Leseprobe

Dick, dünn, groß, klein: Wie unser Körperbild unser Reiten beeinflusst

Ein Artikel von Claudia Götz | 21.06.2022 - 16:06
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© Wie viel Gewicht ein Pferd tragen darf, hängt von seiner Größe, seinem Exterieur und Ausbildungsstand ab. Wie das Gesamtbild wirkt, ist auch eine Frage der Sehgewohnheiten.

Die meisten Menschen reiten noch schlechter als sie können“, schrieb Rittmeister Rudolf G. Binding vor fast hundert Jahren in seinem Buch „Reitvorschrift für eine Geliebte“. Das liest sich auf den ersten Blick wie heutiges Social-Media-Bashing. Binding bezieht diese Aussage allerdings auf die Umstände des Alltags, unter denen unsere reiterlichen Fähigkeiten leiden. In unsere Zeit übersetzt, meint er Dinge wie den Ärger im Büro, den wir – wenn auch oft unbewusst – mit aufs Pferd nehmen, oder die übervolle Halle, die unsere Konzentration stört. So etwas kennt sicher jede:r.

Nun hat eine aktuelle Studie festgestellt, dass unser eigenes Körperbild und wie unser Körper von anderen wahrgenommen wird, entscheidend unser Reiten beeinflussen. Die prämierte Arbeit von Sofia Forino mit dem Titel „Mögliche Auswirkungen der Körperwahrnehmung bei Reiterinnen“ befasste sich damit, wie unsere Figur und unser Gewicht uns selbst und unsere Außenwahrnehmung beeinflussen. Körperbild ist die Vorstellung vom eigenen Körper – man empfindet sich als (zu) groß oder klein, dick oder dünn.

Das Körperbild ist eng verbunden mit dem Selbstbild, das die kompletten Vorstellungen über das eigene Ich umfasst. Während das Selbstbild auch beinhaltet, wie man seinen Charakter und seine Intelligenz einschätzt, bezieht sich das Körperbild auf die Wahrnehmung sowie die Ästhetik des eigenen Körpers. Diese Gefühle können sowohl positiv als auch negativ sein und werden durch individuelle Einflüsse und Umweltfaktoren bestimmt.
 

Abweichungen vom Ideal machen unsicher

Das weibliche Körperbild ist in etlichen Sportarten untersucht worden. Im frauendominierten Pferdesport bislang allerdings kaum. Ziel der Untersuchung Forinos war es, die Selbstwahrnehmung, die Wahrnehmung von Richter:innen und Trainer:innen und die Beziehung zwischen Körperbild und Selbstbewusstsein beim Reiten zu ermitteln.

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Die zweitschmälste Figur – die 2 – wurde in der britischen Studie von  knapp der Hälfte der Befragten als ideale Reiterinnenfigur erachtet, fast der gesamte Rest wählte 1 und 3. © Irmtraud Guhe

Die Befragung ergab, dass die zweitschmälste Figur von insgesamt zehn zur Auswahl stehenden Gewichtstypen als ideal für den Reitsport angesehen wird. Für diesen Körpertyp entschied sich mit 46 Prozent fast die Hälfte der befragten 493 Turnier- und Nicht-Turnierreiterinnen. Die dünnste Option hielt genau ein Viertel der Befragten für die beste Reiterinnenfigur, und 26 Prozent entschieden sich für das drittschlankste Modell. Die restlichen drei Prozent hielten ein höheres Reiterinnengewicht für optimal. „Das Alter der Befragten, die Tatsache, ob sie an Turnieren teilnehmen oder nicht, sowie die Reitsportdisziplin, die sie betreiben, hatten nahezu keinen Einfluss auf die Antworten“, erklärte Forino in einem Interview mit dem britischen Reitsportmagazin Horse & Hound. Für sie überraschend, denn sie hatte erwartet, dass Freizeit- oder Gelegenheitsreiterinnen der Ansicht seien, dass sie schwerer sein dürften als Turnierreiterinnen.

Außerdem wurden die Teilnehmerinnen der Umfrage gebeten, ihre eigene Figur in dem Schema einzuordnen. Die Mehrheit der Befragten gab an, dicker zu sein als die Reiterfigur, die sie für ideal halten. Wer sich selbst zwei Größen oder mehr über dem von ihm genannten Idealwert einschätzte, gab gleichzeitig an, mit seinem Körper nicht zufrieden zu sein.

Die Untersuchung stellte zudem einen Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und dem Selbstbewusstsein beim Reiten fest:

Ein negatives Körperbild bewirkt, dass man nicht so viel und nicht so sportlich aktiv reitet.

Studie „Potential Impacts of Body Image Perception in Female Equestrians“, Sofia Forino et al.

Als besonders einschränkend beim Reiten wird die Größe der Brüste empfunden. Laut Forinos Ergebnissen führt Körbchengröße D und größer dazu, dass Reiterinnen das Gefühl haben, nicht dem Idealbild zu entsprechen, und sie fühlen sich im Sattel durch den BH nicht ausreichend gestützt, was das reiterliche Selbstbewusstsein mindert. Dieser Mangel an Selbstvertrauen wiederum könne schwerwiegende Folgen haben, „einschließlich zusätzlicher Anspannung, die dazu führen kann, dass das Pferd angespannter ist und Signale und Kommunikation, Training und Leistung beeinträchtigt werden können“, so Forino im britischen Magazin Your Horse.

Was außerdem hinzukommt: Die Befragten äußerten den Eindruck, dass dickere Reiterinnen von Turnierrichter:innen negativer wahrgenommen werden. Sie nannten hier vor allem Bauchfett und Oberschenkelumfang als negativen Blickfang.
 

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Ob man im Sattel optisch ein gutes Bild abgibt, hängt – jenseits des reiterlichen Könnens – nicht nur von BMI und Gewicht ab. Auch in der Größe und aus biomechanischer Sicht sollten Mensch und Tier zusammenpassen. Wann das der Fall ist, wieviel Gewicht ein Pferd tragen darf und wie man es dem Pferd leichter machen kann, das lesen Sie in der Juliausgabe der Pferderevue, erhältlich ab 24. Juni im Abo, am Kiosk und als E-Paper.

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