr Druck halten sie auch aus. Vor allem im Wechselspiel von An- und Entspannung in der Bewegung werden auch Druckspitzen gut toleriert.
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Die Problematik des drückenden, weil nicht passenden Sattels, wurde vielfach in Studien untersucht und in Fachbeiträgen behandelt. Im Mittelpunkt steht dabei meist die Beschaffenheit bzw. Passform des Sattels und die Einwirkung des Reiters. Ein wesentlicher Beteiligter, nämlich der Pferderücken selbst, kommt dabei meist als passiver Bewegungsapparat des Skeletts und damit nur in der Rolle des Dulders vor. Diese Betrachtensweise kann den tatsächlichen Zusammenhängen allerdings nicht gerecht werden, denn Druck wird nicht nur von oben, von Sattel und Reiter, ausgeübt, Druck auf die Gewebe und die Haut entsteht auch durch An- und Abspannen der Rückenmuskulatur. Ihre Beschaffenheit und Funktionsweise spielt demnach eine wesentliche Rolle für das Zusammenspiel von Sattel und Pferd.

Der Muskel gibt die Sattelbeschaffenheit vor

Pferd ist nicht gleich Pferd – und Muskel nicht gleich Muskel. Es gibt nicht nur skelettbedingt verschiedene Rückenformen, es gibt auch gravierende Unterschiede in der Bemuskelung des Rückens. Sie ist abhängig vom Trainingszustand, der Beanspruchung, der psychischen Verfassung (Stress führt beim Pferd – wie beim Menschen – zur Verspannung und damit zur Verhärtung und Verkrampfung der Muskulatur!) sowie dem Grad der Ent- oder Verspannung des jeweiligen Pferdes. Muskeln verändern sich durch Training. Sie nehmen an Umfang zu – und trainierte Muskeln werden zumeist im Anspannungszustand auch härter, während sich ihre Festigkeit im Entspannungszustand gegenüber untrainierter Muskulatur wenig verändert. Je nach ihren Eigenschaften ist also auch das Zusammenspiel mit dem Sattel ein anderes.

Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis: Je nach Beschaffenheit der Muskulatur müssen auch die Eigenschaften des Sattels, genauer: seiner Polsterung abgestimmt werden. Ein schwacher Muskel, der wenig bis kaum durchblutet ist und der sich im Rahmen des Bewegungsablaufs auch wenig in seinen Qualitäten ändert, hat selbst einem relativ geringen Druck wenig entgegenzusetzen und wird rascher mit Schmerz und Verspannung reagieren als ein kräftiger, gut durchbluteter Muskel, der sich in seinem Volumen und in seiner Festigkeit z. B. bei jedem Galoppsprung deutlich ändert.

Die Rolle des Blutdrucks

Mit dem Ausmaß der Aktivität steigen sowohl der Blutdruck als auch die Durchblutung des Muskels. Das hat zur Folge, dass der Muskel bei erhöhter Aktivität mehr Druck durch den Sattel toleriert. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grad: Bereits eine leicht verminderte Durchblutung durch zu starken Druck kann eine Schmerzhaftigkeit und häufig auch eine Reduktion des Muskelvolumens durch innere Vernarbung zu Folge haben. Ist die Muskulatur langfristig zu hohem Druck ausgesetzt, äußert sich dies in Gewebeschäden.

Bewegung erlaubt mehr Druck

Eine besonders wichtige Rolle bei der Vermeidung von „Überdruck“ spielt das Wechselspiel von An- und Entspannung durch die Rückentätigkeit in der Bewegung: Ein Muskel im Wechselspiel von Kontraktion und Relaxion kann längere Zeit hohem Druck ausgesetzt sein, ohne Schaden zu nehmen.
Bei Pausen ist der Sattelgurt zu lösen, denn dann fehlt das Wechselspiel von An- und Entspannung der Muskulatur, das den Druck erträglich macht © www.slawik.com
Bei Pausen ist der Sattelgurt zu lösen.
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Derselbe Muskel im Ruhezustand, also beim stehenden Pferd, reagiert auf Druck mit Verspannung und Schmerz. Das ist auch mit ein Grund, warum man den Sattelgurt lockern soll, wenn man für eine Pause absteigt.

Ein Vergleich zur Veranschaulichung: Die Laufschuhe der Sprinter sind sehr eng und üben auf den Fuß der Athleten, der ja ebenfalls zu einem großen Teil aus Muskeln besteht, hohen Druck aus, um eine sehr präzise Kraftübertragung ohne Walkeffekte zu ermöglichen. Für kurze Strecken ist ein derartiger Schuh an einem durchtrainierten, gut durchbluteten Fuß im Rennen ein optimales Werkzeug. Wer mit einem solchen Schuh am Fuß acht Stunden im Büro sitzen muss, würde ihn zu Recht als Folter empfinden. Es ist also auch und vor allem eine Frage der Muskelverwendung, ob durch einen bestimmten Sattel ein Rückenproblem entsteht oder nicht. Dies zeigt sich auch bei den Messungen mit der Druckmessdecke am ungerittenen, aber gesattelten Pferd, wo die Anspannung der Muskulatur deutlich sichtbar zu einem Druck des Pferdes gegen den Sattel führt – sogar ohne Reiterbelastung.

Sattelwechsel zur Rückenentlastung

Die Polsterung eines Sattels kann auf die Muskelentwicklung Rücksicht nehmen, und zwar so, dass für das Arbeiten des untrainierten Pferdes großflächigere, weichere Polsterungen verwendet werden sollten – und am trainierten Pferd dann auch etwas kleinerflächige Polsterungen und sogar festere Polsterungen zum Einsatz kommen können. Auch kann es sinnvoll sein, für langsamere Arbeiten mit weniger Risiko des Sattelrutschens und insgesamt geringerem Blutdruck weichere Polsterungen zu verwenden als für Hochleistungen auf demselben Pferd. Die Verwendung von unterschiedlichen Sätteln und damit etwas unterschiedlichen Polsterungen erlaubt auch die Verteilung der Druckspitzen an etwas verschiedene Rückenbereiche, ein Effekt, der durch die abwechselnde Verwendung unterschiedlicher Satteltypen – z. B. eines Dressur- und eines Wanderreitsattels – noch verstärkt werden kann. Wenn ein Pferd bereits unter Verspannungen leidet – unabhängig davon, ob diese durch Stress, eine Hinterhandlahmheit oder tatsächlich durch ein Rückenproblem entstanden sind –, ist dies häufig auch am Sattel abzulesen, da an der Stelle, die der Verspannung aufliegt, die Polsterung meist stark zusammengedrückt und dadurch härter wird. Dort trifft dann harter Muskel auf harten Sattel – es bietet sich also dasselbe Szenario, das auch durch einen nicht passenden Sattel zustande kommen kann. So kann ein Teufelskreis in Gang kommen, und als Folge selbst der ursprünglich gut passende Sattel nicht mehr ohne zu schaden verwendet werden. Neben der Bekämpfung der Ursache für die Verspannung – sinnvoll, wo möglich –, kann man in solchen Fällen auch einen anders gebauten Sattel versuchen, zum Beispiel einen Trachtensattel, Westernsattel, VS-Sattel – einen Sattel jedenfalls, der in seine Konstruktionsmerkmalen deutlich unterschiedlich ist und daher den Druck anders verteilt.

Muskelanalyse

Die meisten Sättel werden im Stand der Ruhe – also auf Muskulatur, die sich nicht verändert – anprobiert. Für die Praxis ist diese Art der Sattelanpassung oft nicht ausreichend. Neben der vielfach genannten Druckanalyse in Bewegung, die auch den durch die Anspannung des Muskels entstehenden Druck zeigt, kann man durch ein paar gezielte Beobachtungen relativ einfach feststellen, ob ein Pferd derzeit eine Rückenmuskelfunktion mit ausreichender Anspannung und Entspannung hat, und so dazu beitragen, dass auch die Übertragung zwangsläufig großer Kräfte keine Schäden erzeugt. Eine detaillierte Anleitung zur Muskelbeurteilung finden Sie in der Diashow am Anfang des Artikels.

Mehr Polsterung ist nicht die Lösung

So wie das Zusammenspiel von verhärteter Muskulatur und sehr fester Polsterung zum Rutschen des Sattels führt, erzeugt auch mehr und weichere Polsterung Instabilität. Neben der Gefahr, dass sich Reibestellen und damit eventuell Haut- und Unterhautläsionen bilden, führt jede Sattelinstabilität selbst auch zu Spitzenkräften, da der Sattel sich während eines Bewegungsablaufs mehr am Rücken hin und her bewegt, und diese Bewegung auch schneller abläuft. An den beiden Umkehrpunkten der Rutschbewegung wird der Sattel abrupt abgefangen – entweder durch den Zug des Gurts oder durch den Druck der Sattelkonstruktion auf das Gewebe.

Wie beim Autofahren mit Sicherheitsgurt steht klarerweise die Geschwindigkeit der Bewegung, die abgefangen werden muss, direkt in Zusammenhang mit den Kräften, die auf den Pferderumpf wirken. Diese Spitzenkräfte sind häufig seitlich gerichtet und meist unangenehm fürs Pferd. Insgesamt erzeugt also Instabilität – sei es durch einen unpassenden Sattel, zu viele Polsterschichten zwischen Sattel und Pferderücken, zu geringes Festgurten oder unpassende Sattelpolsterung – einen höheren Druck als wenn sich der Sattel auf dem Pferd nur wenig bewegt. Mehrere Polsterschichten sind daher keine adäquate Lösung, will man schädigende Druckspitzen auf den Pferderücken vermeiden.
Die abgewetzten Haare im hinteren Bereich der Sattellage lassen ein Zuviel an Sattelbewegung erkennen. © www.slawik.com
Die abgewetzten Haare im hinteren Bereich der Sattellage lassen ein Zuviel an Sattelbewegung erkennen.
© www.slawik.com

Fazit

Der Aufbau einer guten Rumpfmuskulatur trägt wesentlich dazu bei, dass ein Sattel ohne Schäden und Schmerzen zu erzeugen verwendet werden kann. Am besten unterstützen Sie Ihr Pferd beim Aufbau eine kräftigen Rücken- und Bauchmuskulatur, indem Sie die auf Seite 20 geschilderten Übungen – Karottendehnung, Rückenaufwölben – zu einem festen Ritual machen und auch regelmäßig die Muskelbeschaffenheit überprüfen. Es kann schon viel bewirken, wenn man der Rückenmuskulatur vermehrt Aufmerksamkeit schenkt und nicht nur den Sattel im Fokus hat. Denn zu einem harmonischen Zusammenspiel braucht es immer zwei, die miteinander können.

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Dieser Artikel von Stephanie Valentin wurde erstmals in der Ausgabe 7/2013 der Pferderevue  veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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