Interview

Überfüttert, unterfordert: Das unterschätzte Risiko moderner Pferdehaltung

Ein Artikel von Pamela Sladky | 03.02.2026 - 13:32
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Viele Pferdehalter:innen haben Schwierigkeiten das Gewicht ihres Pferdes oder Ponys richtig einzuschätzen. Die Folge: Über- oder Untergewicht werden lange übersehen und erst dann wahr- und ernstgenommen, wenn Probleme enstanden sind. © Image by Alexa from Pixabay

Veterinärin Prof. Dr. Ellen Kienzle gilt als Kapazität im Bereich der Pferdeernährung. Unter dem Titel „Kompendium zur Rationsberechnung für Pferde“ hat die inzwischen emeritierte Lehrstuhlinhaberin für Tierernährung und Diätetik an der tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München einen Teil ihres umfassenden Fachwissens gemeinsam mit ihren Kolleginnen Christina Pankratz und Annette Zeyner zusammengefasst. Was als recht unscheinbares Büchlein daherkommt, hat das Potenzial für ein neues Standardwerk. Wir haben Prof. Dr. Kienzle zum Gespräch gebeten und zu den Herausforderungen, die die Pferdefütterung heute mit sich bringt, befragt.
 

Pferderevue: Frau Prof. Kienzle, aus ihrer Sicht: Wo liegen heute die größten Herausforderungen für Pferdehalter:innen in Bezug auf die Fütterung ihrer Tiere?

Prof. Dr. Ellen Kienzle: Das größte Problem ist das Übergewicht. Die Leute merken ewig nicht, dass ihre Pferde zu dick sind. Oft fällt erst der Groschen, wenn ein neuer Sattelgurt gekauft werden muss. Leider kann es sehr schnell gehen, dass das Pferd dann auch gleich eine Rehe bekommt, und damit wird das Abnehmen sehr, sehr schwer. Andererseits wird häufig auch lange übersehen, wenn Pferde abnehmen, was ebenfalls problematisch werden kann. Denn die Pferde verlieren ja oft nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse. Das führt dazu, dass sie unter dem Reiter den Rücken nicht mehr anheben können und sich auch nicht mehr richtig ausbalancieren, wenn sie weiterhin gefordert werden. Dann lassen Krankheiten und Lahmheiten nicht mehr lange auf sich warten. Es ist also sowohl Übergewicht als auch Untergewicht schlecht, beides sollte man schnell erkennen. Hier gibt unser Buch durchaus auch Hilfestellung. An und für sich richtet es sich eher an Fachleute, aber der Abschnitt, wie man bei seinem Pferd eine Gewichtsveränderung rechtzeitig bemerkt, ist durchaus auch für Laien geeignet.

Pferderevue: Der Ernährungszustand eines Pferdes wird ja häufig sehr unterschiedlich bewertet. Was früher normal war, wird heute oft als mager bezeichnet. Haben wir uns an den Anblick (zu) runder Pferde gewöhnt?

Kienzle: Das ist richtig. Wenn man ein normalgewichtiges Pferd hat, wird man gerade in Freizeitställen oft schon angesprochen, dass das Pferd zu dünn sei. Das ist das eine – das andere sind Werbefotos von extrem überfütterten Pferden, die den Idealzustand abbilden sollen. Da ist es kein Wunder, wenn sich in den Köpfen festsetzt, dass rund normal ist. Das Problem dabei ist, dass die Bauchspeicheldrüse und andere Organe das Gewicht nicht relativ sehen, sondern absolut. Wenn man den Body Condition Score von 6 überschreitet, begibt man sich auf einen gefährlichen Weg. Da muss man wirklich auf der Hut sein. Bei älteren Pferden und Sportpferden sollte man wiederum nicht deutlich unter 5 kommen, weil man sonst an Kraft und Leistungsfähigkeit verliert und die Pferde dann auch strapaziert. Das ist so ungefähr der Spielraum, den man beim Reitpferd hat: zwischen knapp unter 5 und 6. Drüber und darunter sollte man definitiv nicht kommen.

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Der Sattelgurt ist ein guter Indikator für Veränderungen des Pferdegewichts. "Wenn er ein Loch mehr oder weniger braucht, dann ist das ein Weckruf!" ©Maria Kondratyeva - stock.adobe.com

Pferderevue: Was nicht immer ganz einfach ist. Bei manchen Pferden hat man das Gefühl, die nehmen schon beim bloßen Hinschauen aufs Futter zu.

Kienzle: Im Grunde ist es wie beim Menschen. Auch beim Pferd gibt es deutlich unterschiedliche Stoffwechseltypen. Es gibt leichtfuttrige Pferde, die aus Gegenden kommen, wo nicht viel wächst. Ob das nun Shetland oder Spanien ist, ist egal. Und auf der anderen Seite gibt es Pferde, die rein auf Rennleistung gezüchtet sind, da spielte es keine Rolle, was sie verbrauchten und wie sie aussahen. Wer als erster durchs Ziel lief, der pflanzte sich fort. Es gab mal einen Versuch an Mäusen, da hat man besonders bewegungsfreudige Tiere gezüchtet. Die wurden bei normaler Fütterung immer dünner, das ist beim Vollblut ähnlich. Und die Warmblutsportpferde stehen irgendwo in der Mitte.

Pferderevue: Wie kann man leichtfuttrige Pferde am besten in einem annehmbaren Gewichtsbereich halten oder gar ein dickes Pferd abspecken?

Kienzle: Das geht nur mit Bewegung, wenn man ehrlich ist. Im Grunde ist es eine ganz einfache Rechnung.  Heu hat im Regelfall etwa fünfeinhalb Megajoule Energie pro Kilo. Ein leichtfuttriges Pferdchen braucht vielleicht 40, 50 Megajoule. Dieses Pferd muss unter 10 Kilo fressen um nicht zuzunehmen. Frisst es 14 Kilo Heu, muss es ungefähr 10 Kilometer laufen, damit die Energiebilanz ausgeglichen bleibt. Da führt kein Weg dran vorbei. Und da helfen auch keine Stoffwechselkräuter, die angeblich die Fettverbrennung ankurbeln. Fakt ist: Es gibt nichts, was man essen kann – oder ein Pferd fressen kann – um abzunehmen, es sei denn, es ist giftig. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn Leute fragen, was sie füttern können, damit ihr Pferd abnimmt. Das entbehrt ja jeder Logik! 

Es gibt nichts, was man essen kann – oder ein Pferd fressen kann – um abzunehmen, es sei denn, es ist giftig.


Prof. Dr. Ellen Kienzle

Bewegung ist also der Schlüssel zum Idealgewicht beim Pferd. Ist es egal, in welcher Form sie stattfindet?

Dazu muss ich auch aus tierärztlicher Sicht sagen: Wenn man bewegen will, dann muss man es richtig machen. Beim Longieren kommt man vielleicht auf zwei bis drei Kilometer, wenn man nicht über eine halbe Stunde longiert. Aber alles, was darüber hinausgeht, ist extrem schädlich für die Beine. Ich lese auch immer wieder, dass Pferde mit 15-minütigem Intervalltraining ganz toll abnehmen. Das ist aus meiner Sicht Unsinn. Wer in einer solch kurzen Zeitspanne richtig Kalorien verbrennen will, der müsste eine Viertelstunde Renntempo reiten. Und das ist weder realistisch noch gesund fürs Pferd. Auch Dressur verbrennt bei weitem nicht so viele Kalorien, wie viele meinen, selbst auf hohem Niveau. Wenn man will, dass das Pferd abnimmt, wird man sich tatsächlich bemühen müssen, mit ihm ins Gelände zu gehen. Die Pferde arbeiten im Gelände freiwillig in einem ganz anderen Tempo. Wenn sie in der Bahn Schritt gehen, haben sie vielleicht vier Stundenkilometer, wenn Sie im Gelände unterwegs sind, kommt ein Warmblut schnell mal fünf, fünfeinhalb Stundenkilometer. Das ist ein Unterschied von 20 Prozent! Deshalb kann man ein leichtfuttriges Pferd ohne regelmäßiges Geländereiten nur sehr schwer schlank halten.

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Im Gelände purzeln die Pfunde am leichtesten und schonendsten.  © NH Photogragphy | stock.adobe.com

Pferderevue: Früher war man von der wissenschaftlichen Betrachtung der Fütterung und detaillierten Rationsberechnungen ja weit entfernt. Wie hat man da sichergestellt, dass die Pferde bekamen, was sie brauchten?

Kienzle: Da hat man nach Erfahrung gefüttert. In mancher Hinsicht waren die Pferde damals besser versorgt als heute, in anderer nicht. Damals wurde relativ wenig Heu gefüttert. Nicht nur wegen der Logistik, sondern auch, weil man sich davor gefürchtet hat, dass die Pferde vom Heu dämpfig werden. Das war im Grunde auch nicht so schlimm, weil die Pferde mehr beschäftigt wurden. Dafür hat man reichlich Hafer gefüttert. Hafer ist nicht viel proteinreicher als Heu. In den 50er-, 60er-Jahren wurde noch reichlich gedüngt, da war das Heu gehaltvoller als heute. Eiweißmangel hat es damals nicht gegeben. Das war im 19. Jahrhundert, vor der Erfindung des Kunstdüngers, anders. Da brauchte man Kraftfutter, um das Eiweiß zu ergänzen. Damals war das Heu ähnlich proteinarm, wie es jetzt allmählich wieder wird.

Pferderevue: Also war doch nicht alles besser in der guten alten Zeit? Ein großes Thema ist ja immer auch die Vitamin- und Mineralstoffversorgung.

Kienzle: Früher gab es z. B. häufig einen Mangel an Selen und Vitamin E, was sich vor allem in der Zucht bemerkbar gemacht hat. Deswegen hat man in selenarmen Gebieten weniger erfolgreich Pferde gezüchtet. Oder nur solche, die sehr adaptiert waren an den knappen Selengehalt. Haflinger kommen damit besser zurecht als Vollblüter. Ein anderes Thema war Kalziummangel, dem hat man dann mit Futterkalk entgegengesteuert, und am Ende des Winters wurden viele Karotten gefüttert, um den Vitamin-A-Mangel auszugleichen. Diese Dinge waren bekannt, und man wusste, dass man darauf achten muss. Ich selbst kenne es noch aus meiner Praktikumszeit, dass der Tierarzt erstmal eine Vitaminspritze verabreicht hat, egal, was das Pferd hatte. Das macht man heute nicht mehr, weil der Vitaminbedarf in der Regel gedeckt ist. Es sei denn, wir fangen wieder an, alles über die natürliche Schiene zu machen, und kriegen das nicht auf die Reihe.

Pferderevue: Gibt es Bereiche, wo Sie sagen: Da hatten sie uns damals etwas voraus?

Kienzle: Das Tränken war früher ein weitaus größeres Thema als heute. Da wurde das Wasser teilweise zum Temperieren auf 9-12 Grad abgedeckt in den Innenstall gebracht, damit die Pferde genug saufen. Davon sind wir heute mit unseren wundervollen Selbsttränkern im Außenklimastall meilenweit entfernt. Aber das kann natürlich auch keiner bezahlen, da könnte man seinen Stromzähler glatt als Ventilator benutzen! Dramatisch verschlechtert hat sich sicherlich die Heuqualität. Es wird beim Mähen zu schnell gefahren, dann kommt Dreck rein, dann werden die Halme zerrissen. Und ein weiterer Faktor: Die Pflanzen sind durch die inzwischen sehr verbreiteten Düngeverbote deutlich geschwächt. Die haben einen Mangel und oft verschimmeln sie schon, bevor sie gemäht werden.

Pferderevue: Apropos Heu: Wie sinnvoll ist eine Rationsberechnung für Einsteller:innen in einem Betrieb, wo man meist nicht einmal weiß, was im Heu drin ist?

Kienzle: Beim normalen Reitpferd können Sie von Durchschnittswerten im Heu ausgehen. In unserem Buch haben wir dazu aktualisierte Daten. In der Regel muss man bei Selen, Vitamin E und Vitamin A nachbessern. Mikroelemente sind im Heu generell nicht so viel drin, da muss man immer ergänzen. Es spielt dann auch keine Rolle, ob das Pferd 10, 12 oder 14 Kilo Heu frisst. Kleine Unterschiede in der Zusammensetzung bedeuten da nicht die Welt. Anders bei der Aufzucht, da kommt es auf Calcium und Phosphor viel genauer an.

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Eine Rationsberechnung ist für jede/n Pferdehalter:in sinnvoll. 

Pferderevue: Wie genau muss man bei der Mineralstoffgabe sein? Wie viel Schwankung toleriert der Pferdekörper?

Kienzle: Das Doppelte des Bedarfs ist meist kein Problem. Aber wenn man fünf verschiedene Mineralfutter und andere Ergänzungen gibt, dann kommt man teilweise auf Gehalte, die nicht gut sein können. Wenn ich ein Mischfutter habe, das bereits alles ergänzt, brauche ich vielleicht kein Mineralfutter. Oder ich ergänze nur noch die Spurenelemente übers Mineralfutter usw. Wenn man allerdings, wie es immer beliebter wird, nur irgendwelche Kräuter zufüttert, um den Bedarf an Mikronährstoffen auf rein natürliche Weise zu decken, wird man in der Regel von allem zu wenig haben und irgendwann in einen Mangel schlittern.

Pferderevue: Würden Sie grundsätzlich jedem Pferdehalter eine Rationsberechnung empfehlen?

Kienzle: Ja, man sollte das schon einmal überschlagen, was da zusammenkommt bzw. was fehlt. Wenn ein Mangel behoben wird, z.B. bei den Aminosäuren sieht man meist sofort einen Effekt, während es bei anderen Dingen auch um Langzeiteffekte gehen kann. Beim Selen kommen natürlich auch Vergiftungen vor bei unkontrollierter Supplementierung. Was man zur Rationsberechnung allerdings festhalten muss: Man kann nie genau sagen – auch mit einer Analyse nicht – wieviel Energie tatsächlich im Heu drin ist. Man kann auch nie ganz genau sagen, wieviel das einzelne Pferd tatsächlich benötigt. Es wird immer Pferde geben, die mehr fressen können, ohne dick zu werden, und andere, bei denen das nicht funktioniert. Deshalb ist es auch so wichtig, den Ernährungszustand des Pferdes ständig im Auge zu behalten. Und wenn der Sattelgurt ein Loch mehr oder weniger braucht, dann ist das ein Weckruf. Man darf nicht erst aus allen Wolken fallen, wenn das Pferd einen BCS von 8 hat oder umgekehrt bereits rappeldürr ist! Dann ist es für manche Pferde unter Umständen schon zu spät.

Buchtipp

Bekommt Ihr Pferd alles, was es braucht? Hat es einen Mangel oder ist es gar überversorgt? Fragen wie diese lassen sich mithilfe des neu erschienenen Fütterungsleitfadens „Kompendium zur Rationsberechnung beim Pferd“ von Ellen Kienzle, Christina Pankratz und Annette Zeyner fundiert beantworten. Das Buch richtet sich primär an Personen mit einem Grundwissen in der Tierernährung, ist aber auch interessierten Pferdebesitzer:innen ein guter Ratgeber, wenn sie mehr über die Beurteilung des Ernährungs- und Trainingszustandes und des Stoffwechseltyps ihres Pferdes erfahren möchten. Das Buch liefert aktuelle Daten zum Grundfutter, gibt erstmals eine Empfehlung zur Bedarfsableitung für arbeitende Pferde und zur Proteinbewertung von Mischfuttermitteln und bietet praktische Hinweise zur Schätzung der Grundfutteraufnahme bei fehlenden Angaben. Damit liefert es wichtiges Handwerkszeug zur Ermittlung des Bedarfes sowie zur Kontrolle des Fütterungserfolges.

Kienzle, E., Pankratz C, Zeyner, A.: Kompendium zur Rationsberechnung beim Pferd. Autorengemeinschaft Pferdewissen, Oberschleißheim 2023, Preis 32 Euro zzgl. Versandkosten, Bestellung unter kienzle@tiph.vetmed.uni-muenchen.de