Nähe zahlt sich aus: Eine französische Studie belegt eindrucksvoll die Vorteile späteren Absetzens. © Image by Rebecca Scholz from Pixabay
Eine neue Studie aus Frankreich stellt gängige Praktiken der Pferdehaltung infrage: Das in der Zucht übliche frühe Absetzen von Fohlen im Alter von rund sechs Monaten kann die Gehirnentwicklung und den Stoffwechsel der Tiere deutlich beeinträchtigen. Mithilfe moderner Magnetresonanztomografie (MRT) zeigen die Forschenden, dass die Anwesenheit der Mutter weit über die reine Ernährung hinaus eine zentrale Rolle für die gesunde Entwicklung spielt.
Versuchsaufbau: Absetzen mit messbaren Folgen
Ein Forschungsteam des französischen Instituts INRAE untersuchte 24 Welsh-Fohlen (je zwölf männliche und weibliche Tiere). Die Tiere wurden in zwei Gruppen aufgeteilt:
- Eine Gruppe blieb bis etwa zum ersten Lebensjahr bei der Mutter.
- Die andere Gruppe wurde bereits mit sechs Monaten abgesetzt – dem gängigen Standard in der Pferdeindustrie.
Anschließend analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Gehirne der Fohlen mittels MRT und erfassten zusätzlich physiologische und verhaltensbezogene Daten.
Ein länger dauernder Kontakt zur Mutterstute stärkt die Gehirnreifung und Stressregulation bei Fohlen. © Image by Rebecca Scholz from Pixabay
Unterschiede im Gehirn: Emotionen und soziale Verarbeitung betroffen
Die Ergebnisse zeigen klare Unterschiede zugunsten der länger bei der Mutter verbliebenen Fohlen. Bei ihnen waren unter anderem Amygdala und Hypothalamus weiter ausgereift – Hirnregionen, die für Emotionsregulation, Stressverarbeitung und grundlegende Körperfunktionen wichtig sind.
Besonders auffällig war zudem ein Netzwerk im Gehirn, das sogenannte „Default Mode Network“ (DMN). Dieses ist beim Menschen unter anderem mit sozialem Denken, Gedächtnis und Selbstwahrnehmung verbunden. Die Studie identifizierte ein vergleichbares Netzwerk erstmals auch bei Pferden. Fohlen, die länger bei ihren Müttern blieben, entwickelten ein deutlich stärker vernetztes DMN als früh getrennte Tiere.
Mehr Stress, weniger Wachstum
Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf das Gehirn. Früh abgesetzte Fohlen zeigten erhöhte Cortisolwerte, ein Hinweis auf einen erhöhten Stresslevel. Eine der Konsequenzen: Obwohl diese Tiere mehr Zeit mit Fressen verbrachten, nahmen sie weniger an Gewicht zu als ihre Artgenossen.
Die Erklärung der Forschenden: Der erhöhte Stress führt dazu, dass ein Teil der Energie für die Bewältigung von Anspannung verbraucht wird. Fohlen bei ihren Müttern hingegen nutzten Energie effizienter, spielten mehr und wiesen höhere Werte bestimmter Blutfette auf, die für den Aufbau der Gehirnsubstanz wichtig sind.
Weit mehr als Nahrung: Die Stuten geben ihren Fohlen viel Nähe Geborgenheit, die sie besser wachsen und zu entspannteren Lebenwesen heranreifen lassen. © Image by Rebecca Scholz from Pixabay
Die Rolle der Mutter: Sicherheit und Vorhersage
Die Studie ordnet diese Ergebnisse in das Konzept der „Allostase“ ein. Dabei geht es um die Fähigkeit des Gehirns, künftige Bedürfnisse vorherzusehen und sich darauf einzustellen. Die Mutter fungiert laut den Forschenden als zentraler Schutz- und Stabilitätsfaktor: Ihre Anwesenheit signalisiert Sicherheit und reduziert die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit.
Wird dieser Schutz zu früh entzogen, schaltet der Organismus auf einen dauerhaften Alarmzustand um – mit langfristigen Folgen für Gehirn und Körper.
Bedeutung über Pferde hinaus
Auch wenn die Untersuchung an Pferden durchgeführt wurde, sehen die Autorinnen und Autoren eine größere Relevanz. In vielen Tierarten, aber auch beim Menschen, ist frühe Trennung von primären Bezugspersonen mit negativen gesundheitlichen Folgen verbunden. Die Studie liefert nun mögliche neurobiologische Erklärungen dafür.