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Im Schweizer Nationalgestüt Avenches wurde eine Innovation in der Pferdeeinzelhaltung, die sogenannte Sozialbox, einer Studie unterzogen – mit sehr positivem Ergebnis. © Nathalie Spörri/Pferde- und TherapieZentrum Weierhof AG

Einzeln und doch nicht allein: Einzelhaltung artgerecht gestalten

Ein Artikel von Pamela Sladky | 30.08.2017 - 10:57
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Im Schweizer Nationalgestüt Avenches wurde eine Innovation in der Pferdeeinzelhaltung, die sogenannte Sozialbox, einer Studie unterzogen – mit sehr positivem Ergebnis. © Nathalie Spörri/Pferde- und TherapieZentrum Weierhof AG

Gruppenauslaufhaltung ist unbestritten die artgerechteste Haltung für Pferde, wenn sie richtig umgesetzt wird. Ist sie aber aus örtlichen Gegebenheiten oder individuellen Gründen nicht möglich, müssen Einzelhaltungen so pferdefreundlich wir möglich gestaltet werden.

Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass sich Pferde in der Einzelhaltung ebenso wohlfühlen können, wenn Haltungs- und Stallmanagement ein gutes Niveau haben. Die Erfahrung hat außerdem gezeigt, dass sich manche Pferde sogar wohler fühlen, wenn sie keinen direkten Kontakt zu ihren Artgenossen haben. Das gilt zum Beispiel für manche Hengste oder hengstige Wallache, unverträgliche Pferde, Pferde mit besonderen Handicaps, ältere und dominante Pferde sowie rangniedere Pferde mit fast verlerntem Sozialverhalten.

Solche Außenseiter „führen oftmals ein stressfreieres Leben, wenn sie entweder alleine sind, allerdings mit Blick-, Geruchs- und Hörkontakt zu den anderen Pferden, oder in einer Kleingruppe zu zweit“, so Pferdeverhaltensexpertin und Fachbuchautorin Dr. Margit Zeitler-Feicht (Handbuch Pferdeverhalten, Ulmer Verlag 2008).

Die antiquierte fensterlose Innenbox mit drei mal drei Metern sollte aber keinesfalls die Lösung sein. Als Alternative zur Gruppenhaltung im Bewegungsstall bieten sich Außenboxen, Paddockboxen, die einfache und erweiterte Laufbox sowie die Kombi-Laufbox mit anschließender Grünfläche an.

Eine Innovation aus der Schweiz: Das Sozialgitter

Eine bereits etablierte Möglichkeit, Einzelboxen artgerechter zu gestalten, ist der Umbau bzw. Ausbau von Innenboxen zu Paddock- und Laufboxen, indem an jeder Außenboxenwand die Wand durchbrochen und ein frei zugänglicher eingezäunter Auslauf gestaltet wird. Dies kann aber baulich nur umgesetzt werden, wenn im Außenbereich vor der tragenden Wand auch eine entsprechende Fläche vorhanden ist, um die Einzelpaddocks anzuordnen. Ist diese nicht gegeben, müssen andere Lösungen gefunden werden, um die Qualität von Pferde-Einzelboxen zu verbessern.

Eine solche ist die Doppelbox mit Sozialgitter, die nach ihrem Erfinder Andreas Kurtz auch als Kurtz-Box bezeichnet wird. Der Verhaltensforscher und Planer von Pferdeställen hat diese Box mit „offener“ Wand entwickelt und unter anderem im Winterquartier des Schweizer Circus Knie getestet, in dem sich die Hengste befinden, wenn sie keine Auftritte haben.

„Da sich Hengste nur schwer in Gruppen halten lassen, sind sie auch im Circus Knie in Einzelboxen untergebracht“, so Dr. Ing. Agr. Michael Götz von der LBB Landwirtschaftlichen Bauberatung GmbH aus dem Schweizer Eggersriet in dem STS-Merkblatt TSE 10 „Doppelbox für Pferde“.

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Durchblick: Sichtbare Nähe erzeugt Sicherheit, die Pferde sind insgesamt entspannter. © Nathalie Spörri/Pferde- und TherapieZentrum Weierhof AG

Das Prinzip der Doppelbox ist schnell erklärt: Die herkömmliche Trennwand (unten geschlossen, oben enge Gitter) zur Nachbarbox wird etwa zur Hälfte entfernt und eine Zwischenwand eingesetzt, die aus senkrechten Stäben mit Abständen von je 30 cm besteht. Sie ermöglicht den beiden Boxennachbarn, Kopf und Hals hindurchzustecken, um sich zu beschnuppern oder sogar Fellpflege zu betreiben. Gleichzeitig erlaubt der geschlossene Trennwandteil das sich Zurückziehen jedes Pferdes von seinem Nachbarn.

Bis jetzt hat der Circus Knie mit der „offenen“ Zwischenwand gute Erfahrungen gemacht. „Die Pferde nehmen durch das Gitter behutsam Kontakt auf, strecken ihre Köpfe zwischen den Stangen hindurch und fangen an zu spielen. Sie zwicken und beknabbern einander an Kopf und Hals, werfen den Kopf zur Seite, legen auch einmal die Ohren an, aber sie steigen nicht gegeneinander auf und verletzen sich nicht“, so Fredy Knie junior.

Ein sehr wichtiger Punkt sei aber, dass immer die Pferde zusammengestellt werden, die sich gut vertragen. Da dies beim Zirkus Knie wegen der vielen Pferdewechsel aber nicht immer eingehalten werden kann, wurden teilweise Änderungen an den Sozialgitter-Trennwänden in Form von vorgebauten engmaschigen Metallgittern vorgenommen.

Trotz der augenscheinlich positiven Aspekte herrscht bei den meisten Pferdebesitzern, die noch keine Erfahrungen mit der Sozialbox haben, eine gewisse Skepsis, was das Verletzungsrisiko anbelangt. Gitterstäbe und Pferde – das ist nur allzu oft eine fatale Kombination. Wie sieht es aber tatsächlich mit dem Gefahrenpotenzial des Sozialgitters aus? Das Schweizer Nationalgestüt in Avenches ist dieser Frage auf den Grund gegangen.

Untersuchungen im Schweizer Nationalgestüt Avenches

Um die Kurtz-Boxen auf ihre Praxistauglichkeit zu testen, wurde 2013 im Schweizer Nationalgestüt in Avenches zunächst eine Pilotstudie in Form einer Bachelorarbeit (Gabriela Gerster, Bachelor of Science, „Optimierung der Boxenhaltung von Hengsten“, Hochschule für Agrar- und Forstwissenschaften, Bern) durchgeführt. Seit 2013 wurden die Untersuchungen weitergeführt und die Daten gründlicher analysiert, so dass heute valide Erkenntnisse zu den positiven Effekten und möglichen Risiken der Sozialboxen vorliegen.

Ausgangspunkt der Untersuchungen waren die ethological needs, also die artgegebenen Grundbedürfnisse der Pferde bzw. in diesem speziellen Fall der Hengste, und das Bestreben, den Tieren das Ausleben ihrer Bedürfnisse auch in Einzelhaltung – die bei Hengsten meist Standard ist – zu ermöglichen: „Unter natürlichen Bedingungen leben adulte Hengste, welche keinen Harem führen, in sogenannten Junggesellengruppen. Innerhalb dieser Einheiten pflegen diese ausschließlich männlichen Tiere intensive Sozialkontakte untereinander. Das äußert sich in häufigem Spielverhalten, in Rangkämpfen und in Imponierverhalten. Auch der direkte Körperkontakt bei Berührungen zwischen Hengsten, beispielsweise beim Beknabbern, Kneifen oder Kraulen, spielt eine Rolle […]. Die praxisüblichen Pferdeboxen verhindern jedoch eben diese Berührungen durch die eng angebrachten Vertikalrohre im oberen Teil der Boxentrennwand, um das Risiko von Auseinandersetzungen zwischen Nachbartieren einzudämmen. Mit dem Ziel, die Haltungsbedingungen von einzeln gehaltenen Hengsten zu verbessern, untersuchten die Forschenden am Nationalgestüt daher die Tauglichkeit von sogenannten ,Sozialboxen‘, einer neuen Form von Einzelboxen mit speziellen Trennwänden, welche den benachbarten Tieren erlauben, Körperkontakte untereinander auszutauschen.“ (Quelle: Jahresbericht 2015, Agroscope – Schweizer Nationalgestüt SNG).

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Die Freibergerhengste nutzten die Kontaktmöglichkeiten, die ihnen die Sozialboxen boten, auf vielfache Weise. © Agroscope, Schweizer Nationalgestüt SNG

In die aktuelle Studie wurden 16 adulte Freibergerhengste aufgenommen, die für drei Wochen in Sozialboxen und für drei Wochen in konventionellen Boxen eingestallt wurden. In den Sozialboxen bestand die Trennwand zum Nachbarpferd zur Hälfte aus den oben beschriebenen vertikal angebrachten Rohren mit einem Abstand von rund 30 cm. Nach einer Eingewöhnungsphase von 18 Tagen wurden die sozialen Interaktionen der Pferde während 24 Stunden erhoben, sowohl während ihres Aufenthalts in den konventionellen Boxen als auch in den Sozialboxen. Zudem erfolgte bei allen Hengsten wöchentlich eine Kontrolle auf allfällige Verletzungen.

In den Sozialboxen konnten während der 24 Stunden Beobachtungszeit im Durchschnitt 51 Minuten Sozialverhalten gemessen werden, in den konventionellen Boxen nur 5 Minuten. Dabei war die Dauer von eindeutig freundschaftlich motivierten Interaktionen in Sozialboxen höher und lag durchschnittlich bei 37 Minuten, in konventionellen Boxen bei 4 Minuten.

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Das Trenngitter der Sozialboxen ermöglicht deutlich mehr soziale Interaktion zwischen den Boxennachbarn. © Agroscope, Schweizer Nationalgestüt SNG

Der Anteil negativer Interaktionen am gesamten Sozialverhalten war in beiden Boxen ähnlich und lag bei 13 % (Sozialboxen) bzw. 14 % (konventionelle Boxen). Es konnten keine ernsthaften Verletzungen festgestellt werden. Die gelegentlich beobachteten Fellabschürfungen und Hautläsionen traten hauptsächlich am Kopf im Bereich des Jochbogens auf (über den Augenhöhlen). Sie wurden nicht durch das Nachbarpferd verursacht, sondern sind vielmehr auf ein brüskes Zurückziehen des Kopfes und Anschlagen an den Gitterstäben während sozialer Interaktionen zurückzuführen.

Die Befürchtung, dass es durch die Kontaktmöglichkeit bzw. durch die Gitterstäbe vermehrt zu gravierenden Verletzungen kommen könnte, bewahrheitete sich also nicht. Und auch was die sozialen Interaktionen anbelangt, wird der Sozialbox ein gutes Urteil ausgestellt: „Mit dem nachgewiesenen deutlich verlängerten und hauptsächlich freundschaftlichen Sozialverhalten stellt die Sozialboxe eine erhebliche Bereicherung innerhalb der relativ eintönigen Umwelt eines Pferdes in Einzelboxenhaltung dar. Die Zuchthengste erwiesen sich als fähig, vermehrt und enger miteinander zu interagieren, ohne dass es zu potentiell gefährlichen Auseinandersetzungen kommt. Ihr Sozialverhalten glich sich somit dem typischen Normalverhalten von in Junggesellengruppen lebenden Hengsten an, obwohl die Hengste weiterhin einzeln aufgestallt waren.“

Auch für Stuten und Wallache, so die Untersuchung, brächte die Sozialbox gegenüber der konventionellen Einzelbox einen deutlichen Gewinn an artgerechtem Verhalten, ohne das Verletzungsrisiko zu erhöhen, wobei hier – vor allem für die Hengsthaltung – noch Verbesserungspotenzial gesehen wird: „Eine Lösung muss allerdings noch für das Vermeiden von Hautabschürfungen am Kopf gefunden werden. Es besteht Verbesserungspotential bei der technischen Ausführung der Vertikalrohre.

Gerade bei Hengsten mit ihrem arttypischen Ritualverhalten und häufigen Spielsequenzen, welche meist ein Hochwerfen des Kopfes beinhalten, sollten die Vertikalrohre bis zur Decke reichen. Im Weiteren könnte ein Abpolstern der Stahlrohre mit einem geeigneten Material den Stoss beim Anschlagen dämpfen“, so das Fazit der Studie.

Sozialgitter im Einstellbetrieb

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Auch möglich in der Sozialbox: gemeinsames Fressen © Agroscope, Schweizer Nationalgestüt SNG

Die Sozialbox hat sich aber nicht nur bei den Hengsten des Schweizer Nationalgestüts und im Winterquartier des Circus Knie bewährt. Sie wurden auch in privaten Pferdepensionen wie beispielsweise im Pferde- und Therapie- Zentrum Weierhof AG im Rosental zwischen Winterthur und Konstanz eingebaut – hier jedoch als Schiebetür konstruiert. Jeder Box ist außerdem ein Paddock angeschlossen, den die eingestellten Pferde und fünf Schul- und Therapiepferde durch einen Ausgang mit Streifenvorhang erreichen. Sind zwei Boxennachbarn besonders gut befreundet, können sowohl das Sozialgitter als auch das auf dem Paddock eingebaute Flügeltor ganz geöffnet werden, und es entsteht eine Zweier-WG – oder mehr. Diese Möglichkeiten gestalten die Pferdehaltung ohne große Umbaumaßnahmen sehr flexibel.

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Gestaltet man die Sozialgitter als Schiebetür, kann man die Box zur Zweier-WG erweitern. © Thomas Frei

Die Einsteller reagierten nach der Einführung der Sozialgitter zunächst sehr skeptisch und hatten große Bedenken wegen möglicher Verletzungsgefahren, so Weierhof-Geschäftsführerin Nathalie Spörri. Die seit April 2014 bis heute gemachten Erfahrungen seien allerdings ausnahmslos positiv gewesen. Keines der eingestellten Pferde habe sich verletzt – und auch ein 1,85 Meter großes Schulpferd komme mit dem Sozialgitter gut zurecht. „Wenn ein neues Pferd in den Stall kommt, wird der Besitzer darauf aufmerksam gemacht, dass es sein kann, dass wir die Pferde mal umstellen müssen, wenn die Sympathie nicht stimmt. Dies war bis anhin nur ein Mal der Fall. Neben einem anderen Pferd gab es dann keine Probleme mehr. Wir sind sehr zufrieden und würden die Boxen wieder so bauen“, so Spörri.

Die parallel angeordneten Sozialgitter erlauben eine sehr gute Nahorientierung. Alle Pferde können einander auch im Innenbereich und nicht nur im Außenbereich auf den Einzelpaddocks jederzeit sehen und beobachten. Das vermittelt den Pferden laut Nathalie Spörri eine Art Herdengefühl und gibt ihnen Sicherheit.

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Auch im Außenbereich lassen sich die Paddockboxen der Weierhof AG zur WG erweitern. © Thomas Frei

Trotzdem hat jedes Pferd stets die Möglichkeit, sich hinter den geschlossenen Teil der Wand zurückzuziehen. Da es auch hier – wie in allen Einzelboxenhaltungen – vor und während der Raufuttergabe zu Futterneidaktionen kommen kann, wird den Pferden das Heu hinter der geschlossenen Wand vorgelegt, sodass sie in Ruhe fressen können. „Wichtig ist, dass sich die Futterplätze für Heu hinter der geschlossenen Wand befinden, damit während der Fressenszeit keine Unruhe entsteht und der Nachbar den Kopf nicht rüberstrecken kann, um mitzufressen“, erklärt Spörri.

Das Sozialgitter hat aber noch weitere Vorteile: Es erhöht auch den Luftaustausch im Stall und sorgt so für ein besseres Stallklima – und schlanke Menschen können durch die Zwischenräume von Box zu Box wechseln, was bei Arbeiten im Stall eine Zeitersparnis bedeutet.

Fazit: Wenn Pferde einzeln gehalten werden, muss das Stallmanagement auf hohem Niveau geführt werden – und die Habitate müssen pferdegerecht sein. Durch ein praxistaugliches und finanziell tragbares Konzept wie beispielsweise die Sozialboxen können die unterschiedlichen Interessen der Pferdebesitzer sowie die Ansprüche der Pferde berücksichtigt werden.

Romo Schmidt

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Dieser Artikel von DI Romo Schmidt wurde erstmals in Ausgabe 8/2016 der Pferderevue veröffentlicht. Pferderevue AbonnentInnen können diese Artikel zusammen mit über 40.000 weiteren in unserem Online-Archiv kostenlos nachlesen. Einfach unter Service/Online-Archiv einloggen und in allen Heften aus 25 Jahren Pferderevue zum Nulltarif blättern!

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