Leseprobe

Erhaben denken

Ein Artikel von Eva Schweiger | 26.04.2024 - 11:31
_MMP4122.jpg

Anja Beran beweist im Sattel wie auch als Unterrichtende viel Gespür für den richtigen Zeitpunkt und Leidenschaft für die Feinheiten des Reitens. © Maresa Mader Photography

Unermüdlich verfolgt Anja Berans Blick Pferd und Reiterin durch die Reitbahn. Fast wie in Meditation versunken wirkt sie, wenn sie unterrichtet. Im Laufe ihres Wochenendkurses auf der A*P*Ranch in Lochen am See (ap-ranch.jimdo.com) Mitte März gelingt es ihr, diese Ruhe und Konzentration, die der Klassischen Reitkunst zugrunde liegt, an Reiterinnen wie Zuseher:innen zu vermitteln. Die Abfolge von Lektionen und Übungen, durch die sie ihre Schüler führt, hat System – auf durchdachte Weise sollen die Pferde Schritt für Schritt die Leiter der Dressurausbildung hinaufklettern. Am Morgen des ersten Kurstags startet jedes Pferd, jedes Paar dabei selbstverständlich an einem ganz individuellen Punkt. Bestimmte Seitengänge, Übergänge, Bahnfiguren setzt Anja Beran in allen Unterrichtseinheiten ein – aber stets ganz nach individuellen Gesichtspunkten zur Förderung des Paares ausgewählt. Es geht immer wieder um Gleichgewicht, Geraderichtung, Losgelassenheit. Wenn es hakt, hat die erfahrene Ausbilderin genau die richtige Übung parat – zuzusehen macht hier genauso viel Spaß wie selbst zu reiten! Und so soll es sein: Den Blick für korrekt gehende Pferde zu schulen sei nämlich gerade jetzt wichtiger denn je, meint sie.
 

Tanzen lernt man langsam

Solange das Motto „höher, schneller, weiter“ auch in der Pferdeausbildung modern ist, ist die Gefahr, verlockende Abkürzungen zu nehmen, groß. Die gehen allerdings immer zu Lasten der Pferdegesundheit, das ist kein Geheimnis. Langsamkeit wäre da angesagt – für Anja Beran nicht nur mit den jungen Pferden. Die Entschleunigung in jedem Training gibt Pferd und Reiterin die nötige Zeit, ihre eigenen Körper zu spüren und korrekte, gesunde Bewegungsabläufe zu etablieren. Junge Pferde am Anfang der Karriere brauchen Zeit, um ihr natürliches Gleichgewicht unter dem Reitergewicht wiederzufinden. Dabei solle man sie nicht stören, sagt Anja Beran, sondern unterstützen.  

„Zu Beginn soll jedes Pferd Schritt gehen wie ohne Reiter. Wenn das nicht geht, haben wir schon ein Problem.“


Anja Beran

Zu frühes An-den-Zügel-Stellen sei genauso katastrophal wie übereiltes Tempo. Beides überfordert das unerfahrene Reitpferd und zwingt es in eine Haltung, die es nicht losgelassen beibehalten kann. Die Folge sind unnatürliche Spannungen im Pferdekörper – und die möchte man in der klassischen Reitkunst tunlichst vermeiden. Was hilft, ist Langsamkeit einerseits im Voranschreiten der Ausbildung – Schritt für Schritt und ohne über Schwierigkeiten „drüberzureiten“ –, andererseits in der Bewegung selbst. Langsame Bewegung schult das Gleichgewicht und lässt Balanceverluste nicht unbemerkt durchgehen. Wer kennt das nicht? Im Trab läuft das Pferd wie auf Schienen, aber nach dem Übergang zum Halt steht es nicht geschlossen da, geht währenddessen gegen den Zügel oder muss noch einen Ausfallschritt machen. Solche Feinheiten müssten erkannt, ergründet und bearbeitet werden, sagt Anja Beran, denn nur so lasse sich eine stabile Basis für die aufbauenden Lektionen legen.

IMG_2869.JPG

Übertreten fördert Mobilität und Balance der Pferde. © Eva Schweiger

Zur Person

Anja Beran gilt als Koryphäe der Klassischen Reitkunst und eine der renommiertesten Ausbilderinnen Deutschlands. In ihrem Ausbildungs- und Seminarzentrum Gut Rosenhof im bayrischen Rudratsried führt sie Veranstaltungen rund um die Klassische Reitkunst, Lehrgänge, Vorträge sowie Reitunterricht durch. Auch ein umfangreiches Online-Angebot, das stetig weiter wächst, steht zur Verfügung.

anjaberan.de

Mehr lesen im Mai

Welche Rolle Takt und Tempo in der Ausbildung des Pferde spielen, wie Seitengänge helfen und wann sie kontraproduktiv sind und warum sich der Hals des Pferdes ganz zuletzt formt, lesen Sie zusammen mit den besten Tipps von Anja Beran in der Maiausgabe der Pferderevue. Was Sie in diesem Heft außerdem erwartet, erfahren Sie hier.

Sie wollen die Pferderevue testen? Bestellen Sie hier Ihr Probeabo!