Gesundheit

Body Condition Score: Zu dick, zu dünn oder genau richtig?

Ein Artikel von Pamela Sladky | 18.06.2015 - 11:57
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Zu dick: Bei diesem Paso Fino ist bereits mit bloßem Auge erkennbar, dass der Ernährungszustand weit über ein gesundes Maß hinausgeht. © www.slawik.com

Immer mehr Pferde sind zu dick. Studien zufolge haben über 50 Prozent der Tiere Übergewicht, knapp 20 Prozent leiden gar an Fettleibigkeit. Grund dafür ist neben einem ständigen Überangebot an Stärke- und zuckerreichem Futter und einem Mangel an Bewegung auch die falsche Einschätzung des Ernährungszustandes durch den Pferdebesitzer. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Die einen wissen es nicht besser, anderen schlägt die Betriebsblindheit aufs Urteilsvermögen. Und manchmal ist es schlicht auch die bewusste Verleugnung bzw. Verdrängung des Offensichtlichen. Dann wird über erhebliche Fettdepots großzügig hinweggesehen, und diese als rasse-, nutzungs- oder geschlechtstypisch abgetan.

Herauszufinden, wie es um den Ernährungszustand des eigenen Pferdes steht, ist tatsächlich gar nicht so einfach. Der schnelle Blick auf die Waage verrät zwar das tatsächliche Gewicht, nicht aber die Menge an Körperfett. Und die ist es schließlich, die für die Einschätzung des Ernährungszustandes wichtig ist.

Ein relativ zuverlässiges Mittel das Verhältnis von Fett- zu fettfreier Masse zu bestimmen, ist die Ermittlung des Body Condition Scores (BCS). Dabei werden einzelne Körperregionen durch äußerliche Betrachtung und Abtasten auf ihre oberflächlichen Fettdepots hin abgeschätzt.

2003 entwickelte ein Team der Tierärztlichen Fakultät der Universität München auf Basis des in 1980er Jahren an Quarter Horse Stuten getesteten Systems von Henneke ein neues BCS-System, das den hiesigen Reitpferden besser gerecht werden soll. Dabei werden die von außen sicht- und fühlbaren Fettdepots sowie die Muskulatur des Pferdes beurteilt und mit Punktzahlen bewertet. Diese reichen von 1 (sehr mager) bis 9 (sehr fett).

Von Hals bis Schweifansatz

Sechs Körperregionen werden einzeln auf einer Skala von 1 bis 9 bewertet, um den BCS zu ermitteln: Hals, Schulter, Rücken, Brust, Hüfte und Schweifansatz. Der Durchschnitt der sechs Einzelwerte ergibt schließlich den Gesamtscore.  

Während an Hals und Schulter wegen der dünnen Haut recht leicht zwischen Muskulatur und Fettgewebe unterschieden werden kann, muss zur Bestimmung des BCS am Hals das Kammfett mithilfe eines Messschiebers, wie er in jedem Baumarkt erhältlich ist, ermittelt werden. Etwas knifflig gestaltet sich die Unterscheidung zwischen Muskulatur und Fettgewebe im Bereich des Rückens und der Hüfte. Weil hier die Haut dick und straff ist, wird hier vordergründig bewertet, wie stark sich die Wirbelsäule und das Becken abzeichnen.

An der Brust werden Konsistenz und Dicke des Gewebes über den Rippen beurteilt. Dabei gilt: Je mehr Fett sich in diesem Bereich angesammelt hat, desto weicher ist das Gewebe über den Rippen. Versinken die Finger beim Abtasten dieser Stelle tief im Pferd, kann man von einem BCS von mindestens 8 ausgehen.  

Den letzten Bereich der Messung bildet das Gewebe um die ersten vier Schwanzwirbel. Hier hat das Pferd von Natur aus wenig Muskulatur, je nach Ernährungszustand aber reichlich Fettgewebe.

BCS 5 und 6 ideal

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An diesen Punkten legen Pferde ihre oberflächlichen Fettdepots an. © Alexia Khruscheva - fotolia.com

Studien haben gezeigt, dass Pferde mit einem BCS von 5 bis 6 am leistungsfähigsten sind. Grundsätzlich wächst die Muskulatur eines Pferdes auch ohne spezielles Training – aber nur bis zu einem gewissen Grad. Voraussetzung dafür ist, dass dem Körper genügend Energie zur Verfügung steht. Dieser Punkt ist bei einem Body Condition Score von 4 erreicht. Soll die Muskelmasse durch Training gesteigert werden, muss das Pferd zumindest BCS 5 erreicht haben. Erst in diesem Stadium steht dem Körper genügend Energie zur Verfügung, um zusätzliche Muskulatur aufzubauen. Bei BCS 6 überwiegt noch die Muskulatur, gleichzeitig steigt aber ganz allmählich auch der Anteil an Fettgewebe. An diesem Punkt gilt die Muskulatur des Pferdetyps dem Training entsprechend als voll aufgebaut. Eine Steigerung des BCS auf 7 oder mehr bringt keinen offensichtlichen Muskelaufbau mehr mit sich, dafür steigt mit jedem zusätzlichen Punkt auf der Skala aber die gesundheitliche Belastung.

Wie Sie den Body Condition Score Ihres Pferdes ganz konkret beurteilen können, erfahren Sie in der nachfolgenden Tabelle:

Body Condition Scoring nach Schramme (2003)
BCS Hals Schulter Rücken Brustwand Hüfte Schweifansatz
1Seitenfläche konkav, Atlas sichtbar, 3.-6. Halswirbel fühlbar, 4.-5. sichtbar, kein Kammfett, Axthieb Skapula komplett sichtbar, 6.-8. Rippe sichtbar, Faltenbildung nicht möglich Dorn- und Querfortsätze und Rippenansätze sichtbar, Kruppe konkav, Haut nicht verschiebbar 6.-18. Rippe komplett sichtbar, Haut nicht verschiebbar Hungergrube eingefallen, Hüfthöcker prominent, Sitzbeinhöcker sichtbar, über Kreuzbein konkav, After eingefallen Einzelne Wirbel abgrenzbar, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel konkav
2Seitenfläche konkav, Atlas und 4.-5. Halswirbel fühlbar, kein Kammfett, Axthieb Skapula kranial und Spina sichtbar, 6.-8. Rippe fühlbar, 7.-8. sichtbar, Faltenbildung schwierig Dorn- und Querfortsätze bar, Rippenansätze fühlbar, Kruppe konkav, Haut nicht verschiebbar 7.-18. Rippe komplett sichtbar, Haut nicht verschiebbar Hungergrube eingefallen, Hüfthöcker prominent, Sitzbeinhöcker sichtbar, über Kreuzbein gerade, After eingefallen Einzelne Wirbel nicht abgrenzbar, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel konkav
3Seitenfläche leicht konkav, 4.-5. Halswirbel mit leichtem Druck fühlbar, kein Kammfett, Axthieb Spina sichtbar, 7.-8. Rippe fühlbar, Faltenbildung schwierig Dornfortsätze sichtbar, Kruppe gerade, Haut nicht verschiebbar7.-18. Rippe Seitenflächen sichtbar, Haut nicht verschiebbarHungergrube eingefallen, Hüfthöcker prominent, kraniale Kante scharf, Sitzbeinhöcker sichtbar, After etwas eingefallenKeine einzelnen Wirbel sichtbar, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel konkav
4Seitenfläche gerade, Halswirbel nur bei starkem Druck fühlbar, Kammfett bis 4 cm hoch, Axthieb undeutlich Spina teilweise sichtbar, über 7. bedeckt, 8. Rippe fühlbar, kurze Falte unter großer Spannung möglich, Haut etwas verschiebbarDornfortsätze nur am Widerrist sichtbar, Kruppe leicht konvex, Haut nicht verschiebbar 11.-14. Rippe sichtbar, 9.-18. Rippe fühlbar, Haut etwas verschiebbarDorsaler Hüfthöcker prominent, kraniale Kante scharf, Sitzbeinhöcker zu erahnen Kontur der Schwanzwirbel zu erahnen, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel leicht konkav
5Seitenfläche leicht konvex, Kammfett 4-5,5 cm hoch Spina zu erahnen, über 7. Rippe weich, 8. Rippe fühlbar, kurze Falte unter Spannung möglich, Haut leicht verschiebbarKruppe rund oder herzförmig, Haut etwas verschiebbar, 14.-18. Rippe bei leichtem Druck fühlbarRippen undeutlich sichtbar, 10.-18. Rippe fühlbar, Haut verschiebbar Dorsaler Hüfthöcker leicht prominent, kraniale Kante rund, Sitzbeinhöcker fühlbar, Innenschenkel berühren sichSchwanzwirbel bedeckt, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel gerade
6Seitenfläche leicht konvex, Kammfett 5,5-7 cm hoch Über 7.-8. Rippe Gewebe weich, kurze Falte unter wenig Spannung möglich, Haut leicht verschiebbar Kruppe rund oder herzförmig, Haut leicht verschiebbar, 14.-18. Rippe bei starkem Druck fühlbarRippen nicht sichtbar, 14.-18. Rippe fühlbar, Haut leicht verschiebbar Dorsaler Hüfthöcker zu erahnen, Sitzbeinhöcker schwer fühlbar, Innenschenkel berühren sichFestes Fettpolster neben 3. Schwanzwirbel, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel konvex
7Seitenfläche leicht konvex, Kammfett 7-8,5 cm hoch Über 7.-9. Rippe Gewebe weich, Falte spannungsfrei möglichKruppe rund oder herzförmig, Gewebe weich, bei 14.-18. Rippe Fettpolster, Falten möglich15.-17. Rippe fühlbar, Haut leicht verschiebbar, über 9.-18. Rippe weich, Fingerkuppen sinken etwas ein, Falten mit viel Spannung möglichHüfthöcker abgerundet, fühlbar, Innenschenkel berühren sich Weiches Fettpolster neben 3. Schwanzwirbel, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel deutlich konvex
8Seitenfläche leicht konvex, Kammfett 8,5-10 cm hoch Über 7.-9. Rippe Gewebe weich, hohe Falte spannungsfrei möglich Kruppe rund oder herzförmig, Gewebe weich, bei 14.-18. Rippe dickes Fettpolster, dicke Falten möglich Rippe kaum fühlbar, Haut leicht verschiebbar, über 9.-18. Rippe weich, Fingerkuppen sinken deutlich ein, Falten möglich.Hüfthöcker eingedeckt, fühlbar, Innenschenkel berühren sich Weiches Fettpolster neben 1.-3. Schwanzwirbel, Linie Sitzbeinhöcker-Schwanzwirbel deutlich konvex
9Seitenfläche konvex, Kammfett >10 cm hoch Fettdepot bis Widerrist und Brust, hohe Falte spannungsfrei möglich Durchgehendes Fettpolster Rippen nicht fühlbar, durchgehendes Fettpolster Hüfthöcker nicht mehr als Vorwölbung erkennbar Durchgehendes Fettpolster

Keine Hungerkuren für dicke Pferde

Auch wenn Dicksein ungesund ist - ein radikaler Futterentzug kann besonders für Ponys und Kleinpferde problematisch werden. "Wenn der Körper hungert, mobilisiert er seine Fettreserven, um seinen Energiebedarf zu decken. Dabei gelangt so viel körpereigenes Fett in den Umlauf, dass es nicht mehr von  Leber und Muskeln aufgenommen und umgesetzt werden kann. Dann lagert sich dieses überschüssige nicht abbaubare Fett in der Leber und über die Blutbahn in Nieren und Herzmuskel ab und führt zu einem überhöhtem Blutfettwert mit der Gefahr einer meist tödlich verlaufenden Organverfettung. Wichtig ist deshalb eine Gewichtsabnahme längerfristig zu planen“, erklärt Pferderevue-Expertin Dr. Birgit van Damsen.

Ein "zu viel" ist auch im begleitenden Training zu vermeiden. Übergewichtige Pferde sollten zwar wenn möglich täglich gearbeitet werden, damit Sehnen, Bänder und Gelenke nicht überstrapaziert werden, muss das Training jedoch schonend schrittweise aufgebaut werden. Ideal sind für den Start Ausritte im zügigen Schritt über zwei Stunden. Auch Handpferdereiten ist in der Aufbauphase ideal, weil das dicke Pferd nicht auch noch zusätzlich durch das Gewicht des Reiters belastet wird. Intensive Reitplatzarbeit in allen drei Gangarten ist für ein wenig trainiertes Pferd oft schon zu viel, längere Galoppaden im Gelände belasten sogar noch mehr. Ein allmählich gesteigertes Ausdauertraining baut Fettdepots hingegen kontinuierlich ab und schont dabei den Gangapparat. Wer diese Punkte beachtet, wird mit etwas Ausdauer und Durchhaltevermögen schließlich belohnt: Mit einem dauerhaft schlanken, leistungsfreudigen und vor allem gesunden Pferd.