Leseprobe

Wenn Pferde nicht schlafen können

Ein Artikel von Eva Schweiger | 30.11.2022 - 13:11
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Tagesschläfrigkeit und Blessuren an Fessel-, Karpal- und Sprunggelenken sind typisch für Pseudo-Narkoleptiker. © Petra | pixabay.com

Vor etwa sechs Jahren publizierten zwei angehende deutsche Veterinärmedizinerinnen ihre Dissertationen zu einem Thema, das bis dahin wissenschaftlich wenig untersucht war: den Auswirkungen von Schlafmangel beim Pferd. Revolutionär war der Einsatz eines mobilen Schlaflabors, das die Gehirn-, Muskel- und Augenaktivität der Pferde über einen Zeitraum von 24 Stunden aufzeichnet. Die untersuchten Pferde waren allesamt von ihren Besitzer: innen wegen vermeintlicher Narkolepsie – also einer Schlafkrankheit – für die Studie zur Verfügung gestellt. Sie hatten beobachtet, dass ihre Vierbeiner beim Ruhen schwankten, einknickten oder völlig zu Boden stürzten, bemerkten wiederkehrende Verletzungen oder exzessive Schläfrigkeit tagsüber. Was allerdings im Laufe der Studie schnell deutlich wurde: Die Pferde litten gar nicht unter Narkolepsie. Narkolepsie ist eine beim Pferd sehr seltene, unheilbare Erkrankung, die schon im Fohlenalter auftritt. Die bei den Probanden beobachteten Kollapse rührten vielmehr von einem Schlafmangel her – ein Zusammenhang, den Dr. Lena Charlotte Kiefner und Dr. Christine Fuchs zum ersten Mal wissenschaftlich belegen konnten und als Pseudo- Narkolepsie bezeichneten.
 

Hohe Dunkelziffer

Wie viele Pferde heute von Pseudo-Narkolepsie betroffen sind, darüber lässt sich nur mutmaßen. Sicher ist: Die Dunkelziffer ist hoch, die Aufklärung der Pferdehalter:innen über das Syndrom nach wie vor gering. Oft vergehen Jahre, bis Tagesschläfrigkeit oder unauffällige Verletzungen, die beim Einknicken und Stürzen entstehen, von Pferdebesitzer: innen überhaupt bewusst wahrgenommen, geschweige denn einem möglichen Schlafmangel zugeordnet werden. Die Kollapse selbst beobachten die wenigsten, erst wenn bereits eine Vermutung besteht und z. B. eine Überwachungskamera im Stall angebracht wird, zeigt sich schließlich das Ausmaß des Problems. Es scheint daher umso wichtiger, Aufmerksamkeit auf das Schlafbedürfnis des Pferdes zu lenken. In den bisher durchgeführten Studien zum equinen Schlafverhalten zeigt sich nämlich deutlich: Guter, gesunder Schlaf steht und fällt mit den Haltungsbedingungen. Die konkreten Auslöser eines dauerhaften Schlafmangels lassen sich allerdings nicht verallgemeinern. Für jedes betroffene Pferd gilt es daher, diese ganz individuell zu finden und zu beseitigen. Klar ist:

Wenn ein Pferd bereits unter Verletzungen, Erschöpfung oder gar Kollapsen leidet, muss seine ungestörte Nachtruhe im Sinne des Tierwohls unbedingt sofort zur obersten Priorität des Halters werden.


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