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20.06.2016

Ungewollt eingerollt: So kommt die Pferdenase wieder an die Senkrechte

Das Einrollen des Pferdehalses gilt als große Unsitte in der Reiterei, doch nicht immer ist es vom Reiter gewollt. Warum sich manche Pferde selbst „rollkuren“ und was der Reiter dagegen tun kann, verrät Dressur-Expertin Dr. Britta Schöffmann.

Wenn sich ein Pferd einrollt – also mit der Stirn-Nasen-Linie deutlich hinter die Senkrechte fällt – kann das medizinische, anatomische oder reiterliche Gründe haben. © acceptfoto - fotolia.com
Wenn sich ein Pferd einrollt – also mit der Stirn-Nasen-Linie deutlich hinter die Senkrechte fällt – kann das medizinische, anatomische oder reiterliche Gründe haben.
© acceptfoto - fotolia.com
Es ist ein gar nicht so seltenes Problem: Pferde, die sich einrollen, sich eng im Hals machen und – vom Reiter ganz und gar ungewollt – mit der Stirn-Nasen-Linie hinter der Senkrechten gehen. Auch nach bestem Wissen und Gewissen klassisch trainierende Reiter sehen sich gelegentlich mit dem Problem des „sich Einrollens“ konfrontiert.

Mögliche Ursachen

Dummerweise gibt es mehrere Ursachen für dieses Problem – und daraus resultierend auch unterschiedliche Lösungsansätze. Ein recht profaner Grund kann bereits ein falsch sitzendes Lederzeug sein. Gibt der Nasenriemen dem Pferd genug Spiel für eine Bewegung der Kiefergelenke und damit fürs Kauen? Ist das Reithalfter in der richtigen Höhe verschnallt?

Ein zu tief und zu eng verschnalltes Hannoversches Reithalfter behindert die Atmung des Pferdes und somit seine Losgelassenheit, bei einem zu tief sitzenden Englischen Reithalfter klemmt die Pferdehaut oft schmerzhaft zwischen Riemen und Gebissring. Selbst ein unpassender Sattel kann dazu führen, dass sich das Pferd hinter dem Zügel verkriecht – ganz einfach, weil es sich wegen der Rückenschmerzen im Rücken verspannt und so nicht mehr ans Gebiss herandehnt.

Eine weitere Ursache kann in einer erworbenen (durch scharfe und/oder unpassende Gebisse) oder vorübergehenden (Zahnprobleme, Knochenhautentzündung, Kiefergelenksentzündung etc.) Empfindlichkeit des Pferdemauls liegen. Solche Pferde verharren häufig bei extrem loser Anlehnung ein wenig hinter der Senkrechten und trauen sich nicht, ans Gebiss heranzutreten. Viele Reiterinnen verwechseln diesen Mangel an Dehnungsbereitschaft mit „Leichtigkeit“, vergessen aber, dass dies auch die Stabilität der Oberlinie stört und den Pferderücken übermäßig belastet.

Auch anatomische und rassetypische Gegebenheiten können ein Engwerden (hier meist als zu lose Anlehnung) begünstigen. Pferde mit beispielsweise einem eher weichen und wenig tragfähigen Rücken neigen ebenfalls häufig dazu, sich hinter dem Zügel zu verkriechen, wobei sich die Rückenproblematik dann im Allgemeinen noch verschärft.

Das gleiche gilt für Pferde mit einem sehr leichten Genick, einem extrem langen Hals oder einem ausgeprägtem Halskragen (Hengste, Friesen). Sie haben es oft schwerer „oben“ und vor der Senkrechten zu bleiben, wobei bei den Friesen der rassetypisch weiche Rücken das Hals- Problem sogar oft noch verstärkt.

Und last but not least ist die Ursache für enge Pferdehälse oft eine fehlerhafte reiterliche Einwirkung. Eine harte, möglicherweise noch rückwärts wirkende Hand kann dazu führen, dass ein Pferd hinter die Senkrechte gerät, sein Kinn bei zu strammer Anlehnung quasi nach hinten gezogen wird.

Ein falsches Zügelmaß oder aber ein Ungleichgewicht zwischen Schenkel- und Zügelhilfen kann ein Pferd ebenfalls „hinter die Senkrechte“ bringen. Wenn die Zügel zu kurz oder zu lang sind, wenn zu wenig nachgetrieben wird, die Schubkraft des Pferdes nicht entsprechend gefördert wird, die Reiterhand zu lange stehenbleibt und zu spät wieder nachgibt, rollen sich viele Pferde auf – oder sie geraten auf die Vorhand und stützen sich bei nach hinten geneigter Stirnlinie auf dem Gebiss ab.

Wenn die Ausrüstung überprüft wurde und auch alle gesundheitlichen Faktoren ausgeschlossen worden sind, dann kann mit der praktischen Lösung des Problems am Pferd begonnen werden – dabei müssen noch zwei wichtige Fragen für sich selbst beantwortet werden: Liegt’s am Pferd – oder bin ich der Störfaktor? Abhängig von der Antwort gestaltet sich die weitere Arbeit auf dem Pferd.

Lösungsansätze

Wenn die Ausrüstung überprüft und medizinische Gründe ausgeschlossen wurden, geht es nun aufs Pferd – hier also mögliche Lösungsansätze, damit die Stirn-Nasen-Linie des Pferdes sicherer in Richtung an bzw. vor die Senkrechte kommt.

Liegt das Hauptproblem beim Pferd(etyp), gibt es eine Übung, die bereits beim Lösen Wunder, aber auch in der Arbeitsphase einiges bewirken kann: das wiederholte Reiten von Trab-Galopp-Übergängen im frischen Arbeitstempo. Bei diesen Übergängen geschieht zweierlei: Im Moment des Angaloppierens dehnt sich das Pferd, um sein Gleichgewicht zu halten, minimal mehr an die Reiterhand heran, während es im Moment des Durchparierens ein wenig mehr Last mit der Hinterhand aufnehmen muss. Dieser Wechsel zwischen Herandehnen und Aufnehmen wirkt sich positiv auf die Schubkraft und damit auf die Sicherung der Anlehnung aus, die wiederum eine der Voraussetzungen für die gewünschte Kopf-Hals-Position ist. Der Galopp selbst fördert außerdem die Stabilität der Oberlinie, da das Pferd in der Flugphase seine Bauchmuskulatur anspannt und seinen Rumpf und damit seinen Rücken leicht nach oben anhebt.

Ähnliches passiert auch bei der Arbeit über Bodenstangen, denn auch hier wölbt sich der Pferderücken im Moment des Überwindens der Stangen vermehrt nach oben bei gleichzeitigem Kippen des Beckens und Herandehnen an die Reiterhand, was ebenfalls zu mehr Stabilität führt und die Anlehnung auf lange Sicht hin verbessert. Überhaupt sollte bei zu loser Anlehnung und schwachem Pferderücken vermehrt im Galopp gearbeitet werden, gern auch auf längeren (Gelände) Strecken im forcierten Tempo und beim Bergauf- und Bergabreiten.

Ist die reiterliche Einwirkung das Problem, muss die Reiterin lernen, sich als handorientierter Mensch weniger auf ihre Zügelhilfen, dafür aber mehr auf ihre Schenkel- und Gewichtshilfen einzulassen. Häufiges Zügel-aus-der-Hand-kauen-Lassen, Überstreichen (mal mit einer Hand, mal mit beiden Händen), aber auch einhändiges Reiten sollte hier ganz oben auf dem Plan stehen. Dies kann vor allem gegen die Neigung helfen, mit „zu viel“ Hand zu reiten. Dabei sollten viele einfache Übergänge zwischen den Gangarten geritten werden, wobei das Augenmerk auf das flüssige Absolvieren dieser Übergänge gerichtet werden muss.

Kleiner Tipp: Beim Durchparieren in eine niedrigere Gangart nicht daran denken, das Galoppieren oder Traben zu beenden, sondern das Traben bzw. Schrittreiten zu beginnen. Dadurch tritt unbewusst das vermehrte Treiben in den Vordergrund. Kippt das Pferd trotzdem hinter die Senkrechte oder legt es sich dabei auch noch auf den Zügel, kann ein kurzes „Klicken“ aus den Handgelenken helfen, so, als ob man seine Fäuste aus den Gelenken heraus mit einer schnellen Bewegung wegschmeißen wollte.

Der Versuch, den Pferdekopf nach oben zu heben, bringt nichts, da sich das Pferd dabei ganz wunderbar auf das Gebiss stützen kann. Bei der kleinen, schnellen Klick- Bewegung dagegen bekommt es einen winzigen Schreck und spannt für einen Moment seine Oberhalslinie vermehrt an. Wichtig ist hier allerdings, dass umgehend, sprich: im Bruchteil einer Sekunde, nachgetrieben und vor allem auch nachgegeben wird, damit das Pferd immer wieder dazu angeregt wird, seinen Kopf mit Hilfe seiner oberen Halsmuskulatur bei arbeitenden Hinterbeinen genau in diesem Moment selbst zu tragen – also in Selbsthaltung zu gehen. Die Hand richtet den Hals also nicht aktiv auf, sondern sorgt lediglich für eine Veränderung der Halsmuskelspannung beim Pferd und damit fürs Fein-Tuning der Kopf-Hals-Haltung.

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Dieser Artikel von Dr. Britta Schöffmann wurde erstmals in Ausgabe 1/2013 der Pferderevue veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus über 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!
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