Logisches Ausbildungskonzept
Im Anschluss geht es chronologisch geordnet durch die Schulen der großen Reitmeister und deren Konzepte. Dieser Vergleich ist ein lesenswerter und verständlicher Abriss der verschiedenen Ausbildungssysteme der alten Meister – ein Vergleich, der ohne jegliche Polemisierung auskommt (im Gegensatz zu den Originalschriften).
Das folgende Kapitel über die Ausbildungsbausteine fand ich sehr interessant und lehrreich. Zunächst konnte ich mit den Termini (siehe Kasten unten) gar nichts anfangen, aber beim Lesen eröffnete sich mir ein durchwegs logisches Konzept, das die Anforderungen an ein Pferd auflistet und dem Ausbildungsstand entsprechend Kriterien und Messwerte dazu definiert, die man hernach überprüft. Enthalten ist zudem eine Auflistung an möglichen Fehlern, deren Ursachen und zum Teil auch Lösungsvorschläge.
Ein weiteres Kapitel ist dem Thema Hilfengebung gewidmet. Das „Orchester der Hilfen“ – um die wunderbaren Worten von Egon von Neindorff zu verwenden – ist sehr verständlich dargestellt und ist zudem eine gelungene technische Abhandlung zum Timing der Hilfengebung, das den TheoretikerInnen unter den ReiterInnen endlich schwarz auf weiß erlaubt, diese nachzulesen. Bei den Ausführungen über einen Teil dieses „Orchesters“ – die Sitzhilfen – wird es auch wieder wirklich interessant. Bei Dr. Thomas Ritter ist das Becken zentraler Einwirkungspunkt, und als kleine Besonderheit teilt er die Schenkelhilfen in Oberschenkel-, Knie- und Unterschenkelhilfen. Die beschriebenen Unterschenkelhilfen entsprechen im Wesentlichen den aus der Reitliteratur bekannten Hilfen zum Vor- und Seitwärtstreiben der Hinterbeine. Bei den Kniehilfen, die der Schulterkontrolle dienen sollen (z. B. im Schulterherein) und als vorwärts-einwärts wirkende treibende Hilfe, wird’s schon komplizierter, und die sogenannten Oberschenkelhilfen verwirren mich schlussendlich vollends. Den Oberschenkel anzuwenden – weil dieser die größte Verbindung zwischen ReiterIn und Pferd ist – leuchtet ein, aber aus dem Geschriebenen werde ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht schlauer. Abschließend in diesem Kapitel lese ich folgende Warnung:
…Bei allen Knie- und Oberschenkelhilfen muss sich der Reiter davor in Acht nehmen, die Gesäßmuskulatur zu verspannen oder in den Hüftgelenken steif zu werden. Dadurch würde er den Pferderücken unterdrücken. Es ist absolut unabdingbar, dass der Reiter in der Lage ist, die verschiedenen Muskeln unabhängig voneinander an- und abzuspannen, da er sonst das Pferd durch unwillkürliche Muskelanspannungen, die die freien Bewegungen des Pferderückens und der Hinterhand unterbinden, stören wird…
Unbeantwortet bleibt aber die Frage nach den „richtigen“ Muskelgruppen. Die Beschreibungen zu den Knie- und Oberschenkelhilfen lassen mehr Fragen offen, als sie beantworten.