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21.12.2010

Die Schattenseite der Zucht

Jahr für Jahr werden Hunderte Haflinger- und Norikerfohlen in italienische Schlachthöfe transportiert - was immer heftigere Proteste von Tierschützern hervorruft. Wir haben mit Experten diskutiert, ob diese fragwürdige „Überproduktion“ wirklich notwendig ist.

Schlachtfohlen im Transporter © Animal Spirit
Für viele Fohlen heißt es Jahr für Jahr: Endstation italienischer Schlachthof. Vor allem Halfinger und Noriker sind betroffen.
© Animal Spirit

Freikaufaktionen von Tierschützern auf den Pferdemärkten in Stadl- Paura am 10. und in Maishofen am 28. September des Vorjahres haben für einiges Medienecho gesorgt, auch der ORF hat in einem eigenen Beitrag darüber berichtet. Hintergrund der medienwirksamen Aktion ist die Tatsache, dass vor allem die beiden größten Pferdezuchten Österreichs, die Norikerzucht in Salzburg und die Haflingerzucht in Tirol, jedes Jahr Hunderte Fohlen hervorbringen, für die weder in der Zucht, noch im Pferdesport Bedarf zu sein scheint. Gegen die unschönen Bilder auf Pferdemärkten, auf den oft weiten Transporten und schließlich auf den Schlachthöfen, wo alljährlich Tausende Fohlen und Pferde enden, gibt es seit Jahren heftige Proteste einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit. Der Gedanke, dass ein Tier, das viele als Freizeitpartner, als Sportkameraden oder sogar als Familienmitglied betrachten, für manchen Züchter und Züchtervertreter „nur“ ein Nutz- oder Schlachttier ist, schmerzt. Aber auch Menschen, die kein Nahverhältnis zu Pferden haben, finden den Gedanken, Pferde zu schlachten oder Pferdefleisch zu essen, befremdlich – zumindest in unserem Kulturkreis. Die folgende Diskussion versucht zu ergründen, ob eine derartige Überproduktion tatsächlich unvermeidbar ist – und welche Alternativen die Zuchtverbände zur „Schlachtfohlenproduktion“ sehen.

An der Diskussion nahmen folgende Personen teilt: Dr. DI Leopold Erasimus, Geschäftsführer des Verbandes niederösterreichischer Pferdezüchter sowie der AWÖ, Franz Imlauer, Obmann des Landespferdezuchtverbandes Salzburg, Dr. Franz Josef Plank, Gründer und Obmann des Tierschutzvereins Animal Spirit, Univ. Prof. Dr. Josef Troxler, Veterinärmedizinische Universität Wien, Department für öffentliches Gesundheitswesen in der Veterinärmedizin, Institut für Tierhaltung und Tierschutz, NR Johannes Schweisgut, Geschäftsführer des Haflinger Pferdezuchtverbands Tirol und Dipl.-Ing. Johann Wieser, Geschäftsführer des Landespferdezuchtverbandes Salzburg sowie der ARGE Noriker.

Pferderevue: Eine offene Frage zu Beginn: Gibt es in Österreich eine Fleischpferdezucht? Wenn ja, wie stehen die heimischen Zuchtorganisationen dazu? Wenn nein – warum werden dann, wie die heimische Ausfuhrstatistik belegt, Jahr für Jahr tausende Pferde ganz offensichtlich als Schlachtpferde ins Ausland, vor allem nach Italien, exportiert?

NR Schweisgut: Die Antwort lautet nein. In Österreich gibt es das Fleischpferd als Zuchtziel nicht. Wenn man Fleischpferdezucht betreiben wollte, würde man sicher auch ein anderes Modell von Pferd bevorzugen. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass es auch Pferde gibt, die als Fleischpferde verwendet werden. In der Tierzucht gibt es immer einen gewissen Prozentsatz von Pferden, für den es am Markt keinerlei Verwendung gibt.

Dr. Erasimus: Was aus dieser Statistik nicht hervorgeht, ist das Alter der Pferde. Im Endeffekt werden früher oder später alle Pferde geschlachtet, irgendwann kommen alle einmal zu Tode. Die Diskussion muss man ja auch in diese Richtung lenken: Schlachtung und Verwertung im Inland oder Transport mit allen Problemen nach Italien? Und da wir im Inland ja beschränkte Möglichkeiten haben, Pferde zu verwerten bzw. schlachten zu lassen, werden natürlich auch sehr viele alte Pferde zum Schlachten nach Italien gebracht, die scheinen natürlich auch in der Statistik auf.

Dr. Plank: Hier geht es aber darum, dass halbjährige Fohlen praktisch zum Schlachten gezüchtet werden und nach Italien gehen. Dass die alten Pferde irgendwann eines nicht ganz natürlichen Todes sterben, ist akzeptiert. Hier geht es darum, dass junge, gesunde Tiere – insbesondere Haflinger- und Norikerfohlen – die irgendein kleines Zuchtmerkmal nicht haben oder auch nur deswegen, weil es einen großen Überschuss gibt, zu Tausenden nach Italien gehen. Das ist es, was uns Tierschützer so erbost und was auch große Teile der Bevölkerung nicht verstehen. Es ist durch das Tierschutzgesetz verboten, Hunde und Katzen für Nahrungszwecke zu töten. Wir müssen uns die Frage stellen, ob es angebracht ist, Tiere, die dem Menschen genauso zugetan sind und uns so viel geben, zu töten und aufzuessen, wenn man sie nicht mehr braucht.

NR Schweisgut: Hinsichtlich der Schlachtung und Verwertung ist ein Fohlen, ein Kalb oder ein Lamm in meinen Augen gleich zu beurteilen. Warum sollte man Pferdefleisch verbieten?

Dr. Plank: Weil wir in Österreich aufgrund unserer kulturellen Prägung ein anderes Verhältnis zu Tieren und im Besonderen zu Hunden, Katzen und Pferden haben. Was nicht heißt, dass mir die Kälber, Ferkel und Kaninchen nicht genauso leid tun, die transportiert und geschlachtet werden. Pferde sind Seelengenossen, sind Freizeitpartner – und man sieht das auch auf den Märkten.

Imlauer: Wir betreiben in Österreich aktiv Pferdezucht, um die einzelnen Rassen zu erhalten – und dafür braucht man einen gewissen Bestand. Und es ist ganz legitim, dass in der Pferdezucht ein gewisser Prozentanteil „Ausmerzpferde“ oder „Ausmerzfohlen“ anfällt, die dem Zuchtziel nicht entsprechen, wobei man immer mehr darauf schaut, dass man diese Pferde auch im Sport- und Freizeitbereich unterbringt.

Pferderevue: Welche Rassen sind davon besonders betroffen und wie hoch ist der Prozentsatz?

DI Wieser: Salzburg ist ja das Hauptzucht- und Ursprungsgebiet der Norikerrasse, wir haben jährlich etwa 750 lebend geborene Fohlen bei dieser Rasse. Im Jahr 2005 wurden 103 Hengstfohlen und 33 Stutfohlen als nicht für die Zucht geeignet über die zentralen Absatzveranstaltungen vermarktet. Man darf aber hier nicht den Fehler machen, dass man bestimmte Käuferfirmen mit dem Ziel „Schlachthof“ gleichsetzt. Kein Händler wird ein Fohlen für 700,– oder 800,– Euro als Schlachtfohlen kaufen, weil er dann keinen Gewinn mehr macht. Viele Firmen verkaufen diese Fohlen als Zuchttiere nach Südtirol und in andere Bundesländer in Österreich.

Dr. Plank: Ich war bei dieser letzten Absatzveranstaltung dabei, da waren über 300 Fohlen angemeldet. Ich war die ganze Versteigerung über dabei und habe die Preise genau verfolgt – bei den niedrigen Preisen haben genau diese angesprochenen Firmen mitgesteigert.

DI Wieser: Ich darf hier die Zahlen von der Auktion vom 27. Oktober in Maishofen anführen: Aufgetrieben: 29 Hengstfohlen, 94 Stutfohlen und 96 Stuten; verkauft: 62 Stutfohlen, 27 Hengstfohlen und 42 Stuten; Durchschnittspreis bei den 62 Stutfohlen: 805,– Euro. Mindestens Dreiviertel der Pferde sind in die Zucht gegangen, sonst würde man nicht auf diesen Durchschnittspreis kommen. Insgesamt haben wir 573 Norikerpferde bei Versteigerungen im letzten Jahr angeboten, 373 davon sind verkauft worden – und lediglich 103 Hengstfohlen und 33 Stutfohlen sind nachweislich zur Schlachtung gegangen. Das Grundproblem ist doch: Steht man dazu, dass man Fleisch isst – oder ernährt man sich vegetarisch oder vegan? Wer hat das Recht, Unterschiede zwischen den Tieren zu machen, wo setze ich die Grenze?

Dr. Plank: Die setzt letztlich jeder Mensch für sich selbst – aber viele haben einfach ein emotionales Verhältnis zu Pferden. Es wäre doch ein erster Schritt, die Zucht so weit einzuschränken, dass man nur so viele Pferde züchtet, wie zum Reiten und Fahren gebraucht werden.

Schlachtfohlen Transparente © Animal Spirit
Tierschützer – wie hier vom Verein Animal Spirit – protestieren seit Jahren gegen die "Schlachtfohlenproduktion".
© Animal Spirit
NR Schweisgut: Die Idee, die Zucht so einzuschränken, dass man genau die Pferde züchtet, die man braucht, ist ja von der Theorie her ganz toll. In der Praxis hat aber die Pferdezucht eigene Gesetze. Wenn Sie Ihre Stute heute, also 2006, belegen, bekommen Sie 2007 ein Fohlen, müssen es dann drei Jahre aufziehen und weitere zwei Jahre trainieren. Bis Sie es als Reitpferd verkaufen können, sind Sie im Jahr 2012. Wissen Sie heute, wer Ihnen im Jahr 2012 ein Reitpferd abkaufen wird? Und ob der von Ihnen gezüchtete Pferdetyp dann überhaupt noch gefragt ist? Es wird sich nicht jedes Pferd zum Reitpferd eignen, in dem Sinn, dass Sie dann auch einen Käufer dafür finden, der Ihnen diese Wertschöpfung bringt. Hinzu kommt, dass die Pferdezucht in Österreich großteils in kleinstrukturierten Betrieben stattfindet – und wenn ich nur zwei Plätze im Stall habe, dann muss ich einfach ein Pferd verkaufen, notfalls auch mit Verlust – um im nächsten Jahr die Chance zu haben, mit einem neuen Fohlen vielleicht einen Gewinn zu erzielen. Eine exakte Planung funktioniert nur in der Massentierhaltung – und zum Glück haben wir keine Massentierhaltung, sondern den individuellen Züchter. Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, sind die Pferde, die in den Export zur Schlachtung gegangen sind, dramatisch zurückgegangen. Aus Tirol z. B. geht überhaupt kein Pferd mehr zur Schlachtung nach Italien, wir haben eine Vereinbarung mit den Tierschutzorganisationen, dass bei uns kein Pferd zur Schlachtung nach Italien transportiert wird. Natürlich kann der einzelne Züchter sein Fohlen nach Italien schicken, das lässt sich vom Zuchtverband nicht verhindern. Aber der Zuchtverband wird keinerlei konzentrierten Auftriebe bzw. eine Absatzveranstaltung durch seine Aktivitäten unterstützen.

Pferderevue: Seit wann gibt es dieses Abkommen mit Tierschutzorganisationen?

NR Schweisgut: Schon seit acht Jahren.

Pferderevue: Und wo kommen die überschüssigen Pferde hin?

NR Schweisgut: Bei uns wird, was geschlachtet wird, ausschließlich im Land für die Selbstverwertung geschlachtet.

Pferderevue: Und was passiert mit den anderen Pferden?

NR Schweisgut: Ich nenne Ihnen ein paar Zahlen: 1.250 Belegungen im Jahr 2003 ergeben ca. 900 lebend geborene Fohlen, die sich ziemlich gleichmäßig auf männliche und weibliche verteilen, also 450 Hengst- und 450 Stutfohlen. Rund die Hälfte der Stutfohlen, ca. 220, werden auf unserer Auktion zu einem Durchschnittspreis von 2.500,– Euro in 18 verschiedene Nationen verkauft, ca. 40 davon bleiben auch in Tirol. Beim Jährlingsbrennen hatten wir ungefähr 200 Stutfohlen, das entspricht ziemlich genau dem Rest, es sind vielleicht fünf, die Ihnen abgehen, alle anderen sind lebend in Tirol. Bei den Hengstfohlen ist der Anteil logischerweise geringer, weil wir bei den Hengsten eine viel größere Selektion haben. Wir wählen jedes Jahr rund 25 Hengstfohlen als künftige Deckhengste aus, die wir auch selbst aufziehen und stellen im Jahr ungefähr 60 Pferdepässe für Wallache aus. Wir würden den Anteil der Hengstfohlen, die in die Schlachtung gehen, mit rund 40 % ansetzen, und das wie gesagt ausschließlich in Tirol und ausschließlich zur Eigenverwertung.

Dr. Plank: Warum gibt es bei den Norikern und Haflingern einen relativ hohen Prozentsatz, der in die Schlachtung geht, nämlich nach Ihren Angaben ca. 40 % der männlichen Nachzucht, ca. 15–20 % der gesamten Nachzucht?

NR Schweisgut: Es ist eben nicht jedes Pferd als Zuchttier oder als Sportpferd geeignet. Ich bin der erste, der Sie unterstützt und sagt, wir sollen nichts mehr exportieren, denn Lebendtransporte sind in der heutigen Zeit nicht mehr tragbar. Das betrifft aber nicht nur das Pferd, das gilt genauso für Schweine und Rinder. Aber wenn ich ein Pferd, auch wenn es ein Fohlen mit sechs Monaten ist, im Land artgerecht schlachte, dann habe ich kein Problem damit.

Dr. Plank: Viele andere haben aber ein Problem damit. Ein Punkt scheint mir doch interessant: Wieso betrifft dieses Problem fast nur Haflinger und Noriker? Diese Zucht ist in bäuerlicher Hand, und da werden die Fohlen genauso behandelt wie die Kälber. Sie kommen zum Markt und werden verkauft – und ein gewisser Prozentsatz geht zur Schlachtung. Wieso gibt es das nicht bei den Warmblutpferden?

Imlauer: Weil die Noriker- und die Haflingerzucht die größte in Österreich ist.

Dr. Plank: Mir hat ein Funktionär in Oberösterreich gesagt, dass es auch daran liegt, dass die Deckprämie bei Norikern und Haflingern äußerst niedrig ist, bei 110,– Euro, und bei anderen Rassen wie dem Warmblut eben viel höher. Damit unter stützt man – gewollt oder ungewollt – die Schlachtfohlenproduktion. Denn weil das so billig ist und das Fohlen den ganzen Sommer auf der Weide steht, bringt es sogar dann noch Gewinn, wenn es nur 400,– oder 500,– Euro einbringt.

NR Schweisgut: Das stimmt einfach nicht. Die Beleggebühren für die Haflinger in Westösterreich betragen 225,– Euro und nicht 110,–. Dann müssen Sie zum Hengst hinfahren, mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit mindestens fünf Mal. D. h. Sie haben die Kosten für die Hin- und Rückfahrt, den Zeitaufwand… wenn Sie das alles rechnen, haben Sie Belegkosten von mindestens 450,– bis 500,– Euro. Dazu müssen Sie die Stute das ganze Jahr füttern, alle acht Wochen den Hufschmied bezahlen, müssen beim Fohlen dann einen Pferdepass, die Ausstellung und eine Versteigerungsabgabe bezahlen. Und dann soll irgendein ein vernünftig denkender Bauer ein Pferd zur Schlachtung züchten? Das ist ja absurd…

Dr. Plank: Wenn das wirklich so ein Verlustgeschäft ist, warum macht man es dann?

NR Schweisgut: Weil jeder damit rechnet, dass er bei den 80 % Zuchtware dabei ist, die einen entsprechend höheren Preis erzielt. Und ich schwöre Ihnen, dass das nicht ein reines Haflinger- und Norikerproblem ist, auch diese Darstellung möchte ich so nicht im Raum stehen lassen. Der Haflinger ist mit einem durchschnittlichen Gewicht von 200 kg als Fleischpferd völlig ungeeignet, weil die Masse von Knochen nicht in Relation zum Fleisch steht.
Eine Tierschützerin im Gespräch mit einem Züchter. © Animal Spirit
Eine Tierschützerin im Gespräch mit einem Züchter.
© Animal Spirit
Pferderevue: Herr Dr. Erasimus, gehen auch in Niederösterreich 15 bis 20 % der Fohlen zur Schlachtung?

Dr. Erasimus: Bei uns als Nachzuchtgebiet ist dies von den Zahlen her ein völlig untergeordnetes Problem, weil wir nicht die große Masse und nicht die Tradition in der Norikerzucht haben. Natürlich sind die Verbände aufgefordert, über Maßnahmen nachzudenken, die das Problem entschärfen. Ich kann nur sagen, wie wir das in Niederösterreich versucht haben. Wir haben 1977 begonnen, sogenannte zentrale Stutbucheintragungen einzuführen, d. h. alle drei- und vierjährigen Stuten werden im Frühjahr von einer Kommission bewertet und ins Zuchtbuch eingetragen. Die Züchter wissen genau, die erste Hälfte ist sehr gute Qualität, mit dieser macht es Sinn, weiterzuzüchten. Ähnliches haben wir ab dem Jahr 1978 mit den Hengsten gemacht, alle sechs Jahre gibt es eine große Landeshengstenschau, um auch hier dem Züchter zu zeigen, welches die Hoffnungshengste sind und welches die bewährten älteren Hengste, die in der Zucht schon etwas geleistet haben… Seit 1979 gibt es in NÖ jedes Jahr vier bis fünf regionale Pferdeschauen, wo auch versucht wird, alles nach Qualität zu orientieren. Und dann haben wir seit ungefähr 15 Jahren eine spezielle Verbandsprämie. Auf der einen Seite haben wir die Züchter beraten, Stuten der Klasse III nicht decken zu lassen, dafür wurden gute Stuten, wenn sie gedeckt wurden, vom Zuchtverband finanziell gefördert. Das sind die züchterischen Maßnahmen. Ganz wichtig sind aber auch parallel dazu die Maßnahmen im Sport. Es nutzt nichts, wenn wir die Qualität in der Zucht heben, aber auf der anderen Seite nichts für die Verwendung tun. Wir haben uns deshalb schon frühzeitig bemüht, Kontakt zum Sport zu finden. Der Zuchtverband hat im Jahr 1980 mit dem sogenannten Haflingercup begonnen, wir haben Prämien für erfolgreiche Haflinger in den Warmblutbewerben Dressur und Springen ausgeschrieben, wir haben seit einigen Jahren einen sehr intensiven Kontakt zur Ländlichen Reit- und Fahrorganisation. Der Konnex Zucht und Sport darf nicht nur auf die Warmblutrasse beschränkt bleiben, sondern muss genauso die Haflinger- und Norikerrasse betreffen. Beim Noriker haben wir uns bemüht, in erster Linie durchs Fahren, Norikerreitgruppen aufzubauen. In anderen Ländern – Salzburg, Kärnten – gibt’s das schon sehr lange. Ich glaube, die Verbände müssen durch eine Vielzahl von Maßnahmen aktiv zur Verbesserung der Situation beitragen. Sich nur an der Zucht allein zu orientieren, wird uns nicht weiterbringen.

Pferderevue: Noch einmal meine Frage: Ist der Prozentsatz der Fohlen, die in die Schlachtung gehen, in Niederösterreich infolge all dieser Maßnahmen geringer als z. B. in Salzburg oder in Tirol?

Dr. Erasimus: Ich kann keine konkreten Zahlen nennen, weil der Verband ja keine Absatzveranstaltungen abhält. Wir haben sogenannte Verkaufsschauen, die ausschließlich für gerittene und gefahrene Pferde der Rassen Haflinger, Noriker und Warmblut organisiert werden. Aber wir veranstalten keinen Markt, den man als Schlachtpferdemarkt bezeichnen könnte. Das haben wir bis 1997 gehabt, danach nicht mehr, weil es eine negative Sache auf allen Ebenen war: vom Image, vom Preis, vom Ansehen… Ab 1999 haben wir mit Fohlenchampionaten begonnen – dem NÖ Haflinger- und Noriker-Fohlenchampionat, das NÖ Warmblut- Fohlenchampionat gab es schon früher. Wenn aber jemand sein Pferd privat aus irgendwelchen Gründen zum Schlachter führt, wird uns das nicht gemeldet. Grundsätzlich kann ich die Frage daher nur sehr ungenau beantworten, aber generell glaube ich schon, dass bei uns der Prozentsatz geringer ist.

DI Wieser: Wenn das so dargestellt wird, dass Niederösterreich Qualität und wir Quantität produzieren, dann muss ich dem energisch widersprechen. Jeder Zuchtverband macht sich Gedanken – wir haben aber andere Voraussetzungen. Beim Noriker gibt es in Österreich derzeit eine Population von ca. 4.000 eingetragenen Stuten, daher gibt es auch eine größere Fohlenzahl. Diese brauche ich aber auch, um eine entsprechende Selektion betreiben zu können, um diese Rasse im Sinne des Zuchtfortschrittes weiter zu züchten und genetisch in ihrer Vielfalt hinsichtlich Farben und Blutlinien zu erhalten. Selbstverständlich ist unser Zuchtziel nicht die Bratpfanne, wie Sie dies eingangs unterstellt haben – sonst wären alle in den Zuchtverbänden Tätigen Idioten. Warum machen wir Leistungsprüfungen, selektieren auf Bewegungsqualität, auf Korrektheit im Fundament, auf die Züchtung eines modernern Freizeitpferdes, für den Sport geeignet, wenn wir Fleisch produzieren wollten? Da nehme ich doch den schwersten Hengst und die schwerste Stute und erspare mir das alles. Weil Sie, Herr Plank, von „Schlachtpferdemärkten“ gesprochen haben, lade ich Sie ein, den Katalog etwas genauer zu lesen. Wenn Sie bei den Stuten schauen – hier wird dem Käufer garantiert, dass die Stute ausgebildet ist, dass sie angeritten ist, dass sie eingefahren ist. Ich glaube, hier kann man nicht mehr von einem „Schlachtpferdemarkt“ sprechen.

Pferderevue: „Zuchtziel Bratpfanne?“ war natürlich als Frage gemeint und nicht als Behauptung. Die Diskussion soll dazu dienen, diese Frage zu klären. Tatsache ist aber, dass diese Fohlenauktionen dem Image der Pferdezucht insgesamt und auch dem des Salzburger Zuchtverbandes sicher nicht zuträglich sind – und das ist ja wohl auch mit ein Grund, warum z. B. Niederröstereich so etwas nicht mehr macht. Die Frage, die sich uns stellt, ist: Wie offen und wie offensiv gehen die Zuchtorganisationen mit diesem Thema um? Es scheint – wie in NÖ – doch möglich, durch bestimmte Maßnahmen, eventuell durch stärkere Selektion bei den Stutbuchaufnahmen, durch Förderung sportlicher Aktivitäten, Cups etc. sehr wohl etwas in eine andere Richtung in Gang zu bekommen. Unser Verdacht ist schon, dass gewisse Zuchtorganisationen da aktiver und aufgeschlossener sind als andere…

NR Schweisgut: Auch ich verwehre mich dagegen, dass sich der NÖ Zuchtverband als Vorzeigeorganisation darstellt. Ich habe mir einmal die nüchternen Zahlen aus NÖ angeschaut, und wenn 240 Hengste 900 Stuten belegen, dann ist das kein Zeichen für Selektion. Wenn in anderen Verbänden 60 Hengste gleich viel belegen, ist die Selektion nach Qualität sicher besser. Wenn Herr Dr. Erasimus behauptet, dass er der einzige ist, der Turniere veranstaltet, dann ist das auch nicht fair. Es gibt solche vom Zuchtverband unterstützte Turniere genauso in Salzburg, in Vorarlberg und auch in anderen Bundesländern. Und auch der Prozentsatz der geschlachteten Fohlen ist in Niederösterreich sicher gleich hoch wie in den anderen Bundesländern. Alle Zuchtorganisationen bemühen sich, für ihre Züchter einen zufriedenstellenden Erfolg zu erreichen. Kein Züchter der Welt ist zufrieden, wenn er von der Stute, die der Liebling der Familie ist, die er mit großem Aufwand belegt, ein Fohlen erhält, das zum Schlachter muss. Wenn der Zuchtverband eine Mehrheit solcher Fohlen produziert, führt sich die Zucht ad absurdum.

Pferderevue: Der Haflinger Pferdezuchtverband Tirol selektiert seit ca. 45 Jahren extrem streng, hat ein erwiesenermaßen hohes Qualitätsniveau, steht international an der Spitze. Sie haben Spitzenhengste und eine durchgezüchtete und durchselektierte Stutenbasis, d. h. diese 450 Hengstfohlen jährlich können ja keine schlechten oder unbrauchbaren Pferde sein, das ist ja nach jahrzehntelanger Selektion nicht möglich. Gibt es für die wirklich keine andere Verwendung als 40 oder noch mehr Prozent davon auf den Schlachthof zu schicken? Gibt es nicht Freizeitreiter, die diese Pferde mit Handkuss kaufen würden?

NR Schweisgut: Es gibt einen begrenzten Markt dafür, der vielleicht größer ist, als wir ihn uns vorstellen, aber auf diesem Markt ist der Konkurrenzdruck enorm. Es gibt eine Haflingerzucht in Deutschland, in Holland, wo Pferde unter deutlich günstigeren Bedingungen gezüchtet werden können. Man muss dort am Markt wahrscheinlich den doppelten Preis des lokalen Pferdes verlangen, damit unsere höheren Gestehungskosten gedeckt sind. Damit habe ich auf diesem Markt relativ wenig Chancen. D. h. die Alternative, die Sie aufzeigen, ist eigentlich keine. Da müsste man eine Summe in die Werbung hineinstecken, die wahrscheinlich nicht zielführend ist. Und in Wahrheit setzt man nur einen Verdrängungswettbewerb in Gang: Stirbt das eine Fohlen nicht, dann stirbt ein anderes dafür.

Pferderevue: Ist es nicht schade um diese Pferde?

NR Schweisgut: Natürlich ist es schade um jedes einzelne Pferd. Es ist genauso schade um jeden einzelnen Noriker. Nur wie gesagt, dann müssen wir mit den Belegzahlen noch einmal nach unten fahren, und das geht nur dann, wenn ich 50 % der Züchter das Züchten verbiete. Die Hoffnung stirbt zuletzt, das ist auch bei Pferdezüchtern der Fall. Schau’n Sie sich einmal die Belegzahlen an, die sind in vielen Zuchtverbänden in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Wir haben früher in Tirol über 2.000 Belegungen gehabt – jetzt sind es 1.200, d. h. wir haben mit unserer strengen Selektion und den hohen Preisen viele vertrieben, die gesagt haben, den Haflinger kann ich mir nimmer leisten. Ob das für den Verband gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, wahrscheinlich beides. Wir haben weniger Pferde, die zur Schlachtung kommen, aber die Zuchtauswahl hat sich natürlich auch reduziert.

Imlauer: Die zentrale Frage ist doch: Was kann man in Zukunft mit jenem Produkt, das „ausgemerzt“ werden muss, machen? Was kann man machen, damit man es nicht exportieren muss, sondern im Inland einen Absatz findet? Früher einmal gab es eine größere Anzahl von Pferdemetzgern, Pferdefleisch ist liebend gern gegessen worden, weil es auch sehr gesund ist. Aber der Markt ist verlorengegangen, und das wieder aufzubauen, ist sehr schwierig. Ich glaube, dass wir uns alle miteinander, auch der Tierschutz, bemühen müssten, dass man im Inland für dieses Produkt, das wir ausscheiden müssen, einen Markt schafft.

Dr. Plank: Aber das ist doch ein seltsames Argument: Die Österreicher sollen mehr Pferdefleisch essen, dann haben wir das Problem nicht…

DI Wieser: Sie verstehen das nicht richtig, die Österreicher sollen nicht mehr Pferdefleisch essen…

Dr. Plank: Das ist das Hauptargument, der Bauern zumindest…

DI Wieser: Es ist Tatsache, dass Österreich im Jahr 2004 470 Tonnen Pferdefleisch importiert hat. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn dieser Bedarf schon vorhanden ist, diese Nachfrage aus dem Inland zu decken? Diese Freikaufaktionen von Tierschutzvereinen dienen doch hauptsächlich Publicity- Zwecken…

Dr. Plank: Wir leben nicht von öffentlichen Fördergeldern, sondern müssen von Spenden leben, das geben wir durchaus zu. Deswegen müssen wir mit unseren Aktionen eine gewisse Werbung machen und Spender, die das offensichtlich genauso schlimm finden wie wir, zu lukrieren. Sonst wären wir nicht in der Lage gewesen, letztes Jahr über 80 Fohlen, Ponys und auch Pferde frei zu kaufen, das hat uns über 40.000,– Euro gekostet, wovon ja auch Ihr Verband profitiert hat. Sie haben mir ja damals sogar gratuliert, als wir die Pferde freigekauft haben.

NR Schweisgut: Aber glauben Sie nicht, dass das nur ein Verdrängungswettkampf ist? Dass dieses gerettete Fohlen den Platz eines andern einnimmt, das dann keinen Platz findet?

Dr. Plank: Das weiß ich nicht, vielleicht sind das auch Leute, die sich sonst kein Pferd genommen hätten.

Pferderevue: Herr Professor Troxler, was sagen Sie als Experte für Tierhaltung und Tierschutz zu dieser Problematik?

Prof. Troxler: Ich glaube, dass die Pferdezuchtverbände mit dem Schlachtfohlenexport zunehmend ein Problem haben werden, vor allem ein Imageproblem. Man kann lange über Statistiken und Zahlen streiten – das bringt uns in Wahrheit nicht weiter. Ich glaube, es wäre an der Zeit, auch in Kooperation mit den Tierschutzvereinen eine Lösung zu suchen, die einer Imagepflege dient. In der landwirtschaftlichen Produktion ist diese Imagepflege vielfach gelungen z. B. im Eiermarkt. Ich sehe nicht ein, warum halbjährige Fohlen geschlachtet werden müssen. Vielleicht könnte man sie wirklich einer anderen Nutzung zuführen und dann in einem späteren Alter zur Schlachtung führen. Ich kenne die Marktsituation nicht, ob dafür ein Bedarf besteht, aber ich denke, das wäre sehr ernsthaft zu überlegen. Meine langjährige Erfahrung im Tierschutz ist: Am Schluss bestimmt immer das Geld, wieviel Tierschutz gemacht wird oder nicht. Und ich frage mich, wer dann schlussendlich noch wieviel Geld verdient? Bis jetzt habe ich nur gehört: Es rentiert sich nicht. Ja, warum macht man es dann? Das widerspricht ja jedem marktwirtschaftlichen Prinzip! Warum hält dann jeder Bauer eine Stute? Wenn er genau weiß, er verdient nichts…

NR Schweisgut: Wenn 80 % einen Gewinn machen und 20 % einen Verlust, dann hat jeder eine 80%ige Chance, dass er einen Gewinn macht. Wenn die Mehrheit geschlachtet würde, dann hört die Zucht auf. Deswegen ist das nicht unser Interesse.

Prof. Troxler: Herausgehört habe ich, dass von diesen 20 %, die als Fohlen halbjährig zur Schlachtung gehen, eigentlich ein ganz verschwindend kleiner Prozentsatz Fehler hat, wo es wirklich keine andere Lösung als die Schlachtung gibt – während die anderen brauchbar sind. Da könnte man sich doch wirklich Strategien überlegen, in Marketing, Ausbildung etc. investieren – und versuchen, mit den Tieren etwas Spezielles zu machen…

NR Schweisgut: Wir bemühen uns alle seit Jahrzehnten, den Markt so zu gestalten, dass der Züchter zufrieden ist. Das ist ja die Grundvoraussetzung eines Zuchtverbandes. Es ist nicht so, dass wir heute hierher kommen und erkennen, aha, jetzt müssen wir unsere Strategie ändern, jetzt müssen wir schauen, dass die Züchter ihre Pferde besser verkaufen als vorher, weil ein Pferd zum Reiten lässt sich wahrscheinlich besser verkaufen als eins zum Schlachten… So einfach ist das nicht.

Prof. Troxler: Warum nicht?

NR Schweisgut: Auch im Reitpferdesektor ist der Import eine Tatsache. Wenn unsere Unkosten als Züchter zu hoch sind für den Konsumenten, wird sich der umschauen, wo er eine ähnliche Qualität billiger bekommt. Wenn Sie eine gute Idee haben, wie wir es machen sollen, nehmen wir sie selbstverständlich gerne auf. Nur, wir arbeiten professionell an dieser Möglichkeit, dass unsere Züchter glücklicher, zufriedener, besser verdienend sind. Das ist eine Unterstellung, dass wir nichts tun, damit die Züchter zufriedener werden.
Mit vereinten Kräften werden die Jungtiere in den Transporter verfrachtet. © Animal Spirit
Mit vereinten Kräften werden die Jungtiere in den Transporter verfrachtet.
© Animal Spirit
Pferderevue: Wir meinen, dass die Zuchtorganisationen an einer Art Weggabelung angelangt sind: Betrachtet man das Pferd als landwirtschaftliches Produkt – wogegen wahrscheinlich nichts zu sagen ist und was wir auch moralisch nicht werten wollen – und richtet die Verbandsarbeit danach aus, oder betrachtet man das Pferd als Freizeitpartner des Menschen und positioniert sich entsprechend. Herr Wieser, wie kann und wie wird sich ein Zuchtverband wie der Ihre da verhalten? Können solche Veranstaltungen wie die Fohlenauktion in Maishofen die Zukunft sein, oder müssen Sie nicht langsam Ihre Mitglieder dahingehend informieren und betreuen, dass Sie sagen: Wir müssen verstärkt auf das Angebot für den Freizeitreiter setzen? Überdenken Sie solche Fohlenauktionen vom Konzept her – auch angesichts der jahrelangen Proteste und des negativen Medienechos?

DI Wieser: Ich würde das ganze sicher überdenken, wenn ich eine Schlachtpferdeauktion machen würde, aber das sind ja Zuchtauktionen.

Pferderevue: Sie haben ja selber zugegeben, dass ein guter Teil dieser Fohlen zur Schlachtung gelangt. Man mag das als Zuchtauktion bezeichnen, aber wenn ich weiß, ein Drittel oder sogar die Hälfte der Pferde wandert zum Schlachter, bleibt jedenfalls ein Imageproblem. Dem Ruf und dem Ansehen der österreichischen Pferdezucht sind solche Auktionen zweifellos nicht zuträglich.

Imlauer: Im Gegenteil. Von Holland und von Deutschland kommen Leute herein und wollen ein Fohlen oder Jungpferd kaufen. Es bleibt sicher eine Frage, wie man die Ausmerzverwertung in Zukunft gestalten wird können – ebenso, wie man das Problem Tiertransport besser lösen kann.

Pferderevue: Können Sie sich einen Schritt wie der Tiroler Haflingerzuchtverband vorstellen, dass generell keine Transporte über die Grenze mehr stattfinden…

Imlauer: Wenn wir soweit sind, wie der Herr Schweisgut geschildert hat, dass der eigene Züchter das Fohlen verwertet, dann ist das durchaus eine sehr zufriedenstellende Entwicklung.

Dr. Erasimus: Wir Zuchtorganisationen müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht nur für den Züchter züchten. Die Zucht ist kein Selbstzweck, wir müssen für den Markt und den Pferdekäufer züchten – und der Markt ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Der BFV für Reiten und Fahren hat 40.000 Mitglieder, von diesen 40.000 haben ungefähr 7.000 eine Reitlizenz, davon besuchen aber vielleicht 3.500 Turniere. Man schätzt, dass es in Österreich bis zu 200.000 Leute gibt, die reiten, aber nicht organisiert sind – das ist ein enorm großer Markt im Freizeitbereich. Sogar der Hannoversche Zuchtverband, der größte Warmblutzuchtverband der Welt und führende Sportpferdezuchtverband, macht momentan ein Projekt „Freizeitreiten“. Dort liegt die Zukunft. Wir müssen uns um die Verwendung der Pferde bemühen, intensiv mit der Ländlichen Reiterei zusammenarbeiten, Veranstaltungen anbieten, Angebote und Unterstützungen für die Ausbildung der Pferde bereitstellen etc. Das müssen wir Zuchtorganisationen aber selbst machen, wir dürfen nicht warten und darauf hoffen, dass das ein Reitverein macht oder irgendwer sonst. Das ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

Fragwürdige Flurbereinigung

Die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass eine große Zahl gesunder Fohlen alljährlich wie selbstverständlich als „Ausmerzprodukte“ der Zucht in die Fleischproduktion geht, hat etwas seltsam Zwiespältiges: Im direkten Gespräch wird keiner der Betroffenen die Tatsache leugnen, über das Ausmaß und den konkreten Ablauf der „Entsorgung“ ist man schon weniger auskunftsfreudig – und auch genaue Zahlen sind zu diesem heiklen und für die Zuchtorganisationen wenig angenehmen Thema schwer zu erhalten. Offiziell spricht man beim Haflinger Pferdezuchtverband Tirol, der vom Problem der Überproduktion offenbar besonders betroffen ist, von 15 bis 20 % der jährlich anfallenden Fohlen, die zum Schlachter gehen, auf die Hengste allein bezogen von ca. 40 % (bezogen auf das Jahr 2004 entspräche das ungefähr 180 Hengstfohlen). Die rigorose Zuchtpolitik des Tiroler Haflingerverbandes sieht vor, daß jedes Jahr nur ca. 5 % der Hengste als zukünftige Vererber auserkoren werden, die in Verbandsbesitz übergehen, private Hengsthaltung ist in Tirol nicht gestattet. Ein gewisser Prozentsatz der Hengste darf als Wallach weiterleben, wieviele tatsächlich in die Fleischproduktion gehen, ist schwer nachvollziehbar.

Das Problem der „Ausmerzfohlen“ wie sie Franz Imlauer, Obmann des Landespferdezuchtverbandes Salzburg, nennt, gibt es auch in anderen Pferdezuchten, die Norikerzucht in ihrem Hautptzuchtgebiet ist ebenfalls davon betroffen: 103 Hengstfohlen und 33 Stufohlen sind letztes Jahr nach Auskunft des Verbandes in die Schlachtung gegangen. Wobei „Nutzfohlen“ beim Noriker doch ein wenig anders gesehen werden müssen, als beim Nordtiroler Haflinger: Der Noriker gilt als gefährdete Nutztierrasse, und so war man bei manchen Farbschlägen wie z. B. dem Norikertiger gezwungen, mit allem zu züchten, was an genetischem Material noch vorhanden war, wobei man auf relativ tiefem Niveau beginnen und möglichst alle Stuten decken musste, um das züchterische Niveau zu steigern bzw. die Rasse abzusichern. Beim Haflinger hingegen, der zu keiner Zeit vom Aussterben bedroht war und der in Tirol seit über 40 Jahren extrem streng selektiert wird, greift dieses Argument nicht bzw. heute nicht mehr.

Doch nicht nur das Ausmaß der züchterischen „Flurbereinigung“ scheint problematisch, auch die Wege der „Entsorgung“ rufen regelmäßig Tierschützer auf den Plan. Nach einer aufsehenerregenden Freikaufaktion des Tierschutzvereins für Tirol im Jahr 1999, als Obmannstellvertreterin Inge Welzig ca. 600 Haflingerfohlen freikaufte, wurde auch dem Haflinger Pferdezuchtverband Tirol klar, dass die gängige Praxis in der Öffentlichkeit offenbar nicht so gut ankommt. Der Verband reagierte auf die Kritik und die Proteste, indem er die Massentransporte der Fohlen nach Italien offiziell einstellte. Laut Verbandsgeschäftsführer Johannes Schweisgut existiert seit acht Jahren ein Abkommen mit dem Tierschutzverein für Tirol, namentlich mit Inge Welzig, dass kein Tiroler Fohlen mehr außer Landes verbracht wird, um geschlachtet zu werden. Inge Welzig dementiert auf Nachfrage, dass es ein derartiges Abkommen gebe, sie habe es mittlerweile „aufgegeben, Dinge, die sich nicht ändern lassen, ändern zu wollen. Ein Kontakt zu Herrn Schweisgut besteht schon seit Jahren nicht mehr“ – so Welzig.

Wo also verbleiben alljährlich die vielen überzähligen Haflingerhengstchen? Laut Johannes Schweisgut werden sie im Land von den Züchtern selbst für den Eigenbedarf „verwertet“. Tatsächlich werden im Land Tirol mehr Fohlen geschlachtet als in jedem anderen Bundesland. 157 waren es laut Statistik im Jahr 2004, 134 im Jahr 2005 . Nach Auskunft des Amtstierarztes der BH Kufstein, Dr. Peter Kastlunger, gehen aber auch Haflingerfohlen aus Tirol nach Niederösterreich, wohin genau und wieviele genau wisse man allerdings nicht. Einige davon, so NR Johannes Schweisgut, gelangten zum Pferdehändler und -exporteur Franz Bruckner, beheimatet in Neumarkt/Ybbs im Bezirk Scheibbs. Nach Auskunft des Amtstierarztes der BH Scheibbs, Dr. Martin Deinhofer, wurden aus dem Bezirk Scheibbs im Jahr 2005 632 Pferde nach Italien, fünf nach Slowenien und ein Pferd nach Ungarn exportiert, 2004 wurden 603 Pferde exportiert, alle gingen nach Italien. Auch wenn Italien nicht immer mit „Schlachthof“ gleichzusetzen ist, zeigt die österreichische Exportstatistik und die darin angeführten Preise, dass überwiegend Schlachtpferde von Österreich in dieses Land gehen.

Eine Problemlösung, so man die Situation überhaupt als problematisch erkennt, müsste einerseits bei der Produktion ansetzen, andererseits beim Absatz – und nicht zuletzt beim Selbstverständis der Züchter. Man müsste die Zuchtpolitik überdenken, die Aufzucht von Hengsten auch Privathaltern erlauben und den Bauern beibringen, dass man das Fohlen nicht nur im Stall stehen lassen und dann für die Schau aufmascherln kann – sondern sich damit beschäftigen muss, sich fortbilden muss, das Pferd ausbilden (lassen) muss. Man müsste neue Märkte erschließen, Marketing betreiben, das über Blond & Schön hinausgeht… Ansätze dazu sind vorhanden, und die Zeit wird kommen, da auch die Züchter einfordern werden, dass man aus ihren Produkten mehr macht als Leberkäs’ und Fohlenschnitzel. Deswegen sind vorurteilsfreie und offene Diskussionen so notwendig und so wertvoll, nicht um einzelne Zuchtverbände anzuprangern, sondern um Lösungen zu finden, die im Sinne der Zucht und der Züchter, aber vor allem auch im Sinne der Pferde sind. Oder aber man ist so ehrlich und sagt, ja, wir produzieren auch Fleischpferde – und stehen dazu.

Kurzes Nachwort zu den Freikaufaktionen der Tierschützer: So positiv sie vielleicht für einzelne Pferde sein mögen, sind sie als Mittel der Zucht- und Marktregulierung letztlich ungeeignet. Erstens ändern sie an der grundlegenden Problematik nichts und zweitens gelangen die freigekauften Pferde nicht immer zu sachkundigen Besitzern, die dem Pferd ein artgerechtes Aufwachsen und Leben ermöglichen. Viel besser und für alle Beteiligten befriedigender wäre es, den Haflinger von seinem „Billigpferdimage“ zu befreien ihm den Markt zu erschließen, der diesem wunderbaren, vielseitigen und sympathischen Pferd gebührt. 

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