Ausbildung

Das Schlangenpferd: Bloß beweglich oder schon hypermobil?

Ein Artikel von Dr. Britta Schöffmann | 14.10.2020 - 14:56
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Moderne Reitpferde werden aufgrund der Zucht immer beweglicher. ©virgonira - stock.adobe.com

Alles ist in Bewegung, auf und ab, nach links und rechts, Hals, Schulter und Hinterhand des Pferdes scheinen ein Eigenleben zu führen – jeder Körperteil für sich in eine andere Richtung. „Mein Pferd fühlt sich an wie eine Schlange“ oder „der bewegt sich wie ein Aal“ hört man verzweifelte Reiter dann oft stöhnen. Der Hinweis „nun reite doch mal geradeaus“ bringt hier nicht viel, auch wenn im Allgemeinen das Abdriften von klaren Linien auf Fehler zurückzuführen ist, die nicht unterm, sondern im Sattel zu suchen sind. Das ist zwar häufig, aber eben nicht immer der Fall.

Je beweglicher ein Pferd nämlich von Natur aus ist, desto eher besteht die Gefahr, dass sein gesamter Körper instabil wird. In der Humanmedizin spricht man in so einem Fall von Hypermobilität. Das Phänomen ist auch im Veterinärbereich bekannt, die Forschung bei Pferden steckt aber vergleichsweise noch in den Kinderschuhen. Nach derzeitigem Wissensstand beruht Hypermobilität meist auf einem angeborenen Defekt im Bindegewebe und einer daraus resultierenden Schwäche der Gelenke, Kapseln und Bänder sowie der Sehnen und Muskeln.

In seiner extremen Ausprägung kennt man das bei sogenannten Schlangenmenschen, die ihre Extremitäten und sogar ihre Wirbelsäule auf abenteuerliche Weise verbiegen und verknoten können – Aktionen, bei denen sich der nicht hypermobile Körper schwere Verletzungen zuziehen würde. Meist sind solche Schlangenmenschen bereits von Geburt an extrem beweglich, doch kann Hypermobilität auch durch intensive sportliche Betätigung entstehen oder begünstigt werden. Die sogenannte Gebrauchs- oder Leistungshypermobilität findet man häufig bei TurnerInnen oder TänzerInnen.

Hypermobilität an sich ist zunächst einmal keine Krankheit. Je nach Ausprägung kann sie aber auch zu ernsten Problemen führen. Dieser Fall tritt dann ein, wenn die Überbeweglichkeit mit orthopädischen, internistischen und vaskulären Krankheitsbildern einhergeht. Dann spricht man vom sogenannten Hypermobilitätssyndrom (HMS).

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Die Beugeprobe kann einen Hinweis auf eine mögliche Hypermobilität geben. © www.slawik.com

Während sich Hypermobilität beim Menschen durch verschiedene Tests gesichert feststellen lässt, gestaltet sich die Diagnose beim Pferd deutlich schwieriger. Hier gibt es bislang noch keine klaren Kriterien und Testverfahren zur Bestimmung und Einteilung. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Hang zur Überbeweglichkeit bei Pferden zunimmt. Einen gewichtigen Anteil daran hat die Zucht. Moderne Pferde werden immer häufiger auf eine extreme Gangmechanik oder außerordentliche Sprungkraft gezüchtet, hohe Beweglichkeit gilt allgemein als positiv und suggeriert eine bessere Rittigkeit von Anfang an. Unklar ist, inwieweit extreme Trainingspraktiken wie die Rollkur oder starkes Flexionieren des Pferdehalses die Entstehung von Hypermobilität zusätzlich begünstigen und möglicherweise langfristig sogar zu HMS führen.

Keine Panik

Die gute Nachricht: Nicht jedes Pferd, das sich instabil anfühlt, leidet an einem Hypermobilitätssyndrom. Und nicht jede Hypermobilität führt zwangsläufig zu pathologischen Symptomen. Man sollte also nicht gleich panisch werden, wenn sich vor allem ein drei- oder vierjähriges, aber auch ein älteres, noch wenig ausgebildetes Pferd unter dem Sattel instabil anfühlt. In den meisten Fällen lässt sich dieser Umstand auf mangelndes Gleichgewicht und fehlende Kraft zurückführen. Bei korrekter Ausbildung und Förderung gemäß der Ausbildungsskala wird das junge und untrainierte Pferd seinen Körper auch unter dem Sattel immer besser ausbalancieren können, sein Gleichgewicht schnell wiederfinden und an Kraft gewinnen. Damit ist letztlich auch das Hin- und Hergeschwimme Geschichte, vorausgesetzt, man konzentriert sich auf das Einhalten sauberer Linien.

Als Faustregel gilt: Je kürzer und auch kurzbeiniger ein Pferd, je „normaler“ seine Bewegungen und je positiver sein natürlicher Muskeltonus, desto unwahrscheinlicher ist eine Hypermobilität.

Anders sieht es freilich bei hochbeinigen, eher schlaksigen Pferden mit weiten und tief in die Fesseln hinuntersackenden Gängen aus, die im Trab gar mit einer fast abnormen Schulterfreiheit ausgestattet sind. Das Gleiche gilt für Pferde, die bereits in jungen Jahren scheinbar mühelos Seitengänge anbieten, dafür aber auf gerader Linie weiterhin schwammig wirken. Hier sollte man bei überdurchschnittlich lange andauernden Balanceproblemen tatsächlich an eine Hypermobilität denken.

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Hypermobile Pferde finden sich besonders häufig unter den sogenannten „Gangwundern“. ©www.Slawik.com

Übungen gegen das Schwanken

Ob lediglich unausbalanciert oder aber tatsächlich leicht oder ausgeprägt hypermobil – wie begegnet man dem Thema, wenn es um die Ausbildung des Pferdes geht? Noch vergleichsweise simpel ist die Vorgehensweise bei einem Pferd, dessen Instabilität sich auf mangelndes Training zurückführen lässt. Hier ist eine vielseitige Ausbildung mit dressurmäßiger Gymnastizierung, Cavalettiarbeit, Gymnastikspringen und Geländereiten das Mittel der Wahl. Im Vordergrund sollten dabei zunächst die ersten drei Punkte der Ausbildungsskala stehen: Takt, Losgelassenheit und Anlehnung sowie der Grundsatz „Schubkraft vor Tragkraft“. Je besser die Hinterbeine unter den Schwerpunkt fußen und dabei die Körpermasse nach vorne schieben, desto sicherer wird die Anlehnung – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu Balance und einer stabilen Oberlinie.

Als dressurmäßige Übungen bieten sich an dieser Stelle vor allem Trab- Schritt-Trab- sowie Galopp-Trab-Galopp- Übergänge an. Auch das Reiten auf großen gebogenen Linien (Große Tour, einfache Schlangenbögen) und häufige Handwechsel sind auf dem Weg zu einem stabilen Gleichgewicht hilfreich, ebenso wie Tempounterschiede. Ist trotz allem – insbesondere auf geraden Linien (zum Beispiel auf der Mittellinie) – immer noch ein Schwanken oder Driften zu spüren, sollte man nicht der Versuchung erliegen, gegenlenken zu wollen. In der Regel geraten die Pferde dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht. Hilfreicher ist es, in Gedanken minimal zulegen zu wollen.


Stabil statt hypermobil

Etwas anders sieht es beim Verdacht auf eine leichte, teilweise oder ausgeprägte Hypermobilität aus. Zunächst sollte herausgefunden werden – am besten durch einen fachkundigen Veterinär –, in welchem Bereich die Überbeweglichkeit besteht. Sind es die Schultergelenke, die schon beim Youngster ein übertrieben aufwendiges Traben und Galoppieren möglich machen? Ist es der Hals, der sich schlangengleich (ver)windet? Oder die Wirbelsäule im Bereich des vorderen Rumpfes, die extrem seitlich beweglich ist? Sind es Lende und Hinterhand, die sich schlapp und instabil anfühlen? Oder treffen gar alle diese Beschreibungen zu? Eine übergroße Beweglichkeit kann nämlich einzelne Gelenke betreffen, aber auch den gesamten Körper. Und das gilt sowohl für die angeborene als auch für die angerittene Hypermobilität.

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Starkes Flexionieren, das seitliche Abbiegen des Pferdehalses, begünstigt Überbeweglichkeit. © www.Slawik.com

Das Training sollte sich bei beiden Varianten an den individuellen Gegebenheiten orientieren. Da es im Pferdebereich jedoch noch keine gesicherten wissenschaftlichen Untersuchungen und Erkenntnisse gibt, kann man sich derzeit nur an Empfehlungen aus dem Humanbereich orientieren. Und hier steht in der Regel die Stabilisierung der Gelenke im Vordergrund. Der beste Weg dorthin ist eine Stärkung der Tiefenmuskulatur sowie ein Training mit erhöhter Muskelspannung.


Festigkeit, die aus der Tiefe kommt

Nun ist es beim Pferd gar nicht so einfach, an die tieferliegende Muskulatur heranzukommen und diese gezielt zu trainieren. Beim Pferderücken etwa gibt es den großen Rückenmuskel als reinen Bewegungsmuskel und darunter kleine Muskeln zwischen den einzelnen Wirbelkörpern, welche die Wirbelsäule stabilisieren. Diese Tiefenmuskulatur – dazu gehören unter anderem auch die tiefer liegenden Anteile der Bauchmuskulatur – reagiert vornehmlich reflektorisch, das heißt durch Reflexe gesteuert. Sie kann nicht so ohne weiteres durch herkömmliches Training angesprochen werden.

Im Humanbereich setzt man zu deren Kräftigung unter anderem auf Übungen mit Wackeleffekt auf instabilem Untergrund. Beim Versuch, sich auszubalancieren, werden genau diese tiefen Muskeln reflexartig aktiviert. Entsprechende Wackelbretter und Balanceboards gibt es inzwischen auch für Pferde, und sie werden von vielen PferdephysiotherapeutInnen erfolgreich eingesetzt – natürlich ohne ReiterIn.

Für das Training von mehr oder weniger ausgeprägt überbeweglichen Pferden unter dem Sattel bietet sich besonders das Reiten auf unebenen Böden (Wellenbahnen, unterschiedliche Untergründe, bergauf, bergab etc.) an, denn auch dabei wird die Tiefenmuskulatur vermehrt angesprochen. Dieses Training bringt aber nur dann den gewünschten Effekt, wenn es dem Pferd nicht nur einmal in der Woche oder gar im Monat angeboten wird, sondern über einen langen Zeitraum möglichst zwei bis vier Mal wöchentlich.


Dos and Don’ts

Gerade Pferde, die bereits in jungen Jahren über eine extrem exaltierte Gangmechanik und eine auffallende Beweglichkeit in alle Richtungen verfügen, könnten hypermobil sein und später auch unter einem HMS leiden. Hier gilt in der ersten Zeit der Ausbildung: Nicht alles an Überbeweglichkeit annehmen, was angeboten wird. Als Reiter sollte man es tunlichst unterlassen, die angeborene Ganggewaltigkeit eines Pferdes für eine verkürzte und schnellere Ausbildung zu missbrauchen. Ein übermäßig exaltierter Trab eines jungen Pferdes sollte demnach nicht noch herausgeritten, sondern eher in Richtung Normalmaß reduziert werden. Im vorübergehend Unspektakulären liegt das Geheimnis langfristiger Gesundheit.

Statt dauerndem „Verkaufstrab“ lieber etwas weniger wollen, mit gebremstem Ehrgeiz mehr Übergänge, Wendungen und Gangartenwechsel reiten.

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Gangwunder reitet man zunächst besser unspektakulär. © www.Slawik.com

Gänzlich verkehrt ist es auch, ein insgesamt eher schlaksiges Pferd mit geringem Muskeltonus vor allem in Richtung vorwärts-abwärts und „locker, locker, locker“ zu arbeiten. Zielführender ist es, früher als gewöhnlich an Schließen und Verkürzen zu denken. Das erreicht man unter anderem durch das Reiten von Kleinen Touren, ganzen Paraden und Schulterherein. Das Ziel muss sein, die zu geringe Muskelspannung zu erhöhen und so die Gelenke zu stabilisieren.

Ist bei einem Pferd vor allem der Rumpf und damit die Wirbelsäule zu beweglich – solche Pferde vermitteln dem/der ReiterIn insbesondere im Schritt das Gefühl, sich auf einem seitlich schlingernden Schiffsdeck zu befinden –, sollte man besonders darauf achten, sein Pferd mit den eigenen Beinen sicher zu umfassen und durch punktgenaues Vortreiben das seitliche Schwanken des Rumpfes in ein Mehr an Vorwärtsbewegung umzuwandeln. Der Fokus muss dabei auf der Auf- und Abbewegung des Körpers liegen. Eine gute Orientierung bietet hier die Nickbewegung des Halses. Ist sie gut sichtbar, ist das ein Zeichen, dass der Körper in die richtige Richtung arbeitet.

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Viel Vorwärts-Abwärts: kontraproduktiv für hypermobile Pferde ©www.Slawik.com

Pferde, die eine Hypermobilität im Lendenbereich und in den Kniegelenken aufweisen, neigen häufig zu verlangsamten, auch extrem weit nach hinten gerichteten Bewegungsausschlägen. Hier ist es wichtig, den Rhythmus zu verkürzen und gleichzeitig zu beschleunigen. Das Stichwort heißt hier „schnelles Hinterbein“. Dazu wird im Schritt immer wieder in Richtung Verkürzen gearbeitet (Achtung: nicht einfach langsamer reiten!). Hilfreich sind außerdem Trab- Schritt-Trab-Übergänge, bei denen die Schrittsequenz nur über ein oder zwei Schritte geritten wird. Diese Übung hilft, die Reaktionsschnelligkeit des Pferdes zu verbessern und den zu weit nach hinten reichenden Bewegungsausschlag und damit die Überbeweglichkeit nach und nach zu vermindern. Wenig sinnvoll ist es, ein hyperbewegliches Pferd vorsichtshalber gar nicht zu arbeiten und einfach auf die Weide zu schicken. Im Gegenteil: Da die Überbeweglichkeit häufig auch mit einer verminderten Muskelspannung einhergeht, die Pferde also im gesamten Körper sehr „weich“ sind, hilft ihnen ein vernünftiges Aufbautraining dabei, stabiler zu werden, während mäßige Bewegung auf der Weide keinen großen Trainingseffekt hat.

Gerade bei Pferden mit Ansätzen zur Hypermobilität ist es außerdem sinnvoll, einen gut ausgebildeten Pferdephysiotherapeuten oder Osteopathen hinzuzuziehen. Dieser sollte sich mit dem Phänomen der Überbeweglichkeit hinlänglich beschäftigt haben und wissen, dass es hier nicht um Mobilisierung der betroffenen Gelenke und Körperstrukturen, sondern vielmehr um deren Stabilisierung geht. Damit aus dem überbeweglichen Pferd am Ende nicht noch ein Schlangenpferd wird.