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11.11.2013

Tierärzte in der Misere – vom Traumberuf zum Albtraumjob

Ein Artikel über die Situation deutscher Tierärzte mit dem Titel „Dann geht man eben nachts putzen“ hat auch unter Österreichs TierärztInnen für Aufregung gesorgt – allzu viele finden sich in den ernüchternden Schilderungen wieder. Denn im harten Alltag platzt für viele der Traum vom Traumberuf.

Frauenstudium: Von 1307 Studierenden  der Veterinärmedizin in Österreich sind  1056 Frauen, die meisten davon streben  eine Kleintierpraxis an – oder möchten  Pferdetierärztinnen werden. © Monkey Business - fotolia.com
Frauenstudium: Von 1307 Studierenden der Veterinärmedizin in Österreich sind 1056 Frauen, die meisten davon streben eine Kleintierpraxis an – oder möchten Pferdetierärztinnen werden.
© Monkey Business - fotolia.com
Freitag, 6 Uhr morgens, es läutet, ich wache ruckartig auf und greife reflexhaft zum Telefon, um zu sehen, wer anruft. Da ich die Nummer nicht kenne, hebe ich nicht ab, zu oft wurde ich um diese Zeit langatmig mit banalen Fragen behelligt – und damit das Notdiensthandy für wirkliche Notfälle blockiert. Meine Mobilbox sagt dem Anrufer daher außerhalb der „Dienstzeiten“: „Lieber Pferdebesitzer, wenn Sie einen Notfall haben, sprechen Sie mir bitte auf die Mobilbox oder schreiben Sie mir eine SMS…“ Ich warte ab, ob die Mobilbox sich meldet – Stille. Entweder kein Notfall – oder wieder jemand, der die Mobilboxansage nicht angehört hat, was leider auch sehr häufig passiert.

Beim Frühstück bereits der nächste Anruf, eine Stammkundin. Ihr Pferd habe eine Kolik – ob ich kommen könne? Mein angebissenes Brötchen auf dem Beifahrersitz fahre ich 50 Kilometer in einen ländlichen Privatstall. Es ist eiskalt, und es hat leicht zu schneien begonnen. Es ist noch dämmrig, im Stall gibt es kein Licht. Ich muss also die Kopflampe aufsetzen, um etwas sehen zu können. Die Stute ist dadurch alarmiert und unruhig. Die rektale Untersuchung und das Setzen der Nasenschlundsonde gestalten sich als äußerst schwierig, aber mit vereinten Kräften und viel Geduld schaffen wir’s! Ein Gefühl der Zufriedenheit wärmt mich. Situationen wie diese erinnern mich daran, wieso ich Tierarzt werden wollte. Die Besitzerin ist sehr dankbar, entschuldigt sich sogar wegen der frühen Störung, wir plaudern und scherzen noch ein bisschen, währenddessen wirkt das Schmerzmittel, und die Stute ist wieder fröhlich und entspannt. Ich bitte um kurze Rückmeldung am Abend, wie es der Patientin geht.

Wieder im Auto bearbeite ich drei Anrufe in Abwesenheit. Eine Dame kenne ich noch nicht, sie hat ein lahmes Pferd, ich bin ihr empfohlen worden. Sie versucht, mir penibel genau zu schildern, wie sich das Pferd bewegt und fragt mich, was der Grund dafür sein kann. Ich sage ihr, dass ich ihr das am Telefon nicht beantworten könne, zumal es Abertausende Möglichkeiten für Lahmheiten gibt. Daraufhin erklärt sie mir, dass sie im Internet nachgeschaut hat – und ob es nicht sein könnte, und ich nicht auch denke, dass das Pferd eine Hufrollenentzündung hat. Ich halte das für unwahrscheinlich und frage, wann ich vorbeikommen solle. Sie ist enttäuscht darüber, dass ich ihr keine Telefondiagnose anbiete. Sie meint, dass sie das Pferd noch weiter beobachten möchte und sich dann noch einmal melden würde. Ich weiß schon jetzt, dass ich von der Dame nie wieder etwas hören werde…

Der zweite Anruf ist von einem lieben Stammkunden, er ist Züchter und äußerst professionell im Umgang mit seinen Pferden. Er möchte einen Impftermin ausmachen. Die dritte Nummer ist jene von heute 6 Uhr morgens – jemand mit einer Frage über freies Kotwasser… Ich rufe die Besitzer der für heute geplanten Visiten an, weil sich durch den Notfall alles nach hinten verschoben hat. Dann folgt eine Lahmheitsuntersuchung, zwei Impftermine und zwei Pferde, deren Zähne korrigiert werden sollen. Zwischen den Visiten mache ich 20 Minuten Mittagspause. Nach überstandener Gastritis und anderen stressbedingten Problemen habe ich mir angewöhnt, mittags im Sitzen und warm zu essen, anstatt schnell ein Weckerl beim Autofahren zu verschlingen. Insgesamt bin ich heute schon 300 Kilometer gefahren.

Am Ende eines langen Tages wartet schließlich noch ein Verbandswechsel. Im Stall angekommen, werde ich gefragt, ob ich so nett wäre, wenn ich schon da bin, auch das Pferd einer Bekannten mit anzuschauen. Weil ich unter Arbeitsdruck häufig nicht nachdenke, begehe ich einen Kardinalfehler und sage zu. Das Pferd hat ein Augenproblem, ich spreche kurz mit der Besitzerin am Telefon, sage ihr auch, dass es eine Ausnahme ist, dass ich heute das Pferd einer Fremden anschaue, und dass ich normalerweise Erstkonsultationen nur bei Bezahlung mit Karte oder gegen Bargeld durchführe. Sie meint, sie sei vertrauenswürdig. Das Pferd hat ein Hornhautgeschwür, ich sediere, blocke das Oberlid, anästhesiere die Hornhautoberfläche, nehme eine zytologische Probe, um festzustellen, ob ein zusätzlicher Pilzbefall vorliegt, lasse Schmerzmittel und vier verschiedene Augentropfen da. Danach rufe ich die Besitzerin an, beschreibe ihr detailliert, was ich gefunden habe, und erkläre ihr den Behandlungsplan, den ich im Stall hinterlegt habe. Nach dem Gespräch schicke ich ihr vom iPad die Rechnung per Mail und hoffe inständig, dass sie auch bezahlt wird. Ansonsten habe ich dieses Pferd auf meine Kosten behandelt. Ich ärgere mich über mich selbst, viele unbezahlte Rechnungen in der Vergangenheit haben mich gelehrt, so etwas eigentlich nicht mehr zu machen. Bezahlt sie die Rechnung nicht, weiß ich genau, was auf mich zukommt: Mahnung, Rechtsanwalt oder Inkassobüro – und sehr oft zu guter Letzt trotzdem kein Geld, nur weitere Spesen.

Als ich mich nach der ungeplanten Augenvisite auf den Heimweg mache, ist es kurz vor 19 Uhr. Der Anruf der Besitzerin von der Stute mit Kolik reißt mich aus meinen Gedanken. Sie sagt, dass die Stute Kot mit Öl abgesetzt hat und dass sie schon furchtbar hungrig ist. Das freut mich so sehr, dass ich meine Sehnsucht nach mehr Freizeit für den Augenblick vergesse. Um 19 Uhr ist mein Normdienst zu Ende, der Notdienst beginnt. Ich bin hundemüde, drehe die Heizung im Auto hoch, weil mir eiskalt ist, und ich habe einen Bärenhunger. Früher hätte ich mir im Fastfoodladen schnell ein Abendessen geholt, mittlerweile zwinge ich mich auch abends „normal“ zu essen. Ich hoffe, dass heute kein Notfall mehr kommt. Meine Freunde und meine Familie habe ich schon lange nicht mehr gesehen, ich rufe sie meist während meinen Fahrten zu Patienten vom Auto aus an. Zu Hause angekommen, gehe ich ins Büro und trage meine Visiten ein, schaue die Post durch, bestelle noch schnell übers Internet Dinge, die ich für die Praxis brauche, bezahle Rechnungen und beantworte E-Mail- und Facebookanfragen von Kunden. Die Buchhaltung sollte ich auch mal wieder machen… Vor dem Abendessen störe ich mich kurz daran, dass die Wohnung nicht geputzt und die Wäsche nicht gebügelt ist und frage mich, wann ich wohl wieder einmal Zeit für mein privates Leben haben werde…

Anfang mit Hürden

Viele junge Menschen, vor allem junge Frauen, entscheiden sich aufgrund ihrer Liebe zu Tieren und ihrem Interesse für Naturwissenschaften, Veterinärmedizin zu studieren. Die idealistischen Vorstellungen vom künftigen Beruf erfüllen sich im Alltag jedoch nur selten. 2009 zeigte der von Christina Hucklenbroich veröffentlichte Artikel „Dann geht man eben nachts putzen“ die vielfach problematische Situation deutscher TierärztInnen auf – und auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der österreichische Tierärzt­Innen haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert. Viele TierärztInnen lieben ihren Beruf zwar nach wie vor, würden sich aber aus privaten und wirtschaftlichen Gründen nicht mehr dafür entscheiden. Konsequenz ist häufig die Abwanderung in artverwandte oder komplett andere Berufe. Und das meist in nicht mehr ganz jungen Jahren, denn der Weg in die tierärztliche Praxis ist ein langer und mühevoller: Voraussetzung für das Studium der Tiermedizin ist die allgemeine und besondere Universitätsreife. Scheinen die Fächer Biologie und Latein nicht im Reifezeugnis auf, müssen im ersten Semester Zusatzlehrgänge und Prüfungen in beiden Fächern absolviert werden. Für die Zulassung zum Studium werden außerdem ein Bewerbungsschreiben inklusive Lebenslauf, Bestätigungen über etwaige Vorleistungen (Praktika, Volontariate, vorherige Studien etc.) und ein Motivationsschreiben, in dem man zu den Beweggründen für die Berufswahl, die bisherigen Einblicke in den tierärztlichen Beruf und zu seinen Vorstellungen von der zukünftigen Tätigkeit Stellung nehmen soll, vorausgesetzt. Zudem ist ein Eignungstest zu absolvieren, der sich aus den Teilgebieten Biologie, Physik und Chemie zusammensetzt. Trotz dieser beträchtlichen Hürden, die gleich zu Beginn zu nehmen sind, kann man nach wie vor von einem überlaufenen Studium sprechen – mit allen negativen Konsequenzen wie langen Wartezeiten auf Praktikumsplätze etc. Der Versuch von Seiten der Universität, zukünftige Studierende abzuschrecken, misslingt ganz offensichtlich, wenn man sich die Zahlen der Erstinskribenten anschaut.
© pholidito - fotolia.com
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Schweres und langes Studium

Gerade bei Frauen scheint das Studium der Veterinärmedizin in den vergangenen Jahren enorm zu boomen. So haben sich im Jahr 2012, ähnlich wie in den Jahren davor, wieder 1307 Studierende (1056 Frauen, 251 Männer) fürs Diplomstudium Veterinärmedizin beworben. 220 Studierende haben den Eignungstest bestanden und die Zulassungsbedingungen erfüllt. Viele der verbleibenden 1087 Studierenden warten ein Jahr, um sich erneut zu bewerben.

Auf diejenigen, die zugelassen wurden, wartet ein sechs Jahre dauerndes Diplomstudium, das sich in drei Abschnitte gliedert. In allen drei Abschnitten werden unentgeltliche Praktika absolviert, die aus acht Modulen gewählt werden können. Der Großteil der Studierenden möchte sich auf Kleintiere, Pferde oder Wiederkäuer spezialisieren, weshalb das Kleintier- und das Pferdemodul am gefragtesten sind. Um eine fundierte Ausbildung zu gewährleisten, sind aber die Plätze speziell im Pferdemodul sehr rar. Wer hier Einlass findet, entscheiden die Prüfungsergebnisse: Nur die Besten im Ranking können ihr Wissen im gewünschten Modul vertiefen.

Das Diplomstudium endet, anders als in der Humanmedizin und anders als in anderen Ländern, in denen man nach sechs Jahren mit dem Doktorat abschließt, in Österreich mit dem Titel Mag. med. vet. oder Diplomtierarzt. Wer zusätzlich den Doktortitel erwerben will, muss in Österreich noch mindestens drei Jahre lang weiterstudieren. Geht man nun vom seltensten aller Fälle aus, nämlich dass man die Aufnahmeprüfung auf Anhieb besteht, in Mindeststudienzeit studiert, neben dem Doktorat nicht arbeiten muss und auch das Doktorat in Mindeststudienzeit schafft, so drückt man bis zum ersehnten Doktortitel in Veterinärmedizin ab Schuleintritt 21 Jahre lang die Schulbank. Da viele VeterinärstudentInnen neben dem Studium vielfach bereits in Praxen oder an Kliniken als Hilfskräfte arbeiten, sieht es in der Realität ohnehin anders aus. Die Bezahlung ist bei diesen Jobs oft sekundär, das Sammeln von Berufspraxis steht meist im Fokus von schlecht bezahlten oder unbezahlten Stellen.

Spezialisierung und Weiterbildung

Nach dem Studium gibt es die Möglichkeit, weitere Ausbildungsprogramme zu absolvieren und sich so auf seinem Fachgebiet weiter zu spezialisieren. Sehr beliebt sind hierbei Internship-Programme. Das Pferde-Internship der Pferdeklinik in Wien dauert zwölf Monate, in denen man die Stationen Weichteilchirurgie, Orthopädie, Anästhesie, Interne Medizin, Reproduktionsmedizin, Pferdeernährung, Labordiagnostik und Pathologie durchläuft. Im Rahmen dieses Jahres sollen fünf Vorträge zu verschiedenen Themen der Pferdemedizin gehalten werden, und es sollte eine wissenschaftliche Arbeit verfasst und im Bestfall publiziert werden. Bezahlt wird man im Rahmen des Ausbildungsprogrammes nur für 20 Stunden in der Woche, die restlichen Stunden (inklusive Nacht- und Wochenenddienste und Anwesenheit untertags ca. zusätzliche 30 bis 40 Stunden pro Woche) gelten als Ausbildungszeit. Für die Inanspruchnahme von Lehrgängen ist am Anfang des Programmes ein Lehrgangsbeitrag von 727 Euro zu entrichten. Im Moment verdienen Interns in Wien 1281 Euro brutto (ca. 1050 Euro netto). Internship-Stellen sind rar, nur TierärztInnen, die durch herausragende Leistungen im Studium, durch zeitintensive, freiwillige Mitarbeit und durch freiwillige, bevorzugt internationale Volontariate und Praktika, positiv aufgefallen sind, dürfen sich über eine der heiß umkämpften Stellen freuen.

Das Internship ist nicht nur eine exzellente Möglichkeit, sich im gewählten Fachgebiet zu spezialisieren, sondern gilt gleichzeitig als Voraussetzung für ein Residency-Programm, eine drei- bis vierjährige Ausbildung, in der man sich auf ein Fachgebiet der Pferdemedizin spezialisieren kann (Chirurgie, Interne Medizin, Reproduktionsmedizin) und die den Weg in eine klinische Karriere ebnet. Für mindestens 40 Stunden im Monat Normdienst, für Nacht- und Wochenenddienste, für Lehr- und Forschungstätigkeit verdient man derzeit in Wien als Resident 2532 Euro brutto monatlich (ca. 1700 Euro netto). Residencies sind noch rarer als Internship-Programme, auf eine Pferdechirurgie-Residencystelle kommen nicht selten bis zu 60 BewerberInnen. Viele TierärztInnen gehen ins Ausland, um sich zu spezialisieren. Strebt man eine Professur oder eine leitende Position an einer Universitätsklinik an, empfiehlt es sich, zusätzlich zur Residency noch ein PhD-Programm zu absolvieren, eine wissenschaftliche Ausbildung, die ebenfalls drei Jahre in Anspruch nimmt. Zusätzlich zu den hier angeführten Ausbildungsprogrammen gehört es für die meisten Tierärzte zur Berufsethik, Fortbildungen zu besuchen. Diese werden laufend im In- und Ausland angeboten und sind zum Großteil äußerst kostspielig.

Die freie Marktwirtschaft

Viele TierärztInnen entscheiden sich nach Studium, Dissertation und in seltenen Fällen nach dem Internship dazu, von der Uniklinik in die Praxis zu wechseln und werden alsbald mit dem scharfen Wind der freien Marktwirtschaft konfrontiert. Derzeit gibt es in Österreich 1049 angestellte Tierärzt­Innen, 1946 freiberuflich tätige und 184 solche, die sowohl angestellt als auch selbstständig tätig sind.
Ein Pferdetierarzt hat orthopädische, internistische und gynäkologische Fachkenntnisse. © Niku16 - fotolia.com
Ein Pferdetierarzt hat orthopädische, internistische und gynäkologische Fachkenntnisse.
© Niku16 - fotolia.com
Angestellte TierärztInnen werden oft für 40 Stunden angestellt, arbeiten meist aber wesentlich mehr Stunden, wobei Überstunden häufig weder bezahlt noch als Zeitausgleich abgegolten werden. Gehälter von 1600 Euro brutto (ca. 1200 Euro netto) entsprachen bis zum Jahr 2012 der Regel. 2012 haben sich die Angestellten gemeinsam mit der Gewerkschaft zur Wehr gesetzt und einen Mindestlohntarif erkämpft. Dabei wurde festgelegt, dass angestellte Kollegen im ersten und zweiten Berufsjahr mindestens 2050 Euro brutto (ca. 1400 Euro netto) und im dritten Berufsjahr mindestens 2300 Euro brutto (ca. 1600 Euro netto) verdienen sollen. Für Überstunden gilt der Grundstundenlohn zuzüglich 50 %, für Rufbereitschaft dürfen 1,60 Euro pro Stunde verrechnet werden. Ein Kollektivvertrag soll demnächst verhandelt werden.

Vergleicht man diese Anfangsgehälter im neuen Gehaltskompass des AMS mit denen anderer akademischer Berufe, so befinden sich angestellte Tierärzte im unteren Drittel. Bei angestellten Tierärzten wird vom AMS ein Anfangsgehalt von 2330 bis 2590 Euro brutto angenommen, im Vergleich dazu verdienen junge Humanmediziner und Bautechniker zwischen 2800 und 3400 Euro brutto im Monat.

Der nach wie vor größte Teil der österreichischen TierärztInnen ist aber nicht angestellt, sondern arbeitet selbstständig. Was die Pferdepraxis betrifft, meist als Einzelunternehmer. Plötzlich ist man dann nicht mehr nur TierärztIn, sondern auch SekretärIn, Putzfrau/mann, Buchhalter­In, ApothekerIn – und sehr häufig auch PsychologIn. Bei monatlichen Fixkosten von mehreren tausend Euro und einem Arbeitstag von teilweise mehr als zwölf Stunden bleibt zum Leben und Leben genießen oft weder Geld noch Zeit. Tierärzt­Innen sind umsatzsteuerpflichtig, weshalb von jedem gestellten Honorar 20 % an das Finanzamt abgeliefert wird. Die Fixkosten setzten sich zusammen aus den Abgaben an die Sozialversicherungsanstalt und an die Österreichische Tierärztekammer (Kammerbeitrag, Sterbekasse, Versorgungsfonds), Zahlungen an Versicherungen (Haftpflicht, Rechtsschutz, Betriebsunterbrechung, Berufsunfähigkeitsversicherung, Transport- und Geräteversicherung, Unfallversicherung, Krankenversicherung, Autoversicherung…) und den Steuerberater, Kosten für regelmäßige Fortbildungen und die Einkommenssteuer. Zu den laufenden Kosten zählen Ausgaben für Treibstoff, Medikamente, Verbandsmaterial, neue Geräte etc. Viel Geld geht auch (vor allem in der Pferdepraxis) durch nicht zahlende Kunden verloren – durch die Deckung von Außenständen und Inanspruchnahme von Inkassoleistungen.

Viele Kollegen müssen auch teure Geräte abzahlen (z. B.: digitaler Reader inklusive Röntgengerät: 42.000 Euro brutto). Und da der Besitz eines digitalen Röntgengeräts heute nicht ausreicht, um eine Pferdepraxis angemessen zu führen, kommen in den meisten Fällen noch einige andere kostspielige Geräte hinzu (Ultraschall, Endoskop, Blutgasgerät, Stoßwelle etc.). Um Internist, Orthopäde, Ophthalmologe, Zahnarzt, Chirurg, Dermatologe, Gynäkologe und Anästhesist in einer Person sein zu können, benötigt man eine Menge Equipement, das man als PferdetierärztIn im ausreichend geräumigen Fahrzeug mit aufwendigem Innenausbau verstaut.

Human-Allgemeinmediziner zum Beispiel, die im Normalfall nie an ein und demselben Tag ein digitales Röntgen schießen, dieses beurteilen, danach eine gynäkologische Untersuchung durchführen, ein Hornhautulcus im Auge diagnostizieren und behandeln und spätabends noch einen Blinddarm entfernen, verdienen im Vergleich zum Tierarzt, der einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 36.000 Euro hat, 75.000 Euro – also mehr als das Doppelte. Spezialisten in der Humanmedizin (Orthopäde, Dermatologe, Zahnarzt, etc.) verdienen sogar 100.000 Euro und mehr im Jahr. Der tierärztliche Bruttojahresverdienst ist mit 36.000 Euro ungefähr mit dem von Laborassistenten ohne akademische Ausbildung, von Messtechnikern und Maschinenbauern sowie von Schalterangestellten von Banken und Sozialversicherungsangestellten vergleichbar (Bruttojahreseinkünfte von Money.at, 22. März 2010, „Gehaltscheck: So viel verdient Österreich“).

Zukunftsperspektiven

Seit der Gründung der ersten Veterinärschule in Lyon 1761 hat sich das Berufsbild des Tierarztes gravierend verändert. Der größte Wandel scheint sich aber in den unmittelbar vergangenen Jahren vollzogen zu haben. Im Jahr 2012 studierten insgesamt 2046 ordentliche Studierende an der VUW, davon 1648 Frauen. 2012 haben insgesamt 217 Studierende das Diplomstudium abgeschlossen, davon 137 Österreicher. Die Tierärztekammer schätzt, dass sich die Anzahl der TierärztInnen in Österreich bis zum Jahr 2035 verdoppeln – und bis zum Jahr 2050 verdreifachen könnte. Europaweit ergreifen fast ausschließlich Frauen das Studium der Veterinärmedizin, diese suchen ihren Wirkungsbereich hauptsächlich in der Kleintier- und Pferdemedizin. Ob den angehenden Tierärztinnen aber bewusst ist, was auf sie zukommt, wird allgemein bezweifelt. Aber offenbar können weder erschwerte Zulassungsbedingungen zum Studium noch die Länge der anspruchsvollen Ausbildung oder die schlechten ökonomischen Zukunftsperspektiven und haarsträubenden Erfahrungsberichte berufserprobter TierärztInnen junge Frauen davon abhalten, den Traum, Tieren helfen zu können, zu verfolgen. Dieser Traum oder besser: die Illusion vom erfolgreichen Helfen platzt erstmals im dritten klinischen Studienabschnitt oder beim ersten Hilfsjob in einer Klinik oder bei einem Praktiker. Dann wird schnell klar, dass der Beruf auch ethische Konflikte mit sich bringt, wenn beispielsweise auf Besitzerwunsch ein gesundes Tier eingeschläfert oder ein todkrankes weitertherapiert werden soll. Man darf nicht vergessen, dass das Tier vom Gesetz nach wie vor als Sache behandelt wird – und der Tierbesitzer über seinen Besitz entscheidet. Konfliktpotenzial ist auch gegeben, wenn der Tierbesitzer sich eine notwendige Therapie nicht mehr leisten kann. Eine Studie aus Großbritannien hat durch Befragung von 60 TierärztInnen gezeigt, dass solche und ähnliche Situationen in der Praxis fast an der Tagesordnung stehen. Angststörungen, eine Erosion moralischer Vorstellungen und Unzufriedenheit mit dem Beruf werden als Folgen beschrieben. Im Artikel wird auch auf eine erhöhte Selbstmordrate unter TierärztInnen eingegangen. In Großbritannien soll das Suizidrisiko unter TierärztInnen dreimal so hoch sein wie in der Restbevölkerung.

Aber auch hierzulande hört man im Kollegenkreis leider immer häufiger von stressbedingten oder durch Vernachlässigung der eigenen Gesundheit induzierten Erkrankungen – bis hin zu Todesfällen. Aufgrund mangelnder Zusammenarbeit untereinander versuchen viele Kollegen standhaft, mit wenigen kurzen Pausen im Jahr 24 Stunden für ihre Patienten da zu sein – und das oft über Jahre hinweg. Ihre eigenes Leben stellen sie dabei hintan.

Auf die Missstände wird sowohl von Seiten der Tierärztekammer und der Veterinärmedizinischen Universität Wien als auch durch die Tierärzteschaft selbst reagiert. Die Tierärztekammer und die VUW setzen sich durch Fortbildungsmaßnahmen und durch praxisbezogene Ausbildungsmaßnahmen für eine bessere wirtschaftliche Ausbildung von jungen TierärztInnen ein. Eine gemeinsame Studie der WIFO und der BOKU im Auftrag der VUW, des Bundesministeriums für Gesundheit und der ÖTK zum Thema „Wirtschaftliche Grundlagen für strategische Entscheidungen zur Zukunft der Veterinärmedizin in Österreich“ soll eine der Grundlagen für zukünftige Maßnahmen bilden. Heuer wurde auch erstmals seit 30 Jahren eine Änderung der Honorarordnung durchgeführt. Am 1. Mai 2012 ging diesbezüglich eine Verlautbarung über den Stundensatz für tierärztliche Leistungen nach Indexanpassung an alle österreichischen TierärztInnen. Der Stundensatz wurde mit 101 Euro (Stufe 1, alle Tätigkeiten, die ein Tierarzt mit dem Universitätsabschluss ausführen kann) bis 151,50 Euro netto (Stufe 2, alle Tätigkeiten, die nur mit Zusatzausbildung und Fortbildung ausgeführt werden können) festgesetzt, wobei für spezielle oder gefährliche Leistungen noch ein vom Tierarzt selbst festgelegter Zuschlag auf Stufe 2 erhoben werden kann (Stufe 3). Die in der Arbeitszeit erbrachten Leistungen und die Kosten fürs Material werden zusätzlich verrechnet. Im Vergleich zu anderen akademischen Berufssparten (Juristen beispielsweise) ist dieser Stundensatz immer noch moderat.

Eine halbstündige Visite (Untersuchung des Tiers und Beratung) in der Normdienstzeit (also nicht im Notdienst) bei einer Anfahrt von 60 km hin und zurück dürfte also im Moment wie folgt fakturiert werden (mit Betonung auf dürfte; es soll hier veranschaulicht werden, was die Honorarordnung eigentlich vorsieht; was in der Praxis tatsächlich gefordert wird, steht auf einem anderen Blatt und führt geradewegs in die derzeitige Misere):
  • Kilometergeld: 25,20 Euro (0,42 Euro/km)
  • Arbeitszeit Anfahrt (hin und zurück): 67 Euro (z. B. für 40 Minuten Fahrzeit, Basis: Honorarstufe 1, 101 Euro/Stunde)
  • Klinische Untersuchung, Beratung, Therapievorschlag: 75 Euro (ca. 30 Minuten, Basis: Honorarstufe 2, 150 Euro/Stunde)
  • 20 % Ust: 33,44 Euro Summe: 200,64 Euro brutto
Die Wirtschaftlichkeit des tierärztlichen Berufes scheitert also nicht an einer mangelhaften Gesetzgebung, sondern vielmehr an den – gesetzlich verbotenen – Dumpingpreisen mancher KollegInnen – und den PferdebesitzerInnen, die diese gerne annehmen. Eine Änderung der momentanen Situation, die von der Tierärztekammer in jüngster Zeit häufig mit dem Zusatz „es ist 5 vor 12“ angesprochen wurde, muss von Seiten der gesamten Tierärzteschaft angestrebt werden. Mehr Empathie, Zusammenhalt und wirtschaftliches Denken unter Kollegen und ein achtsamer Umgang mit dem eigenen Leben und der eigenen Gesundheit wären dabei schon ein guter erster Schritt.

Die Stimmen der KollegInnen

In den vergangenen zehn Jahren hat sich der tierärztliche Beruf dramatisch verändert: in vielen Fällen von einem Broterwerbsberuf zu einem quer finanzierten, nicht wirtschaftlichen Hobby.“ Freiberuflicher Tierarzt aus Niederösterreich „Besitzer glauben immer, dass Tierärzte viel verdienen, obwohl kaum etwas über bleibt! Das Problem ist, dass die Besitzer die Kosten der angewandten Therapien zu wenig kennen!“

Selbstständige Tierärztin aus Wien Umgebung


„Das Traurige an der Fort- und Weiterbildung ist, dass es viele TierbesitzerInnen nicht zu schätzen wissen, dass ihre Tiere von einem guten Tierarzt betreut werden. Gerade bei jungen TierärztInnen, vornehmlich Frauen, werden Ratschläge und Diagnosen häufig in Frage gestellt. Dr. Googel, Prof. Wikipedia und diverse Möchtegern-Veterinäre wissen da besser Bescheid – und auch preisgünstiger! Ein Pferdetierarzt soll nicht jung, dynamisch, innovativ und gut ausgebildet sein, sondern freundlich, 365 Tage im Jahr für 24 Stunden erreichbar, dann immer noch freundlich – und das wichtigste: billig! Wenn er/sie dann noch die bereits von dem/der TierbesitzerIn (oder von dessen BeraterInnen) gestellte Verdachtsdiagnose bestätigen kann, handelt es sich automatisch und unbestritten um den besten Tierarzt.“

Freiberufliche Tierärztin aus Wien


„Der Tierarztberuf könnte wieder für einen Lebensunterhalt reichen, wenn Tierbesitzer weniger den Tierpsychologen und Mentalisten vertrauen würden, sondern uns Fachleuten mehr Glauben schenken würden! Wir Tierärzte haben wohl wesentlich mehr Wissen auf medizinischer Ebene!“

Angestellte Tierärztin aus Wien


„Vom behandelnden Tierarzt wird erwartet, dass sie/er Internist, Orthopäde, Chirurg, Gynäkologe, Dermatologe, Ophthalmologe, Anästhesist, Radiologe, Apotheker und in vielen Fällen Dompteur gleichzeitig ist, Leistungen, die in der Humanmedizin nur von unterschiedlichen Spezialisten angeboten werden. Für die Ausbildung, die uns in so vielen Fachgebieten fit macht, und unsere erbrachten Leistungen werden wir weder mit dem nötigen Respekt behandelt noch adäquat bezahlt.“

Freiberufliche Tierärztin aus Wien Umgebung


„Der Tierarztberuf wäre an und für sich ein wunderbarer Beruf… wenn man nur Tierarzt wäre! Wir müssen aber auch Psychologe, Kinderpädagoge, Buchhalter, Geldeintreiber und Reinigungskraft sein – und das zum Mindeststundenlohn von 13 Euro irgendwas brutto!“

Angestellte Tierärztin aus Wien


„Zum Teil werden Tierärzte hoch geschätzt – zum Teil aber auch nicht als richtige Ärzte angesehen.“

Selbstständige Tierärztin aus Wien
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