Red lake Trail

Wanderreiten in Rumänien: Mit Lipizzanern durch das wilde Transsylvanien

Ein Artikel von Carola Leitner | 19.01.2026 - 12:55
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Die Landschaft Siebenbürgens ist eine einzigartige Mischung aus sanften Hügeln, weiten Weiden und den Karpaten - und lässt sich hervorragend vom Pferderücken aus erleben.  © Carola Leitner

Nach der Pferdezuteilung erklärt Laszlo Romfeld, Reitführer und geplanter Guide, die Reihenfolge für den Vormittag. Sobald wir unsere Pferde besser kennen, dürfen wir die Positionen wechseln, heißt es. Der Weg führt uns zur Kapelle des Heiligen Antonius auf dem Szarmany-Hügel, vorbei am Renaissance-Schloss Lazar und entlang von Gheorgheni. Die etwa 16 Tausend Einwohner zählende Stadt, die an ihren Rändern sehr dörflich wirkt, liegt im rumänischen Siebenbürgen, einer Region, in der mehrheitlich Ungarisch, das als zweite Amtssprache anerkannt ist, gesprochen wird. Die Bevölkerungsgruppe der ungarischen „Szekler“ ist zwar in Rumänien eine Minderheit, doch in Transsilvanien, stark vertreten. Mir fällt auf, dass Laszlo leicht schief auf seinem Pferd sitzt und das linke Bein neben dem Steigbügel baumeln lässt.

Während des mittäglichen Picknicks nahe dem Gipfelkreuz des 1545 Meter hohen Bergs Piricske erledigt unser Guide abseits von uns einige Telefonate, während wir unseren Lunch verzehren und die Pferde beim Dösen oder Grasen beobachten. Einige Trab- und Canterstrecken später informiert uns Laszlo, dass er den Trail wegen Rückenproblemen leider abrechen müsse. Ersatz sei bereits auf dem Weg. Laszlo, dem die Schmerzen bereits anzusehen sind, ist keiner der leichtfertig aufgibt. Der große breitschultrige Mann hat nicht nur mehrere Marathons absolviert, sondern auch einige Jahre in der französischen Fremdenlegion in Ländern wie dem Tschad gedient.

Kleine Hürden

Als unser neuer Guide, Csaba, die Führung übernimmt, wird er von Laszlo zur Wegstrecke instruiert. Doch die Wege sind weder markiert noch manchmal als solche zu erkennen. Als wir vor einem steil abfallenden Hang im Wald auf Csaba´s Entscheidung warten, bin ich skeptisch. Durch das dichte Unterholz scheint mir, gibt es kein Durchkommen. Und auch Csaba schätzt die Lage ähnlich ein, wendet seine Stute und sucht weiter.

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Bachbett: Ungewöhnliche Routenwahl © Carola Leitner

Wir folgen ihm in einer Linie, denn zwischen den eng stehenden Fichten ist es ohnehin schwer auszuschwärmen. Wir schlängeln uns zwischen Bäumen und Sträuchern durch bis wir auf einen wenig einladenden Pfad stoßen. Der Hohlweg ist zur nach links abfallenden Rinne ausgeschwemmt, der Boden noch feucht vom letzten Regen.

Angesichts des Gefälles beschließen wir die Pferde zu führen. Csaba gibt Anweisung wegen des rutschigen Untergrunds nicht vor den Pferden zu gehen. Ich kralle mich mit einer Hand in den Mähnenkamm meines zehnjährigen Fliegenschimmels, der vorsichtig ein Bein vor das andere setzt. Ippon verhält sich während des Abstiegs wie ein echter Gentleman, er drängelt nicht und wartet geduldig als es eine kurze Phase des Wartens gibt. Als wir wenig später den Wald verlassen und eine Wiese erreichen, wo den Pferden als Entschädigung für die Mühsal Blumen und hohe Gräser ins Maul wachsen, bin ich erleichtert. Und weiß: Mit diesem Trailpferd ist alles zu schaffen.

Bitte kratzen!

Am nächsten Morgen die nächste Hiobsbotschaft: Mitreiterin Schwedin Uli hat Knieschmerzen und muss den Ritt aussetzen. Unsere ohnehin kleine Gruppe schrumpft damit auf fünf Reitgäste: Die zwei Schwedinnen Eva und Frida, die Amerikanerin Kristi, meine Schwester Sabine und mich. Während Csaba den Transport von Ulis Pferd organisiert, ist es unsere Aufgabe das richtige Reittier samt Sattelzeug zu finden. Fünf der Pferde sind reinrassige Lipizzaner, ein Brauner und vier Schimmel in leicht unterschiedlicher Farbgebung. Fridas brauner Falbe ist eine Mischung. Meinen Wallach zu finden ist eine leichte Übung: Seine kleinen Punkte wechseln am Hals von Braun auf Grau, er hat die ideale Größe, ist vorwärtsgehend, freundlich und menschenbezogen. Doch diese Eigenschaften treffen wohl auf alle Pferde der kleinen Herde zu.

Als ich Ippons Bauch kraulend auf Blutsauger untersuche hebt er das Hinterbein. Kurz bin ich irritiert, doch schnell erkenne ich, was er sagen will: „Bitte hier!“ Als ich fertig bin, dreht er mir plötzlich den Hintern zu. Die Kommunikation zwischen uns ist überraschend wie erfreulich. Immer wieder schiebt er mir beim Putzen seinen Hinterteil zu, um mir zu signalisieren: Bitte kratzen! Und wahrlich gibt es viele Blutsauger zu verscheuchen, zu erschlagen und den Juckreiz zu lindern. Besonders beeindruckend ist der Umstand, dass sich meine speziellen Qualitäten wohl unter den Pferden herumsprechen, denn im Laufe des Trails werden mir auch „fremde“ Hinterbacken zuteil.

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Ein Meer aus hüfthohen rosafarbenen Blumen säumt unseren Weg. © Carola Leitner

Mehr Abenteuer als uns lieb ist

Während des heutigen Ritts hören wir plötzlich leises Gebimmel. Vor uns erstreckt sich eine Weide auf der braunweiß gescheckte Kühe grasen. Die Rinder reagieren gelassen auf unser Erscheinen, nur bei den Hirtenhunden ist das Gegenteil der Fall: Rund zehn, teils hüfthohe Hunde stürmen heran als gelte es einen feindlichen Angriff abzuwehren. Der Hirte selbst beobachtet unbeeindruckt das Treiben. Ich wundere mich über sein stoisches Verhalten und darüber, dass er seine Wächter nicht zurückpfeift, doch Csaba betont, dass die Hunde ihre Arbeit verrichten, indem sie die Herde verteidigen und potentielle Gefährder in die Flucht treiben.

Nachdem wir aus dem Blickfeld der Hunde verschwunden sind, verlieren sie das Interesse. Doch als wir an einem Schlammloch, in dem halb versenkt ein Brett und ein hölzerner Trog liegen, etwas Zeit brauchen, scheinen die Hunde provoziert. Erneut kommen sie im Rudel wild bellend angesprengt. Einige von ihnen tragen beeindruckende Stachelhalsbänder, die sie im Kampf mit Wölfen schützen sollen, denn Wölfe versuchen den Gegner durch einen Biss in Kehle oder Genick zu töten. Ich befinde mich als letzte in der Gruppe auf der bedrohlichen „Hunde-Seite“ der verschlammten Senke auf dem nervös werdenden Ippon, während von hinten die bellende Meute drängt … In zwei großen Sprüngen haben auch wir das Hindernis überwunden und die Hunde, die sich wohl die Pfoten nicht schmutzig machen wollen, hinter uns gelassen.

Nach der Mittagspause nahe einer Hütte führt unser Weg weiter bergauf und bergab, entlang von Forstwegen, durch Nadelwälder und Blumenwiesen bis wir eine zwischen zwei Bergen eingerahmte Alm erreichen. Am Gegenhang schmiegt sich eine Behausung an den Waldrand. Auf dem Weg dorthin kommen zwei graue Esel freudig auf uns zu getrabt. Die Langohren sorgen bei den Pferden für helle Aufregung und auch Ippon tänzelt – seiner Rasse alle Ehre machend – in Traversalen von den gruseligen Figuren weg. Die Ruhe danach währt nur kurz, denn bei der Hütte, wo Csaba nach dem Weg fragt, wartet die nächste Überraschung: Wir werden von einigen frei laufenden Pferden neugierig eingekreist. Im Pulk und mit kurzem Zügel versuchen wir uns im ruhigen Schritt von den Tieren zu entfernen, doch die fremden Pferde kommen uns immer wieder recht nahe, sodass unsere Pferde kurz antraben und seitlich lostrippeln. Nach etwa 200 Meter haben wir die Quälgeister abgeschüttelt und es kehrt endlich Ruhe ein.

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Selbst ist die Frau: Sabine näht ein Stück Plastischtischdecke auf die Satteldecke, deren offene Naht eine leichte Scheuerstelle auf Ippons Rücken verursacht hat. © Carola Leitner

Kleine Zeitreise

Am dritten Reittag starten wir in voller Besetzung. Ippon hat eine kleine leicht geschwollene Stelle am hinteren Rücken, wo laut Csaba eine aufgegangene Naht der Satteldecke scheuert. Der Guide hat bereits ein Stück grün gemusterte Plastiktischdecke vorbereitet, welche meine Schwester an die Satteldecke näht. Der Ritt führt an lose verstreut liegenden Häusern und windschiefen Stadeln aus verwittertem Holz vorbei, manche der Scheunen sind wiederum in bestem Zustand. Auf den bereits gemähten Feldern trocknet das Heu in der Sonne, in der Ferne rumpelt ein altersschwacher roter Traktor über die Wiese. Auf einem steilen Hang rechen Männer und Frauen das Heu händisch zusammen. Immer wieder begegnen wir Pferdefuhrwerken, die hier ein alltäglicher Anblick sind. Hoch zu Ross können wir in die Gärten und Hinterhöfe blicken, wo meist ein Brunnen steht, ein etwas abseits positioniertes windschiefes Toilettenhäuschen und Beete mit Tomatenstauden, Krautköpfen, Erdäpfeln und anderem Gemüse angelegt sind. Zweimal entdecken wir recht frische Bärentatzenabdrücke im feuchten Boden, einmal sind die beeindruckend großen Spuren keine zweihundert Meter vom nächsten Dorf entfernt.

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Bärenspuren im Matsch © Frida Linden

In Rumänien soll es insgesamt mehr Bären geben als in ganz Europa zusammen. Die Vielfalt der Landschaft in Siebenbürgen gilt heute europaweit als einzigartig: Hier gibt es neben intakten Dorfstrukturen noch traditionell und kleinteilig betriebene Landwirtschaft wie sie in anderen Teilen Europas im 19. Jahrhundert existierte. Dies begünstigt die Biodiversität wie Fauna und Flora beweisen. Wir picknicken inmitten von Schafgarbe, Klappertopf, Hornklee, Glockenblumen, Margeriten und Orchideen. Doch die Idylle von Wald und Wiese ist von extensiver Landwirtschaft und einer Holzmafia bedroht, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Denn Rumänien hat ein Problem mit illegal geschlägertem Holz, das aus Nationalparks und anderen Schutzgebieten stammt. Große ausländische Unternehmen legen oft trotz anderslautenden Versprechungen keinen Wert auf Nachhaltigkeit und verschleiern die Herkunft des gekauften Holzes. Eine rumänische Ministerin, die dagegen vorgehen wollte, wurde mit Quecksilber vergiftet und fast getötet.

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Rund 10 Kilometer windet sich die spekatuläre Bicaz-Schlucht durch die Ostkarpaten. An manchen Stellen ragen die dicht aneinandergedrängten Felsen über 100 Meter senkrecht in den Himmel empor.  © Carola Leitner

Bootsfahrt mit Hindernis

Am Lacul Rosu, dem Roten See, angekommen, passieren wir die Anlegestelle der Ruderboote, und reiten das Ufer entlang bis wir die vorbereitete Koppel erreichen. Nachdem die Pferde versorgt sind, entspannen wir uns im Hotel. Danach fahren wir mit Eszter, sie übernimmt unsere Nachmittagsbetreuung, zur Bicaz-Schlucht. Die teils über 100 Meter hohen, fast senkrechten Felswände, die den Fluss zu beiden Seiten einengen, lassen nur wenig Platz für die Straße samt Steinmauer. Wir inspizieren die an den Fels geklebten Verkaufsstände, deren Angebot von in China gefertigten Flamingos und Störchen aus Plastik, bestickten Blusen bis hin zu regional produzierten Teppichen und getöpfertem Geschirr reichen. Nach einer kurzen Wanderung in ein nur zu Fuß erreichbares Seitental geht es zurück zum See.

Sabine, Eva, Uli und ich mieten ein überteuertes Ruderboot und schippern die mit Seilen vorgegebene Fahrrinne entlang. Denn aus der Oberfläche des natürlichen Stausees, der durch einen Hangrutsch im Jahr 1837 entstand, ragen unzählige Baumstämme – Überreste des einst gefluteten Waldes. Manche Stämme bleiben unterhalb des Wasserspiegels und sind nicht zu sehen, was unsere Ausfahrt spannend macht als wir auf einem Stamm auflaufen. Wir sind manövrierunfähig. Erst nach intensivem Schaukeln des Bootes, Gewichtsverlagerung und kräftigem Rudern lässt sich der schwere Kahn wieder bewegen.

Den nächsten Tag reiten wir durch Wald, auf Wiesenwegen und einer aufgelassenen Eisenbahntrasse bis zur Spitze des Berges Pongracz und weiter Richtung Unterkunft. Am letzten Tag im Sattel komplettieren wir unsere „Runde“, die uns über viele verschlungene Wege zurück zum Ausgangspunkt bringt. Den Ritt starten wir mit einem ruhigen und langen Canter durch den Wald. Kurz bevor wir das Mittagsziel erreichen beginnt es zu regnen. Während die Pferde geschützt unter Bäumen das verteilte Heu fressen, beginnt es zu schütten. Wir finden unter einer überdachten Brücke Unterschlupf. Nach dem Satteltaschenpicknick erklimmen wir den Pfad zur Sugo-Höhle. Nach einem Blick in den schmalen dunklen Gang, der in das Höhleninnere führt, weiß ich: Heute ist nicht der Tag meine Klaustrophobie zu bekämpfen. Der Rest der Gruppe steigt tapfer ins Dunkel der Höhle hinab.

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Blick auf Gheorgheni © Carola Leitner

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Zum Abschied posiert der verlässliche Ippon noch einmal vor dem idyllischen Sonnenuntergang. © Carola Leitner

Danach geht es weiter: Wir benutzen einen kaum Wasser führenden Bach als Weg und überqueren mehrere Hügel, zu deren Linken wir stets Gheorgheni im Blick haben. Auf den Wiesen sind die Gräser so trocken, dass sie beim Durchreiten rascheln wie Seidenpapier, während die späte Nachmittagssonne die sanften Hügel in goldenes Licht taucht. Vor den letzten Galoppaden erinnert uns Csaba daran, dass wir nahe der „Heimat“ seien und die Zügel nicht zu lang lassen sollen.

Während wir nach der Ankunft unseren Begrüßungsdrink genießen, werden die Pferde zur Herde gebracht. Später wandern wir den Hügel hinauf, um uns gebührend von unseren Trail-Partnern zu verabschieden. Als ich Ippon entdecke und ihn rufe, kommt er mir mit gespitzten Ohren entgegen getrottet. Er posiert brav für ein Fotoshooting und lässt sich ausgiebig an der Brust kraulen, doch von einem romantischen Abschied im Sonnenuntergang hält er wenig. Ein letztes Mal dreht er mir entschlossen den Hintern zu: Einmal Hinterkratzen, bitte!