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09.05.2011

Unreitbar – oder doch nicht?

Vollblutwallach Löwenherz landete als unreitbares Pferd im Tierschutz. Im Rehab-Training bei Brigid Weinzinger kam der Wallach wieder zur Ruhe, doch wird aus ihm auch ein Reitpferd?

Loewenherz © Alexandra Pawloff
© Alexandra Pawloff
Gerade mal zehn Jahre war Löwenherz alt, als er als unreitbar abgestempelt wurde. Der Vollblüter sollte ursprünglich auf der Rennbahn gehen, war dafür aber zu langsam. Er wurde als Reitpferd an Jugendliche verpachtet und schließlich an eine Privathalterin verkauft, die sich mit ihm kleine Turnierambitionen erfüllen wollte. Doch so weit kam es nie. Er machte sich zwar anfangs ganz gut, doch je intensiver das Training und je größer damit der Erfolgsdruck wurde, desto öfter wurde Löwenherz krank. Schließlich wurde es so schlimm, dass „Mondblindheit“ diagnostiziert wurde und er chronisches Headshaken entwickelt hatte. Und das so heftig, dass er in seiner schlimmsten Zeit sogar kopfschlagend auf der Koppel stand. An Reiten war nicht mehr zu denken, denn bei der geringsten Belastung fing Löwenherz sofort wieder mit dem Headshaken an – es reichte oft schon, ihn nur zu putzen.

Schließlich landete Löwenherz im Tierschutz, konkret bei der „Pfotenhilfe“, die ihn in einem Pilotversuch ins Rehab-Training schickte. Junge, im Prinzip fitte Pferde wie Löwenherz sollten nicht auf immer auf dem Gnadenhof enden, sondern eine neue Chance bekommen: durch kompetentes Rehab-Training, gezielte Problemlösung – und dann eine hoffentlich erfolgreiche Vermittlung zu einem neuen und passenden Menschen.

Druck macht krank

Als ich Löwenherz im Herbst 2010 ins Rehab-Training übernahm, ließ er sich nicht gern anfassen, sehr ungern putzen und in der Sattellage gar nicht berühren, ohne zu zicken. Er ließ sich ganz gut führen, aber longiert zu werden machte ihn extrem nervös.
Löwenherz © Aleksandra Pawloff
Dank eines verbesserten Körpergefühls schafft Löwenherz jetzt auch schon Kurven im Trab.
© Aleksandra Pawloff
Im Freilauf ging es im Schritt gut, doch sowie er nur zu traben anfangen sollte, warf er den Kopf hoch, bekam einen panischen Blick und schmiss die Beine so unkoordiniert durch die Luft, dass es an ein Wunder grenzte, dass er nie stürzte. Er hatte so wenig Gleichgewicht, dass er im langsamen Schritt manchmal richtig wackelte. Kein Wunder, dass ihm reiterliche Anforderungen zu schaffen gemacht hatten. Noch dazu war und ist Löwenherz ein Pferd, das extrem negativ auf jede Anspannung oder Druck reagiert. Es macht ihn buchstäblich krank. Das Schöne ist: gibt es keinen Druck, und geht es Löwenherz gut, ist er auch nicht krank. Seit seiner Übernahme ins Rehab- Training und in den Offenstall hatte er nur einmal eine Augenentzündung, sonst die ganze Zeit nichts. Allerdings wurde an seiner Entspannung auch sehr gezielt gearbeitet. Zum Glück fand Löwenherz mit Andrea S. eine Betreuungspatin, die sich liebevoll seiner annahm und mit ihm arbeitete. Dabei ging es vor allem um:
  • Positive Erfahrung mit Berührungen und Handling.
    Löwenherz konnte anfangs nur an wenigen Stellen Berührungen gut verkraften. Mit viel Geduld, Tellington- TTouch und schrittweisem Üben, soweit Löwenherz damit gut zurechtkam, wurde es allmählich besser. Heute lässt sich Löwenherz überall anfassen und putzen.
     
  • Ruhiges Führen, Stangenarbeit und Freiarbeit zum Entspannen.
    Der Wallach musste erst lernen, dass die Zusammenarbeit mit dem Menschen auch ohne Druck und Stress geht. Dazu hat Andrea mit ihm viel Freiarbeit in ruhigem Tempo gemacht, ihn für entspanntes Verhalten belohnt und selber durch Geduld und viel Ausatmen für eine gelassene Arbeitsatmosphäre gesorgt.
     
  • Bodenarbeit nach Tellington und nach Connected Riding zur Verbesserung von Gleichgewicht und Körperkoordination. Löwenherz musste richtiggehend lernen, sich erst mal zu sortieren. Wer so aus dem Gleichgewicht ist, ist natürlich unsicher und schnell überfordert. Dank der Bodenarbeit hat er sich so weit stabilisiert, dass er inzwischen auch schon im Trab ruhig und ausbalanciert um die Kurve kommt.

Löwenherz ist inzwischen körperlich und emotional so stabil, dass es auch wieder ans Reiten gehen soll – ohne Ambitionen, aber doch. Denn ein Pferd, das auch ein wenig geritten werden kann, findet natürlich leichter ein neues Zuhause! Den Anfang dazu machten Andrea und ich gemeinsam mit Löwenherz. Als ich mit dem Sattel ankam, beäugte ihn Löwenherz zunächst neugierig. Er hat inzwischen so viel Vertrauen zu Andrea, dass er auf ungewohnte Dinge vor allem neugierig reagiert, nicht mehr hektisch. Ungewohnt war der Sattel nach dreijähriger Reitabstinenz für ihn allemal!

Erste Schritte unter dem Sattel

Im ersten Schritt stellten wir für Löwenherz eine möglichst vertraute Situation her: Andrea begann mit der gewohnten Bodenarbeit am speziellen Halfter, dann kam der Sattel drauf – kein Problem. Schließlich kam auch ein Mensch in den Sattel, ich selbst, und Andrea machte mit der Bodenarbeit ganz normal weiter.
Löwenherz © Aleksandra Pawloff
Auch den Sattel lässt sich Löwenherz jetzt schon auflegen und beäugt ihn interessiert.
© Aleksandra Pawloff
Das Reitergewicht und der Sattel schienen Löwenherz in keiner Weise zu belasten, also nahmen wir recht schnell Andrea als Führperson aus dem Spiel. Das Arbeitshalfter blieb zunächst drauf, für ein wenig Schrittarbeit in der Halle reichte es, und Löwenherz war damit am besten vertraut. Verwundert sah der Wallach sich ein paar Mal um – wo war sein Bodenpersonal Andrea denn plötzlich hin, und wieso kamen da Signale von hinten und oben? Aber nach den ersten Minuten war das geklärt, und er ging willig und brav unter dem Sattel. Allerdings sehr langsam und verhalten. Viel Schwung und Elan war da nicht zu spüren – daran muss sicher noch gearbeitet werden. Doch das Beste: er ging korrekt über den Rücken, die Hinterhand war halbwegs aktiv, und er konnte den Rücken aufwölben und sich vorwärts-abwärts dehnen. Die viele Bodenarbeit hatte sich also wirklich gelohnt. Früher hatte sich Löwenherz nämlich immer schwer auf den Zügel gelegt und die Reiterhand als „fünftes Bein“ benutzt. Davon war nichts zu merken. Und je besser es ihm körperlich mit dem Reiten geht, desto wohler fühlt er sich dabei natürlich insgesamt.

Als wir schließlich statt des Arbeitshalfters eine normale Zäumung auf Wassertrense verwendeten, akzeptierte Löwenherz die zwar wunderbar, war aber erst deutlich unruhiger und auch schwerer zu lenken. Ob das daran liegt, dass er zuletzt von seiner Vorbesitzerin versuchsweise westernmäßig geritten wurde und daher von den Hilfen verwirrt war, oder doch eher daran, dass mit der Trense auch die Erinnerungen kamen und er etwas nervöser und unkonzentrierter wurde, lässt sich nicht wirklich sagen. Andrea hat jetzt jedenfalls eine große Aufgabe vor sich: Löwenherz wieder regelmäßig zu reiten und dabei die Balance zu fi nden zwischen Entspannung einerseits und Schwung aufbauen andererseits. Die wahre Kunst mit Löwenherz wird darin bestehen, ihn wieder in Schwung zu bringen und körperlich weiter zu fördern, ohne fordernd zu werden oder gar Druck auszuüben. Und wehe, man wird unzufrieden (mit sich oder ihm) – das kann er gar nicht haben. Der hübsche Wallach wäre sicher ein guter Lehrer für buddhistisches Reiten: sich weiterentwickeln, ohne bewusst danach zu streben; absichtsloses Finden von Glück und Energie. So ein Pferd muss man erst mal finden!
Loewenherz © Brigid Weinzinger
© Brigid Weinzinger

Zu Hause gesucht

Für Löwenherz wird ein neues Zuhause gesucht! Der sensible Wallach braucht einen ebenso sensiblen und geduldigen Menschen, der ihn nimmt wie er ist. Ehrgeiz, Druck oder auch nur Unzufriedenheit kann Löwenherz gar nicht vertragen, das macht ihn richtig krank. Dafür punktet er mit Intelligenz, großer Menschenbezogenheit und einem wirklich netten Wesen. Er liebt Kunststückchen, ruhige Spaziergänge und kann vermutlich auch wieder leicht geritten werden – solange es ohne jeden Druck abgeht. Wer Löwenherz eine neue Lebensstellung gibt, bekommt einen großartigen Lehrer in Sachen Einfühlungsvermögen und wird mit der Zuwendung eines ganz besonderen Pferdes belohnt.



Mehr über Löwenherz finden Sie im nachstehenden Downloaddokument. Bei Interesse wenden Sie ich bitte an: info@pfotenhilfe.at

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