OEPS Wahl 2026

Herbert Gugganig: „Wir müssen den Pferdesport wieder breiter verankern“

Ein Artikel von Pamela Sladky | 21.04.2026 - 11:51
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Herbert Gugganig stellt sich heuer erstmals der Wahl zum OEPS-Präsidenten. © Martin Huber

Pferderevue: Herr Gugganig, viele kennen Sie als Präsident des steirischen Landesverbandes oder der Ländlichen Reiter und Fahrer. Weniger bekannt ist vielleicht Ihre eigene sportliche Karriere.

Herbert Gugganig: Ich bin schon als Kind mit dem Pferd in Berührung gekommen und habe bei den Ländlichen begonnen – damals noch auf Haflingern in der Vielseitigkeit. Wir sind damals mit einem Pferd alles geritten: Springen, Dressur, Gelände – auch Gasselfahren und Galopprennen waren dabei. Später bin ich auf Warmblüter umgestiegen und schließlich im Springsport gelandet. Ich hatte das Glück, ein sehr gutes Pferd aus österreichischer Zucht zu bekommen, mit dem ich den Weg von A0 bis in die schwere Klasse geschafft habe. Ich durfte Österreich international bei CSIOs vertreten, bin in der Wiener Stadthalle geritten und war mehrfach steirischer Meister. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute.

Pferderevue: Sie sind seit 14 Jahre Bürgermeister, Mitte Juni werden Sie dieses Amt zurücklegen. Warum jetzt der Schritt in Richtung OEPS-Präsidentschaft?

Gugganig: Ich wurde über viele Jahre hinweg immer wieder gefragt, ob ich mir diese Aufgabe vorstellen kann. Aufgrund meiner Tätigkeit als Bürgermeister habe ich eine Kandidatur lange Zeit aus Zeitgründen ausgeschlossen. Als sich schließlich abgezeichnet hat, dass es 2026 zu einem Wechsel kommen könnte, habe ich signalisiert, dass ich mir diesen Schritt vorstellen kann – und stehe nun auch zu dieser Zusage.

Zusätzlich hat mich bestärkt, dass ich ein sehr qualifiziertes Team gewinnen konnte, mit dem ich diese Aufgabe gemeinsam angehen möchte.

Pferderevue: Was ist Ihre zentrale Vision für den Verband?

Gugganig: Wir brauchen wieder mehr Nähe zur Basis. Mein Eindruck ist, dass der Pferdesport heute weniger in der Bevölkerung verankert ist als früher. Wenn wir international erfolgreich bleiben wollen, müssen wir national stärker werden – und dafür ist eine breite Basis entscheidend.

Pferderevue: Der erste Grundsatz Ihres Wahlprogramms lautet, dass der OEPS „Service- und Dienstleistungsbetrieb“ ist. Was bedeutet das konkret?

Gugganig: Service beginnt bei der Kommunikation. Die muss vom Verband bis zum einzelnen Mitglied durchgängig funktionieren. Ich komme aus der Gastronomie und Hotellerie – dort ist Service selbstverständlich. Und genau so sollte auch ein Verband agieren: als Dienstleister für seine Mitglieder.

Pferderevue: Wo sehen Sie hier Verbesserungsbedarf?

Gugganig: Vor allem im Austausch mit den Landesverbänden, den Landesreferenten und Vereinen. Außerdem sollten die Referenten, Veranstalter und Sportler wieder stärker eingebunden werden. Aktuell haben wir Sparten ohne Referenten – aber auch Bereiche, wo Entscheidungen teilweise an den Referenten vorbei getroffen werden. Dabei liegt die fachliche Expertise doch genau dort!

Pferderevue: Ein weiterer Schwerpunkt in Ihrem Programm ist die Zusammenarbeit innerhalb der Pferdewirtschaft.

Gugganig: Ja, wir müssen alle Akteure enger zusammenbringen – Sport, Zucht, Landwirtschaft, Wirtschaft, Politik. Die Herausforderungen werden größer, die Mittel knapper. Da ist es umso wichtiger, Kräfte zu bündeln. Andere Länder zeigen, dass das funktionieren kann.

Pferderevue: Sie sprechen offen darüber, dass Sie wenig internationale Kontakte haben.

Gugganig: Das stimmt. Ich bin international weniger vernetzt als andere. Durch meine politische Tätigkeit bin ich es jedoch gewohnt, Netzwerke aufzubauen und positiv auf andere zuzugehen. Zudem habe ich ein sehr erfahrenes Team an meiner Seite, das über gute nationale und internationale Kontakte verfügt. Entscheidend ist letztlich nicht nur die Anzahl der Kontakte, sondern was man daraus macht – und ob man die Interessen des österreichischen Pferdesports auf internationaler Ebene konsequent vertreten und durchsetzen kann.

Pferderevue: Transparenz ist einer Ihrer Grundsätze. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Gugganig: Vor allem bei Zahlen und Entscheidungen. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, Informationen zurückzuhalten, auch wenn sie einmal weniger erfreulich ausfallen.

Ein wesentlicher Teil von Transparenz ist für mich aber auch belastbares Datenmaterial. Als Pferdewirtschaft wissen wir oft zu wenig darüber, wie sich unsere Zielgruppen entwickeln. Ohne fundierte Zahlenbasis wird es schwierig, strategische Entscheidungen zu treffen – wir bewegen uns hier vielfach im Bereich von Annahmen. Was es braucht, ist eine klare Ist-Analyse: Wo stehen wir, wie entwickeln sich Mitgliederzahlen, Starts oder Altersstrukturen? Wir müssen stärker vom Glauben zum Wissen kommen und auf dieser Basis unsere Potenziale realistisch einschätzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Kaderkriterien und Entsendungen. Für die Sportlerinnen und Sportler muss klar und nachvollziehbar sein, welche Vorgaben gelten – und dass sie sich darauf verlassen können.

Pferderevue: Ein großes Thema sind Turniere – insbesondere im Einsteigerbereich.

Gugganig: Wir müssen die Einstiegshürden senken. Der Turniersport ist teilweise zu kompliziert und zu wenig einladend. Wer heute erstmals auf ein Turnier kommt, macht oft keine besonders positive Erfahrung.

Hier braucht es gemeinsam mit Vereinen und Veranstaltern mehr Service und gezielte Unterstützung. Der Wissenstransfer funktioniert derzeit zu wenig: Es geht darum zu vermitteln, wie man Turniere für Einsteiger zugänglicher gestaltet – aber auch, wie Ausschreibungen so aufgesetzt werden, dass sie sowohl für Veranstalter als auch für Reiter sinnvoll sind. Dafür braucht es mehr Best-Practice-Beispiele und eine klarere, durchgängige Kommunikation.

Pferderevue: Stichwort Nachwuchs: Wie gewinnt man wieder mehr junge Menschen für den Pferdesport?

Gugganig: Indem man ihnen positive Erlebnisse bietet. Turniere müssen wieder Orte sein, an denen man gerne Zeit verbringt – auch als Zuschauer.

Ein konkretes Beispiel: Sonderprüfungen werden derzeit kaum mit Turnieren kombiniert. Das halte ich für eine verpasste Chance. Eine Verbindung etwa mit einem Turnier im Format C -Neu könnte nicht nur zur Kostenreduktion beitragen, sondern auch potenziellen Nachwuchs ohne großen Zusatzaufwand direkt aufs Turnier bringen. Wenn man das klug gestaltet – etwa durch kurze Erklärformate, was ein Richter sehen will, oder kleine Anreize wie Meldestellengutscheine – kann man Interesse wecken und Berührungsängste abbauen.

Entscheidend ist, den Einstieg so einfach und positiv wie möglich zu gestalten. Und natürlich müssen wir auch die Reitschulen stärken – denn dort beginnt alles.

Pferderevue: Viele Ausbildungsbetriebe stehen wirtschaftlich stark unter Druck. Was kann der OEPS konkret tun, um Reitschulen zu unterstützen?

Gugganig: Vor allem Orientierung und praxisnahe Unterstützung bieten. Es geht nicht um einzelne Förderbeträge, sondern darum, funktionierende Konzepte zugänglich zu machen – von modernen Einstiegsprogrammen bis hin zu wirtschaftlich tragfähigen Ausbildungsmodellen. Viele gute Ansätze existieren bereits, sie müssen nur stärker verbreitet werden.

Ich sehe den Verband hier klar in einer Beraterfunktion. Das betrifft einerseits Best-Practice-Modelle, aber auch den Zugang zu bestehenden Fördermöglichkeiten. Viele Reitvereine nutzen Angebote und Fördermöglichkeiten der öffentlichen Hand oder von bundesweiten Sportorganisationen wie ASVÖ, ASKÖ oder Sportunion kaum – oft, weil sie gar nicht wissen, dass es sie gibt, oder aber weil das Know-how für die Antragstellung fehlt. Hier bleibt viel Potenzial ungenutzt.

Wenn es uns gelingt, mehr Menschen positiv an das Pferd heranzuführen und länger im System zu halten, profitieren am Ende alle – vom Breitensport bis zur Spitze.

Pferderevue: Sie sprechen sich auch für neue Ausbildungskonzepte aus.

Gugganig: Ja, wir müssen moderner werden. Klassische Wege funktionieren oft wirtschaftlich nicht mehr. Es gibt viele gute Konzepte, um Kinder ans Pferd heranzuführen – die sollten wir offen prüfen und partnerschaftlich nutzen.

Pferderevue: Welche Rolle spielt für Sie der Breitensport?

Gugganig: Eine ganz zentrale. Der Pferdesport lebt nicht nur vom Spitzensport – wir müssen auch jene mitnehmen, die einfach Freude am Pferd haben. Gleichzeitig müssen wir das Pferd wieder stärker in den öffentlichen Raum bringen, sonst verlieren wir langfristig an Bedeutung. Ausreiten ist in vielen Regionen bereits schwierig geworden, aber ich bin überzeugt, dass sich hier mit vereinten Kräften etwas bewegen lässt.

Laut Satzung ist der Bundesverband für Spitzen- und Breitensport zuständig – in der Praxis bekommt der Breitensport auf Bundesebene aber oft zu wenig Aufmerksamkeit. Die Frage ist: Wer soll diese Aufgabe übernehmen, wenn nicht der Verband gemeinsam mit den Landesverbänden? Das betrifft den Breitensport ebenso wie die Reitschulen. Genau hier sehe ich großen Handlungsbedarf.

Pferderevue: Und wie sehen Sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Österreichs?

Gugganig: Das Potenzial ist auf jeden Fall enorm – aber wir müssen es besser nutzen. In manchen Disziplinen sind wir ja bereits Weltspitze – man denke an das Voltigieren. Für die Sportlerinnen und Sportler ist es entscheidend, dass wir ein durchgängiges Fördersystem schaffen – vom Einstieg bis zur Spitze. Und dass wir klare, faire Kriterien haben, etwa für Auslandsstarts. Und mit denjenigen, die in den letzten Jahren die Nation gewechselt haben und nicht mehr für Österreich an den Start gehen, sollten wir das Gespräch suchen und sie wieder für unsere Heimat gewinnen.

Die Zucht kann zusätzlich ein möglicher Faktor sein. Wir haben in Österreich enorme Fortschritte gemacht. Beim diesjährigen Weltcupfinale in Fort Worth waren zwei Pferde aus österreichischer Zucht mit zwei sehr guten Reiterinnen am Start.  

Pferderevue: Sie sprechen von fairen Kriterien – wo sehen Sie Optimierungsbedarf?

Gugganig: Die Kriterien sollten sich stärker an internationalen Standards orientieren. Vor allem müssen sie transparent und nachvollziehbar sein. Wir hatten in der Vergangenheit in Österreich immer strengere Qualifikationsvorgaben als die FEI. Das halte ich nicht für sinnvoll. Man muss den Leuten die Möglichkeit geben, dass sie auf internationalem Parkett Erfahrungen sammeln damit sie Feuer fangen und sagen, ja, da möchte ich dranbleiben.  

Pferderevue: Welche ihrer geplanten Maßnahmen würden die Sportlerinnen und Sportler unmittelbar zu spüren bekommen?

Das wäre vor allem in den Bereichen Sichtung, Qualifikation und bei den Staatsmeisterschaften der Fall. Insbesondere die Terminierung der Staatsmeisterschaften sollte überdacht werden. Aus sportlicher Sicht ist es problematisch, wenn in olympischen Disziplinen wie der Dressur weniger als eine Handvoll Paare und im Springen kaum mehr an den Start gehen. Das wirft Fragen hinsichtlich der sportlichen Relevanz und Aussagekraft dieser Meisterschaften auf.

Eine mögliche Maßnahme wäre, die Staatsmeisterschaften der Dressur bereits im Frühjahr auszutragen und sie gleichzeitig als Qualifikation für internationale Championate zu nutzen. Dadurch würde die sportliche Bedeutung sofort gestärkt.

Pferderevue: Ein weiteres Thema in Ihrem Programm ist die Installierung eines Bundesleistungszentrums.

Gugganig: Das ist ein wichtiges Projekt, vor allem für den Nachwuchs. 2024 wurde das Thema von OEPS-Generalsekretär Franz Schiefermair im Zusammenhang mit Stadl-Paura angestoßen, es wurden bereits konkrete Konzepte entwickelt, letztlich wurde das Projekt aber aufs Abstellgleis geschoben. Das ist bedauerlich. Ich bin überzeugt, dass wir dieses Thema wieder aufgreifen sollten. Mit vergleichsweise geringem Aufwand ließe sich hier viel bewegen.

Pferderevue: Sie streben eine aktive Mitarbeit in Belangen von Tierwohl und Tierschutz bereits im Verordnungs- und Gesetzwerdungsprozess an. Warum ist das so wichtig?

Vorneweg möchte ich betonen, dass sich die Haltungs- und Tierschutzstandards für Pferde in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben. Den Pferden geht es heute besser als jemals zuvor. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen weiteren Optimierungsbedarf gibt.

Wichtig ist, dass die Reiter- und Pferdeszene bereits frühzeitig in Gesetzgebungs- und Verordnungsprozesse eingebunden wird. Die praktische Expertise liegt bei denjenigen, die täglich mit Pferden arbeiten und sie ganzjährig betreuen. Diese Erfahrung sollte stärker in politische Entscheidungsprozesse einfließen.

Der Pferdesport steht in Bezug auf den Tierschutz unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit. Sind die aktuellen Regelwerke und Maßnahmen aus Ihrer Sicht ausreichend, um Fehlverhalten zu verhindern und das Tierwohl sicherzustellen?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Pferdeszene Verantwortung für zentrale Entwicklungen im Tierschutz selbst aktiv übernehmen sollte. Problemfelder müssen frühzeitig erkannt, offen angesprochen und konsequent verbessert werden, bevor externer Druck entsteht und Maßnahmen von außen vorgegeben werden.

Das gilt auch für Tierschutzfälle im Sport. Bei eindeutigem Fehlerverhalten sollte es eine Nulltoleranz geben. Es ist wichtig schnell zu reagieren, offen und transparent.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die bessere Information und Schulung der breiten Basis. Vieles entsteht aus Unwissenheit oder mangelnder Ausbildung. Für das Pferd spielt es letztlich aber keine Rolle, aus welchen Gründen es zu einer Belastungssituation kommt – entscheidend ist, dass sie vermieden wird.

Pferderevue: Abschließend ihr Fazit: Wofür stehen Sie als Kandidat?

Gugganig: Für mehr Nähe zur Basis und zu den Sportlern, bessere Kommunikation, stärkere Zusammenarbeit und klare Strukturen. Es geht nicht darum, die Vergangenheit schlechtzureden, sondern darum, den Pferdesport zukunftsfit zu machen – gemeinsam und mit Augenmaß.

Das Interview führte Pamela Sladky.