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05.12.2010

Krise als Chance

Der Bericht des Rechnungshofes über die Spanische Hofreitschule schlug ein wie eine Bombe.

Intern waren die Ergebnisse zwar bekannt, die neue Geschäftsleitung wusste jedoch nicht im Detail, was auf sie zukommt.

Hofreitschule Dreispitz © Archiv
© Archiv
Ernst Bachinger, Leiter der Reitbahn an der Spanischen Hofreitschule, ist bedrückt. Und an manchen Tagen auch zunehmend verärgert. „Zum Reiten muss der Kopf frei sein – und das ist er zur Zeit nicht. Darunter leiden wir alle.“ Das Leiden hat einen Namen: der Rechnungshofbericht und seine Folgen. Kurz nach der Vorstellung der neuen Geschäftsführung, Dkfm. Elisabeth Gürtler, Generaldirektorin, und Mag. Erwin Klissenbauer, wirtschaftlicher Direktor, im November 2007 war der Rohbericht des Rechnungshofs über die Prüfung der Spanischen Hofreitschule – Bundesgestüt Piber an die Medien gelangt, tagelang stand zu lesen, wie groß das Minus der Spanischen Hofreitschule ist – bis zum Jahr 2006 war ein kumulierter Bilanzverlust von 18,44 Millionen Euro zu verzeichnen, für 2007 soll ein weiterer Abgang von annähernd 1,8 Millionen zu verbuchen sein – und dass vor allem die hohen Gehälter der Oberbereiter und Bereiter an der Misere schuld seien. Genüsslich wurde ausgebreitet, wie viel sie verdienen, an neidvollen Kommentaren fehlte es nicht. Auch Elisabeth Gürtler hatte sich ihren Einstieg anders vorgestellt: „Die Stimmung ist nicht gut, ich würde sagen, sie ist schlecht.“ Am 29. Jänner wurde der Prüfbericht dem Nationalrat vorgelegt – und ist seither veröffentlicht und jedermann und jederfrau zugänglich (www.rechnungshof.gv.at). Das 50seitige Dokument zeigt das Missmanagement der ersten sechs Jahre auf – mit dem lakonischen Fazit: „Das der Vorbereitung der Ausgliederung der Spanischen Hofreitschule im Jahr 2001 zugrunde gelegte Ziel einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung über einen Zeitraum von acht Jahren kann voraussichtlich nicht erreicht werden.“ Etwas, was die Verantwortlichen bereits 2004 erkannt hatten, mit dem Wechsel der Geschäftsführung im Jahr 2005 wurde eine erste Kurskorrektur eingeleitet. Der Bericht dient aber nicht allein der Vergangenheitsbewältigung, sondern macht auch klare Vorgaben für die Zukunft: 23 Empfehlungen im Anhang listen die Hausaufgaben der neuen Geschäftsleitung auf. Gürtler, dazu befragt, ob ihr der Inhalt des Berichts bei Amtsantritt bekannt war: „Nein, ich erhielt den Rohbericht an unserem ersten gemeinsamen Arbeitstag. Uns wurde immer erzählt, es sei in den vergangenen Jahren ein Sanierungskurs gefahren worden, der im wesentlichen abgeschlossen sei.“ Die Arbeit ihrer Vorgänger will sie jedoch nicht kommentieren. „Der Rechnungshofbericht lag unseren Vorgängern nicht vor, er liegt uns vor – und wir müssen nun die Empfehlungen umsetzen.“
Hofreitschule Levade Bakel © René van Bakel
Vorbildliche Levade, auch gerne in Augartenporzellan verewigt.
© René van Bakel

Der Rechnungshofbericht

Kurz zur Vorgeschichte: Am 1. Jänner 2001 wurden die Spanische Hofreitschule und das Bundesgestüt Piber aus dem Landwirtschaftsministerium ausgegliedert, der Komplex Spanische Hofreitschule und Bundesgestüt Piber wurde zu einer eigenständigen Gesellschaft öffentlichen Rechts, befindet sich aber nach wie vor zu 100 % im Eigentum des Bundes. Zum Zeitpunkt der Ausgliederung standen Einnahmen von rund 30 bis 35 Millionen Schilling (rund 2,5 Mio. Euro) beträchtlich höhere Ausgaben von rund 65 Millionen Schilling (rund 4,7 Mio. Euro) gegenüber. Die absehbaren Verluste der kommenden acht Jahre sollten jedenfalls abgedeckt werden: Eine Mitgift von rund 24,96 Mio. Euro (nur zum Teil als Barmittel, zum guten Teil als Liegenschaften, deren Buchwert allerdings im Jahr 2005 abgewertet werden musste, was zu einer Erhöhung des Jahresfehlbetrages führte) – um 7,88 Mio. Euro mehr als eine Schätzung des Bedarfs durch einen Wirtschaftsprüfer ergeben hatte – sollten den Start in die Selbständigkeit erleichtern und Zukunftsängste mindern.

Dass selbst diese großzügig bemessene Reserve nicht ausreichte und bis zum Jahr 2006 laut Rechnungshofbericht ein akkumulierter Bilanzverlust von 18,44 Mio. Euro zu verbuchen ist, hat mehrere Ursachen, die penibel im Bericht aufgelistet sind.

Einen gravierenden Grund für die schlechte Entwicklung sieht der Rechnungshof vor allem darin, daß erst mehr als vier Jahre nach der Ausgliederung ein realisierbares Unternehmenskonzept vorlag. Das Spanische Hofreitschule- Gesetz schreibt zwar vor, dass bis zum 1. September 2001 ein Unternehmenskonzept vorgelegt werden muss, aus dem sich die Unternehmensstrategie zur langfristigen Absicherung der Wirtschaftlichkeit der Gesellschaft ergibt. Dr. Werner Pohl, Geschäftsführer vom 1. Februar 2001 bis 14. Oktober 2005, hatte dem Aufsichtsrat allerdings – wie der Rechnungshof anmerkt – nur einen Entwurf vorgelegt, dessen zentraler Punkt die Errichtung eines Trainingszentrums in Schönbrunn war. Im April 2003 zeichnete sich eine Finanzierung des Trainingszentrums durch Dritte immer noch nicht ab. Im August 2004 wurde der Pachtvertrag über das Sommerquartier Kleinwetzdorf abgeschlossen, der die Kosten für die Sommerfrische der Lipizzaner auf das Vierfache erhöhte. Durch die Einführung einer Individualzulage 2002 für die Beamten (Oberbereiter und beamtete Bereiter), die im Jahr 2004 erhöht wurde, die zeitweise Auslagerung von bis zu zehn Hengsten in den Privatstall eines Oberbereiters im westlichen Wienerwald, die insgesamt Kosten von 1,24 Mio. Euro verursachte, durch erhöhte Tourneegelder und höhere Grundgehälter bei gleichzeitigem Rückgang der Vorführungen, durch hohe Beratungskosten usw. wurde die finanzielle Lage der Gesellschaft schließlich so prekär, daß der Aufsichtsrat feststellte, dass Handlungsbedarf besteht – und die Notbremse zog.

Aus dem Bericht: „Der Aufsichtsrat hielt im April 2005 fest, dass das Unternehmen insbesondere im Kerngeschäft an Ertragskraft verloren hatte und der Umsatz im Jahr 2004 nicht einmal mehr den Personalaufwendungen entsprach. Er beauftragte daher den kaufmännischen Geschäftsführer (Anm.: Armin Aigner), einen Businessplan für die Jahre 2006 bis 2008 zu erstellen, den der Aufsichtsrat im Juni 2005 beschloss. Der Businessplan 2006 bis 2008 stellte dar, wie das wirtschaftliche Ziel, innerhalb der folgenden drei Jahre ein ausgeglichenes Ergebnis zu erwirtschaften, zu erreichen sei. […] Was unter dem im Businessplan angeführten wirtschaftlichen Ziel ,ausgeglichenes Ergebnis‘ zu verstehen ist, war nicht näher ausgeführt.

Auf Anregung des RH erklärten der bis 30. November 2007 tätig gewesene Geschäftsführer (Anm. Armin Aigner) und der Vorsitzende des Aufsichtsrates im Februar 2007, das wirtschaftliche Ziel sei die Erreichung eines positiven Ergebnisses der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) bis zum Jahr 2008.

Die als Businessplan 2006 bis 2008 bezeichnete Unterlage stellte eine Neufassung des Unternehmenskonzepts dar. Der RH wies kritisch darauf hin, daß erst mehr als vier Jahre nach der Ausgliederung ein realisierbares Unternehmenskonzept vorlag.“

Was Dr. Werner Pohl anders sieht. „Das ist definitiv falsch, es ist ein Unternehmenskonzept erarbeitet worden, das vom Aufsichtsrat auch beschlossen wurde.“ Vorlegen will er es jedoch nicht, die Spanische Hofreitschule stellt auf Anfrage schließlich die Eckpunkte des Konzepts zur Verfügung.

Tiefere Ursachen

Dass sich im Moment die Probleme der Spanischen Hofreitschule am reitenden Personal aufhängen, ist bedauerlich und auch ungerechtfertigt. Dass an der Spanischen seit der Ausgliederung im Jahr 2001 nicht alles zum Besten steht, wussten Insider schon lange, auch nach außen hin waren immer wieder Korrekturen sichtbar. Im Oktober 2005 wurde Dr. Werner Pohl als Geschäftsführer und Direktor brüsk verabschiedet, da die Finanzen völlig aus dem Ruder zu laufen drohten. Sein Nachfolger, Mag. Armin Aigner, seit 2003 als Controller im Betrieb, wurde damit betraut, das Unternehmen wirtschaftlich wieder auf Kurs zu bringen. Mit Herbst 2007 befand er, dass ihm dies im Wesentlichen gelungen sei und bot an, seinen Vertrag vorzeitig zu beenden, ein Angebot, das der Aufsichtsrat annahm.

Über das Ausmaß der Sanierung gehen die Meinungen auseinander, je nachdem, ob man außerordentliche Geschäftsergebnisse – z. B. Erlöse aus Grundstücksverkäufen – mit einbezieht oder nicht. Für die neue Geschäftsleitung sind Grundstücksverkäufe definitiv kein Mittel zur Sanierung der Bilanzen. Gürtler: „Aus den Grundstücken soll vielmehr eine Rendite erwirtschaftet werden, die hilft, das Defizit des laufenden Geschäftes abzudecken.“

Bereits seit Ende 2005 wurde ein Sparprogramm gefahren: Restrukturierungen und ein Sozialprogramm in Piber brachten Einsparungen, die Ausgaben für externe Beratungen wurden zurückgefahren, die Tourneeauftritte, die aufgrund der Sonderzahlungen pro Auftritt sehr teuer sind, wurden reduziert, dafür die Auftritte in Wien etwas erhöht. So merkt auch der Rechnungshofbericht positiv an, dass für das Jahr 2006 „eine deutliche Verbesserung erfolgte“.
Hofreitschule Einritt Gruss © René van Bakel - Spanische Hofreitschule
Beim Einritt wird das Porträt Kaiser Karls VI, der den Bau der Winterreitschule beauftragte, gegrüßt.
© René van Bakel - Spanische Hofreitschule

Vorbereitung: mangelhaft

Dass jahrelanges Missmanagement in so kurzer Zeit nicht aufgeholt werden kann, liegt auf der Hand. Die Wurzel des Übels reicht aber noch tiefer, in die Phase der Vorbereitung der Ausgliederung. So merkt der Rechnungshofbericht kritisch an, dass weder der Gesetzesentwurf für die Ausgliederung dem Rechnungshof zur Prüfung vorgelegt wurde (wie an und für sich üblich, um die zu erwartende Ent- oder Belastungen für das Budget absehen zu können), noch die vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft zur Ausgliederung gesetzten Maßnahmen dem Ausgliederungshandbuch des Bundesministerium für Finanzen aus 1998 entsprachen. „Das Ausgliederungskonzept soll gemäß dem Ausgliederungshandbuch über die Ausgangssituation, die Aufgaben der neuen Organisationseinheit, die diesbezüglichen Motive und Zielsetzungen des Bundes Aufschluss geben. Weiters soll es eine Grobdarstellung der neuen Organisationseinheit sowie gemäß § 14 Bundeshaushaltsgesetz eine Darstellung der finanziellen Auswirkungen für den Bundeshaushalt enthalten. Diese als wesentlich anzusehenden Inhalte eines Ausgliederungskonzepts waren in den als Ausgliederungskonzept dem RH vorgelegten Unterlagen nicht enthalten.“

Und ein weiteres entscheidendes Versäumnis mag zum schlechten Start der ausgegliederten Hofreitschule entscheidend mit beigetragen haben: In die Planung und Vorbereitung wurde weder der damalige Direktor, Dr. Jaromir Oulehla, immerhin 16 bzw. 18 Jahre im Amt, noch ein Bereiter noch sonst irgend jemand aus der Spanischen Hofreitschule mit einbezogen – Know-how, das sträflich außer acht gelassen wurde, ein Fehler, der in derartigen Prozessen leider häufig gemacht wird und wurde. „Eine frühzeitige und umfassende Einbindung der Belegschaft erweist sich als eine für den Erfolg von Ausgliederungen wichtige Maßnahme, die in der Praxis oft vernachlässigt wird.“ (Gabriel Obermann, Anna Obermair, Wolfgang Weigel, in: Evaluierung von Ausgliederungen. Kriterien für eine umfassende Bewertung, Studie im Auftrag der Standortpartnerschaft WKÖ-GÖD [Hg.], Wien 2002)

Dass schließlich mit Dr. Werner Pohl der federführende Architekt des Ausgliederungskonzeptes zum neuen Geschäftsführer des ausgegliederten Unternehmens gemacht wurde, erregte bereits 2001 einige Irritation. Und mit Dr. Michael Schreder zog ein Exponent der Unternehmensberatung Arthur Anderson (heute Auditor Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft mbH, Teil der Deloitte-Gruppe), die die Ausgliederung beratend begleitet hatte, in den Aufsichtsrat ein. Dr. Johannes Abentung, damals wie heute Vorsitzender des Aufsichtsrates, zu dieser doch etwas seltsam anmutenden Konstruktion der „Selbstkontrolle“: „Dr. Schreder wurde vom Bundesminister für Landwirtschaft in den Aufsichtsrat entsandt, weil er bei der Ausgliederung dabei war und das Zahlengerüst gekannt hat.“

Dr. Michael Schreder war für eine Stellungnahme nicht zu sprechen.
Hofreitschule alle-Bereiter © René van Bakel - Spanische Hofreitschule
Leiter der Reitschule Ernst Bachinger (Mitte) im Kreise seiner Bereiter
© René van Bakel - Spanische Hofreitschule

Potentielles Millionengrab

Nachdem sich der Plan, ein Trainingszentrum auf dem Areal von Schloss Schönbrunn zu errichten, zerschlagen hatte, begann die Suche nach einem geeigneten Objekt bzw. Areal, auf dem sich das Vorhaben eines neuen Sommerquartiers bzw. eines Trainingszentrums verwirklichen ließe. Der Pachtvertrag mit der Stadt Wien für das Sommerquartier in Lainz – ursprünglich abgeschlossen bis 2016 – wurde mit 1. Juni 2005 einvernehmlich gekündigt. Bereits im August 2004 hatte die Spanische Hofreitschule für die Dauer von 20 Jahren einen Bestandsvertrag bezüglich einer Liegenschaft in Kleinwetzdorf/Heldenberg abgeschlossen. Als Grundbestandszins wurden jährlich 20.000,– Euro vereinbart, außerdem ein wertgesicherter, umsatzabhängiger Bestandzins von 0,80 Euro für jede Eintrittskarte, die für Aufführungen oder für sonstige Veranstaltungen der Hofreitschule in ihrem Sommerquartier, insbesondere Besuche oder Stallführungen, verkauft wird. „Für die bei der Niederösterreichischen Landesausstellung verkauften Karten, die auch den Besuch des Sommerquartiers in Kleinwetzdorf beinhalteten, erhielt die Gesellschaft zwar keinen Erlösanteil, bezahlte jedoch den umsatzabhängigen Bestandzins für 70.000 Besucher.“ (Zitat Rechnungshofbericht). Falls die Hofreitschule nach dem 1. Jänner in einem Jahr keine Eintrittskarten verkauft, so heißt es weiter in dem Vertrag, muss sie für das betreffende Jahr den zweifachen Grundbestandzins zahlen. Außerdem sieht der Vertrag auch vor, „dass bei Vertragsbeendigung sämtliche allenfalls von der Bestandnehmerin errichteten Gebäude und baulichen Anlagen entschädigungslos in das Eigentum der Bestandgeberin übergehen“. Der Kommentar des Rechnungshofes fällt entsprechend aus: „Der RH beurteilte die im Rahmen des Bestandvertrages von der Gesellschaft eingegangenen vorangeführten Vertragsbedingungen für die Gesellschaft als nicht vorteilhaft.“

Zur Verdeutlichung wie unvorteilhaft die Bedingungen sind: Die Kosten für die Sommerfrische der Lipizzaner – rund zwei Monate im Jahr – explodierten auf das Vierfache, von 53.000,– Euro im Jahr 2003 und 63.000,– Euro im Jahr 2004 auf 253.000,– Euro im Jahr 2005 und auf 242.000,– Euro im Jahr 2006. Pikantes Detail am Rande: Bestandsgeber, d. h. Besitzer und Verpächter der Anlage in Kleinwetzdorf ist die Privatstifung der Industriellenfamilie Turnauer.

Ehrenpräsident des Aufsichtsrates der Spanischen Hofreitschule seit Juni 2005: Botschafter Max Turnauer. Auf die Frage, wie es zu für die Gesellschaft so nachteiligen Vertragsvereinbarungen kommen konnte, antwortet Dr. Pohl: „Zum Gesamtprojekt Wetzdorf gab es Vorgaben aus dem Landwirtschaftsministerium, die waren einzuhalten. Wenn es zu einem sogenannten Vertrag zwischen Bund und Land kommt, dann ist es nicht meine Aufgabe, das zu kommentieren. Und im Hinblick auf die Eintrittskarten, da sprechen Sie die Landesausstellung 2005 an, das ist überhaupt nicht oder nur marginal in unserem Verhandlungsbereich gewesen, das war eine Kombination von Vermietung und Verpachtung von Anlagen aus dem Besitz der Familie Turnauer an das Land Niederösterreich, und es steht mir nicht zu, das zu kommentieren.“

Für die Errichtung des Sommerquartiers in Kleinwetzdorf schoss der Bund 1,1 Mio. Euro zu, das Land Niederösterreich steuerte aus Regionalisierungsmitteln 1,25 Mio. Euro bei. An Infrastruktur gibt es dort zur Zeit 81 Paddockboxen, ein Viereck und eine Bewegungsmaschine. Unabdingbar für eine kontinuierliche Arbeit ist weiters eine Reithalle.

Klar ist, dass das Land Niederösterreich ein großes Interesse daran hatte, die Spanische Hofreitschule im Rahmen der Landesausstellung 2005 am Heldenberg präsent zu haben, eine Zeitlang bestanden seitens der Steiermark sogar starke Befürchtungen, man wolle das Lipizzanergestüt gänzlich aus Piber abziehen und nach Niederösterreich verpflanzen, Befürchtungen, die 2006 mit einem Vierparteienantrag zur Sicherung Pibers ausgeräumt wurden.

Ob die Entscheidung für diesen Standort „in the middle of nowhere“, wie es ein Oberbereiter kommentierte, zum Besten der Interessen und Notwendigkeiten der Spanischen Hofreitschule gefällt wurde oder doch eher aus politischen Motiven, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, daß der Geschäftsführer der Gesellschaft laut Gesetz gegenüber dem Minister weisungsgebunden ist. Dies wurde bereits bei der Ausgliederung bemängelt und kann im schlimmsten Fall die Intention, die mit einer Ausgliederung verbunden ist – den Verantwortlichen unabhängiges unternehmerisches Agieren zu ermöglichen – konterkarieren.

Zur Zukunft des Trainingszentrums befragt, meint Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Johannes Abentung: „Die Rahmenbedingungen in Wetzdorf müssen so gegeben sein, dass alle Beteiligten sinnvoll damit leben können.“ Daran wird zur Zeit gearbeitet.
Hofreitschule Kapriole Bakel © René van Bakel
Kapriole: Weite Sprünge sind derzeit finanziell nicht möglich.
© René van Bakel

Kurskorrekturen

Zeitgleich mit dem Abgang Dr. Pohls wurde auch die Notwendigkeit erkannt, die reiterlichen Aspekte in den Führungs- und Kontrollgremien mehr zu betonen. Im Dezember 2005 wurde Elisabeth Max-Theurer, Präsidentin des Bundesfachverbandes für Reiten und Fahren in Österreich, in den Aufsichtsrat berufen, um dort die reiterlichen Agenden zu betreuen. Seit April 2006 ist Dr. Max Dobretsberger in Piber als Gestütsleiter tätig, und im November 2006 kam Ernst Bachinger als Leiter der Reitschule zurück an die Spanische Hofreitschule.

Bereits mit dem Abgang Arthur Kottas-Heldenbergs als Erster Oberbereiter im März 2003 waren Befürchtungen um die Qualität der reiterlichen Ausbildung in der Spanischen laut geworden. Als wenig später Georg Wahl zum Training zugezogen wurde, verstärkte sich der Verdacht, dass hier Mankos bestehen könnten. Unkenrufe, dass es mit der reiterlichen Disziplin und Qualität der Spanischen Hofreitschule bergab gehe, gab es allerdings seit dem Ausscheiden des legendären Oberst Alois Podhajsky (Direktor von 1939 bis 1964) mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder. Auch wenn man heute kaum den militärischen Drill eines Podhajsky wiederbeleben kann und will – dass mehr Disziplin und mehr Anwesenheit an der Schule notwendig sind, hat man erkannt. Ernst Bachingers Wiederkehr ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Dass das Personal in der Reitbahn eine starke Führungspersönlichkeit verlangt, wusste schon Podhajsky – seine Worte muten heute beinahe prophetisch an: „Nur eine echte Persönlichkeit bringt nämlich jene Voraussetzungen mit, durch die Tradition erhalten und weitergeführt werden kann. Fehlt diese starke Persönlichkeit, so gehen wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse verloren; an ihrer Stelle wird Bequemlichkeit zur Tradition erhoben – Verflachung oder allmähliches völliges Absinken des reiterlichen Niveaus ist die unausbleibliche Folge.“ (Aus: Die Klassische Reitkunst, 1965)
Hofreitschule Geschäftsführung © René van Bakel - Spanische Hofreitschule
Bundesminister Pröll stellt die neue Leitung vor: Bachinger, Gürtler, Klissenbauer (v. l.)
© René van Bakel - Spanische Hofreitschule

Fazit

Die Maßnahmen der ersten Jahre nach der Ausgliederung scheinen im wesentlichen nicht dazu geeignet, die eigentlichen Aufgaben der Hofreitschule, Bewahrung und Tradierung der klassischen Reitkunst, zu fördern, sondern brachten sie teilweise sogar in ernste Gefahr.

Ihr Futter selbst verdienen mussten die Hengste seit dem Ende der Monarchie, als sich 1918 die Spanische Reitschule ohne Kaiser und damit ohne schützende und erhaltende Hand wiederfand. Damals war es zunächst Oberbereiter Mauritius Herold, der es auf sich nahm, dem Volk Sinn und Aufgabe des Instituts begreiflich zu machen und damit sein Überleben zu sichern.

Seither bewegt sich die Spanische Hofreitschule auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Touristenattraktion und Hort der Tradition der klassischen Reitkunst. Hans Handler in seinem Buch „Die Spanische Hofreitschule zu Wien“ (1972): „Die große Gefahr in unseren Tagen besteht darin, dass die Schule verkommerzialisiert, dass sie zu einem Fremdenverkehrsunternehmen mit entsprechendem Management degradiert wird, und das man darüber allzu leicht ihre weltweite Bedeutung vergisst: Die Spanische Reitschule ist das einzige und letzte Reitinstitut, in dem klassische Reitkunst in reinster Form gepflegt und die Ausbildung noch mündlich überliefert wird. Sie muss in erster Linie ein Institut für die Reiter bleiben. Ihr Wert liegt im Niveau des Gezeigten, das mit jedem neu auszubildenden Pferd neu erarbeitet werden muss. Die Reitschule ist ein Kulturinstitut, das sich ohne staatliche Zuschüsse erhält.“ Dem ist wenig hinzuzufügen, außer, dass sich das Zitat hervorragend als Präambel zum sogenannten Ausgliederungsgesetz geeignet hätte.
Hofreitschule Gürtel © René van Bakel
Generaldirektorin Elisabeth Gürtler
© René van Bakel

Zukunftsmusik

Mit der neuen Geschäftsführung soll die wirtschaftliche Konsolidierung fortgesetzt werden, wir haben die neue Leitung, Dkfm. Elisabeth Gürtler und Mag. Erwin Klissenbauer, nach ihren Plänen befragt.

Pferderevue: Welche Schritte werden Sie setzen, um einerseits zu sparen, andererseits die Einnahmen zu erhöhen?

Gürtler:
Ich beschäftige mich in erster Linie mit den Pferden und den reiterlichen Belangen, die sinnvolle Verwertung der Immobilien ist natürlich auch ein Thema. Zunächst einmal versuchen wir, die Einnahmen zu steigern, indem wir mehr Vorstellungen ansetzen. Durch die Absage der Amerikatournee wegen zweier Erkrankungen unter den Pferden werden unsere Einnahmen in Wien höher sein als die Einkünfte durch die Tournee gewesen wären, und auch die Ausgaben werden dadurch geringer ausfallen. Als nächste Aufgabe möchten wir das Entlohnungsschema in den Griff bekommen, weil hier sehr viel Möglichkeit besteht, selbst zu gestalten. Dann: Sparen, sparen, sparen, z. B. bei der Technik. Weiters habe ich mir vorgenommen, die Reithalle möglichst auch fremdzuvermieten. Es wäre mir noch ganz wichtig, neue Vorstellungen anzubieten, so dass auch die Wiener wieder Interesse an der Spanischen Hofreitschule entwickeln. Früher gab es auch Vorstellungen mit einem Orchester, nicht nur mit Musik vom Band. Es ist denkbar, immer wieder auch Vorstellungen – nicht jede – mit einem Sänger einzuleiten, so dass ein Allround-Kunstgenuss geboten wird. Wenn ein Produkt attraktiv ist und in der Öffentlichkeit gut ankommt, dann ist es auch für einen Sponsor interessant, sich mit diesem Produkt zu liieren. Die Salzburger Festspiele haben Sponsoren, die Staatsoper hat Sponsoren, der Musikverein hat Sponsoren – die Spanische ist zu wenig interessant, weil sie unter Ausschluss der medialen Öffentlichkeit stattfindet. Luis Vuitton hat bereits über das Ministerium bekundet, dass sie interessiert wären. Aber dann muss das luxuriös sein, und es muss gut sein, es muss Aufmerksamkeit erregen. Wenn ich keine Aufmerksamkeit errege und in Tradition erstarre, bin ich nicht attraktiv.

Pferderevue: Werden die Sparmaßnahmen auch Piber betreffen?

Gürtler: Dort wurde viel Geld in das Marketing investiert, das haben wir gestrichen, Zeitungskooperationen und SMS-Aktionen halten wir nicht für zweckdienlich. Ich kann mir vorstellen, dass dort der Umsatz zurückgehen wird, aber das war eben ein erkaufter Umsatz.

Pferderevue: Was ist im Bereich des Merchandising geplant, wird die Kooperation mit Albion Saddlemakers weitergeführt werden?

Gürtler: Das geht weiter, wird aber natürlich erheblich behindert in den Präsentationsmöglichkeiten, weil die Spanische Hofreitschule selbst nicht auf diesen Sätteln reitet. Zunächst muss überlegt werden, wieviel von diesem Lizenzprodukt man in der Hofreitschule selbst verwenden kann. Erst dann wird es ja eine Identität geben. Die Produkte müssen natürlich auch im Shop angeboten werden, was bis jetzt nicht der Fall ist. Da muss man eine Marke kreieren, etwas, das zum Image der Spanischen Hofreitschule passt.

Pferderevue: Wie haben sich die Patenschaften entwickelt, diese Möglichkeit gibt es ja schon, wird das auch genutzt?

Gürtler: Es gibt einige, das sollte verstärkt werden, dazu ist es wichtig, diese Pferde auch einzeln bekannt zu machen. Es muss alles personifiziert sein, auch die Pferde.

Pferderevue: Helmut Pechlaner hat es geschafft, den Schönbrunner Tiergarten innerhalb von acht Jahren in die positiven Zahlen zu führen – glauben Sie, ist es denkbar, dass die Gesellschaft Spanische Hofreitschule – Bundesgestüt Piber sich jemals selbst tragen, ja vielleicht sogar Gewinn abwerfen wird?

Gürtler: (lacht) Also, wir werden beide in unseren Bereichen das Notwendige dazu tun. Schönbrunn hat sicher höhere Einnahmen, ist immer voll ausgelastet, die können jeden Tag verkaufen. Bei uns gibt es Grenzen, was den Pferden von der Belastbarkeit her zumutbar ist. Ein Gestüt ist auch eine Sparkassa, natürlich, aber ich glaube trotzdem, dass Sponsoring im Endeffekt die Lücke abdeckbar erscheinen lässt. Aus dem operativen Geschäft allein wird es, glaube ich, immer einen Abgang geben.

Klissenbauer: Also ich denke, wir haben sicher noch Potential aus dem operativen Geschäft, sowohl einnahmenseitig als auch ausgabenseitig. Es wäre unseriös, nach zwei Monaten, die wir jetzt beide im Amt sind, schon zu sagen, wir wissen genau, wo wir in drei Jahren sein werden. Ich glaube, es gibt noch einiges, wo wir in Richtung schwarze Null gehen können, aus eigener Kraft. Wie groß dieses Potential ist, glaube ich, sollte man jetzt noch nicht thematisieren. Und natürlich sind Sponsoren ein wichtiges Thema. Aber noch wichtiger ist, dass wir zunächst schauen, was wir selbst verbessern können, und uns nicht zurücklehnen und sagen, das wird schon irgendein Sponsor abdecken – oder die öffentliche Hand. Dieser Ansatz wäre falsch, das war der Geist der letzten Jahre und Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte. Von dem soll man sich verabschieden.

Pferderevue:
Wir danken für das Gespräch.

Auf Kosten der Pferde und Reiter?

Die Bereiter beklagten in der Öffentlichkeit, dass die wirtschaftliche Sanierung auf Kosten der Pferde und Bereiter durchgeführt werden soll. Dem sei nicht so, meint die Geschäftsleitung.

Angesichts der schlechten Nachrichten im Rohbericht des Rechnungshofes hatte man kurzfristig die Planung für 2008 geändert: die Vorführungen in Wien von geplanten 38 auf 69 erhöht und die Tournee in den USA auf später verschoben. Letzteres aber weniger aus finanziellen Überlegungen, sondern weil nachgewiesenermaßen zwei Erkrankungen im Bestand aufgetreten sind, die eine Einreise in die USA nicht erlauben, wie Prof. Dr. Christine Aurich von der VUW bestätigt. Die Herren Bereiter waren darob „not very amused“, bedeutet der Ausfall der Tournee doch finanzielle Einbußen, da jede Vorführung außer Haus bis zu 3.500,– Euro (Oberbereiter) bzw. 2.500,– Euro (Bereiter) an Extragage bringt. Man überfordere die Pferde mit so vielen Vorführungen, war alsbald zu hören, die Spanische wolle sich jetzt auf Kosten der Hengste sanieren. Nichts weniger als das, so die Geschäftsführung, sei ihre Intention. Gürtler als Pferdefrau weiß, was sie ihren vierbeinigen Schützlingen zumuten kann, und auch Georg Wahl, ehemaliger Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule und anerkannter Trainer in der internationalen Dressurszene, sieht keine Gefahr für die Gesundheit der vierbeinigen Athleten: „Das ist ein Quatsch, dass das zuviel Belastung ist, denn bewegt und geritten müssen die Pferde ja sowieso werden. Wenn ein Pferd gut geritten und gut vorbereitet ist, spielt das keine Rolle, ob es die Lektion in der Vorführung oder in der Arbeit macht.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch Ernst Bachinger: „Das ist Unsinn, 18 Minuten Schulquadrille, das ist doch keine Arbeit für einen Hengst, das muss man sich halt einteilen, daß der in Form bleibt. Mit Dr. Pohl gab es eine Vereinbarung: Unter 15 Vorführungen gibt es keine Tournee. Wenn ich 3.500,– Euro pro Vorführung bekomme, reite ich auch gerne 15 Vorführungen. Oder? Auf jeden Fall lieber als für 150,– Euro. Da hat man aber nie gehört: dreimal hintereinander oder viermal hintereinander ist zuviel…“

Auch die monetären Einbußen des reitenden Personals halten sich durchaus in Grenzen – die Bereiteranwärter werden nach dem geplanten neuen Entlohnungsschema jährlich sogar mehr verdienen, die Bereiter ungefähr gleich viel, die Oberbereiter um die 10.000,– bis 12.000,– Euro weniger. Elisabeth Gürtler: „Es gibt bei den Gehältern große Unterschiede zwischen der Gruppe der Oberbereiter und Bereiter und den Bereiteranwärtern. Wir wollen mit dem neuen Gehaltsschema erreichen, dass diese besser verdienen.“ Allerdings, und das macht Gürtler ebenfalls klar, sei sie nicht erpressbar: „Die Bereiter der Spanischen Hofreitschule sind Spezialisten, und sie benötigen eine sehr lange Ausbildung, bis sie soweit sind, dass sie ein Pferd ausbilden können. Das heißt aber nicht, dass sie unersetzbar sind.“ Und dazu lächelt sie fein.

Erwin Klissenbauer assistiert: „Natürlich würden wir uns freuen, wenn wir ein System von Fixum und leistungsorientierte Bezahlung finden, das einvernehmlich festgelegt wird. Wenn aber kein Konsens möglich ist, dann habe ich, glaube ich, genug andere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Empfehlungen des Rechnungshofes trotzdem umsetzen zu können.“

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Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 3/2008 der Pferderevue erschienen. Pferderevue AbonnentInnen können ihn zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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