Tierschutz

In Meura bluten Haflingerstuten für die Pharmaindustrie

Ein Artikel von Pamela Sladky | 18.12.2019 - 11:04
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Das Gestüt in Meura ist mit 350 Tieren laut eigenen Angaben Europas größte Zuchtstätte für Haflinger und Edelbluthaflinger. ©Cecile Zahorka - stock.adobe.com

Das Haflingergestüt Meura zählt zu den größten Zuchtstätten der beliebten Kleinpferderasse in Europa. Neben der Zucht für den Reit- und Fahrsport und der touristischen Vermarktung der sympathischen Blondschöpfe ist die Stutenmilchgewinnung ein weiteres wichtiges Standbein des Betriebes, wie auf der Webseite des Gestüts nachzulesen ist. Ein anderer Geschäftszweig bleibt dort jedoch unerwähnt. Wie die Animal Welfare Foundation (AWF) in einer Aussendung am Dienstag mitteilte, beliefert Meura seit Jahren das Pharmaunternehmen IDT Biologika mit dem Blut trächtiger Stuten zur Hormonproduktion.
 

16 Liter Blut pro Woche

Bis zu einhundert tragende Stuten werden auf dem Gestüt pro Saison zur PMSG-Gewinnung herangezogen, wobei jede Stute vier Mal die Woche zum Aderlass muss. Pro Sitzung werden den angehenden Muttertieren etwa vier Liter Blut abgenommen. „Wenn alles normal läuft, sind das 16 Liter Blut, die in der Woche entnommen werden“, erklärt Gestütsleiterin Anke Sendig im Gespräch mit der ARD. Das ist deutlich mehr als in den viel kritisierten Blutfarmen in Südamerika, wo pro Stuten wöchentlich etwa 10 Liter Blut gewonnen werden. Laut Sendig sei die Menge „entsprechend der Vorgaben am Körpergewicht der Pferde errechnet“. Zudem würden den Stuten nach der Entnahme die roten Blutkörperchen wieder zugeführt.
 

Rechtliche Grauzone

Im Thüringischen Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft weiß man seit Jahren von der PMSG-Produktion in Meura. „Das Haflingergestüt Meura gewinnt Vollblut. Die IGM-Inno Meura GmbH gewinnt aus dem Blut Serum, welches als Rohstoff für die PMSG-Herstellung dient. Seit vielen Jahren besteht eine Lieferbeziehung für das gewonnene Blutserum zwischen dem Haflingergestüt Meura und der IDT Biologika GmbH, seit Gründung der IGM-lnno Meura GmbH zwischen dieser und der IDT Biologika GmbH“, heißt es auf eine Anfrage der AWF.

Dass bislang nichts dagegen unternommen wurde, hat einen einfachen Grund: Laut Aussage des zuständigen Veterinäramtes sei die Blutabnahme bei tragenden Stuten nicht durch den Gesetzgeber geregelt. Aktuell sei es demnach „weder erforderlich noch möglich, eine Genehmigung (dafür) zu erteilen.“ Darüber hinaus sei die PMSG-Produktion weder als Tierversuch zu bewerten noch unterliege sie den Leitlinien zur Gewinnung, Lagerung, Transport und Verabreichung von Blut und Blutprodukten im Veterinärbereich.

Anders bewertet man die Sachlage im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Dort stuft man die Blutgewinnung als „grundsätzlich genehmigungspflichtig“ ein. Der Fall werde nun geprüft, heißt es aus Bonn.

AWF-Vorstand York Ditfurth kritisiert die Aussagen der Thüringischen Landesregierung als Irreführung. Die Leitlinien würden genau jene Blutprodukte im Veterinärbereich betreffen, welche gewerbs- oder berufsmäßig hergestellt und in den Verkehr gebracht werden. Zudem schreibe das Tierschutzgesetz vor, dass eine PMSG-Produktion als Tierversuch angemeldet und genehmigt sein müsse. „Bundesregierung und Landesregierung widersprechen sich“, so Ditfurth.

Für den AWF-Vorstand wurde durch Unwissenheit des Bundes und wirtschaftliche Interessen in Thüringen und Sachsen-Anhalt eine rechtliche Grauzone etabliert. Wirtschaftliche Profiteure hiervon seien das thüringische Haflingergestüt Meura und bislang die IDT Biologika. „Auf dem Rücken und mit dem Leid der Stuten wird ein lukratives, millionenfach in der Agrarindustrie eingesetztes Medikament produziert, das in der industriellen Landwirtschaft für Profite sorgt“, so Ditfurth.

In Meura wehrt man sich gegen den Vorwurf, man füge den Tieren aus dem Profitgedanken heraus Leid zu. "Die Entnahme erfolgt gleichlautend z. B. einer Blutspende beim Menschen durch einen Tierarzt, unter strengsten hygienischen Bedingungen, stress- und angstfrei für die Tiere und ohne Verletzung des Tierschutzgesetztes. Es erfolgt eine regelmäßige Kontrolle und Überwachung unseres Tierbestandes durch die Vetehnärbehörde", betont die Gestütsführung in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme. Die Gesundheit der Tiere und Einhaltung aller Tierwohlkriterien sei das höchste Ziel des Unternehmens und aller Mitarbeiter, heißt es darin weiter.

Der am Dienstag ausgestrahlte Beitrag des ARD-Magazins Fakt kann hier nachträglich angesehen werden.