Studie

Pferde mit Langzeit-Bezugsperson mutiger und weniger stressanfällig

Ein Artikel von Redaktion | 07.09.2022 - 11:42
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Eine langjährige, stabile Beziehung zu einer Person gibt Pferden Sicherheit.
© www.Slawik.com

Seit vielen tausenden Jahren leben Pferde nun schon mit Menschen zusammen. In dieser Zeit haben sie ein bemerkenswertes Verständnis für unsere Spezies entwickelt. Sie erfühlen unsere Emotionen, lesen unsere Körpersprache und in unserer Mimik und sind sehr empfänglich für unsere Bedürfnisse. Das macht sie für viele Menschen zu bemerkenswerten Gefährten, deren Gegenwart sie schätzen und suchen.

Dass auch Pferde von einer guten und stabilen Verbindung zum Menschen profitieren, bestätigt eine aktuelle Studie aus Finnland. Sie zeigt, dass Pferde in neuen Situationen oft vorsichtiger und ängstlicher sind, wenn sie keine feste Bezugsperson haben, der sie sich über einen längeren Zeitraum hinweg verbunden fühlen. „Hauspferde können täglich mehrere Stunden in engem Kontakt mit Menschen verbringen, was sich auf das Wohlergehen, die Physiologie und das Verhalten des Pferdes auswirken kann. Es ist wichtig zu verstehen, welche Faktoren die Emotionen von Pferden während der Interaktion mit Menschen beeinflussen können und was ihre Beziehung prägt – insbesondere in neuartigen Situationen, die für die Tiere sehr stressig sein können“, sagt Studienleiterin Océane Liehrmann, Doktorandin in Biologie an der finnischen Universität Turku.

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Océane Liehrmann führt ein Pferd über einen weichen, unbekannten Untergrund. © Veera Riihonen

In ihrem Versuch mit 76 Privatpferden analysierten die Forscher:innen die Reaktionen der Tiere auf neuartige Objekte. In einem ersten Experiment wurden die Pferde auf zwei für sie neue Untergründe geführt: eine weiße Plane und eine flauschige Decke. Im zweiten Test wurden sie mit einem Stofftier konfrontiert, dem sie sich erst selbst nähern konnten, bevor sie im Anschluss damit berührt wurden. In beiden Fällen befanden sich die Pferde dabei entweder in Begleitung  ihrer Besitzer:innen oder eines Fremden.

Ein-Mann/Frau-Pferde nehmen’s leichter

„Interessanterweise waren Pferde mit einer exklusiven Beziehung zu ihrem Besitzer am ruhigsten, wenn sie sich den unbekannten Untergründen näherten. Auch mit dem Spielzeug ließen sie sich bereitwillig berühren. Hingegen zeigten Pferde, die regelmäßig von unterschiedlichen Personen geritten oder trainiert werden, mehr Stressverhalten in den Testsituationen“, erklärt Liehrmann.

Langzeitbeziehungen im Vorteil

Darüber hinaus zeigten die Experimente, dass Pferde mit kürzeren Beziehungen zu ihren Besitzer:innen in neuen Situationen insgesamt zurückhaltender waren und auch gestresster wirkten.  Pferde, die eine mindestens sechs bis acht Jahre andauernde Verbindung zu ihrem Besitzer hatten, begegneten den ungewohnten Herausforderungen hingegen deutlich ruhiger.

„Manche Pferde müssen oft den Besitzer wechseln, was ihre Fähigkeit einschränkt, eine langfristige Bindung zu bestimmten Menschen einzugehen“, so Liehrmann.

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26 % der Pferde mit mehreren Bezugspersonen weigerten sich, sich mit einem neuartigen Gegenstand - hier einem Plüsch-Einhorn - berühren zu lassen. Bei Pferden in Langzeitbeziehungen waren es deutlich weniger.
© Veera Riihonen

Auffällig war außerdem, dass sich insbesondere ältere Pferde über 18 Jahre gehäuft weigerten, auf einen ungewohnten Untergrund zu treten, wenn sie von Fremden geführt wurden. An der Seite ihrer Besitzer:innen gab es hingegen keine Probleme.

„Geriatrische Pferde leiden oft unter einem schlechteren Sehvermögen, und es hat sich gezeigt, dass sie neuen Situationen gegenüber möglicherweise ängstlicher sind als jüngere Pferde. Eine vertraute Person können sie als sichere Basis wahrnehmen und sich geborgener fühlen, wenn sie in deren Begleitung über eine unbekannte Oberfläche laufen.“

Insgesamt zeigt die Studie, dass das Fehlen einer echten Bezugsperson durch viele sich abwechselnde Reiter:innen, häufige oder einen erst kürzlich erfolgten Besitzerwechsel zu Unsicherheit und mangelndes Vertrauen beim Pferd führen kann. Das gilt ganz besonders in neuen Situationen. Je länger Pferd und Mensch ein Team bilden, desto vertrauensvoller agieren Pferde. Und: Bis sich eine solche positive Pferd-Mensch-Beziehung entwickelt, braucht es Zeit. Und die sollte man sich und seinem Pferd auch geben.

Die Studie ist in der Fachzeitschrift Applied Animal Behavior Science erschienen.