Pferde wurden geritten, als Arbeitstiere eingesetzt und gehandelt, lange bevor man das überhaupt für möglich hielt. Neue Forschungen zufolge nutzten Menschen Pferde bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. – wenn nicht sogar noch früher. © yavuzsariyildiz | stock.adobe.com
Wann begann die außergewöhnliche Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd? Neue Forschungen liefern eine überraschende Antwort auf diese Frage – und stellen bisherige Annahmen auf den Kopf. Demnach wurden Pferde bereits vor rund 6.000 Jahren geritten, genutzt und gehandelt. Damit begann ihre enge Verbindung zum Menschen mehrere Jahrhunderte früher als bislang angenommen.
Domestizierung war kein „Aha-Moment“
Die Wissenschaftler betonen: Die Domestizierung des Pferdes war kein einzelnes Ereignis. Vielmehr handelte es sich um einen langen, komplizierten Prozess mit Rückschlägen, regionalen Unterschieden und langsamen Fortschritten über viele Generationen hinweg.
Schon im 4. Jahrtausend vor Christus nutzten Menschen Pferde offenbar auf organisierte und erstaunlich komplexe Weise – lange bevor eine vollständige Domestizierung um etwa 2000 v. Chr. eindeutig nachweisbar ist.
„Pferde wurden bereits auf ausgeklügelte und weit verbreitete Weise genutzt, bevor wir von vollständiger Domestizierung sprechen können. Diese Lücke verändert unser Verständnis der Menschheitsgeschichte“, erklärt der Archäologe Volker Heyd, Mitautor der Studie.
Motor der frühen Globalisierung
Kaum ein Tier beeinflusste die Entwicklung der Zivilisation so stark wie das Pferd. Von den nomadischen Reitervölkern Eurasiens – etwa Hunnen, Awaren oder Mongolen – bis hin zu den europäischen Eroberern Amerikas: Pferde ermöglichten Mobilität in einem bis dahin ungekannten Ausmaß.
Während Ochsen die ersten Wagen zogen, machten Pferde plötzlich schnelle Reisen möglich. Ein Reiter konnte Strecken in wenigen Stunden zurücklegen, für die Wagen mehrere Tage brauchten. Gemeinsam mit dem Rad revolutionierte das Pferd Transport, Handel und Kriegführung.
Die Forscher:innen sehen darin auch einen entscheidenden Faktor für die Verbreitung der indoeuropäischen Sprachen. Menschen bewegten sich schneller und weiter als je zuvor – und mit ihnen ihre Wörter, Geschichten und Kulturen. Viele heutige Sprachen Europas und Asiens gehen auf diese frühen Wanderbewegungen zurück.
Mehr als nur Nutztiere
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Arbeitskraft der Pferde überwiegend durch Motoren ersetzt, die Pferdezahlen sanken drastisch. Doch die Tiere fanden einen neue Bestimmung in der Welt der Menschen: als Partner in Freizeit und Sport, als Freund und Wegbegleiter, zu dem eine enge emotionale Bindung besteht. Genau deshalb sei es wichtig, die Ursprünge dieser Beziehung besser zu verstehen, sagt Heyd.
Denn die Geschichte der Pferde ist letztlich auch die Geschichte der Menschheit selbst – eine Geschichte von Bewegung, Expansion und Zusammenarbeit, die bis heute nachwirkt.