Beim Fellwechsel im Frühling fällt viel Pferdehaar an, das meist am Misthaufen oder im Restmüll entsorgt wird. © Eder
Jeden Frühling beherrschen sie das Stallbild und die Reiter:innenkleidung: Pferdehaare. Beim Wechsel vom dichten und längeren Winter- auf das kürzere und feinere Sommerfell fallen sie in rauen Mengen an, kleben auf Putzutensilien, mischen sich unters Heu und haften überall dort, wo man sie nicht gebrauchen kann. Was von den meisten Pferdehalter:innen als lästiges, aber notwendiges Übel angesehen wird, könnte sich in Zukunft noch als ausgesprochen nutzbringend erweisen. Wie eine Masterarbeit an der FH Wiener Neustadt zeigt, eignet sich das abgeworfene Fellkleid für die Produktion nachhaltiger Stoffe.
„Als Pferdebesitzerin habe ich jedes Jahr gesehen, wie viele Haare beim Fellwechsel anfallen und einfach entsorgt werden“, erzählt Annabell Eder, die an der FH Wiener Neustadt Eco Design studiert. Während die meisten das lose Fell mit Argwohn betrachten, sah Eder ungenutztes Potenzial: einen natürlichen und regional verfügbarer Rohstoff.
Dazu musste das Material aber erst einmal wissenschaftlich untersucht werden. Eder trommelte zehn Pferdehalter:innen zusammen und bat sie, Fell ihrer Pferde zu sammeln. 30 Kilogramm des Rohstoffs kamen auf diese Weise zusammen, die in Kooperation mit der Hochschule Hof, Groz-Beckert und dem Francisco Josephinum in Wieselburg analysiert wurden.
Es zeigte sich: Pferdehaare sind glatt, wenig gekräuselt und relativ steif – Eigenschaften, die ihre Verarbeitung erschweren. Doch das Team ließ sich von dieser Erkenntnis nicht entmutigen und setzte seine Forschung fort. Mit Erfolg. Denn wie sich herausstellte, lässt sich Pferdehaar mithilfe einiger Prozesse tatsächlich nutzbringend verarbeiten. Durch Vernadelung, Wasserstrahlverfahren oder Mischungen mit Lyocell oder Wolle beispielsweise, konnten aus dem abgeworfenen Pferdefell Vliesstoffe hergestellt werden.
Mithilfe unterschiedlicher Techniken lassen sich aus Pferdehaaren Vliesstoffe herstellen. © Groz-Beckert
Vom Pferd, fürs Pferd
Große industrielle Anwendungen werden sich damit vermutlich zwar nicht realisieren lassen. Doch die Herstellung spezialisierter Nischenprodukte liegt nach Ansicht der Forschenden durchaus im machbaren Bereich. Frei nach dem Motto „Von Pferden für Pferde“ wären beispielsweise Produkte für den Reitsport denkbar, z.B. in Form von dämpfenden Sattelunterlagen. Aber auch Akustiklösungen, Polster- oder Dämmmaterialien könnten mithilfe von Pferdehaar hergestellt werden.
„Die Arbeit zeigt sehr anschaulich, dass auch ungewöhnliche Reststoffe ein Potenzial für die Kreislaufwirtschaft haben können“, sagt Emmerich Haimer, wissenschaftlicher Betreuer der Arbeit und Studiengangsleiter für Industrielle Kreislaufwirtschaft an der FH Wiener Neustadt.
Haarspenden willkommen
Für Anabell Eder ist dieses haarige Thema damit auch nach ihrem Studiumabschluss längst nicht abgeschlossen. „Der nächste Schritt ist, die Prozesse weiter zu optimieren und aus dem Reststoff tatsächlich ein funktionales Material zu entwickeln“, sagt sie. „Es geht darum zu zeigen, dass Kreislaufwirtschaft auch bei kleinen, regionalen Stoffströmen funktionieren kann.“
Auch in diesem Frühjahr sollen deshalb wieder Pferdehaare gesammelt werden, um die Forschung weiterzuführen und neue Anwendungen zu entwickeln – Haarspenden sind willkommen.