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23.02.2017

Christine Stückelberger: „Die Richter haben es in der Hand!“

Elf Jahre ist es her, dass wir Olympiasiegerin und Xenophon-Mitbegründerin Christine Stücklberger zur Entwicklung des modernen Dressursports befragt haben. Ihr Fazit fiel vernichtend aus. Was hat sich seither verändert, was ist gleich geblieben? Die Nachlese des Interviews aus dem Jahr 2006 bringt es ans Licht!

Dressur Detail Traversale Turnier © www.slawik.com
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Pferderevue: Von vielen wird die aktuelle Diskussion über Ausbildungsmethoden und das Richten im Dressursport als von deutscher Seite politisch motiviert abgetan, da Deutschland seine Vormachtsstellung im Dressursport schwinden sähe. Schließen Sie sich dieser Einschätzung an?
Christine Stückelberger: Ganz und gar nicht. Für mich ist dies kein Nationen-Problem. Ich denke, die Ausbildungsmethode, die Sjef Janssen vertritt, wird von der entschiedenen Mehrheit der Dressurreiter, -ausbilder und Zuseher nicht anerkannt. Das ist keine neue Reitlehre, sondern eine Irrlehre - auch wenn man damit als Resultat am Ende Grand Prix reiten kann. Es fragt sich aber wie.

Die Richter hätten es in der Hand, den Dressursport so zu steuern, dass wir losgelassene, zufriedene Pferde sehen. Heute werden zum Teil Lektionen mit hohen Noten honoriert, die diese nicht verdienen.


Also liegt Ihrer Ansicht nach die Hauptverantwortung für den Weg, den der Dressursport geht, bei den Richtern, obwohl diese behaupten, die Ausbildungsmethode könnten sie in der Prüfung gar nicht erkennen?
Ja, ganz eindeutig liegt die Verantwortung bei den Richtern. Die Ausbildungsmethode spiegelt sich immer in der Prüfung wieder. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass diese zirzensischen Piaffen und Passagen mit so hohen Noten bewertet werden. Das hat nichts mehr mit einer natürlichen Bewegung von der abstoßenden Hinterhand über den schwingenden Rücken nach vorn in den Widerrist zu tun. Die Hinterhand soll sich dabei senken, die Hanken sollen sich beugen und der Widerrist heben.

Was heute mit hohen Noten bewertet wird, ist ein gespanntes Anreißen aller vier Beine. Es wird eine unnatürliche, deutlich sichtbare Spannung erzeugt. Das extrem tiefe Einstellen ist eine künstliche Haltung, die mit Durchlässigkeit und Losgelassenheit, mit alldem, was man seit Jahrhunderten sehen will, was die Qualität des Dressurreitens über so viele Jahre gehalten hat, nichts mehr zu tun hat.


Kann man mit der heutigen Grand Prix-Aufgabe überhaupt noch die korrekte Ausbildung eines Pferdes im Sinne der Ausbildungsskala überprüfen?
Ja, natürlich, auch wenn es schwerer geworden ist, da viele Prüfsteine wie die Schaukel oder der fliegende Wechsel im Mittelgalopp und Schrittpirouetten herausgenommen wurden. Nun würden gewisse Reiter am liebsten aus der Kür auch noch den Schritt und das Halten herausnehmen.

Das ist so, wie wenn ein Springreiter sagen würde, mein Pferd springt keinen Wassergraben, deshalb darf in Zukunft kein Wassergraben mehr in den Springprüfungen vorkommen. Nein, man sollte keine Lektionen herausnehmen, sondern besser wieder höhere Durchlässigkeitsanforderungen in den Grand Prix aufnehmen. Sie wurden zum Teil wegen des Fernsehens herausgenommen, mit der Begründung, die Aufgaben müssten kürzer werden. Mehr Fernsehzeiten hat die Dressur deshalb aber nicht bekommen. Nicht das Reglement sollte geändert werden, sondern es sollte wieder gerichtet werden wie es sich gehört.

Ein Teil der Reiter, die heute wegen ihrer Ausbildungsmethoden in der Kritik stehen, verweisen darauf, dass sich das Pferd durch die verbesserte Zucht verändert hätte und dadurch ein anderes Reiten erforderlich sei. Sie sind selbst Züchterin und Ausbilderin von jungen Pferden, sehen Sie dies auch so?
Nein. Grundsätzlich hat sich an den Pferden nichts geändert. Sie sind noch immer Lebewesen mit vier Beinen, Seele und Herz, auch wenn ihre Erscheinung etwas eleganter, schöner und ihre Bewegungen ergiebiger geworden sind. Die Natur des Pferdes und der Umgang mit ihnen hat sich dadurch nicht geändert. Die drei Grundgangarten sollten immer regelmäßig und in klarer Fußfolge erhalten bleiben. Auch die Lektionen als solche können nicht grundlegend geändert werden.

Es gab auch früher individuelle Reitstile und Ausbildungsmethoden, aber sie haben alle eine gemeinsame Basis besessen, und jeder von uns konnte das Pferd eines anderen reiten. Ich hatte nie Probleme mit den Pferden von Josef Neckermann, Karin und Herbert Rehbein, Bubi Günther, Willi Schultheiß oder Gabriele Disterer-Tempelmann, nicht einmal beim Pferdewechsel im Dressur- Derby in Hamburg.


Warum, denken Sie, hat das Richten diese Entwicklung genommen?
Es heißt nicht, dass die Reiter, die heute die Medaillen gewinnen, besser reiten, sondern nur, dass die Richter sie höher honorieren. Wenn die Richter ihre Richtweise wieder ändern würden, sodass diese verspannten Pferde keine Medaillen mehr sammeln, dann würde sich die Reitweise sicherlich auch schnell wieder ändern. Ich denke, viele Richter haben sich einfach zu sehr an diese Bilder gewöhnt. Bei Richtern wie Wolfgang Niggli, Jap Pott oder Dietmar Specht hätte es solches Richten nicht gegeben.

Wenn ein Pferd keinen Schritt mehr gehen oder nicht mehr halten kann, dann muss die Ausbildungsmethode ein Irrweg sein. Wichtig wäre, dass die Richter das richten, was sie sehen, und unabhängig sind. Aber auf fast allen großen internationalen Turnieren richten dieselben Personen, was bleibt da noch von einem getrennten Richtverfahren übrig?


Also ist Ihrer Ansicht nach eine Diskussion über die heutige Situation im Dressursport notwendig? 
Unbedingt. Als David Hunt das Global Dressage Forum im vergangenen November mit den Worten eröffnete, ‚Shut up! – Haltet den Mund, ihr Kritiker!‘ war ich schockiert. Da wurde wirklich versucht, jede Diskussion zu vermeiden. Früher wurden Meinungsverschiedenheiten offen ausdiskutiert. Heute darf von offizieller Seite nicht diskutiert werden. Das bedeutet doch, dass diese Leute etwas zu verbergen haben, sonst hätten sie doch keine Angst vor einer Diskussion! Sie wissen, dass etwas nicht stimmt. Die Dinge nicht diskutieren zu wollen, schadet dem Dressursport mehr als jede Diskussion.

Die Richter hätten es in der Hand, die Sache wieder ins Lot zu bringen, es wird aber mit Gold belohnt, was nicht Gold wert ist. Unterstützt wird diese Tendenz noch von dem hohen Anteil, den Piaffe, Passage und die Übergänge zwischen diesen beiden Lektionen an der Gesamtnote haben. Der Anteil der künstlerischen Note an der Gesamtnote der Kür ist außerdem viel zu hoch. Ich habe dies schon früher moniert, aber da hieß es, technische und künstlerische Note sollten eins zu eins sein – warum auch immer.

Auch wenn die Kür heute aus dem Dressursport nicht mehr wegzudenken und für die Zuschauer attraktiv ist, sie hat der Subjektivität Tür und Tor geöffnet und begünstigt, das Spektakuläre in den Vordergrund zu stellen. Der Koeffizient für die Musik und die künstlerische Gestaltung ist mit Sechs viel zu hoch und besitzt dadurch zuviel Einfluss.

Ich halte die Kür nach wie vor für problematisch. Sie begünstigt auch Lektionen, die für den Sport nicht vorteilhaft sind. Wenn man die Probleme nicht löst, dann ist die Dressur kein Sport mehr, sondern ein Schauprogramm. Ich denke, wir befinden uns schon sehr an der Grenze zur reinen Show, wenn sie nicht schon überschritten wurde. Das wird dadurch bestätigt, dass die Musiken der Küren immer teurer und professioneller werden und viele in fünfstelliger Höhe einfach nicht mehr zu bezahlen sind, aber einen Großteil der Schlussnoten ausmachen und somit die Plazierungen erheblich beeinflussen.


Was halten Sie davon, dass es in Zukunft bei Championaten und OIympischen Spielen eine Einzelgoldmedaille sowohl im Special als auch in der Kür geben soll und die drei Ergebnisse von Grand Prix, Special und Kür nicht mehr für einen Gesamtsieg zusammengezählt werden sollen?
Eine Abwertung für beide Einzel-Goldmedaillen. Der oder die Beste über die drei Prüfungen soll gewinnen, wie dies derzeit der Fall ist.


Gibt es derzeit noch klassisch ausgebildete Pferde im Dressursport zu sehen?
Ja, bei der EM in Hagen 2005 war für mich Ann Kathrin Linsenhoffs (GER) Sterntaler eines der bestgerittenen Pferde im klassischen Sinn. Natürlich hat er auch Fehler gemacht, aber das ist eine andere Sache. Er schwingt hervorragend durch den Rücken und besitzt drei ausgezeichnete, elastische Grundgangarten. Auch Carl Hester (GBR) hat sehr schöne, harmonische Programme im Sinne der klassischen Dressur geritten.

Frau Stückelberger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Birgit Popp.
Christine Stücklberger © Elisabeth Weiland
© Elisabeth Weiland

Zur Person

Christine Stücklberger, die Schweizer Grande Dame der Dressur, setzt sich für klassisch korrektes Reiten ein. Zwischen 1976 und 1988 gewann sie zahlreiche Medaillen bei Championaten, darunter Einzelgold bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal auf Granat - dem Höhepunkt ihrer Karriere. Bis Oktober 2010 war Christine Stücklberger erste Vorsitzende des 2005 gegründeten Vereins Xenophon e.V. - Gesellschaft für Erhalt und Förderung der klassischen Reitkultur. Zudem ist sie im Vorstand der "Gesellschaft Freunde der Spanischen Hofreitschule".
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