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23.03.2017

Strammer Nasenriemen weiterhin ein Zankapfel

Eine australische Studie stellte bei Pferden mit eng verschnallten Nasenriemen erhöhte Stresspegel fest - internationale Dressurexperten zweifeln die Ergebnisse an und kontern: „Die ganze Welt ist stressig!“

Bilder wie diese lassen keinerlei Interpretationsspielraum. Derart zugeschnürte Pferdemäuler sind schlichtweg tierschutzrelevant. © www.slawik.com
Bilder wie diese lassen keinerlei Interpretationsspielraum. Derart zugeschnürte Pferdemäuler sind schlichtweg tierschutzrelevant.
© www.slawik.com
Enge Nasenriemen im Dressursport stehen seit einigen Jahren vermehrt im Zentrum öffentlicher Diskussionen. Auch zahlreiche wissenschaftlicher Arbeiten haben sich mit den Problemen beschäftigt, die von stramm verschnalltem Leder am Pferdekopf ausgehen.

Viel Aufsehen erregte etwa eine im Vorjahr veröffentlichte australische Studie unter der Leitung von Professor Paul McGreevy. Das Forscherteam beleuchtete in einem Versuch an zwölf Pferden, inwiefern sich ein eng verschnallter Nasenriemen bei einer Zäumung auf Kandare mit Unterlegtrense auf den Stresspegel auswirkt. Die Ergebnisse waren – zumindest für die Wissenschaftler – unmissverständlich: Mit zunehmender Strammheit verstärkten sich die Stressanzeichen bei den beobachteten Pferden signifikant. Diese kamen in einer deutlich erhöhten Augentemperatur und einer Steigerung der Herzschlagrate sowie einer verringerten Herzschlagvariabilität zum Ausdruck.

Unmissverständlich fiel auch das Fazit der Studie aus: Die Arbeit beweise, dass Pferde, die einem eng verschnallten Nasenriemen in Kombination mit einer Kandare ausgesetzt seien, eindeutig unter physiologischem Stress stünden und lege nahe, dass sie Schmerz und Unbehagen verspürten. Auch sei davon auszugehen, dass sich diese Effekte durch die hinzukommende Zügeleinwirkung des Reiters noch weiter verschärften.

Was durchaus den Eindruck plausibler Schlussfolgerungen erweckt, findet nicht überall in der Reiterwelt Zustimmung. Wayne Channon, Generalsekretär des Internationalen Dressurreiterclubs IDRC, hegt an der Richtigkeit der Ergebnisinterpretation seine Zweifel, wie er gegenüber Eurodressage erklärte: „Ich halte die Durchführung dieser Studien zweifellos für sehr sinnvoll, die Herangehensweise war durchaus fundiert und in ihrem Umfang notwendigerweise begrenzt. Allerdings bin ich der Meinung, dass die daraus gezogenen Schlussfolgerungen überzogen und vermutlich sogar falsch sind.“

Kritik übt Channon insbesondere an der Vorgehensweise des Versuchs. Bei der Studie seien Pferde erstmals mit der Gebisskombination Kandare/Unterlegtrense konfrontiert worden. Dies entspräche in keinster Weise realen Bedingungen, zumal die Kandare üblicherweise über drei bis vier Jahre hinweg schrittweise ins Training integriert würde, so der Dressurfachmann. Zudem sei das Festziehen des Nasenriemens nicht allmählich erfolgt, wie das im Alltag üblich sei, sondern abrupt. Die Pferde hätten auf diese Weise gar nicht die Möglichkeit gehabt, sich an die Einschränkung zu gewöhnen.

Darüber hinaus ist Channon die konsequente Negativierung des Begriffes „Stress“ ein Dorn im Auge. „Die Studie benutzt das Wort Stress durchwegs so, als ob es etwas Schlechtes wäre. An einer knisternden Packung Chips vorbeizugehen kann auch stressig sein, die ganze Welt ist stressig. Deshalb ist Stress nicht automatisch gleichzusetzen mit Leid.“ Im Hinblick auf die gesammelten physiologischen Daten meinte der IDRC-Generalsekretär, dass diese genauso gut Aufregung bedeuten könnten und nicht unbedingt auf Stress zurückzuführen seien.

“Beispielsweise haben die Forscher einen Anstieg der Herzfrequenz gemessen, wenn unter dem Nasenriemen kein Spielraum war und haben dies auf Stress zurückgeführt“, erläutert Channon. „Der Anstieg der Herschlagrate bewegte sich in einem Bereich, den man bei Pferden erlebt, die sich im gemütlichen Schritt bewegen. Kaum ein Beweis für irgendeine Art von krankmachendem Stress.“

Um die unterschiedlichen Blickwinkel zu diskutieren traf sich eine Auswahl von Experten Ende Juni 2016 zu einer Konferenz an der Universität von Bristol, darunter neben Wayne Channon und Prof. Paul McGreevy weitere anerkannte Pferdewissenschaftler sowie IDCR-Präsidentin Kyra Kyrklund. Die wichtigsten Erkennntnisse aus diesem Meeting wurden Anfang März im Veterinary Journal unter dem Titel “The use of nosebands in equitation and the merits of an international equestrian welfare and safety committee: A commentary” verfasst und sind auf der Webseite des Magazins nachzulesen.

Gegenüber Eurodressage betonte Channon, dass es ein sehr produktives Meeting gewesen sei, bei dem man die wichtigsten Punkte eingehend besprochen habe. „Professor McGreevy ist besorgt über das zu enge Verschnallen von Nasenriemen. Er hat bereits viele Pferde mit Einkerbungen im Nasenbein erlebt. So etwas ist in der Tat tierschutzrelevant. Wir müssen aufdecken, wenn derartige Schäden auftreten und sie bereits im Ansatz verhindern“, meinte Channon und betonte: „Die größte Herausforderung für die Zukunft des Reitsports ist die gesellschaftliche Akzeptanz, und dazu braucht es Ethik und Tierwohl.“

Einen wichtigen Beitrag bei der Erreichung dieses Ziels soll die Einführung eines Sicherheits- und Tierwohl-Komitees innerhalb der FEI leisten. Ob mit dessen Hilfe schmerzhaft eingeschnürte Pferdemäuler in Zukunft von den Turnierplätzen dieser Welt verschwinden werden, bleibt abzuwarten.
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