Insulin spielt bei der Entstehung von Hufrehe eine zentrale Rolle. Das weiß man spätestens, seit Forscher:innen festgestellt haben, dass sich die entzündliche und äußerst schmerzhafte Huferkrankung akut durch Infusionen des blutzuckersenkenden Hormons auslösen lässt. Betrachtet man diese Erkenntnis vor dem Hintergrund, dass Pferde aufgrund von Überfütterung und Bewegungsmangel heute mehr denn je zu einem gestörten Insulinstoffwechsel neigen, erhält sie umso mehr Gewicht.
Wenn der Zucker im Blut bleibt
Insulinresistenz heißt das Schlagwort, das seit einigen Jahren zunehmend im Zusammenhang mit Hufrehe genannt wird. Es bezeichnet einen Zustand, in dem der Körper auf die Ausschüttung von Insulin nur noch unzureichend mit einer Verstoffwechselung des Zuckers – also dem Transport vom Blut ins Gewebe – reagiert. Als direkte Folge steigt der Blutzuckerspiegel, was wiederum die Bauchspeicheldrüse dazu veranlasst, immer mehr Insulin zu produzieren. Eine Kombination, die der Entstehung von Hufrehe ideale Bedingungen bietet.
Zwar ist Insulinresistenz nicht zwingend an Übergewicht gebunden, zahlreiche Tests und Studien haben jedoch eindeutig belegt, dass insbesondere leichtfuttrige Pferderassen ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung von Stoffwechselproblemen haben. Der Verzicht auf zucker- bzw. stärkehaltige Nahrungsmittel im Futtertrog ist meist der erste Schritt, dem Problem den Kampf anzusagen. Leider bringt er in vielen Fällen jedoch nicht die gewünschten Erfolge, wenn zeitgleich nicht auch ein umfassendes Bewegungsprogramm durchgeführt wird.
Therapieansätze beim Menschen – und beim Pferd?
Wird beim Menschen eine Insulinresistenz (bekannt als Diabetes Typ 2) diagnostiziert, werden in der Regel sofort Medikamente verabreicht, die den Blutzuckerspiegel wieder auf ein Normalmaß senken. Diese Option gibt es beim Pferd nicht. Oder zumindest noch nicht, denn ein Team aus australischen, deutschen und amerikanischen Wissenschaftler:innen hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie die Auswirkungen einer Substanz getestet, die ähnlich wie in der Behandlung von Diabetes Typ 2 auch beim Pferd funktionieren soll.
Im Wissenschaftsmagazin PLOS ONE beschreibt das Forscherteam rund um Alexandra Meier von der Universität in Brisbane, Australien, die Auswirkungen von Velagliflozin, einem Stoff, der vom deutschen Pharmakonzern Boehringer Ingelheim Vetmedica entwickelt wurde, auf Ponys mit gestörtem Insulinstoffwechsel.
Velagliflozin gehört zur Gruppe der sogenannten Natrium-Glucose-Cotransporter-2-Hemmer. Wie vergleichbare Wirkstoffe aus der Humanmedizin fördert es die Ausscheidung von Glucose über den Harn und hilft so, den Blutzuckerspiegel zu senken. Dass das Prinzip auch im Veterinärbereich funktioniert, belegt eine 2017 an diabeteskranken Katzen durchgeführte Studie. Auch erste Versuche an Pferden sind vielversprechend.
Velagliflozin im Test
Für die australische Studie wurden nach dem Zufallsprinzip zwölf Ponys aus 49 ausgewählt, denen regelmäßig Velagliflozin verabreicht wurde. Die übrigen 37 fungierten als Kontrollgruppe. Zu Beginn des Versuchs erhielten alle Ponys über drei Wochen hinweg eine auf Luzerneheu basierende Erhaltungsdiät. Danach ging man zu einer Belastungsdiät über: Über einen Zeitraum von maximal 18 Tagen erhielten alle Ponys bis zu 12 Gramm nicht-strukturierter Kohlenhydrate (dazu gehören sämtliche Zuckerverbindungen und Stärke) pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.
Am zweiten Tag der Belastungsdiät wurde den Probanden bis zu vier Stunden nach der Fütterung Blut abgenommen und der Glucosegehalt sowie die Insulinkonzentration im Blutserum ermittelt. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass der maximale Glucosewert bei den mit Velagliflozin behandelten Tieren rund 22 Prozent unter dem Durchschnittswert der Kontrollgruppe lag. Noch drastischer fiel der Unterschied bei den Insulinwerten aus: Hier lagen die Maximalwerte um 45 Prozent unter jenen der unbehandelten Tiere.
Wirksam gegen Hufrehe
Die Fütterung führte bei 14 der 37 Ponys der Kontrollgruppe zu einer geringgradigen Hufrehe, was einem Anteil von 38 Prozent entspricht.* In der Velagliflozin-Gruppe konnten keinerlei Anzeichen der Erkrankung festgestellt werden. Entsprechend positiv fiel das Fazit der Forscher aus: „Velagliflozin erscheint vielversprechend als sichere und effektive Hilfe bei der Behandlung von Insulinstoffwechselstörungen und der Vorbeugung von Hufrehe, weil es die überschießende Insulinantwort des Körpers auf die Fütterung von nicht-strukturierten Kohlenhydraten reduziert“, resümierten die Wissenschaftler:innen ihre Arbeit.
Besonders interessant sei, dass Velagliflozin die Entstehung von Hufrehe nicht nur bei Ponys mit Insulinresistenz verhinderte, sondern auch bei vierbeinigen Cushing-Patienten. Davon gab es in der Behandlungsgruppe gleich vier – sie überstanden die Belastungsdiät ohne Probleme, während alle fünf Cushing-Patienten der Kontrollgruppe mit Hufrehe reagierten. „Die Tatsache, dass keines der mit Velagliflozin behandelten Ponys Hufrehe bekommen hat, obwohl darunter vier Tiere mit Cushing-Diagnose waren, spricht sehr für den Wirkstoff. Sie bestätigt aber auch frühere Studien, die gezeigt haben, dass die Wahrscheinlichkeit, an Hufrehe zu erkranken, gerade bei Pferden und Ponys mit Cushing-Diagnose direkt mit der Ausprägung der Insulinresistenz zusammenhängt.“
Potenzial und offene Fragen
Abgesehen von seinen positiven Auswirkungen auf den Insulin- und Glucosegehalt im Blut könne der Wirkstoff möglicherweise noch weitere Vorteile mit sich bringen, die in dieser Studie unberücksichtigt geblieben sind, so die Forscher weiter. Arbeiten aus dem Humanbereich haben gezeigt, dass SGLT2-Hemmer bei Langzeiteinnahme zur Gewichtsreduktion beitragen, weil sie den Abbau von Fettzellen fördern. Was diesen Effekt anbelangt, sind weitere Studien am Pferd vonnöten, so die Wissenschaftler. Dasselbe gilt für mögliche Nebenwirkungen, die eine dauerhafte Einnahme mit sich bringen könnte. In der vorliegenden Studie trat weder eine Unterzuckerung bei einem der Pferdepatienten auf, noch wurden erhöhte Nierenwerte gemessen.
* Bei sämtlichen Ponys mit Anzeichen von Hufrehe wurde die Belastungsdiät sofort gestoppt und auf reine Wiesenheufütterung umgestellt.