Ausbildung

Schluss mit schief: 7 Übungen für ein geradegerichtetes Pferd

Ein Artikel von Pamela Sladky | 15.01.2020 - 12:38
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Gerade durch Biegung: Hufschlagfiguren auf gebogenen Linien sind Schlüsselübungen zum Geraderichten. © www.Slawik.com

Das Pferd läuft auf der Geraden auf zwei Hufschlägen, in Wendungen mit mal nach innen, mal nach außen seitlich ausweichender Hinterhand? Es hat eine "Schokoladenseite", auf der es sich geschmeidig biegt wie ein Kätzchen, auf der anderen hingegen ist es bretthart und wehrt sich gegen den Zügel? Probleme wie diese haben - ob isoliert oder in Kombination auftretend - häufig ein und denselben Ursprung: die natürliche Schiefe des Pferdes. Während sie beim einen Pferd kaum spürbar ist, tut sich das andere vielleicht sogar schon schwer, wenn es auf seiner "schlechten Hand" einen Zirkel laufen soll. 

Die gute Nachricht ist: die Asymmetrie des Pferdes, so ausgeprägt sie auch sein mag, lässt sich im Normalfall durch richtiges Training erheblich reduzieren. Bei besonders schwerwiegenden Fällen sollte das betroffene Pferd im Vorfeld jedoch unbedingt einem Tierarzt vorgestellt werden, um etwaige gesundheitliche Probleme ausschließen zu können.

Wissenswert

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind etwa 45 % der Pferde Linkshänder und nur rund 10 % Rechtshänder, die restlichen 45 % sind Beidhänder. Egal, welche Körperseite dominiert: Die gymnastizierende Arbeit im Sinne der Geraderichtung hilft einer Einseitigkeit vorzubeugen bzw. entgegenzuwirken und auf beiden Körperseiten etwa gleich viel Kraft und Geschicklichkeit zu erreichen.

7 Übungen zum Geraderichten

Ziel jeglicher geraderichtender Arbeit muss es sein, die verkürzte Muskulatur der hohlen, also der vermeintlichen Schokoladenseite, zu dehnen, damit auf der "schlechten" Zwangsseite weniger Zug auf den Muskeln herrscht. Dressurexpertin Dr. Britta Schöffmann gibt Tipps, welche Übungen dabei helfen:

1. Reiten von gebogenen Linien
Zirkel, Volten, Achten oder Schlangenbögen – auf all diesen gebogenen Hufschlagfiguren wird das Pferd aufgefordert, sein jeweils inneres Hinterbein vermehrt zu winkeln und damit mehr Last aufzunehmen. "Bei regelmäßigem Handwechsel wechselt auch die Anforderung an die Hinterbeine – mal arbeiten sie mehr tragend, mal mehr schiebend. Dieser Wechsel fördert den Kraftaufbau und die Geraderichtung", erklärt Schöffmann. Bei der gleichzeitig in Wendungen erforderlichen Längsbiegung wird außerdem die jeweilige Außenseite von Pferdehals und -rumpf gedehnt, die Muskulatur somit geschmeidiger gemacht.

2. Vorhandwendung und Schenkelweichen
Beide Lektionen benötigen und verbessern die Stellung und die Kontrolle von Vor- und Hinterhand. "Hier ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Stellung auf der hohlen Seite etwas geringer ist, auf der Zwangsseite das Genick – notfalls durch ein leichtes Anheben der stellenden inneren Hand – gelockert wird", so Schöffmann. "Beim Anheben verändert sich der Winkel, über den das Gebiss im Maul wirkt (von der Lade weg in Richtung der Lefze), was für viele Pferde angenehmer und eine Aufforderung zum Nachgeben ist." Positiver Nebeneffekt der Lektionen: Das Pferd erlernt die Bedeutung des seitwärts treibenden Schenkels, der für die spätere gymnastizierende Arbeit sehr wichtig ist. "Zudem werden über das seitliche Kreuzen (beim Schenkelweichen) der Beine die Muskeln der Extremitäten gekräftigt und die Beweglichkeit verbessert", weiß die erfahrene Dressurausbilderin.

3. Reiten in Konterstellung
Das Reiten in Konterstellung ist besonders auf gebogenen Linien eine sehr effektive Übung zum Geraderichten, wenn die hohle Seite des Pferdes auf der Innenseite einer Wendung ist. "Am besten lässt sich die Konterstellung (Anm.: leichte Stellung zur Außenseite der Wendung) an einer offenen Zirkelseite oder, dann aber nur kurz, in den Ecken anwenden. Beim Wenden in Konterstellung schiebt das Pferd seinen zuvor nach außen drängenden Rumpf in Richtung Innenseite der Wendung und positioniert dabei seine Schulter vor seine Hinterhand. Es richtet sich also gerade. Dieser Zustand ist natürlich nicht von Dauer, dafür ist die Muskulatur zu unterschiedlich ausgebildet. Aber zumindest für einen Moment lang ist es gerade und belastet auch seine beiden Hinterbeine gleichmäßig, die dabei die gleiche Kraftarbeit leisten", erklärt Britta Schöffmann. Dies sei eine Voraussetzung für den notwendigen Kraftaufbau und das damit verbundene Geraderichten.

4. Zulegen – Einfangen
Das Reiten von Tempounterschieden im Trab und/oder Galopp ist ein weiterer wichtiger Baustein auf dem Weg zur Geraderichtung. "Tempounterschiede fördern das aktive und energische Abfußen der Hinterbeine unter den Körperschwerpunkt und damit die Schubkraft eines Pferdes. Beides begleitende Komponenten auf dem Weg zum geradegerichteten Pferd", weiß Schöffmann.

5. Schultervor
Als Vorübung (geringere Abstellung, geringere Längsbiegung, äußere Beinpaare auf einer Spur) zum Schulterherein bringt es das Pferd dazu, mit seinem inneren Hinterbein zwischen die Spur der Vorderbeine und somit schmaler zu fußen. "Vor allem das auf der hohlen Seite nach innen ausweichende Hinterbein wird dadurch wiederum gefordert und gekräftigt", erklärt Britta Schöffmann und betont: "Sowohl beim Schultervor als auch beim späteren Schulterherein ist es wichtig, den Pferdekopf nicht mit dem inneren Zügel nach innen zu ziehen, sondern die äußere Pferdeschulter mit dem äußeren Züge wenden zu wollen!"

6. Schulterherein
Im Gegensatz zum Schultervor wird diese Lektion mit mehr Abstellung und Längsbiegung geritten, wobei sich – zumindest beim turniersportlichen Schulterherein – das Pferd auf drei Hufschlaglinien bewegt. Das innere Hinterbein fußt dabei in der Spur des äußeren Vorderbeins, so dass man von vorn nur drei Beine sieht. Die Vorderbeine kreuzen, die Hinterbeine bewegen sich auf gerader Linie. "Das innere Hinterbein muss bei dieser Übung vermehrt untertreten, wobei sich die Hanken (Hüft- und Kniegelenk) stärker beugen. Abwechselnd auf der linken und der rechten Hand geritten, verbessern sich dadurch Beweglichkeit und Tragkraft sowie Geraderichtung", erklärt Schöffmann. Die erfahrene Ausbilderin rät das Schulterherein auf der hohlen Seite mit weniger Stellung abfragen und auf der Zwangsseite vorübergehend mit leichtem Anheben der inneren Zügelfaust zu arbeiten.

7. Travers und Renvers
Auch diese beiden Seitengänge fördern neben der Beweglichkeit der Längsachse des Pferdes und der Versammlung auch seine Geraderichtung. Britta Schöffmann: "Wer Travers, Renvers und Schulterherein kombiniert - das ist allerdings schon eine sehr fortgeschrittene Übung - kann ganz gezielt mal das eine, mal das andere Hinterbein ansprechen und so im flüssigen Wechsel zwischen mehr tragendem und mehr schiebendem Hinterbein variieren. Ein geübter Reiter fühlt auch beim Geradeausreiten, ob ihr Pferd möglicherweise das Hinterbein seiner hohlen Seite ein wenig seitlich verschiebt und kann dann entsprechend mit einem minimal schultervor- oder renversartigen Reiten gegensteuern."
Ein Beispiel: Das Pferd ist rechts hohl und trabt rechts leicht auf zwei Hufschlägen, der Reiter nimmt den rechten Schenkel ein wenig zurück und geht im Ansatz ins Renvers (also leichte Linksstellung und -biegung, Hinterhand auf dem Hufschlag, rechte Schulter minimal nach innen verlagert). Auf diese Weise gelingt ganz aktuell eine Korrektur, auf lange Sicht gesehen wird auch das ausweichende Hinterbein gekräftigt und in die Lage versetzt, sowohl im Schub als auch in der beginnenden Versammlung gleichmäßiger und gerader zu agieren.

Expertentipp von Dr. Britta Schöffmann

Kommt beispielsweise im Training auf der schwierigeren Hand Spannung auf oder bemerkt der Reiter beim Pferd eine beginnende Widersetzlichkeit, darf er nicht auf Teufel komm raus auf der Erfüllung seiner Wünsche bestehen, sondern sollte lieber zunächst auf die bessere Seite wechseln und dort wieder die Harmonie mit dem Pferd finden. Denn Probleme entstehen im Allgemeinen nicht, weil ein Pferd nicht will, sondern weil es nicht kann – sei es, weil es eine ausgeprägte sensorische oder motorische Seitigkeit hat oder weil es körperlich (noch) schief und durch ein „Zuviel“ auf der schwierigen Hand überfordert ist.